Sakineh Ashtiani: Anwalt Kian bestätigt 99 Peitschenhiebe für falsches Foto

Sakineh Mohammadi Ashtiani

Auch Sakineh Mohammadi Ashtianis Anwalt Javid Kian hat sich jetzt zu dem Fall geäußert. Demnach wurde Frau Ashtiani tatsächlich zu 99 Peitschenhieben „verurteilt“. Allerdings ist nicht die Rede von einem Gerichtsprozess, und es ist nicht ersichtlich, ob es sich tatsächlich um ein Gerichtsurteil handelt oder etwas wie eine willkürlich verordnete außergerichtliche „Bestrafung“ (also Folter).

Wie dem auch sei – der Fall verdeutlicht zumindest zweierlei: Die große Öffentlichkeit, die sowohl der Fall Ashtiani als auch der Fall der Repression gegen Familie Mostafaei erhalten hat, scheint gerade viel destruktives Potenzial zu entfalten. Mostafaeis Frau und Tochter sind vor wenigen Tagen ungehindert aus dem Iran nach Norwegen ausgereist, nachdem seine Frau zuvor tagelang von den iranischen Behörden ohne konkreten Anlass in Haft gehalten worden war. Dass hinter den Kulissen möglicherweise weiterhin massiv Druck ausgeübt wird, liegt auf der Hand und könnte die jüngsten, mit persönlichen Angriffen und wenig überzeugenden Argumenten gegen eine zusätzliche Auspeitschungsstrafe („die Gesetze der Islamischen Republik sehen so etwas nicht vor“) durchsetzten Einlassungen Mostafaeis möglicherweise erklären. Die Eskalation und Verlagerung des Augenmerks von der Person Ashtianis auf den Schlagabtausch zwischen Herrn Mostafaei und der Initiatorin der Kampagne gegen die Steinigung Ashtianis, dem International Committee Against Executions, sowie Sakineh Asthianis Sohn Sajad Ghaderzadeh können der Kampagne für Sakineh Ashtiani schaden und Keile in die Opposition im Ausland treiben. In wessen Interesse so etwas liegen dürfte, muss nicht erwähnt werden.

Nach Einschätzung von Javid Kian könnte die Hinrichtung Sakineh Ashtianis nach dem Ende des Ramadan unmittelbar bevorstehen.

Um die hier zu dem Thema „Falsches Foto“ bisher veröffentlichten Informationen abzurunden, folgt ein Auszug aus einem Artikel in der New York Times von gestern. Vollständig ist das Bild m. E. damit noch nicht.

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6. September 2010, New York Times – Auszug: […]

Die jüngste Episode nahm am 28. August ihren Anfang, als die Londoner Times auf ihrer Titelseite das Foto einer dunkelhaarigen Frau veröffentlichte, die […] keinen Tschador trägt. Die Überschrift über dem Foto lautete: „Das wahre Gesicht der Frau, die der Iran steinigen will“. Ein Leitartikel rief dazu auf, Teheran weiterhin unter Druck zu setzen, um Frau Ashtianis Steinigung zu verhindern.

Fünf Tage später veröffentlichte die Times eine Entschuldigung. Das Foto zeige „nicht Frau Ashtiani, sondern Sousan Hejrat, eine in Schweden lebende Exiliranerin.“ Der Fehler wurde auf Missverständnisse zwischen Journalisten, einem der Anwälte Ashtianis, Mohammad Mostafaei, und ihrem 22jährigen Sohn Sajad Ghaderzadeh zurückgeführt.

Ashtianis Anwalt Javid Houtang Kian teilte mit, zwei Frauen, die zusammen mit Frau Ashtiani im Gefängnis von Tabriz inhaftiert und vor Kurzem freigekommen waren, hätten ihm berichtet, Frau Ashtiani habe gesagt, dass sie nach dem Erscheinen des Fotos mit 99 Peitschenhiebe für „Unschicklichkeit“ bestraft worden sei.

Frau Hejrat, 48, bestätigte in einem telefonischen Interview von Schweden aus, dass es sich um ihr Foto gehandelt habe. Sie habe das Foto zusammen mit Artikeln für eine Kampagne für Frauenrechte im Iran verwendet. „Die Fotos könnten in der E-Mail durcheinandergekommen sein“, sagte sie und fügte hinzu: „Ich bin sehr aufgebracht darüber, dass Frau Ashtiani noch einmal bestraft wurde, weil die iranische Regierung ein Foto von mir gesehen hat.“

Javid Kian zufolge verwenden die iranischen Behörden das Foto als „Vorwand, um Druck auf sie [Ashtiani] und ihre Umgebung“ auszuüben. Nach ihrer Erklärung zum Mord an ihrem Ehemann sei an Frau Ashtiani eine Scheinhinrichtung vollzogen worden. Das Auspeitschungsurteil habe darauf abgezielt, „ihre Familie und die Journalisten, die über den Fall berichten könnten, abzuschrecken“, sagte Kian weiter. „Damit soll ihnen Angst eingejagt werden, damit sie nicht reden, und um die Familie zum Schweigen zu bringen.“

Simon Pearson, Herausgeber bei der Times in London, sagt, dass die Zeitung die Verwirrung um die Fotos noch untersucht. „Aber wenn das, was wir hören, stimmt“, sagte er mit Blick auf das Auspeitschungsurteil, „muss man den Schluss daraus ziehen, dass sie den westlichen Medien damit sagen wollen, dass Frau Ashtiani leiden wird, wenn wir über sie berichten.“

Ashtianis Sohn Sajad Ghaderzadeh war am Sonntag nicht zu erreichen. In einem am Samstag von der von Exiliranern geführten Organisation International Committee Against Execution veröffentlichten offenen Brief bestritt er, die Quelle des Fotos zu sein, das „den Gefängnisbehörden einen Vorwand geliefert hat, meine Mutter noch mehr unter Druck zu setzen.“ Er machte Mohammad Mostafaei verantwortlich und erklärte, Mostafaei sei nicht länger der Anwalt seiner Mutter. [Dem oben verlinkten Brief nach bittet er Mostafaei außerdem darum, keine weiteren Stellungnahmen zu dem Fall abzugeben, d. Übers.]

Am Sonntag, dem 5. September  hatte Mostafaei, der unter dem Druck der iranischen Regierung aus dem Iran geflohen war und jetzt in Norwegen lebt, erklärt, er arbeite weiterhin für Frau Ashtiani. Das Foto sei ihm von einem Internet-Cafe aus per E-Mail von Frau Ashtianis Sohn zugesandt worden. Kontaktpersonen aus dem Gefängnis Tabriz hätten ihm zudem versichert, dass Frau Ashtiani nicht ausgepeitscht worden sei.

Kian erklärte, er wisse nicht, wie das Foto von Frau Hejrat in die Times gekommen sei und bedaure, dass der Zeitung das Foto zugegangen sei.

Quelle (Englisch): New York Times, 6. September 2010

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