Mehdi Karroubis Statement anlässlich des Jahrestages der Präsidentschaftswahl 2009

Veröffentlicht bei Khordaad88 am 20. Juni 2010
Quelle (Englisch): http://khordaad88.com/?p=1696
Anmerkungen in eckigen Klammern stammen von der Übersetzerin

An das große und ehrenwerte Volk Irans,

Ein Jahr ist seit eurer spektakulären Präsenz bei den 10. Präsidentschaftswahlen im letzten Jahr vergangen. Diese enthusiastische Beteiligung an der Wahl war Ausdruck eures Wunsches, für die Angelegenheiten eures Landes euer Recht auf Selbstbestimmung wahrzunehmen. Aber einige vertreten die Theorie, dass die Bevölkerung die Regierung und die Herrschaft des Obersten Rechtsgelehrten nicht ernennt, sondern (lediglich) unterstützen muss, und sie haben ihre [eigenen] Entscheidungen und ihre eigenen Wählerstimmen als die eurigen präsentiert.

Seit diesen Wahlen ist ein Jahr vergangen, und in diesem einen Jahr haben wir viele Höhen und Tiefen erlebt. Wir haben gesehen, wie die Mächte, die jede Bescheidenheit mit Füßen traten, die Islamische Republik in ein schlechtes Licht rückten. Wir haben das Märtyrertum unserer Bürger erlebt, die auf die Straßen gegangen waren, nur um [eine Antwort auf die Frage] zu fordern, was mit ihren Stimmen geschehen ist. Wir haben Blutvergießen und Morde gesehen, wir haben erlebt, wie die Gefängnisse sich mit den Kindern unseres Regimes und [unserer] Revolution füllten. Was wir leider in diesem Jahr nicht erlebten, war das verfassungsgemäße Recht des Volkes. Im Gegenteil – diese fundamentalen Rechte wurden mittels brutaler Gewalt durch extreme Repression ersetzt, ohne Rücksicht auf die Heiligkeit des Lebens. Trotz all dieser Bitternis und Dunkelheit hoffen wir nach wie vor, dass dieser Zug, der von den Fundamenten unserer Verfassung, unserer Revolution und unseres Imams abgekommen ist, auf seinen ursprünglichen Weg zurückkehren wird und dass die Missetäter bereuen und damit dem Dialog und der Interaktion den Weg bereiten werden.

Großes und ehrwürdiges Volk des Iran,

ein Jahr nach der 10. Präsidentschaftswahl, nachdem ich viele bittere Momente durchlebt habe, möchte ich vor allem die großartigen Familien unserer Märtyrer des letzten Jahres loben, die – was eine große Ungerechtigkeit war – für ihre geliebten Angehörigen nicht einmal ein ehrenvolles Begräbnis halten durften.

Ich bringe mein Beileid zum Ausdruck und bitte Gott um seinen Segen für die Märtyrer. Möge er den Überlebenden Geduld und Vergeben schenken. Ich bringe meinen Respekt für diejenigen zum Ausdruck, die verletzt wurden und keine Möglichkeit hatten, in Ruhe zu genesen. Ich verneige mich vor eurer Kraft und eurer Ausdauer. Schließlich erinnere ich an jene, die ungerechtfertigt ins Gefängnis geworfen wurden, um damit die rechtschaffene Stimme dieses unterdrückten, aber großen Volkes zum Schweigen zu bringen.

Die Gefängnisse sind heute voll mit Landsleuten der Revolution und Imam Khomeinis, mit Denkern, Intellektuellen, Jugendlichen und Freiheitsliebenden. Wir haben noch immer die Hoffnung, dass die Justiz, anstatt politische Urteile und (vom Sicherheitsapparat) vordiktierte Strafen zu verhängen, bald einen Kontext dafür schaffen wird, dass alle politischen Gefangenen freigelassen und so den Status der Judikative loskaufen werden.

