Bruder eines getöteten Demonstranten spricht über die Opposition und die Medien

Veröffentlicht bei RAHANA am 18. Juni 2010
Quelle (Englisch): http://www.rhairan.in/en/?p=4486
Anmerkungen in eckigen Klammern stammen von der Übersetzerin

„Früher dachte ich, manche Politiker seien anders. Heute bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass alle Politiker mehr oder weniger gleich sind und sich nicht um die Menschen scheren.“

RAHANA – Bevor er am 15. Juni 2009 in der Nähe einer Basij-Station erschossen wurde, lebte Moharram Chagini mit seiner Familie in einer Arbeitergegend in Südteheran. Ein Jahr nach seinem Tod sprach Moharrams Bruder Alim mit [der Journalistin] Masih Alinejad von Jaras über die schwere Zeit, die seine Familie durchlebt hat. Er berichtet, wie sie mehrfach um ein Treffen mit Oppositionsführern baten, aber nie eine Antwort erhielten, und von seinen wiederholten Bemühungen, den Fall eines getöteten Märtyrers aus der Arbeiterklasse bekannt zu machen, von den Medien im In- und Ausland ignoriert wurden.

Es folgt die Übersetzung des Interviews

Herr Chagini, ein Jahr ist vergangen, seit Ihr Bruder bei einer Demonstration am 15. Juni 2009 getötet wurde. Was war für Sie der bitterste Moment von dem Tag, an dem die Leiche Ihres Bruders Ihnen im Leichenschauhaus übergeben wurde, bis heute, wo sich die Justizbehörden sich noch immer weigern, Ihrer Familie zu sagen, wer Ihren Bruder getötet hat?

Es gab viele bittere Momente, und wir haben sie alle nacheinander erlebt. Der Tag, an dem mein Bruder vor der Basij-Station Meghdad an der Azadi-Avenue erschossen und sein Leichnam irgendwo in den Vororten liegengelassen wurde; die Nacht, in der ich zusagen musste, dass wir ihn ohne Information der Öffentlichkeit begraben würden; der Tag, an dem wir herausfanden, dass sie uns lieber mit Blutgeld zum Schweigen bringen wollten, als den Mörder meines Bruders zu finden; und der Tag, an dem mir klar wurden, dass niemand je zur Rechenschaft gezogen werden wird.

Können Sie uns ein Beispiel dafür nennen, wie die Berichterstattung durch die Medien dazu beitragen kann, den Schmerz der Familien der getöteten Demonstranten zu lindern?

Drei Nächte, nachdem wir erfahren hatten, dass Moharram bei den Protesten erschossen worden war, identifizierten wir seine Leiche im Leichenschauhaus von Kahrizak. Trotz der im Land herrschenden Angst kontaktierte ich unmittelbar darauf bestimmte Journalisten im Iran und solche, die für ausländische Medien arbeiteten. Ich sagte ihnen: Man hat meinen Bruder getötet. Ich will, dass die Welt weiß, dass sie meinen Bruder getötet haben, weil er demonstriert hat. Um meine Worte zu belegen, sagte ich ihnen sogar, dass Moharrams Name auf einer Liste stand, die von der Webseite Norooz (einer Seite, die der [reformorientierten Partei] Islamischen Partizipationsfront nahesteht) veröffentlicht worden war. Ich sagte ihnen, dass ich ihnen die Videoberichte, die wir uns angeeignet hatten und auf denen zu sehen war, wie mein Bruder getötet wurde, zukommen lassen würde. Durch Vermittlung einiger Journalisten, die sich im Land aufhielten und die uns zu Hause besucht hatten, schickte ich die Videoaufnahmen an BBC und VOA. Ich weiß nicht, warum sie unsere Stimme nicht gehört haben. Das war der Beginn unserer Isolation und der Grund, warum wir aufhörten, irgendjemandem zu vertrauen.

Vielleicht war es schwierig für die Journalisten, die Authentizität des Beweismaterials zu bestätigen, oder sicher zu sein, dass Sie wirklich Moharrams Bruder sind und dass Ihre Worte später nicht dazu verwendet werden können, um die Familie zu diskreditieren.

Ich habe allen Fernsehsendern, die ich kontaktiert habe, all unsere Telefonnummern gegeben. Es wäre nicht schwer für sie gewesen, unsere Informationen über die Leute (die Journalisten) bestätigen zu lassen, die in jenen Tagen bei uns zu Hause waren. Aber was kann man erwarten? Am Ende haben sie nur ihren Job gemacht. Wir alle waren traurig, als wir das Video von Nedas Tod gesehen haben. Dank der Journalisten hat die Welt von ihrem Tod erfahren, aber ich frage mich immer wieder, warum keines der Netzwerke, die Nedas Tod Hunderte von Malen zeigten, jemals meinen Bruder zeigte, der vor Neda starb.

Wie beantworten Sie Ihre eigene Frage? Warum wurde Neda zu einem Symbol, und Moharram und andere Märtyrer wurden nicht erwähnt?

