Im Exil lebender Mitstreiter Abdollah Momenis über dessen Folterschilderungen

Abdollah Momeni (l.), dezeit im Gefängnis, und Mohammad Sadeghi

11. September 2010, RFE/RL (Auszug) – Mohammad Sadeghi über Abdollah Momenis Brief an Ayatollah Khamenei vom August 2010

von Golnaz Esfandiari

[…] Momeni ist Sprecher der Alumni-Organisation Advar Tahkim Vahdat, der größten reformorientierten Studentengruppe Irans. Mehrere Mitglieder der Gruppe waren im Zuge der Niederschlagung der Proteste nach der Präsidentschaftswahl von 2009 verhaftet worden, andere wurden ins Exil getrieben. So auch Mohammad Sadeghi, Mitglied des Zentralrats der reformorientierten Organisation. Mit ihm sprach ich über Momenis schwierige Situation und die Gründe für den Druck auf seine Organisation.

Ihr Freund und Kollege Abdollah Momeni hat aus dem Evin-Gefängnis einen Brief geschrieben, in dem schildert, wie er mit Folter und Repression zum Ablegen falscher Geständnisse gewzungen wurde. Momeni war schon in der Vergangenheit mehrfach verhaftet worden. Warum, glauben Sie, ist er so unter Druck gesetzt worden?

Mohammad Sadeghi: Wie Sie wissen, gehört Abdollah Momeni zu den Führern der iranischen Studentenbewegung und war dem iranischen Establishment gegenüber immer kritisch. Er hat immer alles getan, um die Rechte von Studenten zu verteidigen, die wegen ihrer Aktivitäten zu Haftstrafen verurteilt (oder vom Studium ausgeschlossen) wurden. Er spielte außerdem eine wichtige Rolle für die Beteiligung von Advar Tahkim Vahdat an der Wahl. (Anm. RFE/RL: Advar unterstützte den Wahlkampf des Reformgeistlichen Mehdi Karroubi). Seine Ansichten zu den Präsidentschaftswahlen vom letzten Jahr waren sehr fortschrittlich und einflussreich. Menschenrechte waren für ihn immer ein wichtiges Thema, und er hatte eine wichtige Rolle in der Führung der Studentenbewegung. All dies, zusammen mit seinen kritischen Ansichten, hat natürlich dazu geführt, dass das Establishment Anstoß an ihm nahm. Nachdem er schon in den vergangenen Jahren mehrmals im Gefängnis war, wurde er nach der Präsidentschaftswahl wieder verhaftet, und das Establishment versuchte, Abdollah Momeni als ein Symbol der Studentenbewegung zu brechen, um die Studentenbewegung selbst und die kritischen Studenten zu treffen und in ihrer Arbeit zu stoppen.

Uns liegen Berichte darüber vor, dass er selbst während seiner Haftunterbrechung zum iranischen Neuen Jahr weiter unter Druck gesetzt wurde. Damals waren Sie noch im Iran. Können Sie uns sagen, womit er damals unter Druck gesetzt wurde?

Sadeghi: Die Haftunterbrechung für Momeni war mit bestimmten Vereinbarungen verbunden. (Beamte) hatten ihm gesagt, dass er sich von seinen früheren Ansichten distanzieren müsse, und sie hatten von ihm verlangt, dass er ihr Spiel spielt. In der sehr kurzen Zeit seiner Haftunterbrechung wurde er viele Male von seinen Befragern, Sicherheitsorganen und Justizbeamten kontaktiert, die wollten, dass er an verschiedene Universitäten geht und Statements gegen sich selbst und [seine Organisation] Advar abgibt. Er wurde sogar aufgefordert, im staatlichen Fernsehen seine Fehler zu „gestehen“. Mehrmals wurde er von Reportern der Hardliner-Medien angerufen, die Interviews mit ihm machen wollten. Momeni ging nie auf diese Forderungen ein. Insbesondere wollten sie, dass er einen Brief gegen (Oppositionsführer Mehdi Karroubi) und Advar veröffentlicht. Momeni weigerte sich und musste wieder zurück ins Gefängnis.

Momeni ist Sprecher von Advar. Ahmad Zeidabadi, Generalsekretär Ihrer Organisation, ist ebenfalls im Gefängnis und soll ebenfalls unter großem Druck stehen, genau wie mindestens drei weitere führende Mitglieder – Ali Malihi, Hassan Asadi Zeidabadi und Ali Jamali – die letzten Monat verhaftet wurden. Was sind die Gründe gegen dieses harte Vorgehen gegen Ihre Organisation?

