Mohammad Nourizads letzter Brief an den iranischen „Obersten Führer“

Die Filmemacher Mohammad Nourizad (l.) und Jafar Panahi nach ihrer Freilassung aus dem Gefängnis im Frühjahr 2010

Der iranische Journalist und Filmemacher Mohammad Nourizad hat unter dem Titel „Der letzte Brief Mohammad Nourizads an den Führer“ seinen sechsten Brief an den iranischen Obersten Führer Ali Khamenei verfasst. Nourizad ist derzeit auf Kaution frei.

Im April 2010 war er wegen seiner drei offenen Briefe an Khamenei und einer schriftlichen Kritik am Justizchef zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden.

Persian2English hat Teile von Nourizads sechstem Brief ins Englische übersetzt.

Der Tod ist unausweichlich und wird Sie und mich verschlingen. Wir, die Verlorenen und die Unbekannten, werden bald aus dem Gedächtnis getilgt sein. Sie jedoch haben zur Geschichte dieses Landes einen Beitrag geleistet, und davon wird man noch lange sprechen. Trotz allem, was wir nicht haben und was Sie haben, vereint uns ein gemeinsames Schicksal, und dieses Schicksal ist, dass wir sterben und verrotten werden und am Jüngsten Tag Rechenschaft werden ablegen müssen.

Sie werden ebenso wie wir vor dem Jüngsten Gericht stehen. Alle, die glücklich waren, und alle, die unzufrieden waren, werden ihre Kümmernisse vorbringen dürfen. Uns werden viele nicht kennen, Sie jedoch werden viele zufriedene Freunde und unzufriedene Beschwerdeführer haben.

Ihre Freunde und Anhänger werden Ihre Tugenden preisen: Großer Gott, wir haben gesehen, dass Seyyed Ali Khamenei ein mutiger, tapferer und einflussreicher Prediger war. Er hat uns stets zur Frömmigkeit aufgerufen. Er hat keinen weltlichen Besitz angehäuft, und er hat sich im Alleingang den USA und Israel entgegengestellt. Er hat unser Land durch das Labyrinth des Aufruhrs gesteuert und uns bei jeder Gelegenheit vor den Feinden gewarnt, die im Hinterhalt lauern. Während seiner langen Führerschaft rang das Land nicht nur mit der tief verwurzelten Armut und Korruption, sondern wir erzielten Errungenschaften wie Stammzellenforschung, Shahab-Raketen und Urananreicherung, wir haben den Omid-Satelliten ins All geschossen und sogar im 33tägigen Krieg den Sieg der Hisbollah über Israel erreicht.

Lieber Führer,
[…] außer Ihren Freunden und Anhängern, von denen die meisten von Ihrer Führung profitieren, werden auch Menschen zugegen sein, die sich beschweren. Aus Freundschaft, und weil ich Ihnen eine gute Zukunft wünsche, werde ich einige dieser Beschwerden wiederholen – es ist möglich, dass Ihre Freunde, die ihre Augen (vor allen existierenden Übeln) verschlossen haben und die im Justiz- und Sicherheitssektor arbeiten, über die von mir hier gestellten Fragen erbost sein und mit mir das tun werden, was sie hunderten unschuldiger Menschen angetan haben.

Am Jüngsten Tag wird es vor Gott Beschwerden über Sie geben, die lauten werden:

1) Goßer Gott, abgesehen von den Tugenden, die Seyyed Ali Khamenei haben musste und hatte, und abgesehen von den guten Taten, die er vollbringen musste und vollbracht hat, hat er seit Anbeginn seiner Führerschaft die Trommeln der Spaltung geschlagen. Er hisste die Flaggen derer, die „zum inneren Kreis des Regimes gehören“ und derer, die „nicht zum inneren Kreis gehören“, so dass die Gesellschaft auf den Pfad der Spaltung und der Teilung geführt wurde […] Großer Gott, warum haben die, die in seinem Namen ausgewählt und geprüft haben, unsere zivile und soziale Würde und unseren Respekt verleugnet?

2) Großer Gott […] in den Jahren seiner Führung wurden viele Menschen wegen des geringsten Protestes und der kleinsten Kritik an führenden Offiziellen eingesperrt und gefoltert. Diese Menschen erlitten großen psychischen und sozialen Schaden.

3) Unter seiner Herrschaft wurde das Gesetz und seine Einhaltung durch Offizielle mit Geringschätzung behandelt […] ein unbekannter, armseliger Mensch kam ins Gefängnis, weil er jemandem 1000 Dollar schuldete, während der Lieblingspräsident des Führers, der Vizepräsident, einige Minister und seine Regierungsoffiziellen in Millionen Dollar schwere Unterschlagungen und Erpressungen verwickelt waren. Sie haben miteinander in einem Marathon der Demagogie gewetteifert und das Volk und das Gesetz verhöhnt. Genau dieses Gesetzt ist jetzt der Teppich, auf dem die feigen Parlamentsabgeordneten wandeln. Es wird von ängstlichen und korrupten Richtern geschlachtet. Es wird von Agenten des Geheimdienstministeriums gehäutet und verschlungen. Und schlussendlich wurde das Gesetz von den Revolutionsgarden geplündert und gebrandschatzt, die vorgaben, im Rahmen eben dieses Gesetzes zu handeln, es aber in Wirklichkeit gestalteten, wie sie wollten.

