Neda Agha Soltans Mutter bittet internationale Gemeinschaft um Hilfe bei der Suche nach dem Mörder ihrer Tochter

Nedas Mutter Hajar Rostami sprach mit ICHRI

In einem Interview mit International Campaign for Human Rights in Iran (ICHRI) hat Neda Agha Soltans Mutter Hajar Rostami an internationale Menschenrechts-organisationen und den Internationalen Gerichtshof in Den Haag appelliert, den Mörder ihrer Tochter zu finden. Mehr als ein Jahr, nachdem Neda Agha Soltan vor den Augen der Welt starb, will ihre Mutter, dass die Mörder ihrer Tochter zur Rechenschaft gezogen werden. In einem Interview mit ICHRI sagte Rostami, alle Anstrengungen der Familie, Nedas Mörder zu finden, seien ergebnislos geblieben. „Ich habe der Regierung nichts mehr zu sagen. Die ganze Zeit über habe ich geschwiegen. Jetzt möchte ich, dass die Welt mir hilft, Nedas Mörder zu finden. Ich habe mein Kind verloren, mein Leben wurde auf den Kopf gestellt. Jedes Mal, wenn ich von ihrem Grab zurückkomme, fühle ich mich, als sei meine Tochter gerade erst gestorben, als hätten wir sie gerade erst begraben“, sagte Rostami gegenüber ICHRI.

Rostami zufolge haben die iranischen Behörden nach dem Tod ihrer Tochter keinerlei Druck auf sie ausgeübt und sie immer respektvoll behandelt. Doch Rostami beklagt sich über die vielen Versuche, die Wahrheit über den Tod ihrer Tochter zu vertuschen, so z. B. die „Dokumentationen“, die von der staatlichen iranischen Rundfunkanstalt IRIB ausgestrahlt wurden und die Äußerungen einiger iranischer Autoritäten wie manchen Freitagsimamen, vor allem aber Äußerungen des IRIB-Chefs Ezzatollah Zarghami.

„Ich habe den Film nicht gesehen, ich habe nur davon gehört. Ich wollte ihn nicht sehen. Ich habe keine Meinung dazu. Sie haben drei Filme ausgestrahlt, und jedes Mal haben sie ihren jeweils vorangegangenen Behauptungen widersprochen. So weit ich als Nedas Mutter es weiß, war sie hinausgegangen, um zu demonstrieren und wurde von deren Kräften getötet. Es gibt keine andere Geschichte.“

„Sie behaupten, dass dies ein freies Land ist, in dem jeder seine Meinung sagen kann, und dass es im Iran vollständige Freiheit gibt. Das ist absolut nicht wahr“, sagt Rostami hinsichtlich der Zwecke dieser Programme. ICHRI fragte Hajar Rostami, ob sie glaube, was in den IRIB-Dokumentationen verbreitet wird. „Niemand glaubt diese Lügen, weder Iraner noch Leute im Ausland. Sie sagen, dass Neda von einer Frau getötet wurde. Was hat Neda getan, dass eine Frau sie hätte töten sollen? Ich weiß, wer der Mörder ist, aber die Regierung akzeptiert das nicht“, so Rostami.

Rostami betont, sie habe zu jeder staatlich produzierten Dokumentation geschwiegen. „Sie haben Neda am hellichten Tag umgebracht. Ich habe Beschwerde eingereicht, aber bislang bin ich damit nicht sehr weit gekommen. Jetzt wollen sie, dass ich wegen der Dokumentationen Klage einreiche?“ fragt sie.

Ihr einziger Trost sei die weltweite Unterstützung. „Sie sagten, sie hätten den Film, der zeigt, dass Neda Selbstmord begangen hat, nicht gemacht. Ich sagte, nun ja, Ihr Sender hat den Film aber ausgestrahlt. Wie können Sie dann sagen, sie hätten nichts davon gewusst? Sie sagten, sie würden einen Film machen und zeigen, wer Neda getötet hätte. In diesem Film hieß es dann, der Mörder sei eine Frau gewesen. Als ich gegen den Film mit der Selbstmord-Variante Einspruch einlegte, erhielt ich die Antwort, ich solle meine Einwände in den Zeitungen mitteilen. Ich sagte, was kann ich in einer Zeitung sagen, die von der Regierung veröffentlicht wird?“

