Shahla Talebi: Die Islamische Republik Iran und die Vergewaltigung von Männern

Auf Englisch veröffentlicht bei Persian2English am 9. August 2010
(Persische Quelle: Zamaaneh, 1. Juli 2010)

Am 1. Juli 2010 veröffentlichte Radio Zamaaneh Auszüge aus einer Rede Shahla Talebis, Professorin für Anthropologie an der Columbia-Universität New York City (das Datum der Rede ist nicht angegeben). Thema: „Sexuelle Spannungen zwischen dem iranischen Volk und seiner Regierung.“

Talebi war sowohl unter dem Schah als auch unter dem Regime der Islamischen Republik im Gefängnis. Ihr Mann fiel den Massenhinrichtungen von 1988 zum Opfer.

In ihrer Rede beschreibt sie eine ihrer Erinnerungen an das Jahr 1981: Die Mutter eines linken Aktivisten berichtet dem Regime über die religiösen und ideologischen Ansichten ihres Sohnes. Daraufhin wird ihr Sohn hingerichtet.

Talebi erklärt die männlich dominierten Sichtweisen und Ansätze des Regimes:

Man stelle sich folgendes Szenario vor: Das Regime präsentiert im staatlichen Fernsehen eine Mutter, die ihren eigenen Sohn den Behörden ausgeliefert hat. Das Regime bezeichnet diese Frau als noch mutiger als die Figur in Maxim Gorkis Buch „Mutter“. Die Mutter in Gorkis Geschichte folgte dem Weg ihres Sohnes aus ihrer mütterlichen Liebe heraus. Die iranische Mutter hingegen schiebt ihre Mutterliebe beiseite und entscheidet sich für ihre Liebe zum Islam, Imam Khomeini und dem Regime.

Dieses Szenario ereignete sich in einer Zeit, in der das iranische Regime versuchte, seine Rolle als die einer dominanten männlichen Einheit zu unterstreichen. Damit meine ich nicht Sexualität, sondern die männliche, geschlechterorientierte [„sex-oriented“, kann auch „Sex-orientiert“ heißen, d. Übers.] Sicht.

In allen Kriegen und gewaltsamen ethnischen Auseinandersetzungen wird der Körper der Frau als Rechtfertigung genommen, um Streit zwischen Regierungen anzufachen. Auch ist er [Bestandteil der] wichtigsten Methode, um Stärke zu beweisen.

In der persischen Sprache können sowohl Frauen als auch Land vergewaltigt werden. Für beides wird ein und dasselbe Wort verwendet. In fast jedem Krieg werden Frauen vergewaltigt. Jede ethnische Auseinandersetzung, jede Vergewaltigung im Gefängnis, wird als Waffe eingesetzt. In einem Regime wie dem, das im Iran zur Zeit an der Macht ist, führt dieser Ansatz zu ständigen Spannungen, wenn das Regime seine männliche Kraft und Hegemonie zu beweisen versucht, indem es seine Gegner innerhalb und außerhalb des Landes unter Druck setzt. Es versucht, seine Gegner kleinzumachen, indem es sie als Männer darstellt, die ihre Männlichkeit verloren und feminine Verhaltensweisen und Haltungen angenommen haben.

Im Jahre 2002 gab es im Iran einen oft erzählten Witz: Weil Iran im achtjährigen Krieg gegen Irak von Letzterem vergewaltigt wurde, beschloss das Regime, das Land von Iran (was auch ein weiblicher Vorname ist) in Nariman (ein männlicher Vorname) umzubenennen, damit kein anderes Land es noch einmal vergewaltigen kann. Witze wie diese zeigen, dass dem Volk der Bezug des Regimes zur Sexualität sehr wohl bewusst ist. Witze sind ein Mittel der Opposition.

