Neue Dimensionen der Grausamkeit im Gefängnis Rajaie Shahr in Karaj

Der politische Gefangene, Herr Saleh KOHANDEL, hat einen erschütternden Brief aus dem Gefängnis Rajaie Shahr schicken können, mit dem Versuch ein Bild von dem dort herrschenden Terror und Verbrechen zu geben:„Ich weiß nicht wie ich die tausend Schmerzen, hervorgerufen durch die Verbrechen des Regimes gegen die Menschenrechte, welche ich seit ’79 [das iranische Jahr 1379, nach westlichem Kalender das Jahr 2000, d. Hrsg.] in den schrecklichen Gefängnissen gesehen habe und noch immer sehe, aus mir heraus schreien soll. Wenn ich mich Gott und meinem Volk nicht verantwortlich fühlen würde, würde ich mich ohne Zögern im Gefängnis Rajaie Shahr in Karaj verbrennen, um mich von all den unbeschreiblichen Qualen hier, welche tausend Mal schlimmer als Erschießen und Steinigung sind, zu befreien.

Ich stoße meine Schreie aus den Tiefen des höllischen Gefängnisses Rajaie Shahr aus, damit alle Menschen, die ein Gewissen und menschliches Blut in ihren Adern haben, meine Stimme hören und erfahren, dass sich der Verbannungsort Rajaie Shahr in einem schier katastrophalen Zustand befindet, schlimmer als im dunkelsten Mittelalter, außerhalb jeglicher menschlicher Vorstellungskraft.

In einem Schlafraum von 100 Quadratmeter sind 250 Gefangene untergebracht. Hunderte Gefangene sind gezwungen, aufeinander zu schlafen, wie ein Stapel Bücher, eingepfercht wie in einer Sardinenbüchse.

Hier ist ein Ort, an dem fast Gleichheit herrscht, unabhängig davon, ob jemand gesund ist oder krank, verrückt oder vernünftig, Schriftsteller oder Mörder, Professor oder süchtig. Nach nur 10 Tagen werden alle gleich, bis auf ein paar wenige Raufbolde, die sich als Wachtposten deklariert haben.

Die Anzahl der Gefangenen steigt täglich um 40 bis 50 Personen. Jeder Neuankömmling wird, ohne dass er die elementarsten Dinge des Lebens bekommt, in die Menge geworfen. Innerhalb von Minuten lernt er sich anzupassen. Damit er nicht beschimpft und geschlagen wird, stellt er sich blind, taub und stumm und unterwirft sich den höllischen Bedingungen.

Falls er draußen jemanden hat, der ihm wöchentlich mindestens 250,000 Tuman auf sein Konto überweist, hat er die Möglichkeit sich bessere Umstände zu erkaufen (Drogen, mehr Schlafraum), ansonsten muss er für die Erfüllung kleinster Bedürfnisse jede Art von Beleidigungen ertragen, und es dauert nicht lange, bis er aufgrund des massiven Drucks entweder Suizid begeht (so weit hier möglich) oder sich selbst verletzt oder vollkommen durchdreht und mitten im Hof nackt herumhängt. Manch gut aussehender junger Mann wird gleich nach seiner Ankunft Opfer von Gruppenvergewaltigungen.

Hier gibt es keinen Einzigen, der sich vor den Läusen retten kann. Man begegnet ständig Gruppen, die, ihre Klamotten unterm Arm, am Entlausen sind. Ein Stück weiter stehen andere am Waschbecken Schlange, die sich ständig kratzen oder sich um einen Platz in der Reihe prügeln. So kann sich einer glücklich schätzen, wenn er nach einer halben Stunde, wenn er schließlich dran ist, überhaupt Wasser bekommt. Hier gibt es für Hunderte Menschen nur ein Waschbecken, das kaputt und außer Betrieb ist.

In den paar Jahren, in denen ich hier bin, waren es die Läuse, die die Gefangenen besiegt haben und sich von Tag zu Tag vermehren.

