Issa Saharkhiz’ schriftliche Klageerwiderung an das Gericht (Teil 1)

Auf Englisch veröffentlicht bei Green Translations am 19. Juli 2010
sowie bei Persian2English am 26. Juli 2010
Quellen (Persisch):
Einführung: Khodnevis
Verteidigungsschrift: Kalemeh

Issa Saharkhiz nach seiner Gerichtsverhandlung am 19. Juli 2010

Der Journalist und frühere Direktor für Medienbeziehungen am Kulturministerium unter Präsident Khatami, Issa Saharkhiz, hat heute an seiner eineinhalbstündigen Gerichtsverhandlung teilgenommen. Die Verhandlung begann um 11 Uhr und fand hinter verschlossenen Türen in Abteilung 15 des Revolutionsgerichts statt.

Medienquellen zufolge präsentierte Saharkhiz seine Verteidigung nicht an das Gericht gewandt, sondern an „das große iranische Volk“.

Saharkhiz betrat den Gerichtssaal gefesselt. Er brachte seine Beschwerden gegenüber dem Obersten Führer, dem Präsidenten und Mohseni Ejei *) zum Ausdruck. Er kritisierte alle, denen die Wahrheit zwar bekannt ist, die es aber vorzögen zu schweigen. Auch wenn Menschen nicht direkt an den Gräueln beteiligt seien, verstoße ihr Schweigen gegen das Gesetz.

In seinem schriftlichen Statement wiederholte Saharkhiz, dass er nicht die Absicht habe, sich zu verteidigen. Die Veröffentlichung seines Statements solle seine Verteidigung sein. Als er ins Gefängnis zurückgebracht wurde, wurden ihm auf seine Beschwerde hin die Fesseln abgenommen.

Saharkhiz leitete sein Statement mit Worten des schiitischen Propheten Ali ein, den er als Symbol der Gerechtigkeit bezeichnete. Saharkhiz zitierte einen Brief des Propheten Ali an den Herrscher Ägyptens, in dem es heißt, dass jede Regierung, die sich als islamisch bezeichnet – insbesondere jede schiitische Regierung – dem Beispiel des Propheten Ali uns seiner Gefolgsleute Folge leisten muss. Wähle sie einen anderen Weg, so sei zu bezweifeln, ob diese Regierung schiitisch und islamisch ist.

Teil 1 der Klageerwiderung von Isa Saharkhiz
(Übersetzung Persisch-Englisch: Negar Irani)

An die ehrenwerte Leitung des Gerichts und die Mitglieder der Jury

Wie Sie sicherlich wissen, wurde ich, Issa Saharkhiz, vor einem Jahr und zwei Wochen, am 3. Juli 2009, in der Stadt Panjdastgah im Dorf Tirkadeh in der Stadt Noor [sic] verhaftet. Dies ist meiner Akte #11257/88/TD zu entnehmen.

Mitarbeiter des Geheimdienstministeriums der Provinz Mazandaran (sehr wahrscheinlich in der Stadt Sari, Anm. Negar Irani) haben mich auf Anweisung ihrer Vorgesetzten (darunter der damalige Geheimdienstminister Hojatoleslam Gholam Hossein Mohseni Ejei und sein direkter Vorgesetzter Mahmoud Ahmadinejad, der gemäß der Artikel 133, 134, 136 und 137 der Verfassung die volle Weisungsbefugnis und Aufsicht über alle Kabinettsmitglieder hat) ohne jede Provokation geschlagen. Ich erlitt mehrere Verletzungen, darunter Schwellungen und Blutergüsse am seitlichen Oberkörper und an den Handgelenken, eine Sehnenverletzung in meiner linken Schulter, Rippenbrüche und eine Dislokation der Knochen aus den Knorpeln im unteren Brustkorb.

Der Teamleiter vom Informationsministerium erklärte bei meiner Verhaftung: „Wenn jemand versucht, bezüglich Ihrer Verhaftung starrsinnig oder beharrlich aufzutreten, werde ich sicherstellen, dass diese Person entsprechend bestraft wird, selbst wenn es sich um Ihren eigenen Sohn [„your own child“] handelt. Diese Äußerung an sich entlarvt seine voreingenommene Beurteilung meines Charakters, die von den Ansichten seiner Vorgesetzten (möglicherweise denen des Ministers selbst) geprägt sind.

