Tagesarchiv: 12. Juli 2010

Zahra Rahnavard stellt klar: “Wir begrüßen Kritik an der Grünen Bewegung”

Englische Übersetzung veröffentlicht bei Green Translations am 12. Juli 2010
Quelle (Englisch): http://negar-irani.posterous.com/22757942
Auf Persisch erschienen bei Rooz Online am 21. Tir 1389 (12. Juli 2010)
Anmerkungen in eckigen Klammern stammen von Julia

Die beiden Oppositionskandidaten bei den gefälschten Wahlen vom vergangenen Jahr, Moussavi und Karroubi, haben seit dem Entstehen der Grünen Bewegung wiederholt von deren Diversität gesprochen. Beide haben außerdem wiederholt, dass auch jene, die gegen die Grüne Bewegung sind, die Möglichkeit haben, an ihr teilzuhaben und in ihr präsent zu sein. Dennoch haben viele politische Persönlichkeiten und Gruppen im Ausland sich sehr kontrovers über die Grüne Bewegung und ihre Anhänger geäußert. In einem Interview mit Rooz Online sagte Zahra Rahnavard unter Bezugnahme auf die Vielfalt der Stimmen und Ansichten als eines der wichtigsten Merkmale der Grünen Bewegung: „Alle, die an eine Veränderung in Richtung Freiheit, Demokratie, freie Wahlen und Nichteinmischung der Regierung in das Privatleben von Menschen glauben, sind Grün.“

Es folgt das vollständige Interview von Rooz Online [geführt von Fereshteh Ghazi] mit der Professorin und Künstlerin Dr. Rahnavard.

Rooz: In einem Interview mit der Webseite Kalemeh hatte Herr Moussavi gesagt, dass er außerhalb Irans keinen Vertreter hat. Seit diesem Interview ist einige Zeit vergangen. Heute möchten wir Sie fragen: Hat Herr Moussavi einen Repräsentanten oder Sprecher außerhalb Irans?

Rahnavard: Herr Moussavi hat immer wieder gesagt, dass er außerhalb Irans keinen Vertreter oder Sprecher hat.

In letzter Zeit haben einige Politiker und Webseiten begonnen, zwischen den verschiedenen Elementen der Grünen Bewegung eine Linie zu ziehen, was zu viel Kritik geführt hat. Geschieht dies im Namen der Grünen Bewegung und in Herrn Moussavis Namen? Was hält Herr Moussavi von dieser Art von Abgrenzung?

Wie Herr Moussavi in seinen diversen Statements gesagt hat, ist seiner Meinung nach jede Person in der Grünen Bewegung ein Botschafter. Dies bedeutet aber nicht, dass sie damit Herrn Moussavi oder die Bewegung repräsentieren. Herr Moussavi hat seine eigenen Ansichten in seinen Statements klar dargelegt.

Erlauben Sie mir, etwas genauer zu fragen. Herr Mohajerani hat sich zu solchen Abgrenzungen beispielsweise in einer Weise geäußert, die auf viel Kritik gestoßen sind. Die Webseite Jaras hat einen Artikel veröffentlicht, in dem das Ausmaß der Grünen Bewegung bis zu einem Punkt eingeschränkt wurde, an dem es heißt „Jeder, der gegen die Grüne Bewegung ist, muss nicht unbedingt zu ihr passen, und jeder, der seine eigene Meinung ausdrückt und um jeden Preis in den Straßen Parolen ruft, ist kein Mitglied der Grünen Bewegung.“ Was ist Ihre Meinung dazu? Stimmen Sie dieser Art der Abgrenzung zu?

Wir haben unsere eigenen Interpretationen, und sie drücken ihre eigenen Meinungen aus. Die Fähigkeit, unterschiedliche Ansichten zum Ausdruck zu bringen, schafft einen konstruktiven und nützlichen Dialog. In anderen Worten – es ist kein Problem, wenn jeder seine eigene Meinung sagt. Wir haben uns viel zu sehr an eine Gesellschaft gewöhnt, in der es nur eine Stimme gibt. Es ist diese Pluralität und diese Vielfalt an Stimmen, die ein Hauptmerkmal der Grünen Bewegung sind. Allerdings stimmen wir nicht allen Ansichten innerhalb der Bewegung zu.