Rechtschaffenes und ehrbares Volk des Iran,

trotz unzähliger Differenzen darüber, wie das Land zu regieren ist, und trotz selbsterfüllender Interpretationen der Verfassung durch Offizielle gab es eine relative Solidarität und Einheit zwischen Menschen unterschiedlicher Meinungen, zwischen verschiedenen politischen Fraktionen, der Mehrheit des Volkes und staatlichen Offiziellen. Auch wenn vor der Wahl die Rechte und Freiheiten der Menschen ignoriert wurden, ethnische und religiöse Minderheiten nicht respektiert wurden, Frauen und Jugendliche beleidigt und manchmal gewaltsam konfrontiert wurden, die Nation demoralisiert war und akademische und religiöse gelehrte Institutionen unter immensem Druck standen, sich den Mächtigen unterordnen zu müssen – es war kein Vergleich zu dem, was während und nach der Wahl geschah. Die staatlichen Gelder, die öffentlichen Medien, das Militär und die Reserven wurden in vollem Umfang dazu benutzt, um den Menschen ihr Recht auf Meinungsäußerung streitig zu machen und die Wahlergebnisse auf plumpe Weise zu fälschen. Nach der Wahl beleidigten und demütigten sie das Volk und seine Bewegung, und, was am Schlimmsten war, sie ignorierten die Proteste. In den letzten dreißig Jahren hat es ein solches Ausmaß an Korruption nie gegeben.

Selbst wenn es also vor einem Jahr im Land eine relative nationale Einheit gegeben hat – nachdem ein paar Offizielle die Wählerstimmen der Bevölkerung geplündert haben, erscheint eine solche Einheit unmöglich. Die Wahlkandidaten ebenso wie ihre Anhänger protestierten gemeinsam mit vielen Gruppen der Gesellschaft gegen diesen großen und offensichtlichen Fehler. Wir erinnern uns noch an die Frage, die sie vereinte: „Wo ist meine Stimme?“

Leider aber entschloss sich die Regierung dazu, auf die Demonstrationen mit Gewalt, erhöhten Sicherheitsvorkehrungen, Inhaftierungen und Folterungen von Demonstranten zu reagieren und sie in Schauprozessen zu verurteilen, anstatt sich ihre Botschaft anzuhören und fair und im Rahmen des Gesetzes mit ihnen umzugehen. Dieses Vorgehen hat das Volk viel gekostet. Einige der erfahrensten Führungspersönlichkeiten des religiösen und politischen Bereichs wurden fälschlich des Unglaubens, des Verrats und des bewaffneten Konflikts beschuldigt. Sie verscherbeln sämtliches weltliche und spirituelle Kapital des Landes.

Mein geliebtes iranisches Volk,

wie ihr alle wisst und wie ich schon früher gesagt habe, haben die Ereignisse des vergangenen Jahres all jene entlarvt, die glauben, dass sie mit den Mächtigen verbunden sind. Ihre Fußsoldaten sind die Medien und Webseiten, die sich an den Öleinkünften und anderen öffentlichen Mitteln bereichern. Sie brennen die Islamische Republik nieder, und die Flammen lodern so hoch, dass sie alle ergebenen Diener des Volkes und alle Revolutionäre erreichen. Die Flammen haben selbst vor dem Haus Imam Khomeinis und dessen Enkel – Seyed Hassan – nicht haltgemacht, der ein großer Gelehrter und Intellektueller ist. Aber auch andere wichtige Geistliche sind betroffen. Wir alle haben die Schlägertruppen gesehen, die das Haus und das Mausoleum Imam Khomeinis entehrt haben. Wir haben auch die breite Verurteilung dieser törichten Handlungen durch das Volk und die Geistlichkeit gehört. Als Antwort auf diese Verurteilungen hat eine Zeitung, die von vielen Übeln umgeben ist und in ihrem Gebrauch von Schimpfworten weder Grenze noch Gesetz kennt, diesen Schlägern den Rücken gestärkt, die den Enkel des Imam beleidigt hatten, weil er das Verbrechen beging, auf der Seite des Volkes zu stehen.