Ich weiß es nicht. Es kann viele Gründe haben. Ich habe großen Respekt vor Neda. Nachdem ich die Bilder von meinem Bruder gesehen hatte, wie er von der Menge getragen wurde, und nachdem ich keine Videos oder Fotos von ihm in den iranischen und internationalen Medien gesehen habe, wurde Neda auch für mich zu einem Symbol. Alles, was ich sagen will ist: Wenn die Menschen, die Journalisten und selbst die Führung der Bewegung nur den Namen eines einzigen Märtyrers nennen, führt das dazu, dass Ahmadinejad und Mottaki [der iranische Außenminister] auf ihren Auslandsreisen immer nur mit Nedas Bild konfrontiert werden. Es ist nicht schwer für Ahmadinejad und Mottaki, das Märtyrertum einer einzigen Person abzustreiten. Warum haben die Menschen nichts dafür getan, damit Ahmadinejad nicht mit einem, sondern mit Hunderten von Bildern konfrontiert wird? Unsere Regierung weiß genau, dass man sie überall, wo sie hinkommt, nach Neda fragen wird, darum haben sie fertige Antworten auf diese Frage parat. Es wäre sehr viel schwieriger für sie, alles abzustreiten, wenn sie wüssten, dass Menschen im Iran und im Ausland Hunderte von Fotos zeigen, dass man sie nach jedem einzelnen getöteten Demonstranten fragen wird. Dann könnten sie nicht länger behaupten, dass all diese Toten Opfer von Amerikanern, Israelis oder der MKO sind.

Haben Sie jemals versucht, Ahmadinejad und sein Kabinett zu treffen, um ihnen zu erzählen, was Sie mir gerade erzählt haben?

Während der letzten 12 Monate habe ich versucht, mit Moussavi zusammenzutreffen. Ich hatte ihm und Karroubi viel zu erzählen. Leider habe ich nie eine Antwort bekommen. Früher dachte ich, dass manche Politiker anders sind als andere, aber heute glaube ich, dass alle Politiker mehr oder weniger gleich sind, und dass die Menschen ihnen egal sind.

Moussavi hat kein offizielles Amt inne. Warum wollen Sie anstatt der Behörden jemanden treffen, der keine Macht hat?

Das letzte Jahr war sehr, sehr schwer für uns. Ich wollte, ich musste Moussavi sagen, dass er nicht anders ist als Ahmadinejad und andere, wenn er nie Kontakt mit den Familien der Märtyrer aufnimmt. Sie alle brauchen die Menschen – so lange, bis sie an der Macht sind.
Werden Sie veröffentlichen, was ich sage? Nachdem ich mit Herrn Moussavi nicht von Angesicht zu Angesicht sprechen konnte, möchte ich, dass Sie diese Worte veröffentlichen, damit sie ihn erreichen.

Wir werden alles veröffentlichen. Bitte erzählen Sie uns, was das Wichtigste von dem ist, was Sie Herrn Moussavi sagen möchten.

Ich möchte sagen, dass es so ist, als wüsste ich im Voraus, wie die Geschichte ausgehen wird: Moussavi und Karroubi werden sich zurückziehen, und die Regierung wird mächtiger als zuvor daraus hervorgehen. Vielleicht werden einige Leute Moussavi und Karroubi für ihren Rückzug bewundern, aber es würde bedeuten, dass das Blut und die Ausdauer der jungen Leute, die auf die Straße gingen, weil sie Veränderungen wollten, umsonst waren. Als jemand, dessen Bruder bei einer Demonstration getötet wurde, [frage ich:] Glauben Sie, dass Moussavi und Karroubi dafür zur Rechenschaft gezogen werden sollten, wenn sie die Leute aufrufen, auf die Straße zu gehen, obwohl das bedeutet, dass die Leute dabei ihr Leben riskieren?

Schauen Sie – Fars News (eine Nachrichtenagentur mit engen Verbindungen zu den Revolutionsgarden/IRGC) hat angeboten, ein Interview mit uns zu machen. Die Regierung hat erklärt, dass in den Protesten nach der Wahl 36 Menschen getötet wurden, und die Märtyrer-Stiftung hat einige der Familien [der Getöteten] ausgewählt und zu Märtyrer-Familien erklärt. Jetzt versuchen sie, einige dieser 36 Familien dazu zu bringen, dass sie Anklage gegen Moussavi und Karroubi erheben. Sie nennen Karroubi und Moussavi nicht namentlich, aber sie fordern uns auf, Anklage gegen die Anführer des Aufruhrs zu erheben. Selbst wenn wir Anklage gegen sie erheben würden und sie deswegen ins Gefängnis kommen würden, würden sie später freigelassen werden. Auf diese Weise würde die Regierung dem Volk zeigen, dass sie mächtig ist, und die Führung der Bewegung wäre gezwungen, sich zurückzuziehen und das Volk im Stich zu lassen.

Sie leben in Südteheran. Oft heißt es ja, dass die meisten Einwohner im Süden Teherans Ahmadinejad unterstützen, aber Ihr Bruder war einer dieser Einwohner [Südteherans], die nach der Teilnahme an einer Demonstration getötet wurden. Was sagen Sie denen, die argumentieren, dass die Grüne Bewegung eine Bewegung der Oberschicht [„uptown“ – bezieht sich auf den wohlhabenden Norden Teherans] ist?