Ab und zu sieht man unglückselige Gefangene, die, gerade zurück von einem Gerichtstermin oder einem Besuch, versuchen mit einem Wasserschlauch die versteckten Drogen in ihrem Bauch wieder rauszuholen. Hier decken Drogen die wichtigsten Bedürfnisse, bei alten Männern, die von weitem nach Urin und Kot stinken und jungen, mittlerweile psychisch kranken Menschen, die nachts aufeinander urinieren, sich entleeren, egal wo sie sind.

Hier wimmelt es von jungen und alten Menschen, die vor dem Tod kapituliert haben, aber es gibt hier niemanden, der sie vor den Qualen des Lebens rettet.

Ich weiß nicht, wie ich meinen Brief beenden soll. Es kommt mir vor, als stünden hier tausende Qualen, darauf wartend, dass man sie eines Blickes würdigt. Ich wünschte es wäre ein böser Traum, aber ich bin wach, und das hier ist eine menschliche Tragödie in einem Land, dessen Verantwortliche behaupten, die Auserwählten der Welt zu sein. Ich habe diesem Regime und dessen gemeinen Tagelöhnern, den Feinden der Menschen im Iran und in anderen Ländern, nichts zu sagen, aber ich habe einige Sätze an die Menschenrechtsorganisationen zu richten:

Die Welt, die Ihr Menschenrechtler seht, ist nicht die Welt von Rajaie Shahr.
Ihr sprecht von Menschenrechten, hier aber haben die Gefangenen nicht einmal Rechte wie ein Tier.

Ihr redet von hygienischen Möglichkeiten, aber hier erscheint den Gefangenen das Wort Hygiene wie eine fremde Vorstellung, so dass sie die schlimmsten Krankheiten aufeinander übertragen.

Ihr redet von Obst und Gemüse als Mangelware, während hier der Gefangene nach einem Stück trockenen Brot im Müll sucht.

Ihr redet von ungenügenden medizinischen Bedingungen, während hier das Wort Gesundheit in Vergessenheit geraten ist.

Ihr empfindet Empörung wegen einer Hinrichtung, eine Empörung hervorgehend aus der intellektuellen Freiheit eurer zivilisierten Gesellschaft, während man uns hier sogar der Möglichkeit des Selbstmordes beraubt, nicht dass einer dadurch sich von all den Qualen befreit oder das Regime noch mehr in Verruf bringt.

Ihr sorgt euch, dass eine Frau gesteinigt werden soll, aber hier berührt Steinigung niemanden mehr, hier werden die Gefangenen täglich hunderte Male gesteinigt.

Die Qualen sind mehr, als dass ich sie beschreiben kann. Eure Vorstellung von wahrer Qual in einem Gefängnis wie diesem ist viel zu schwach gegenüber dem, was ich hier erlebe. Wenn jemand dieses Gefängnis hier jemals erlebt hat, wird er mir vorwerfen, dass ich in diesen paar Sätzen nicht mal ein tausendstel der Qualen beschrieben habe. Ich bitte um Vergebung! Er hat Recht!

Was mich immer wieder beschäftigt, sind diese zentralen Fragen:

Würden Gefängnisse wie Kahrizak, Rajaie Shahr etc. unter der jetzigen Regierung bei potentiellen Reformen auch reformiert werden?

Hätte das Regime ohne solch schreckliche Gefängnisse überhaupt eine Überlebenschance?

Wann und wie können Orte wie Kahrizak sich in einen Rosengarten verwandeln?
Und aus welchem Geist sind Orte wie Kahrizak und Rajaie Shahr geboren?“

Saleh Kohandel, Zelle 4, Gefängnis Rajaie Shahr, Karaj

11. August 2010

Dieser Brief wurde überbracht durch einen Mithäftling von Saleh Kohandel

Dieser Brief wurde folgenden Organisationen zugestellt:
– Ban Ki.moon, Generalsekretär der Vereinigten Nationen
– Navanethem Pillay, Hochkommissarin für Menschenrechte der Vereinten Nationen
– Menschenrechtskommission der Europäischen Union
– Amnesty International
– Human Rights Watch

Übersetzung aus dem Persischen: Mitra
Veröffentlicht bei Pars Daily News am 29. Mordad 1389 (20. August 2010)
Quelle (Persisch): http://parsdailynews.com/69876.htm

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