Und das reichte dieser böswilligen Zeitung noch nicht. Ohne Rücksicht auf irgendetwas zerrissen sie den Schleier des Respekts vor den Quellen der Emulation [den „Marjas“, den Geistlichen, die nach dem Koran und den Imamen als höchste schiitische Autoritäten mit rechtlicher Weisungsbefugnis innerhalb des islamischen Gesetzes gelten, d. Übers.]. In einer Welle nie dagewesener Beleidigungen drohten sie allen, die die Angriffe auf Nachkommen des Imam (Khomeini) verurteilt hatten. Diese Zeitung rügte die Quellen der Emulation wegen ihrer Bedenken. Sie stellte ihnen die Frage: „Was kann (überhaupt) gegen den Schutz des Islam und der Revolution gestellt werden?“ Es ist sehr unglücklich, dass Menschen, denen jegliches Verständnis für die islamischen und revolutionären Lehren des Imam (Khomeini) abgeht, anderen immer noch mittels Drohungen, Gewalt und Gefängnis ihr machthungriges Verständnis aufnötigen wollen. Unter (diesen „anderen“) sind die größten und höchstrespektierten Quellen der Emulation im schiitischen Islam. (So etwas wird getan), obwohl die Geschichte der Emulation lang ist und ihre Position hochangesehen ist. Die Marjas sind die Wächter des Islam des Propheten Mohammad in der Zeit, bis sein Nachfolger wiederkehrt. Aber (die Hardliner) sehen selbst diese (geachteten Persönlichkeiten) als Subjekte ihrer Macht an. Das ist der Grund warum sie ihre Bodentruppen zu den Büros der Marjas in Qom schicken, damit diese sie auf den „rechten Weg“ führen. Und wenn die Marjas dies ablehnen, wird eine Gruppe dafür bezahlt, die Büros des Großayatollah Saanei und des Großayatollah Montazeri zu überfallen und zu fordern, dass sie Qom verlassen.

Wenn wir über diese Vorfälle nachdenken und die Bilder dieser wilden Attacken (sehen), stellen wir uns folgende Fragen: Wurden Respekt und Würde der Religion und der Marjas jemals in der Geschichte des Schiismus derart schlimm beschädigt? Wie kommt es, dass manche, die einmal (Mitglieder) einer Gruppe waren, die den Namen der Tochter des großen Propheten als Code für ihre AKtionen verwendeten, Menschen, die das Land gegen Kriegstreiber verteidigten – dazu übergehen, die Büros wichtiger Marjas um halb sechs Uhr Morgens zu überfallen, ihr Eigentum, ihren Besitz und ihre religiösen Bücher zu plündern?

Wer ist bereit, die Verantwortung für diese große Abweichung zu übernehmen? Wir erinnern uns noch an die Tage vor dem Sieg der Revolution, wenn die mutige Meinung eines Menschen, der einem Marja widersprach, in einer bekannten Zeitung veröffentlicht wurde. Das löste einen Sturm an Reaktionen aus. Heute jedoch kann eine Zeitung, die als Vertreterin des Obersten Führers gilt, solche religiösen Persönlichkeiten einfach so beleidigen. Vielleicht sind es die schrecklichen Zwänge und der unermessliche Schutz und die finanzielle Unterstützung für diese Verleumder, die das Volk davon abhalten, diese Leute zur Rechenschaft zu ziehen und auf sie zu reagieren. Aber sie müssen wissen, dass die Menschen diese Beleidigungen nie vergessen werden. Selbst wenn sie das Volk ignorieren und nicht auf es eingehen – wird Gott angesichts einer so schrecklichen Unterdrückung großer Männer der Religion und des Islam stillhalten und nichts tun?

Wenn wir über die Verleumdungen und Beleidigungen in diesem böswilligen Leitartikel hinausgehen, gibt es ein Detail, das sogar akkurat ist und über das es sich lohnt nachzudenken. (Ich spreche von) einem Zitat des ersten schiitischen Imams Ali. Er hat gesagt, dass Menschen nach Kriterien der Gerechtigkeit beurteilt werden müssen, nicht dass Gerechtigkeit sich danach richtet, was einzelne Menschen proklamieren.
Und wirklich – was ist die Definition von richtig und falsch, (und von Gerechtigkeit) aus der Sicht dieser „ehrbaren“ Männer? Wie können sie auf die Forderungen des Volkes nach ihren Wählerstimmen mit Kugeln antworten und dann von Gerechtigkeit sprechen? Es war das Wahlrecht des Volkes, das seinen Forderungen zugrunde lag. Nach den Gräueltaten in der Haftanstalt Kahrizak und in anderen legalen und illegalen Gefängnissen begannen die Menschen, ihre Liste um immer mehr Forderungen zu erweitern. Wie kann man das Feuer auf Menschen eröffnen und dann von ihnen zu verlangen, dass sie nicht mehr nach den Verantwortlichen fragen?