Frau Rahnavard, wer sind Ihrer Meinung nach die Leute, die die Grüne Bewegung ausmachen, und welches gesellschaftliche Spektrum umfasst die Bewegung?

Die Grüne Bewegung ist pluralistisch, und alle, die an Veränderungen in Richtung Freiheit, Demokratie, freie Wahlen und Nichteinmischung der Regierung in die Privatsphäre der Menschen glauben, sind Grün. Das heißt nicht, dass alle Grünen derselben Ideologie anhängen, oder dass wir alle dieselben Ansichten haben. Ich glaube, dass es bei der Grünen Bewegung um das geht, was uns vereint. Obwohl die Differenzen zwischen uns existieren, bieten sie uns eine weitere Möglichkeit, uns unabhängig von unseren abweichenden Meinungen einander anzunähern. So kann zum Beispiel eine Person in unserer Bewegung sehr religiös und eine andere nicht religiös sein, andere wiederum stehen in diesem Spektrum religiöser Überzeugungen irgendwo dazwischen. Und obwohl unsere Differenzen fortbestehen, sind wir auf der Grundlage unserer gemeinsamen Überzeugungen und der Dinge, die uns vereinen, zusammengekommen. Mit anderen Worten: Unabhängig von unseren Differenzen hat die Grüne Bewegung uns auf der Basis unserer gemeinsamen Ziele und Übereinstimmungen vereint.

Können Sie bitte genauer darauf eingehen, was Sie mit den gemeinsamen Zielen und Dingen meinen, die die Menschen vereinen?

Ich meine gemeinsame Ziele, die auf Veränderungen basieren. Wir alle glauben an die Bedeutung, sagen wir, einer Rückkehr zu den Grundlagen unserer Verfassung und der Sicherstellung der Umsetzung ihrer Grundsätze.

In der Grünen Bewegung gibt es auch Kritik an dieser Verfassung, auf die Sie sich beziehen. Müssen wir daraus schließen, dass die betreffenden Leute nicht Grün sind?

Wir haben uns hinter unserer Verfassung zusammengeschlossen, und das ist es, was uns zusammengebracht hat. Das heißt aber nicht, dass unsere Verfassung eine göttliche Offenbarung ist und als solche nicht verändert werden kann. Keine der Verfassungen irgendwo auf der Welt sind göttliche Offenbarungen, sie alle werden im Abstand von 10 bis 12 Jahren überarbeitet und angepasst. Es ist schade, wenn eine Verfassung zu etwas wird, auf dem Regierungen herumtrampeln. Was wir sagen, ist: Was uns heute vereint ist, dass wir sicherstellen wollen, dass die Verfassung nicht gefährdet wird und dass ihre Prinzipien korrekt interpretiert und umgesetzt werden. Wenn wir Erfolg haben, wenn wir endlich siegen werden, dann können wir beginnen, die verschiedenen Elemente unserer Verfassung zu diskutieren und zu überarbeiten.

Ich betone nochmals: Die Verfassung ist KEINE göttliche Offenbarung, sondern sie schafft Bewusstsein und schützt uns vor Anarchie. Die bedingungslose Anwendung aller Prinzipien unserer Verfassung – Prinzipien, die uns zu Demokratie und Redefreiheit führen werden, die sicherstellen, dass es keine Diskriminierung von Frauen gibt, die uns Pressefreiheit und freie und faire, nicht gefälschte Wahlen geben, die für Versammlungsfreiheit sorgen – ist eines unserer grundlegenden Bürgerrechte.