Ab hier möchte ich die Opposition gegen das Regime aus einer weiblicheren Perspektive betrachten – einer Perspektive, die Dinge wie Geburt, Wachstum und selbst den Tod als etwas mit Vitalität angefülltes betrachtet. Das ist der Grund, warum die Trauernden Mütter eine solch wichtige Rolle gespielt haben. Selbst wenn das Regime alle Proteste niederschlägt, ist die Art und Weise des Protests der Trauernden Mütter direkt mit ihrer weiblichen Fähigkeit verbunden, Kinder zu gebären. Man kann Müttern diese Fähigkeit nicht nehmen. Selbst unter Bedingungen schlimmster Unterdrückung während einer politischen Schlacht können Mütter nicht aufgehalten werden. In Chile, Argentinien, Indonesien und anderen Ländern gibt es Mütter, deren Kinder verschwunden sind, inhaftiert oder hingerichtet wurden – doch die Mütter setzen sich weiter zur Wehr.

Ich will die Trauernden Mütter nicht als einziges Symbol des Widerstandes hinstellen. Ich möchte darüber sprechen, wie man im Widerstand einen weiblichen Ansatz realisieren kann. Dieser Ansatz ist dem Leben und dem Wachsen zugewandt. Er sieht den Tod als Teil des Lebens an und verleiht der [Widerstands]Bewegung damit eine neue Bedeutung, weil er ihre bitteren Realitäten nicht ignoriert. Dieser Ansatz versteht Widerstand und Tod als Mittel des Wachsens und als Weg zu neuen Horizonten.

Dr. Shahla Talebi beschreibt die Unterschiede zwischen den Vergewaltigungen in den iranischen Gefängnissen der 1980er Jahre und der Vergewaltigung junger Männer in den Gefängnissen nach den Wahlprotesten von 2009:

In den 1980er Jahren fühlte sich das Regime noch stark. Natürlich war es sich der Bedrohung durch die Linken und die Mojahedin bewusst, aber das Regime dachte, es könne diese Gruppen leicht vom Rest der Gesellschaft absondern.

Das Regime betrachtete die Linken und die Mojahedin als Eindringlinge, die ohne Schwierigkeiten hinausgeworfen werden können – ganz so, als seien diese Gruppen eine externe Einheit. Darum erzählten sie meinem Mann, der draußen war, während sie mich in einem Raum schlugen, dass sie seine Frau schwer foltern würden. Damit meinten sie nicht nur körperliche Folter. Sie wollten, dass mein Mann das Gefühl bekommt, kein ehrbarer Mann zu sein und dass sie mit seiner Frau deshalb machen können, was sie wollen. Das Ganze diente dazu, ihm das Gefühl zu geben, dass er nicht mutig und ehrbar ist, ohne dass sie ihn dafür hätten als Frau bezeichnen müssen.

Was in den 1980er Jahren geschah unterschied sich von dem, was sich im Juni 2009 und danach ereignete, denn jetzt war das Regime in der Defensive. Seine männlichen Eigenschaften waren in Frage gestellt, weil Teile der Gesellschaft sich gegen das Regime erhoben. Diese Teile der Gesellschaft konnte man nicht mehr als Eindringlinge und Fremde darstellen. Darum hörte das Regime damit auf, die Ehre des Mannes in Frage zu stellen und ging dazu über, stattdessen seine Sexualität anzuzweifeln. Männer wurden, was Vergewaltigung angeht, so behandelt wie frauen. Erinnern Sie sich an den Fall des Mannes, dessen Befrager die Folterknechte instruierten, ihn zu schwängern?

Wenn die Absicht erklärt wird, einen Mann zu schwängern, ist dem Mann natürlich klar, dass er nicht schwanger werden kann. Dennoch wird er als eine Frau hingestellt, die kein Kind bekommen kann (damit wird also impliziert, dass der Mann eine unfähige Frau ist).

Ich möchte betonen, dass wir, wenn wir die Transformation des Regimes beobachten, erkennen können, dass das Regime mehr Angst vor dem Verlust seines männlichen Status hat. Das ist der Grund, warum es Männer vergewaltigt anstatt, wie früher, Frauen.

Übersetzung aus dem Englischen: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben

Zu diesem Thema gibt es einen eindrücklichen Artikel von Babak Dad, in deutscher Übersetzung hier zu lesen.

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