Wer hat von Beginn an die Äußerung gerechtfertigter Forderungen und Fragen nach (unseren) Wählerstimmen als einen gegen die Herrschaft des Rechtsgelehrten (Velayat-e Faghih)/[die Position des Obersten Führers] gerichteten Akt interpretiert? Warum ist mittels der Herrschaft des Rechtsgelehrten [die Position des Obersten Führers] das Kriegsbeil gegen die Wurzeln der Verfassung und der auf dem Wählerwillen aufbauenden Islamischen Republik erhoben worden? Warum ist die Autorität der Herrschaft des Rechtsgelehrten derart ausgeweitet worden, dass ich Zweifel habe, ob selbst die Propheten oder die unfehlbaren (schiitischen) Imame je so viel Autorität und Macht hatten? Ich bezweifle sogar, dass Gott sich selbst das Recht zuspricht, mit seinen Dienern in der Weise zu verfahren (wie es der Oberste Führer tut). Historisch gesehen ist Kritik im schiitischen Islam nicht nur notwendig, sondern gemäß der Scharia sogar erforderlich, die eine „Beratung des Führers der Muslime“ beschreibt [1] .

Imam Sadegh [2] sagt: „Der Bruder, der mir am liebsten ist, ist der, der mich auf meine Fehler hinweist.“ Doch wie man sieht, ist das Äußern von Meinungen und Ansichten für diese Herrschaften gleichbedeutend mit einer Opposition gegen die Herrschaft des Rechtsgelehrten. Der Oberste Führer hat seine Meinung über die Wahl (und die darauf folgenden Ereignisse) geäußert. Doch das Volk, obwohl es ihn weiterhin respektiert hat, hatte eine andere Meinung und verlangte eine (neue Auszählung) der Stimmen. Ist es möglich, das Recht des Volkes aufzuheben, Dinge in Frage zu stellen, ihre Wahrnehmung und ihr Verständnis zu verzerren, indem man sie an Orten wie Kahrizak einsperrt oder sie umbringt? Sie überfallen Marjas und zerstören ihre Häuser und rechtfertigen (ihre Taten) mit den Ansichten des Obersten Führers. Oder sie heuern Schläger an, beleidigen die Landsleute von Imam Khomeini und zertrampeln die Artikel der Verfassung mit ihren autoritären Stiefeln.

Imam Khomeinis Landsleute und (unser) weises Volk haben seine Tradition, seine Art und sein Verhalten nicht vergessen. Bei vielen Gelegenheiten, zu denen Imam Khomeini seine Meinung zu einem Thema sagte, verhielten sich die Offiziellen anders, sie folgten ihrem eigenen Urteil und Verständnis. Und doch war der Imam niemals ungehalten darüber. Darüberhinaus hätte niemand gegen diese Offiziellen Einspruch erhoben oder ihre Rechte verletzt. Wenn die größten Marjas und der Oberste Führer die Sichel des Mondes nicht auszumachen vermögen, die das Ende des Ramadan anzeigt, und statt ihrer ein ungebildeter Schäfer oder ein einfacher Arbeiter auf einem hohen Hügel seines Landes die Mondsichel sieht und daraufhin sein Fasten bricht – kann man ihn deshalb als Ungläubigen, als bewaffneten Regimekritiker, einen Handlanger der USA und des Zionismus bezeichnen und ihm vorwerfen, er habe gegen die Herrschaft des Rechtsgelehrten und gegen den Staat gehandelt?

Wenn wir davon ausgehen, dass die Offiziellen nicht wussten, dass die Wählerstimmen gestohlen wurden, die Menschen dies aber mit ihren eigenen Augen gesehen haben: Kann man sie als Ungläubige oder als bewaffnete Dissidenten bezeichnen oder (ihnen vorwerfen, dass sie) gegen die Herrschaft des Rechtsgelehrten sind? Warum gilt es als feindlicher Akt gegen den Islam, die Religion und die Herrschaft des Rechtsgelehrten, wenn man Fragen nach seiner Wählerstimme stellt? Wie ist es möglich, dass manche die Forderung nach Rechten als Verbrechen und Akt gegen die Herrschaft des Rechtsgelehrten betrachten, wenn es im Islam doch möglich ist, dass ein Dissident mit einem unfehlbaren Imam sogar über die Existenz Gottes streiten darf?

Freiheitsliebendes und ehrbares Volk des Iran,

wir alle erinnern uns, dass die soziopolitischen Ansichten des Gründers der Islamischen Republik Iran von denen des großen Marja jener Zeit, Ayatollah Boroujerdi, abwichen. Aber niemand kann sich erinnern, dass die beiden etwas gegeneinander sagten oder ihre Anhänger zu Konfrontationen ermutigten oder aufriefen und Unruhe in der religiösen Gesellschaft stifteten.