Einige Stimmen sagen, dass die Grüne Bewegung in „Insider“ und „Outsider“ unterteilt. Sie haben in all Ihren Interviews bisher immer wieder gesagt, dass es für die Grüne Bewegung keine Insider und Outsider gibt. Meine Frage an Sie heute ist: Ziehen Sie irgendwo eine Grenze? Wer kann Ihrer Meinung nach nicht als Teil der Grünen Bewegung angesehen werden?

Radikale Gruppen, die Konflikte schaffen (die Volksmojahedin oder MKO) können ihrer Natur nach nicht Teil der Grünen Bewegung sein. Diese tote politische Gruppe, die das Regime wiederzubeleben versucht, hat in letzter Zeit einige amüsante Behauptungen aufgestellt. Leider hat sich das Regime – freiwillig oder aus Versehen – sehr um eine Wiederbelebung dieser toten politischen Gruppe bemüht. Ich bin der Meinung, dass das vom Regime so gewollt war, um für die Grüne Bewegung einen sogenannten Wettbewerb zu schaffen. Doch weder ich, noch Herr Moussavi, Herr Karroubi, Herr Khatami oder andere in unserer Bewegung betrachten die MKO als Teil der Grünen Bewegung. Weil die Grüne Bewegung dem Volk gehört, weil sie dynamisch und lebendig ist, haben die Menschen [selbst] entschieden, wo die Grenze zu ziehen ist. Jede andere Gruppe ist unabhängig von ihrer Position ein Teil der Grünen Bewegung. Das ist ein Ergebnis der Punkte, die ich vorhin angesprochen habe und die uns vereinen. So Gott will, wird die Grüne Bewegung siegreich sein.

In letzter Zeit hat es viele Diskussionen darum gegeben, ob es in der Grünen Bewegung Raum für Kritik gibt oder nicht – insbesondere Kritik an Herrn Moussavi selbst. Viele meinen, dass Kritik in der momentanen Situation die Bewegung unterminieren könnte. Andere sagen, dass die Gegner der Bewegung davon profitieren. Was meinen Sie dazu?

Im Allgemeinen ist Kritik eine gute Sache, und wir ermuntern zu konstruktiver Kritik. Ich persönlich glaube, dass Menschen, die nie kritisiert werden, stagnieren und ähnlich wie ein Sumpf beginnen, zu versinken und zu implodieren. Wir begrüßen jede Kritik, die aus Freundschaft zu und Interesse an der Grünen Bewegung hervorgeht. Kritik, die durch Feindseligkeit genährt wird, wird mit der Zeit entlarvt werden. Gleichzeitig möchte ich hinzufügen, dass die Kritik nicht auf Herrn Moussavi begrenzt bleiben sollte, sondern sich auch auf die aus Herrn Khatami, Herrn Karroubi und anderen, darunter auch mir, bestehende Gruppe erstrecken sollte. Keiner dieser Leute hat jemals die Führung über die Bewegung beansprucht, sie alle haben Kritik immer ermuntert. Dass Kritik an der Bewegung die derzeitige totalitäre Regierung freut und sie diese Kritik als eine Form der Schwächung der Grünen Bewegung ansieht, ist nicht wichtig. Ich glaube, dass Kritik nur zu einer Weiterentwicklung und zu einem Wachstum unserer Grünen Bewegung führen wird. Als Künstlerin bitte ich meine Freunde immer darum, meine Arbeiten zu kritisieren, und ich glaube, dass es diese Form der Kritik ist, die zu Verbesserungen führt.

Sie haben erwähnt, dass Moussavi, Karroubi und Khatami keinen Anspruch auf die Führung der Grünen Bewegung erhoben haben. Trotzdem haben wir gehört, wie die Menschen sich in ihren Parolen immer wieder zumindest auf Moussavi und Karroubi als Führer der Grünen Bewegung bezogen haben.

Das mag sein, aber Herr Moussavi und Herr Karroubi haben immer gesagt, dass sie auf einer Seite mit den Menschen und der Grünen Bewegung stehen.

Können Sie dann erklären, wer für die Führung der Grünen Bewegung verantwortlich ist?