Die schwere Folter und die Schläge, die mir von mindestens sechs Beamten zugefügt wurden, sind ein grober Verstoß gegen das Gesetz unseres Landes und vor allem ein Verstoß gegen unsere Verfassung und den islamischen Strafcode.

In Artikel 38 unserer Verfassung heißt es: „Jede Art von Folter, um Geständnisse oder Informationen zu erhalten, ist verboten. Das Zwingen einer Person zur Aussage, zum Geständnis oder zum Schwur ist nicht zulässig. Aussagen, Geständnisse und Schwüre solcher Art sind nichtig. Der Verstoß gegen diesen Artikel wird nach gesetzlichen Vorschriften bestraft.“

Selbiges ist auch in Artikel 578 des Islamischen Strafcodes festgehalten: „Alle Beamten und Mitarbeiter gerichtlicher und nichtgerichtlicher Regierungsstellen werden, wenn sie von einem Angeklagten unter Anwendung körperlicher Gewalt oder einer anderen Form von Strafmaßnahmen Geständnisse erpressen, zu Schadensersatz und zusätzlich zu Haftstrafen zwischen sechs Monaten und drei Jahren verurteilt“.

Sie wissen besser als ich und das heute hier anwesende Publikum, dass die Islamische Republik Iran sich internationalen Gesetzen und Regelungen, insbesondere der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verpflichtet hat. In Artikel 5 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt es: „Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden.“

In Artikel 11 dieser Erklärung heißt es: „Jeder, der wegen einer strafbaren Handlung beschuldigt wird, hat das Recht, als unschuldig zu gelten, solange seine Schuld nicht in einem öffentlichen Verfahren, in dem er alle für seine Verteidigung notwendigen Garantien gehabt hat, gemäß dem Gesetz nachgewiesen ist.“

Nachdem ich diese physiche Gewalt erfahren hatte und von den Beamten geschlagen worden war, setzte ich sie darüber in Kenntnis, dass meine Rippen gebrochen seien. Sie machten sich allerdings lediglich über mich lustig und verweigerten mir die Verlegung in ein Krankenhaus oder eine medizinische Einrichtung. Trotz der Gefahr innerer Blutungen wurde ich mit dem Auto 400 km bis nach Teheran gefahren und direkt ins Evin-Gefängnis eingeliefert.

In Evin wurde die medizinische Eingangsuntersuchung vom diensthabenden Arzt vorgenommen. Es wurden Schwellungen und Blutergüsse am linken und rechten Oberkörper und an den Handgelenken sowie schwere Verletzungen des Brustkorbs festgestellt. Auf die medizinische Untersuchung hin und nach Rücksprache mit Gefängnisbeamten ordnete der Arzt meine sofortige Verlegung in das Ghamare Banihashem-Krankenhaus an (das am nördlichen Ende der Nordautobahn vor der Seyed-Khandan-Brücke liegt). Gleichzeitig wurde eine Reihe von Agenten in das Krankenhaus entsandt, die dritte Etage wurde für den Fall meiner Aufnahme freigezogen.

Verehrte Zuhörer und Medienvertreter:
Meine Verhaftung unter den beschriebenen Umständen und die Anklage wegen Vergehen, die mir zur Last gelegt wurden (z. B. Teilnahme an Demonstrationen und Anstiftung anderer Menschen zur Teilnahme an Demonstrationen) erfolgten trotz der Tatsache, dass ich solche Vergehen niemals begangen habe. Die gegen mich vorgebrachten Anklagen waren entweder eine Form der Verschwörung, mit der ein Fall gegen mich aufgebaut werden soll, oder sie waren darauf ausgelegt, in besonderer Weise mit den Ereignissen nach der Präsidentschaftswahl vom 12. Juni 2009 umzugehen. Anderenfalls wäre es nicht nötig gewesen, derartige Anklagen unter dem Vorwand zu erheben, dass die begangenen Taten sich gegen die Sicherheit der Nation richten sollten.