Wir alle erinnern uns an die Reaktion des Imam auf die verschiedenen Ansichten der Marjas innerhalb des Geistlichenseminars. Insbesondere (erinnern wir uns an) die Art, wie er auf die sozialen und sogar die politischen Ansichten des verstorbenen Ayatollah Golpayegani und dessen Ansichten über die Rechtssprechung reagierte. Sogar die für alle Muslime [geltende] Ankündigung des Eid-e Fitr [Fastenbrechen] erfolgte in seinem Namen über alle Medien. Ich erinnere mich insbesondere an eine Tonaufnahme, die einige Leute von einer Predigt Ayatollah Golpayeganis gemacht hatten. Sie war etwa 15 Minuten lang, und es ging um die Herrschaft des Rechtsgelehrten (Velayat-e Faghih). Seine Ansichten widersprachen denen des Imam völlig, und trotzdem ordnete der Imam, als man ihm das Band vorlegte, die zweimalige detaillierte Ausstrahlung von Ayatollah Golpayeganis Anmerkungen im staatlichen Radio an.

Wir alle erinnern uns an die erste Amtszeit des momentanen Obersten Führers (Khamenei) als Präsident. Er hatte einen Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten ins Auge gefasst, der nicht die Empfehlung des Imam oder des Parlaments hatte. Wie schön es war, dass (Khamenei) fest zu seiner Entscheidung stehen konnte, obgleich der Imam mit der Macht der Herrschaft des Rechtsgelehrten nicht seiner Meinung war. Damals war es amders, wenn man sich gegen den Obersten Führer und die Herrschaft des Rechtsgelehrten stellte.

Ich erinnere mich sogar an die berüchtigten Ereignisse nach der Wiederwahl von Herrn Moussavi zum Ministerpräsidenten im Jahre 1364 [1985]. 99 Parlamentsabgeordnete stimmten nicht für Herrn Moussavi, und der jetzige Oberste Führer, der damals Präsident war, gab bekannt, dass „99 Personen ein Misstrauensvotum abgegeben haben, und zusammen mit meiner Stimme sind es 100“.
Bei der Amtseinführung, in Gegenwart der Zuhörer und Reporter, sagte er noch: „Während ich diesen präsidialen Eid vollstrecke, gelobe ich, dass seine Ausführung nicht vollständig meiner Autorität unterliegt.“ Mit diesem Satz unterstrich (Khamenei) nochmals seine Opposition zu der Entscheidung des Imam. Aber weder er noch irgendein anderes Mitglied des Parlaments, das gegen die Entscheidung des Imam gestimmt hatte, wurde beleidigt, verhaftet oder als Gegner der Herrschaft des Rechtsgelehrten bezeichnet.

Wir alle können uns an die Rede eines Abgeordneten im zweiten Parlament erinnern und an das, was er zu denen sagte, die kritisierten, dass seine Worte gegen die Ansichten des Imam standen: „Wenn es nicht akzeptabel ist (gegen den Imam zu sprechen), sollten wir vielleicht 270 Maulkörbe ins Parlament liefern lassen.“
Sogar nach dieser aufrührerischen Äußerung wurde dieser Abgeordnete vom Imam oder seinen Mitarbeitern niemals mit Missbilligung bedacht. Er wurde wegen dieser Rede niemals belästigt, gefoltert oder verhaftet. Er wurde sogar in eine führende rechtliche Position innerhalb des Wächterrats berufen und diente als Vertreter der Justiz. Sogar viele hochrangige Offizielle innerhalb des Regimes hatten ihn auf ihrer Rechnung. Ich erinnere mich, als er den Imam einmal besuchte – was damals nicht gang und gäbe war – wurde die Nachricht, dass ein Parlamentsabgeordneter den Imam besucht hatte, sogar im staatlichen Radio gesendet.

Nun möge man die Herrschaft des Rechtsgelehrten, wie man sie sich auf der Grundlage der theoretischen und praktischen Lehren des Begründers der Islamischen Republik vorstellt, mit dem vergleichen, was heute als Herrschaft des Rechtsgelehrten präsentiert wird und dessen Schutz einen Schatten auf die Ereignisse wirft. Gott weiß, welch einen Schaden der Verrat weniger Mitglieder der Herrschaft des Rechtsgelehrten bei den Menschen und ihren religiösen Überzeugungen angerichtet hat.