Rostami beschreibt in dem Interview, wie die Behörden der Islamischen Republik sich von dem Vorwurf der Verwicklung in Nedas Tod freizusprechen versuchen. „Sie sagen zu mir: ‚Sie wissen sehr wohl, dass die Regierung Neda nicht getötet hat. Nedas Tod war verdächtig, und vielleicht sind mehrere Menschen bei den Ereignissen [den Protesten nach der Präsidentschaftswahl 2009] ums Leben gekommen, aber wir haben Neda nicht getötet. Es handelt sich um Verschwörungen, mit denen die Islamische Republik in den Augen der Welt diskreditiert werden sollte. Mit Nedas Tod sollte die Islamische Republik zerstört werden.'“ Mit den „Dokumentarfilmen“ sei jedoch alles nur noch schlimmer für sie [die Islamische Republik] geworden, so Rostami.

ICHRI gegenüber erzählte Frau Rostami, dass Familie Agha Soltan von Sicherheitskräften unter Druck gesetzt wurde, damit sie Fernsehinterviews gibt. „Sie sagten zu mir, die Regierung habe meine Tochter nicht getötet, darum sollte ich mich an Fernsehsender oder an andere Medien wenden und darüber sprechen. Ich antwortete ihnen, dass ich wüsste, wer Nedas Mörder sei und dass ich deswegen niemals zu ihren Fernsehsendern gehen würde. Sie sagten, wir als ihre Eltern müssten an dem Film „Crossroads“ mitwirken. Ich antwortete, dass ich niemals zu dem Sender gehen würde, der von Herrn Zarghami geleitet wird. Herr Zarghami hat einmal gesagt, Neda sei eine Schauspielerin und habe nur geschauspielert, als sie ihre Augen so verdreht hat“, so Nedas Mutter.

Neda Agha Soltans Musiklehrer Hamid Panahi und ihre Freundin Setareh haben sich an dem Dokumentarfilm „Crossroads“ beteiligt. „Nach der Trauerfeier für Neda habe ich ein paar Sachen bei Herrn Panahi abgeholt und ihn danach nie wieder gesehen. Ich meine, ich wollte ihn nie wieder sehen, denn ich glaube, dass jemand, der zum Geheimdienstministerium gehen kann, zu allem fähig ist. Natürlich spreche ich ihm nicht das Recht ab, zu tun, was er möchte“, sagte Hajar Rostami.

„Eine Freundin rief mich neulich aus den USA an und sagte, sie habe von Neda geträumt. Neda habe ihr im Traum gesagt, sie solle ihren Eltern sagen, dass sie im Iran gegen ihre Mörder Klage erheben sollen, und wenn das nicht möglich sei, Klage in Den Haag einzureichen. Den Anruf von ICHRI sehe ich als Fortsetzung des Traums, den meine Freundin hatte“, fügte Rostami hinzu.

„Herr Zarghami hat behauptet, dass Neda eine Schauspielerin war, weil sie mit offenen Augen starb. Ich möchte ihm sagen, dass er sich eine Sekunde lang an meine Stelle versetzen soll. Seine Worte haben mich schrecklich getroffen. Gott weiß, dass Neda keine Schauspielerin war, sie war eine junge Frau, wie andere Jugendliche. Sie wollte für ihre Freiheit demonstrieren. Warum nennt man sie Schauspielerin? Herr Zarghami, Nedas Augen waren offen und werden offen bleiben, bis sie eine Antwort finden. Wenn sie ihre Augen geschlossen hätte, hätte es vielleicht nicht dieselbe Wirkung gehabt. Ihre offenen Augen haben die Welt und die iranische Nation aufgerüttelt, weil sie [die Regierung] rigoros bestreiten, Neda umgebracht zu haben“, schloss Hajar Rostami.

Hintergrund:
Neda Agha Soltan, geboren am 23. Januar 1983, ist eine von dutzenden Menschen, die bei den Protesten im Sommer 2009 in Teheran ums Leben kamen. Sie wurde im Teheraner Viertel Amir Abad an der Ecke Shahid Salehi-Straße/Khosravi-Alle getötet. Niemand hat bisher die Verantwortung für Neda Agha Soltans Tod übernommen. In den Monaten nach ihrem Tod haben der staatliche iranische Sender IRIB und verschiedene andere offizielle Stellen der Islamischen Republik immer wieder verschiedene Szenarien zu ihrem Tod präsentiert.

Veröffentlicht bei International Campaign for Human Rights in Iran (ICHRI) am 30. August 2010
Quelle (Englisch): http://www.iranhumanrights.org/2010/08/neda_agha_soltan_mother_appeals_international_courts/
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