In Artikel 37 unserer Verfassung geht es um die Unschuldsvermutung. Dort heißt es: Die Grundannahme ist die Unschuld; niemand wird vor dem Gesetz ais schuldig betrachtet, solange seine Schuld nicht vor dem zuständigen Gericht erwiesen ist.“

Der Umstand, dass der erste Anklagepunkt in der dem Gericht vorgelegten Anklageschrift aufgehoben und durch zwei zusätzliche Anklagepunkte ersetzt wurde (Beleidigung der Staatsführung und Propaganda gegen das Regime) spricht für die Authentizität meiner Feststellungen. Die Frage, die sich uns stellt, ist deshalb: Warum wird ein Angeklagter, dem vorgeworfen wird, Mitglied der Presse zu sein, auch als Verschwörer gegen die nationale Sicherheit bezeichnet? (Es gibt) Gerichtsdokumente, die zeigen, dass (wenn die Anklage bewiesen wird) ich angeklagt wurde, weil ich Journalist bin, der Dinge auf den Punkt gebracht und Publikationen verfasst hat.

Wie rechtfertigen Sie, dass ich auf der Basis der vom Justizministerium erhobenen Anklagen 380 Tage in den Abteilungen 209 und 350 von Evin und in den Gefängnissen Rajai Shahr und Fardis verbringen musste, die allesamt für Schwerverbrecher reserviert sind? Warum wurde mir nicht nur die Freilassung gegen Kaution verweigert, während ich auf meinen Gerichtstermin warten musste, sondern auch die Mindestrechte, die einem jeden Gewissensgefangenen zustehen? Mir wurde das Recht auf einen Hafturlaub abgesprochen.

Ehrenwertes Oberhaupt des Gerichts, ehrenwerte Jury-Mitglieder:

Wie ich bereits dargelegt habe, wurde ich, ein bekannter Journalist, körperlich gefoltert, geschlagen und in Abteilung 209 von Evin verlegt, obwohl ich nichts verbrochen habe. Als Folge meiner schlechten körperlichen Verfassung wurde ich daraufhin am 3. Juli 2009 um 22:30 Uhr in ein Krankenhaus gebracht. Dort wurden zwei Röntgenaufnahmen aus verschiedenen Winkeln gemacht, und ich wurde von drei Ärzten untersucht (einer von ihnen war der diensthabende Gefängnisarzt, die anderen beiden waren Spezialisten, die per Notruf bestellt worden waren). Leider wurde ich danach noch immer nicht ins Krankenhaus eingeliefert, allerdings wurde meine Annahme, dass ich Rippen- und Knochenbrüche im Brustkorb erlitten hatte, explizit bestätigt. Die ärztliche Untersuchung ergab allerdings, dass meine Lunge und meine linke Niere nicht von Knochen durchstochen waren und ich keine inneren Blutungen hatte.

Gegen 1:30 am Morgen des Samstag, 4. Juli 2009 wurde ich zurück in meine Einzelzelle Nr. 31 in Abteilung 209 von Evin gebracht. Zu diesem Zeitpunkt waren mir verschiedene Schmerzmittel (Tabletten, Kapseln, Tinkturen und Suppositorien) verschrieben worden, mit denen meine Schmerzen gelindert werden sollten. Von Anfang an bestand ich darauf, von einem Forensiker der Justiz untersucht zu werden, damit die notwendigen rechtlichen Schritte eingeleitet werden können. Die Mitarbeiter des Geheimdienstministeriums und die für meine Akte zuständigen Mitarbeiter haben mir diese Gelegenheit leider nicht gegeben und verweigerten zudem die Einhaltung der Prozedere, die die nötige medizinische Versorgung ermöglicht hätten. Die Zuständigen in meinem Fall taten alles ihnen Mögliche, um mir Schmerzen zuzufügen, wodurch ich anhaltende Schmerzen und Frakturen erlitt. Wie Sie heute sehen können, haben die Frakturen auf meiner Haut Spuren hinterlassen. Wenn ich nachts zu schlafen versuche, fühle ich mich, als wenn mein Körper von einer Nadel durchstochen wäre – das sind Schmerzen, die ich für den Rest meines Lebens haben werde.