Die wichtigste Führerin ist heute für uns unsere Verfassung, die, wenn sie von allen getragen wird, einen Weg nach vorn und gleichzeitig ein Fundament für unsere Vision der Zukunft darstellt.

Die Frage der Führung der Bewegung ist viel diskutiert und kritisiert worden. Viele sagen, dass Moussavi der Führer der Bewegung ist, obwohl er selbst gesagt hat, dass er bei den Menschen ist. Andere sagen, dass die Bewegung keinen Führer hat und dass dies ein Zeichen der Schwäche der Bewegung etc. sei.

Was uns vereint ist unsere Verfassung, und wir glauben, dass wir alle zusamen stehen und bei den Menschen sind. Die Grüne Bewegung ist eine Bewegung von unten nach oben, nicht umgekehrt, und die, die ihr angehören, sollen keinen Druck von oben verspüren. Der neue Trend im Management geht weg von hierarchischen und hin zu flacheren Strukturen. Zwar sind wir hierarchische Strukturen und Einstellungen gewöhnt, aber diese neue Form des linearen Managements ist viel effektiver und effizienter. Herr Moussavi und ich haben immer wieder gesagt, dass wir bei der Bewegung sind. Wir beanspruchen nicht, die Bewegung zu führen, denn wenn wir das täten, hieße das, dass alle mit uns einverstanden sein oder so denken müssten wie wir.

Meine letzte Frage betrifft etwas völlig anderes. In letzter Zeit wurde viel über die Steinigung einer Frau in Tabriz gesprochen. Derzeit sind 3 Männer und 11 Frauen akut vom Tod durch Steinigung bedroht. Sie haben erst vor Kurzem Ihre Ansichten über die Todesstrafe erklärt. Ich würde gern besser verstehen, was Ihre Haltung zu dieser Frage ist, die Mohammad Javad Larijani (der Chef des Menschenrechtsrats der Justiz im Iran) als ein religiöses Dekret bezeichnet hat.

Ich bin eine starke Verfechterin der Frauenrechte und gegen alle Formen der Diskriminierung gegen Frauen. Ich habe an keiner Stelle des Heiligen Koran jemals etwas von Steinigung gelesen. Ich bin der Meinung, dass es im Heiligen Koran keine Diskussion über Steinigung gibt, und bei meinen persönlichen Studien des Koran bin ich nur Mitgefühl gegenüber der Menschheit begegnet. Ich kritisiere jede Form der Diskriminierung von Frauen scharf, ich halte diese Gesetze nicht für islamisch und bin der Meinung, dass sie korrigiert werden müssen. Ich werde in dieser Frage keine Kompromisse eingehen und habe mich persönlich darauf vorbereitet, am Galgen zu enden.

Übersetzung aus dem Englischen: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben

Interview: Die Grüne Bewegung und die Arbeiterklasse

Auf Englisch veröffentlicht bei Tehran Bureau am 12. Juli 2010
Quelle (Englisch): http://www.pbs.org/wgbh/pages/frontline/tehranbureau/2010/07/the-green-movement-and-the-working-class.html
Auf Persisch veröffentlicht bei Deutsche Welle

Anmerkung der Übersetzerin Frieda Afary (Persisch-Englisch): Sohrab Behdad ist Koautor von Farhad Nomani für „Class and Labor in Iran: Did the Revolution Matter? (Syracuse University Press, 2006). Es folgt die Übersetzung eines Interviews, das Frau Mahindokht Mesbah vom persischsprachigen Sender der Deutschen Welle am 16. Juni 2010 geführt hat.

Deutsche Welle: In unserem Intervie geht es um den Platz der Arbeiterklasse in der iranischen Protestbewegung, die auch als Grüne Bewegung bekannt ist. Es scheint, als hätten sich die Arbeiter an den Protesten des letzten Jahres nicht beteiligt, zumindest nicht unter ihrer eigenen unabhängigen Fahne. Sie scheinen potenzielle, aber nicht tatsächliche Teilnehmer an der Bewegung zu sein. Stimmen Sie dieser Sichtweise zu?