4) […] während seiner Herrschaft wurden Sucht, Arbeitslosigkeit und Konsumdenken zu den vorherrschenden Phänomenen in der Gesellschaft. Das internationale Ansehen des Landes wurde beschädigt und verschlechterte sich […]

5) Unter Seyyed Ali Khamenei wurden Heuchelei, Schmeichelei, Täuschung und Verantwortungslosigkeit zu einem allgemeinen Trend und zur (Anti-)Kultur. Die Offiziellen logen ständig und entschieden sich für den falschen Weg, und das Volk schaute auf sie, lernte, und folgte ihrem Beispiel. Warum sollten in einem Land, in dem eine instabile Person wie der Präsident lügt, dem Volk sein Geld stiehlt und Chancen in Schall und Rauch aufgehen lässt, die Menschen nicht dasselbe tun?

6) Fachkräfte und Elite hatten keine andere Wahl, als im Ausland Zuflucht zu suchen, denn es waren Leute an der Spitze, die keinerlei Verdienste hatten und [ihre Position] nicht verdienten. [Die Elite] floh, weil es keine Rechtsstaatlichkeit gab. Das kindische, auf Ölgeld aufgebaute Management deutete darauf hin, dass hohle Worte kein Antrieb für die nicht auf Erdöl basierende Wirtschaft waren […] das Land wurde von Menschen regiert, die weder Fachwissen noch Kompetenz besaßen. Die „Seuche des Elitizismus“ [Wortspiel, „eliticide“, d. Übers.] führte dazu, dass die Angelegenheiten des Landes von Menschen geregelt wurden, die weder das Wissen noch die Kompetenz dafür hatten. Folglich wurden der Reichtum und die Ressourcen der Nation verschwendet.

7) Unter Seyyed Ali Khamenei, vor allem in den letzten Jahren seines Lebens, hatten die Menschen, die dem Gesetz nach berechtigt sind, zu kritisieren, zu protestieren und zu streiken, nie die Möglichkeit, ihre Forderungen zu äußern. Der geringfügigste Versuch des Widerspruchs und des Protests wurde als Akt der Feindschaft, Spionage und als Umsturzversuch angesehen […] Wer protestierte, wurde ins Gefängnis geworfen, gefoltert, in Einzelhaft genommen. In aberwitzigen Urteilen wurden vorgefertigte Todes- und Haftstrafen verhängt.

8.  Großer Gott, hast du gesehen, wie Khamenei neben all seinen Tugenden ein Konzept einführte und institutionalisierte, dass sich „Erlangung der Billigung und der Frömmigkeit von Kandidaten durch den Rat der religiösen Rechtsprechung“ nannte […] damit kein unabhängiger und frei denkender Abgeordneter ins Parlament gewählt und gegen die Fehler des Führers protestieren konnte […] mit dem Ergebnis, dass der Führer in eine Aura aus Heiligkeit eingehüllt war und das Volk keinen Zugang mehr zu Seyyed Ali hatte […] die absolute Macht, die er für sich aufgebaut hatte, gestattet niemandem und keiner Bewegung eine gütige Auslegung [„pathology“] der Führerschaft. Deshalb wurden die Säulen der Gesellschaft von Korruption durchsetzt […] Jahr für Jahr versank das Land tiefer im Sumpf verachtenswerter Stammesverbindungen […]

9) […] das staatliche Fernsehen und Radio griff zu den heftigsten Lügen […] und andere Medien verwandelten sich in Pumpen, die statt klaren Brunnenwassers Abwasser saugten […]

10) Großer Gott, Seyyed Ali betrat die Bühne, um sich für einen tumben Geist wie Ahmadinejad einzusetzen, und er hat das Bild eines unparteiischen Führers beschädigt […] Khamenei hat alle Wege, die zu Veränderungen führen können, versperrt, damit er auch weiterhin am Hebel der Macht bleiben kann.

Unser lieber Führer,

Ich wünschte, Sie würden nach Ihrem Tode einen guten Namen hinterlassen und gegen das Unrecht angehen […] so dass die Menschen morgen von Ihnen sagen könnten: „Khamenei war ein weiser und aufgeklärter Führer […] auch wenn er gegen Ende seiner Herrschaft die Kontrolle verlor und einiges an Schaden angerichtet wurde […] wie Nelson Mandela gab er Schlüsselpositionen auf und ebnete der Rechtsstaatlichkeit den Weg für.

Wenn Sie mich fragen würden, was der erste Schritt sein könnte, würde ich antworten: Ihre noble Anordnung, dass alle unschuldigen Gefangenen in die Arme ihrer Lieben zurückkehren dürfen.
[…]

Nachtrag Mittwoch, 18. August 2010 (22:20 Uhr):
Am Mittwoch Abend wurde Mohammad Nourizad ins Evin-Gefängnis bestellt

Übersetzung aus dem Englischen: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben
Englische Übersetzung veröffentlicht bei Persian2English am 17. August 2010
Die Briefe können in persischer Sprache auf der Webseite von BBC Persian nachgelesen werden

3 Antworten zu “Mohammad Nourizads letzter Brief an den iranischen „Obersten Führer“

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