Die Frage, die sich uns heute stellt ist, warum meine Freunde und ich als Bürger dieses Landes viele Jahre auf Antworten und Reaktionen der Gerichte warten müssen, wenn wir uns bei den Behörden – besonders beim Justizchef, beim ehemaligen Leiter des Geheimdienstministeriums und beim Staatsanwalt – beschweren. Wenn jedoch die Verhaftung von Menschen wie mir angeordnet wird, erfolgt die Verhaftung und Inhaftierung innerhalb eines Tages, und sei der Ort noch so abgelegen.

Obwohl seit Anlegung meiner Akte und Beendigung meiner Verhöre etwa ein Jahr verstrichen ist und die letzten Untersuchungen der Staatsanwaltschaft acht Monate zurückliegen, hat das Gericht den Fall noch nicht angehört, so dass auch nicht in Erwägung gezogen werden kann, mir einige Monate der gesetzlich definierten Mindeststrafe zu erlassen.

Ehrenwertes Oberhaupt des Gerichts:

In Artikel 34 unserer Verfassung heißt es: „Der Zugang zur Rechtsprechung ist das unbestrittene Recht jedes Bürgers. Jeder kann sich zur Erlangung seines Rechtes an die zuständigen Gerichte wenden. Für alle Mitglieder des Volkes müssen Gerichte zur Verfügung stehen und niemand darf davon abgehalten werden, sich an das für ihn kraft Gesetzes zuständige Gericht zu wenden.“

Nachdem ich wegen der mir von Herrn Gholam Hossein Mohsein Ejei zugefügten Verletzungen, und aufgrund der vom Gerichtsmediziner vorgelegten Nachweise Beschwerde bei der Justiz eingelegt hatte (wegen des Vorfalls, bei dem er einen schweren Gegenstand nach mir warf und mir ins Ohr biss) wurden die Beweismittel präsentiert und die Akte vervollständigt. Obwohl seitdem fünf Jahre vergangen sind, wurde der Fall nie vor Gericht gebracht, und (Gholam Hossein Mohseni Ejei) wurde nie verhaftet. Aber wenn (Ejei) Beschwerde gegen mich einlegt, werde ich gefoltert, auf unverschämte Weise geschlagen, verhaftet und für unbegrenzte Zeit als Gewissensgefangener hinter Gitter gebracht. Warum? Ist das nicht ein Zeichen für bevorzugte Behandlung für Angehörige des iranischen Justizsystems? Ist es das, was wir als Respekt vor dem Gesetz, der Gerechtigkeit und dem islamischen Rechtssystem bezeichnen?

Angesehene Jury-Mitglieder und Oberhaupt des Gerichts:

Auf S. 17 meiner Akte und des Gesetzesverfahrens vom 3. Juli 2009 (dem Datum meiner Verhaftung) von der Staatsanwaltschaft Noor klagt mich die Justiz der folgenden Vergehen an:

Gemäß der gerichtlichen Anordnung Ihrer Verhaftung durch das Geheimdienstministerium und die Sicherheitsabteilung 3 des Revolutionsgerichts werden Sie angeklagt, „an Demonstrationen teilgenommen zu haben mit der Absicht, Chaos zu schaffen und dem Regime und der Sicherheit der Nation zu schaden“. Was haben Sie dazu zu sagen?

Ich erwiderte darauf: „Ich weise diese Anklage zurück. Ich habe an keiner Versammlung oder Demonstration teilgenommen und habe nicht die Absicht, dies in Zukunft zu tun. Selbst in Fällen, in denen ein Konflikt zwischen der Bevölkerung und dem Präsidenten möglich war, habe ich aufgrund einer offiziellen Autorisierung durch die Zentrale von Herrn Karroubi und in meiner Funktion als inoffizieller Sprecher der Wahlkampagne von Herrn Moussavi dem Sender Al-Alam (dem arabischsprachigen Fernseh- und Radiosender von IRIB) ein Interview gegeben, in dem ich bekannt gab, dass die zuvor für den 31. Juli angekündigte Versammlung auf dem Vali-Asr-Platz abgesagt wurde und die Menschen darum bat, sich nicht dort zu versammeln, um Zusammenstöße zu verhindern.“