Sohrab Behdad: Bis zu einem gewissen Grad. Man muss sich allerdings die Frage stellen, wie die Arbeiter in den Reihen der Protestierenden erkannt werden können. Die angewandten Unterscheidungsmerkmale scheinen veraltet zu sein. Wir müssen erkennen, dass das Bild der iranischen Arbeiterklasse nicht mehr mit dem traditionellen Bild übereinstimmt. Viele [Arbeiter] sind gebildet und jung. Ihr Erscheinungsbild und ihr Auftreten ist nicht anders als das der Mittelklasse. Traditionell wird mit einem Arbeiter jemand assoziiert, der dreckverschmierte Kleidung trägt und ausgemergelte Gesichtszüge hat.

Ein anderes Thema sind die fehlenden Arbeiterparolen in der Grünen Bewegung. Der Grund dafür ist, dass sich die Proteste um Themen wie Wahlrecht, Wahlen, Menschenrechte und Freiheit drehten. Es stimmt nicht, dass an diesen spontanen Bewegungen keine Arbeiter teilgenommen haben.

Ein weiteres Problem ist, dass es nicht möglich ist, die Forderungen der Arbeiterklasse direkt in der Gesellschaft zu manifestieren. Einerseits hat die momentane politische Situation dazu geführt, dass die Arbeiter infolge der Unterdrückung ihrer Organisationen stark eingeschränkt wurden. Andererseits haben die Führer der Grünen Bewegung bisher noch kein großes Interesse daran gezeigt, die Probleme der Arbeiter zu thematisieren.

Allein die Tatsache, dass diese Frage aufkommt und von Ihnen gestellt wird, zeigt, dass die Arbeiter in der Bewegung präsent sind. Es stimmt nicht, dass es per se keine Teilnahme von Arbeitern gegeben hat. Deutlich ist allerdings, dass die Probleme der Arbeiter in den Parolen der Grünen Bewegung keinen organischen Ausdruck gefunden haben.

Viele sagen, dass die Arbeiterbewegung im Iran immer schon säkular war und dass sie sich der Grünen Bewegung nur deshalb nicht angeschlossen hat, weil die Führungspersonen der Grünen Bewegung die Grenze zwischen Religion und Säkularismus überbrücken.

Das stimmt nicht. Die Grüne Bewegung ist im Grunde säkular. Das Problem ist, dass die iranische Gesellschaft auf der Suche nach Demokratie und sozialer Gerechtigkeit ist. Die Bewegung ist bisher aber noch nicht aus dem Stadium der Suche nach Demokratie herausgekommen. Ihre Führung hat sich weniger der Frage der sozialen Gerechtigkeit gewidmet.

Glauben Sie, dass ein Fortbestehen der Grünen Bewegung diese in die Lage versetzen wird, die Belange der Arbeiter zu repräsentieren, nachdem sie die momentanen politischen Forderungen durchlaufen hat?

Das ist unvermeidlich. Die Grüne Bewegung kann keinen Erfolg haben, wenn sie Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit nicht anspricht. Die Forderungen der Arbeiter sind dabei zentral. In der Ära Khatami sind die Reformer gescheitert, weil sie die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit nicht ernst genommen und keine Anstrengungen unternommen haben, soziale Kräfte zu organisieren. Als es in Islamshahr (einer Arbeiterstadt in der Nähe von Teheran) Unruhen gab, haben reformorientierte Zeitungen diesen keine Beachtung geschenkt. Die Reformer tun gut daran, aus diesen Erfahrungen zu lernen.

Sie sprechen von der Reformära. Viele Arbeitervertreter sagen, dass die Enttäuschung der Arbeiter über die acht Reformjahre sie gegenüber dem Kommen und Gehen dieses oder jenes (Führers) gleichgültig gemacht hat, und dass die Arbeiter keinen hohen Preis zahlen wollen, ohne dafür Ergebnisse zu bekommen.

