“Diese zwei Wochen” – Im Gespräch mit der Mutter eines politischen Gefangenen im Hungerstreik

Kurz bevor der 16tägige Hungerstreik der Gefangenen im Evin-Gefängnis beendet wurde *), sprach die Mutter eines der im Hungerstreik befindlichen Gefangenen mit ICHRI.

Parvin Mokhtare, deren Sohn – der Menschenrechtsaktivist Kouhyar Goodarzi einer der Gefangenen war, die in den Hungerstreik getreten waren – sprach über die Sorgen der Familien der Gefangenen und ihre Behandlung durch die Gefängnisbehörden.

„Das letzte Mal traf ich vorletzten Samstag mit meinem Sohn zusammen. Am nächsten Tag traten Kouhyar und 16 andere Gefangene in den Hungerstreik. Drei Tage später trafen sich die Familien der Gefangenen im Hungerstreik zusammen mit den Familien anderer Gefangener vor dem Evin-Gefängnis. Am nächsten Tag gingen wir zum Gericht. Letzten Montag standen wir von 14 Uhr bis 20:30 Uhr vor dem Evin-Gefängnis“, berichtet Parvin Mokhtare.

Kouhyar Goodarzi, ein vom Studium ausgeschlossener Student der Sharif Universität, aktives Mitglied des Komitees gegen Hinrichtungen [Anm. d. Übers.: Meines Wissens ist er Mitglied bei CHRR/Committee of Human Righst Reporters], Blogger und Journalist, war am 20. Dezember 2009 in Teheran verhaftet worden und sitzt seitdem im Gefängnis. Er ist bereits zum zweiten Mal im Hungerstreik. Das erste Mal war im vergangenen Mai, als er gegen die Hinrichtung mehrerer kurdischer Gefangener protestierte, vor allem gegen die seines Zellengenossen Farhad Vakili. Der Hungerstreik wurde gestern beendet, nachdem Familien und bekannte Politiker öffentlich an die Streikenden appelliert hatten. Goodarzi und die 16 anderen Gefangenen hatten die Einhaltung ihrer grundlegendsten Rechte als Gefangene und Änderungen bei den Haftbedingungen gefordert. Während der Zeit des Hungerstreiks hatten einige Sicherheitsbehörden den Familien gedroht, sie würden verhaftet werden, wenn sie mit den Medien sprechen.

Kouhyar Goodarzis Mutter erzählte ICHRI, wie es ihr während dieser Zeit erging und wie wenig verantwortlich sich die Behörden gezeigt haben. „Wir alle haben uns Sorgen um unsere Kinder gemacht. Uns wurde gesagt, dass die Gerichtsbehörden nicht mit uns zu sprechen wünschen. Niemand hat sich uns gegenüber verantwortlich gezeigt. Wir haben um Besuchserlaubnis gebeten, und uns wurde gesagt, dass die Gefangenen im Einzeltrakt keinen Besuch empfangen können.

Jeden Tag kommen sehr viele Familien von Gefangenen zusammen, einmal vor dem Gefängnis, ein anderes Mal vor dem Gericht, dann wieder vor dem Justizgebäude. Manchmal wurden wir angebrüllt. Andere Male haben sie uns fotografiert und auf Video aufgenommen. Ich hatte ein Foto meines Sohnes dabei, auf das ich geschrieben hatte „Ich habe meinen Sohn allein aufgezogen“. Ich lebe in Kerman, ich kenne niemanden in dieser Stadt. Kouhyar ist mein einziges Kind. Ich mache mir Sorgen um seine Gesundheit.

Sie zerrissen das Foto und das Blatt Papier. Sie schubsten einige Mütter herum und beleidigten sie. Sie haben uns damit gedroht, uns auch zu verhaften. Ich sagte ‚Kein Problem, dann bin ich näher bei meinem Sohn.‘ Diese Woche ist die dreißigste Woche, die ich nach Teheran komme. Sie haben meinen Sohn nicht einmal einen Tag beurlaubt.“

„Am Samstag Morgen wollten wir uns wieder vor dem Justizgebäude versammeln. Wir haben einen Brief geschrieben und darum gebeten, wenigstens mit unseren Kindern telefonieren zu können. Sie wollten uns am Sonntag über unsere Kinder informieren – 14 Tage nach Beginn des Hungerstreiks. Ali Parviz‘ Mutter Tahereh Kouhestani hatte eine Kopie dieses Briefes mitgebracht, um eine Anfrage einzureichen. Sie wurde verhaftet. Erst brachten sie sie zur Polizeiwache, dann zum Gericht. Sie sagten ihr, sie sei verhaftet worden, weil sie in der Woche zuvor zu der Versammlung gekommen war. Sie war bis vor wenigen Minuten in Gewahrsam, bis ihr Mann und ihre Tochter kamen und für sie bürgten [„assumed her custody“]. Ihr Verbrechen bestand darin, dass sie sich in den letzten zwei Wochen um die Gesundheit ihres Sohnes gesorgt hatte und Nachforschungen anstellte.“

*) Anm. d. Übers.: Noch immer wurde von den Familien der Hungerstreikenden nicht bestätigt, dass der Hungerstreik tatsächlich beendet ist. Es gibt nach meinem jetzigen Kenntnisstand keinerlei Nachrichten von den Gefangenen. Viele Aktivisten stehen dem offiziell verkündeten Ende des Hungerstreiks deshalb sehr skeptisch gegenüber.

Übersetzung aus dem Englischen: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben
Veröffentlicht bei International Campaign vor Human Rights in Iran (ICHRI) am 11. August 2010
Quelle (Englisch): http://www.iranhumanrights.org/2010/08/goudarzi-mother-interview/

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