Auf den Seiten 115 – 120 meiner Akte geht es um die Verhöre, die zwischen dem 8. und dem 10. Juli 2009 (etwa eine Woche nach meiner Verhaftung) stattfanden. Eine der mir bei den Verhören gestellten Fragen lautete:
„Bitte geben Sie uns die Informationen, die Sie bezüglich des Vorwurfs, Menschen zur Teilnahme an Demonstrationen angestiftet zu haben, für erhellend halten.“

Meine Antwort darauf lautete:
„Wie ich dem Vorsitzenden Richter in Noor bereits mitteilte, habe ich, Issa Saharkhiz, an keiner der friedlichen Demonstrationen des Volkes teilgenommen. Darüber hinaus habe ich aus meiner reformorientierten Position heraus immer versucht, die Menschen dazu zu bewegen, nach Demokratie und Ausweitung der Menschenrechte zu streben, anstatt zu revoltieren und Chaos zu verursachen. Bezüglich der Ereignisse, die am 12. Juni 2009 begannen, und der Proteste, die von einer Nation ausgingen, die die volle Verwirklichung ihrer verlorenen Rechte einforderte, konzentrierten sich all meine Bemühungen darauf, mich für Zusammenkünfte einzusetzen, denen Parolen wie „Allah-o Akbar“ (Gott ist groß) zu Grund liegen, für Schweigedemonstrationen mit Grünen Symbolen, bei denen bewaffneten Kräften, die sich unmenschlich verhalten, Blumen überreicht werden, um sie so zu stoppen.“

Frage: „Werden die Menschen mit der Bezeichnung des Wahlergebnisses als Staatsstreich nicht dazu aufgerufen, zu demonstrieren und Chaos zu verursachen?“

Antwort: „Der Ausdruck ‚Staatsstreich‘ ist ein rechtmäßiger und politischer Ausdruck. Er basiert auf bestimmten Annahmen und hat sowohl wünschenswerte als auch nicht wünschenswerte Folgen. Dass ich, wie viele andere bekannte Menschen in unserem Land (z. B. Seyyed Mohammad Khatami) auch, das Wahlergebnis als Staatsstreich bezeichnet habe, ändert nichts am Wesen der Wahl. Die Verfassung der Islamischen Republik, die das Ergebnis einer Revolution ist, an der ich ebenfalls die Ehre hatte teilnzunehmen, enthält viele Prinzipien, u. a. das Recht des Volkes, sich zu versammeln und zu demonstrieren.

In Artikel 27 unserer Verfassung geht es um Versammlungsfreiheit. Dort heißt es:
„Das Veranstalten von Versammlungen und Demonstrationeb, ohne das Tragen von Waffen ist frei, vorausgesetzt, diese verletzen nicht die islamischen Grundsätze.“

Demonstrieren und Chaos verursachen sind natürlich zwei verschiedene Dinge. In der Realität wird das Chaos von denen verursacht, die sich den grundsätzlichen Rechten eines Landes und seiner Bürger entgegenstellen oder Umstände herbeiführen, unter denen diese Rechte mit Füßen getreten werden und die Bürger keine legalen Versammlungen und Proteste abhalten dürfen. Wenn überhaupt jemand angeklagt und vor Gericht gestellt werden muss, dann diese Leute.“

Ehrenwertes Oberhaupt des Gerichts, ehrenwerte Jury-Mitglieder und Anwesende:

Verstößt meine illegale Inhaftierung in verschiedenen Gefängnissen in Anbetracht der oben angeführten und in meiner Klageerwiderung präsentierten Beweise nicht gegen Artikel 32 unserer Verfassung? Lassen Sie uns einen Moment lang annehmen, dass die Behörden im Geheimdienstministerium und die Befrager in der Sicherheitsabteilung Nr. 3 des Revolutionsgerichts in Teheran mit ihrer Annahme, dass eine Verschwörungstheorie existierte, falsch lagen, und dass ihre Anklagen wegen meiner Teilnahme an Demonstrationen und Anstiftung der Bevölkerung zu demonstrieren, unrichtig sind. Hätte meine Akte nach Anhörung meiner Verteidigung und angesichts des Fehlens jeglicher gegenteiliger Beweise, als klar wurde, dass die Anklagen gegenstandslos sind, nicht geschlossen werden müssen? Hätte ich nicht freigelassen, hätten die Strafen nicht aufgehoben werden müssen, um zu verhindern, dass die in der Verfassung festgeschriebenen Gesetze nicht verletzt werden? Verstößt meine mehr als einjährige Inhaftierung nicht gegen Artikel 32 unserer Verfassung? Sie behaupten, dass ich ein Verbrechen gegen die nationale Sicherheit begangen habe – damit wollen sie sicherstellen, dass ich keinen Hafturlaub und keine Haftunterbrechung bekomme. Infolgedessen konnte ich nicht beim Aufbau der Wohltätigkeitsorganisation meiner Mutter zu Ehren meines Bruders Saeed Saharkhiz dabei sein, der den Märtyrertod gestorben ist. Jetzt sind Dutzende Waisenkinder von kostenlosen Leistungen abgeschnitten. Wir werden nie wissen, wie viele Leben hätten gerettet werden können, wenn wir diese Wohltätigkeitsorganisation und ihre kostenlosen Leistungen [für die Menschen] zugänglich hätten machen können.

Artikel 32 der Verfassung besagt unter anderem: „… Die erste Untersuchungsakte muss innerhalb von 24 Stunden an die zuständigen gerichtlichen Instanzen übergeben und das Verfahren baldestmöglich eröffnet werden.“
Nehmen wir an, dass die ursprünglichen Anklagepunkte nicht fallengelassen worden wären. Bedeutet „das Verfahren baldestmöglich eröffnen“, dass jemand 380 Tage lang in Haft bleibt? Steht dieses Vorgehen im Einklang mit dem Justizsystem der Islamischen Republik? Wer ist für den Verstoß gegen diesen Artikel verantwortlich? Welche Person, welcher Posten, welche Einheiten müssen auf der Basis der Prinzipien dieses Artikels bestraft werden? Hat die Abteilung, dessen Leitung vom Obersten Führer Ayatollah Khamenei direkt ernannt wurde, gegen dieses Gesetz verstoßen? Oder hat der Oberste Führer der Islamischen Republik es versäumt, seine in Artikel 110, Absatz 2 der Verfassung festgelegten Verpflichtungen zu erfüllen, in dem es heißt: „Aufsicht der richtigen Durchführung der allgemeinen Politik der Regierung“?

Unterliegt in diesem Fall (der Oberste Führer) nicht Artikel 111 der Verfassung, in dem es heißt: „Falls das Islamische Oberhaupt nicht mehr imstande ist, seine gesetzlichen Pflichten zu erfüllen, oder falls er eine der in Artikel 5 oder Artikel 109 erwähnten Voraussetzungen nicht mehr erfüllt, oder falls bekannt wird, dass er diese ursprünglich nicht besaß, wird er seines Amtes enthoben.“?

Wie dem auch sei – die Frage, wer gegen Artikel 32 unserer Verfassung verstoßen hat und wie derartige Verstöße genau zu ahnden sind, muss geklärt werden.

* Anmerkung Negar Irani: Mohsen Ejei war von 2008 bis Juli 2009 iranischer Geheimdienstminister. Im Juli 2009 wurde er abgesetzt und später, am 24. August 2009, vom neuen Justizchef Sadegh Larijani zum iranischen Generalstaatsanwalt ernannt.

Übersetzung aus dem Englischen: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben
Zitate aus der Verfassung der Islamischen Republik sind der deutschen Übersetzung unter http://www.eslam.de/manuskripte/verfassung_iri/ entnommen.

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3 Antworten zu “Issa Saharkhiz’ schriftliche Klageerwiderung an das Gericht (Teil 1)

  1. Pingback: Gefängnis Rajai Shahr: Issa Saharkhiz erleidet partielle Lähmungen « Julias Blog

  2. Pingback: News vom 27. Juli « Arshama3's Blog

  3. Liebe Julia,

    vielen Dank für die Übersetzung dieses wichtigen Briefs. Die Übersetzung hat bestimmt dir viel Zeit gekostet.

    Issa Saharkhiz zeigte noch einmal, warum er neben Zeidabadi als einer der mutigsten Journalisten Irans gilt.

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