Ich stelle die Identität dieser Vertreter und die Gültigkeit ihrer Aussagen in Frage. Am 1. Mai dieses Jahres haben zehn Arbeiterorganisationen ein Statement herausgegeben. Neben arbeiterspezifischen Forderungen stellten sie auch die Forderung nach Abschaffung der Todesstrafe und der frauendiskriminierenden Gesetze auf. Das sind Parolen der Grünen Bewegung.

Ich bin froh, dass Sie Parolen genannt haben, die die Klassengrenzen überschreiten. Viele sagen, die Grüne Bewegung habe ihren Ursprung nicht in einer Klasse, weshalb es falsch sei, wenn sie Forderungen der einen oder der anderen Klasse zur Sprache bringt.

Diese Aussage kann gleichzeitig korrekt und demagogisch sein. Wenn man davon spricht, über Klassengrenzen hinauszugehen, ist das so, als ob man sagt „hameh ba ham“ („alle zusammen – eine Parole Ayatollah Rouhollah Khomeinis). Es bedeutet, die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit abzuschaffen. Es verletzt die soziale Gerechtigkeit.

Ein weiterer Standpunkt ist, dass die Einkommenslücke und die Kluft beim wirtschaftlichen und sozialen Status zwischen Mittelklasse und Arbeitern sich täglich verringert und dass in dieser (Mittel-)Klasse eine Art Proletarisierung stattfindet.

Genau! Dies passiert in der iranischen Gesellschaft seit 30 Jahren. Eben dieses Problem zeigt, dass soziale Gerechtigkeit auch für die Mittelklasse sehr wichtig ist. Iranische Büroangestellte sind eigentlich Arbeiter, die zu „white collars“ geworden sind. Die Frage der sozialen Gerechtigkeit ist auch für sie sehr wichtig. Darum muss sie angesprochen werden.

Wenn die Grüne Bewegung sagt, dass sie gegen Korruption ist, wird das nicht zur Verwirklichung von sozialer Gerechtigkeit führen. Überall auf der Welt gibt es Korruption, genauso wie es Strafen dafür gibt. Die Bewegung muss auch spezifische Forderungen stellen, die für Veränderungen der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiter relevant sind.

Viele sagen auch, dass die Bewegung vollständig sein wird, wenn die Arbeiter dazustoßen und es zu einem Generalstreik kommt. Wie objektiv ist diese Sichtweise, die sich am Beispiel der letzten Monate des Pahlavi-Regimes orientiert? Existieren nach 30 Jahren Unterdrückung und Gewalt der richtige Kontext und die richtigen Mittel für einen Generalstreik der Arbeiter in unserer Gesellschaft überhaupt noch?

Ein großer Teil der iranischen Arbeiter arbeitet für die Regierung, die Pasdaran (Islamische Revolutionsgarden) und die Stiftungen. In den Worten von Herrn Karroubi: Wir können in einer Gesellschaft, in der die Arbeitgeber die Pasdaran sind, nicht von Freiheit für die Arbeiter sprechen. Wir müssen uns so ausdrücken, dass es der existierenden Realität im Iran gerecht wird. Im Moment gibt es für die Arbeiterklasse weder die Möglichkeit noch den Kontext (für einen Generalstreik).

Wir müssen uns klarmachen, dass die Kaufkraft von Millionen Menschen abnehmen wird, wenn die momentane wirtschaftliche Situation sich verschlechtert und der „Plan für gezielte finanzielle Subventionen“ umgesetzt wird. Das wird Auswirkungen haben.

Kann man voraussagen, was geschehen wird? Wird es größere Proteste mit einer stärkeren Botschaft der Menschen geben, wenn die Situation sich verschlechtert?

Die soziale Dynamik ist nicht einfach vorherzusagen. In den oben genannten Fällen werden die Proteste sicherlich zunehmen. Es wird mehr Unzufriedenheit geben. Aber es wird nicht notwendigerweise zu Gewalt und Aufständen kommen. Wir können die Form nicht vorhersagen, die die Unzufriedenheit und die Proteste annehmen werden. Die Form sozialer Proteste hängt vom Wesen der Organisationen, der konzertierten Aktionen und der Reife der Führer und Vertreter der sozialen Strömungen ab.