Stolzes und ehrbares Volk des Iran,

ein Jahr nach der 10. Präsidentschaftswahl und nach allem, was sie mit euren Stimmen gemacht haben, ein Jahr nachdem für eure Rechte Blut vergossen wurde, erkläre ich nochmals in aller Klarheit und Aufrichtigkeit, dass ich meinen Pakt mit euch einhalte und bis zum Ende standhaft bleibe, dass ich bereit bin, mit mit jedem zusammenzusetzen und zu debattieren, der sich aus den Reihen der Behörden dazu bereiterklärt. Ich werde meine Ansichten über die Verfassung, die Linie des Imam und die Revolution erläutern, damit die Menschen – dieselben Menschen, von denen der Imam sagte, dass sein Leben ein Opfer für jeden einzelnen von ihnen sei – darüber urteilen können, wer diejenigen sind, die von der Verfassung, dem Weg, den Gedanken und den Idealen der Revolution abgewichen sind, und wer diejenigen sind, die trotz allen Drucks und allen Schwierigkeiten an den Prinzipien (der Revolution und der Verfassung) festgehalten haben.

Nur mit dieser Art freier Diskussion vor dem Volk kann das verlorene Vertrauen der Menschen wiederhergestellt werden. Wäre es möglich, die Menschen mit dieser Masse an Propaganda und diesem Sumpf von Lügen und Anschuldigungen zu überzeugen, wäre es nicht nötig gewesen, so hart gegen sie vorzugehen. Man hätte den Protesten mit Genehmigungen für Schweigemärsche Raum geben können, ohne Angst zu haben und ohne auf die Macht der Waffen zurückzugreifen. Doch die Feinde der Stimmen des Volkes waren nicht darauf vorbereitet, den Protesten auch nur einen geringfügigen Teil der Ausdrucksmöglichkeiten über die von den (Behörden) kontrollierten Medien und Propagandakanäle zu überlassen und den Protestierenden die Möglichkeit zu geben, ihre Positionen zu erklären und darzulegen oder ihre Ansichten auszudücken und sich gegen die ungerechten Anschuldigungen zu verteidigen, die gegen sie erhoben wurden.

Die Herren hielten Gewehrkugeln für folgerichtiger und ließen auf die Menschen schießen. Erstaunlicherweise brüllten diese Herren, anstatt das Land zu regieren und auf die Stimme des Volkes zu hören, in dieser „himmlischen Islamischen Stadt“ [3] Parolen darüber, wie man die Welt regiert und Pläne für die Bevölkerung der Welt macht. Sie fürchten sowohl das Volk als auch ihre eigenen Schatten, und ihre Programme beschäftigen sich nicht mit der Entwicklung des Landes, sondern mit Unterdrückung und der Verbreitung von Gefängnissen und Orten (der Folter und Inhaftierung) wie Kahrizak, während sie in ihren Köpfen Fantasien von der Weltherrschaft nähren.

Ehrenwertes und rechtschaffenes Volk des Iran,

die Stimmen, die sie euch gestohlen haben, und die Rechte, die sie euch genommen haben, sind ein Schandfleck, der mit keiner Farbe der Welt übermalt werden kann. Selbst nach einem Jahr, trotz all de Druckmittel und Einschüchterungen, sind eure rechtmäßigen Forderungen nicht vergessen. Vielmehr hat sich dieser Wunsch nach Veränderung über weitverzweigte soziale Netzwerke in verschiednen Schichten der Gesellschaft tief verwurzeln können. Dieser weit verbreitete Wunsch ist nichts, was man mit Mitteln der Niederschlagung, durch Einschüchterung, Verhaftung und willkürliche Gerichtsprozesse zerstören kann. Gott verlangt von seinen Gläubigen, dass sie geduldig und ausdauernd sind, und er hat ihnen den Sieg versprochen. Auch wenn euer Weg schwer und gewunden ist, gehört euch doch die von Gott versprochene Zukunft. Die Unterdrücker sind zur Nichtigkeit verdammt.

„Ist nicht der Morgen nah?“ [4]

[1] Ein sehr bekanntes Zitat von Prophet Mohammad (Friede sei mit ihm), das von ihm als eine der wichtigsten Pflichten eines Moslems angesehen wird.
[2] Der 6. schiitische Imam
[3] Eine ironische Anspielung auf Behauptungen einiger hochrangiger Würdenträger, dass es das Ziel der Islamischen Republik sei, ein himmlisches Regime (wörtlich „Om olqora-ye eslam“, oder „Mutter der Dörfer des Islam“) im Iran zu errichten.
[5] Koran, Vers 11:81.

Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben

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