Mein Bruder stammte aus Südteheran, wo die Voraussetzungen für ein einfaches Leben nicht existieren, und trotzdem hat er protestiert. Aber angesichts der Tatsache, dass die iranische Gesellschaft traditionell und religiös geprägt ist, machen sich die staatlichen Medien immer die religiösen und traditionellen Gefühle der Menschen zunutze und senden nur Bilder, auf denen junge Leute tanzen und jubeln. Sie zeigen zum Beispiel Bilder von Frauen, die sich nicht an die islamischen Verschleierungsvorschriften [„Hijab“] halten. Sie wollen damit beweisen, dass Moussvi-Anhänger ein Haufen verwöhnter Gören ist, die das Nacktsein fördern und den Hijab abschaffen wollen. So manipulieren (die staatlichen Medien) seit Langem die religiöse Gesellschaft im Namen des Islam. Das staatliche iranische Fernsehen hat so viele solcher Bilder gezeigt, dass religiöse Menschen uns wie Pestkranke empfinden und sich von uns distanzieren. Wir sind keine Ungläubigen, aber wir haben eine andere Religion als die, die meinen Bruder getötet haben und jede Verantwortung dafür ablehnen. Viele Menschen fühlen sich angegriffen, wenn man ihre religiösen Überzeugungen und den Islam beleidigt, und darum versucht die Regierung uns, die Grünen, als eine Gruppe darzustellen, die den Islam bekämpft.

Lassen Sie uns auf das Video zurückkommen, auf dem die Menschen den blutenden Körper Ihres Bruders tragen. Sie haben Recht, wenn Sie sagen, dass die Welt dieses Video nicht gesehen hat. Erzählen Sie uns, wie es das Leben Ihrer Familie verändert hat.

Sehr. Offenbar haben zwei britische Fernsehsender es ein- oder zweimal gezeigt, aber glauben Sie mir, es ist unwahrscheinlich schwer, einen Film anzusehen, in dem ein geliebter Mensch in der Menge stirbt. Leider ist das Gedächtnis der Menschen kurz, sie vergessen alles. Wir dürfen von den Menschen nicht zu viel erwarten, aber immer, wenn ich diesen 15. Juni [2010] mit dem des letzten Jahres verlgeiche, füllt sich mein Herz mit Trauer. Letztes Jahr war ich auf der Straße, und ich sah, wie sich die Straßen Teherans in ein Kerbala (der Ort des Märtyrertodes von Imam Hossein) verwandelten. Leichen (toter Demonstranten) waren auf den Gehwegen aufgereiht und mit Tüchern bedeckt. Dieses Jahr kamen die Menschen heraus, aber es war anders als letztes Jahr. Manchmal denke ich, dass die Iraner selbst Schuld sind an all der Unterdrückung, die wir erleiden mussten. Warum haben wir die Gräuel des letzten Jahres einfach vergessen? Warum haben wir vergessen, dass sie (die Behörden) lange Zeit die Herausgabe der Leichen der Demonstranten an ihre Familien verweigerten?

Was ist Ihrer Meinung nach der Grund, warum die Menschen letztes Jahr trotz fehlender Demonstrationsgenehmigung auf die Straße gingen und dieses Jahr nicht?

Es stimmt, dass die Stimmung letztes Jahr sehr emotional war. Als die Leute sahen, dass ihre Stimmen gestohlen worden waren, wurden sie wütend. Was folgte und was die Leute mit eigenen Augen sahen, machte sie zornig. Darum beteiligten sie sich in großer Zahl an Protesten. Sogar Moussavi und Karroubi gingen auf die Straße, auch wenn keine Demonstrationsgenehmigung vorlag. Eine Bewegung anzuführen bedeutet meiner Meinung nach, dass die Führung ihr Leben aufs Spiel setzen und auf die Straße gehen muss – aber offenbar hat sich dieser Tage alles geändert.

Ihr Schlusswort?

Iran muss seine Kultur erneuern. Die Menschen müssen sich ändern. Was wir dringender brauchen als Führer sind Menschen, die nicht auf uns schauen, als hätten wir die Pest.

Video: Moharram wird am 15. Juni 2009 von der Menge getragen

Video von Moharrams Gedenkfeier auf dem Friedhof Behesht Zahra am 15. Juni 2010

Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben

Leseempfehlung in diesem Zusammenhang: Fars News inszeniert neues Szenario gegen Führer der Grünen Bewegung

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Eine Antwort zu “Bruder eines getöteten Demonstranten spricht über die Opposition und die Medien

  1. Zum Todestag von Neda veranstalten wir in München eine Mahnwache. Wir wollen an die Verstorbenen der iranischen Demokratiebewegung erinnern und auf das Schicksal der politischen Gefangenen aufmerksam machen.

    Zeit: Sonntag, 20. Juni 2010, 20-22 Uhr
    Ort: Marienplatz, München

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