Übersetzung aus dem Englischen: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben

Antwort von ARD und SWR auf Protestbriefe zum Treffen deutscher Sender mit IRIB-Chef Zarghami

Folgende Antwort erhielt ein beteiligter Aktivist auf seine Anfragen am 13. Juli vom ARD:

vielen Dank für Ihre e-mail und Ihr Interesse am Ersten Deutschen Fernsehen.

Der Leiter der iranischen Rundfunk- und Fernsehanstalt hat nach einem Besuch beim Südwestrundfunk eine Pressemitteilung herausgegeben, die nicht mit dem SWR abgestimmt wurde und auch nicht den Verlauf des Treffens wiedergibt. Der stellvertretende SWR-Hörfunkdirektor David Biesinger hat dazu wie folgt Stellung genommen:“ [es folgt die unten zitierte Mail von Dr. Biesinger]

Folgende Antwort erhielt ich im Kommentarbereich dieses Blogs am 12. Juli 2010
Kontext: https://englishtogerman.wordpress.com/2010/07/10/aufruf-protest-gegen-ard-und-zdf-bitte-weiterleiten-und-unterstutzen/

Sehr geehrte Damen und Herren,

Interessierte haben sich gestern und heute über Blogs und in e-mails an uns gewendet, um zu erfahren, ob es Kooperationsgespräche zwischen dem SWR und dem staatlichen iranischen Rundfunk gibt.

Die Antwort ist einfach: Es gibt keine Kooperationsgespräche und keine Kooperationsvereinbarung. Es gab vergangene Woche einen Informationsaustausch.

Warum?

Der staatliche iranische Rundfunk hat sich an den SWR gewendet, der für die Hörfunkberichterstattung über Iran zuständig ist. Die Delegation war an den technischen Standards und den Produktionsbedingungen bei uns interessiert. Daher bekamen sie eine entsprechende Führung durch den SWR Hörfunk.

Der SWR hat die Delegation bei dieser Gelegenheit darüber informiert, dass er seine unabhängige Berichterstattung aus Iran künftig stärken möchte. Es soll so die Information in unseren Programmen über die politische, kulturelle, wirtschaftliche und religiöse Situation in der Islamischen Republik Iran ausgebaut werden.

Nur durch eine regelmäßige Präsenz unseres eigenen Hörfunk-Korrespondenten vor Ort kann eine umfassendere unabhängige Berichterstattung gewährleistet werden. Um dies umzusetzen, benötigen wir die Möglichkeit, jederzeit in das Land ein- und ausreisen und müssen vor Ort ein Büro eröffnen können.

Gerade im vergangenen Jahr haben wir gemerkt, wie wichtig unsere unabhängige Berichterstattung ist: Nur wer vor Ort ist kann sich ein eigenes Bild machen und daher reisen unsere Korrespondenten, wann immer es bislang möglich ist, nach Iran, um unsere Hörerinnen und Hörer aus erster – unabhängiger – Hand zu informieren.
Es ist unsere ureigenste journalistische Pflicht aus und über Staaten jeglicher politischer Couleur zu berichten – kritisch und distanziert. Unser Interesse ist es daher, auch die unabhängige, freie Berichterstattung aus Iran zu gewährleisten.

SWR Intendant Peter Boudgoust hat bei dem Termin daher sehr klar die Bedeutung der Pressefreiheit und die Staatsunabhängigkeit des Rundfunk sowie die Bedeutung eines staatsfernen Rundfunk für die Demokratie herausgestellt und das Interesse an einer freien Berichterstattung bekundet.

Mit freundlichen Grüßen,

Dr. David Biesinger
stv. Chefredakteur Hörfunk
SÜDWESTRUNDFUNK
david.biesinger@swr.de