Sadeghi: In der Vergangenheit – unter dem Reformpräsidenten Mohammad Khatami sowie vor und nach der Präsidentschaftswahl vom letzen Jahr – hat Advar Tahkim Vahdat immer die Machtstruktur im Iran kritisiert. Viele glauben, dass unsere Organisation im Kampf um Demokratie für das iranische Volk an vorderster Front stand. Das Establishment ist gezwungen, auf eine Gruppe zu reagieren, die für Menschenrechte und Freiheit kämpft und die Machtstruktur mit ihrer Kritik herausfordert.
Die Mitglieder von Advar – darunter auch der damalige Generalsekretär Moussavi Khoeni – wurden ebenfalls verhaftet, und die Büros der Organisation wurden mehrmals geschlossen. Ich glaube, dies waren Reaktionen auf die Freiheitsbestrebungen von Advar.
Advar ist aber trotzdem lebendig, wie andere Gruppen, die trotz des Drucks der Regierung versuchen, weiter aktiv zu sein. Advars Aktivitäten werden wegen der Verhaftung einiger Mitglieder nicht aufhören. Advar hat 15 Zweigstellen in iranischen Provinzen, unsere Webseite ist aktiv, und die wenigen langjährigen Mitglieder, die nicht verhaftet wurden, setzen ihre Arbeit fort. Wir setzen uns weiterhin für die Forderungen des iranischen Volkes ein.

Sie würden also sagen, dass Ihrer Beobachtung nach der Druck und die verstärkte Repression die oppositionelle Grüne Bewegung nicht zum Schweigen zu bringen vermochte?

Sadeghi: Wenn ich den Brief von Momeni und anderen Freunden lese, ziehe ich daraus mehrere Schlüsse: Erstens legt er Verbrechen offen, die das Establishment nach der Wahl am Volk und an politischen Aktivisten beging, und zweitens – das, was Sie ansprachen – zeigt er, dass die demokratische Bewegung des iranischen Volkes trotz all des Drucks, trotz all der schmutzigen und feigen Projekte der falschen Geständnisse, lebt. All das zeigt, dass die Gefangenen, die jetzt unter schwersten Bedingungen leben, weiterhin zu ihren Positionen stehen, indem sie Briefe und Dokumente veröffentlichen. Und damit machen sie die Versuche der Behörden, Gefangene zu falschen Geständnissen zu zwingen, zunichte.

Es ist ein Zeichen dafür, dass die Bewegung lebendig ist und dass die Verhaftungen, Morde und Druckmittel die Krise nach der Wahl nicht beenden konnten. (Die Behörden) genehmigen nicht einmal mehr religiöse Zeremonien. Es gibt keine Straßendemonstrationen mehr, aber wir werden im Land künftig mehr Krisen haben, und die Behörden werden keine andere Wahl haben, als den Forderungen der Menschen nachzugeben.

Können Sie etwas dazu sagen, wie es dazu kam, dass Sie Iran verlassen mussten?

Sadeghi: Letztes Jahr war ich zwei Monate im Gefängnis und wurde gegen eine Kaution von 100 Mio. Toman (ca. 100.000 Dollar) freigelassen. Es lagen mehrere Anklagen gegen mich vor, und ich wartete auf eine Entscheidung des Gerichts. Zwischenzeitlich verlieh die tschechische Nichtregierungsorganisation „People in Need“ Abdollah Momeni und dem inhaftierten Studenten Majid Tavakoli ihren Menschenrechtspreis „Homo Homini“. Ich nahm im Auftrag ihrer Familien den Preis in der tschechischen Botschaft entgegen.

Danach wurde ich von Sicherheitsorganen unter Druck gesetzt, die mir Verbindungen zu ausländischen Botschaften und sogar Spionage vorwarfen. Seitdem habe ich Studienverbot, und es war klar, dass sie vorhatten, langjährige Mitglieder von Advar zu verhaften. Also war ich gezwungen, Iran zu verlassen. Meine Flucht aus Iran ist jetzt etwa einen Monat her, und ich lebe zur Zeit in Paris. Ich wollte eigentlich nicht außerhalb Irans leben, ich wollte wirklich bei meinem Volk bleiben und den Kampf fortsetzen. Aber ich war gezwungen zu fliehen.

Veröffentlicht bei Radio Free Europe/Radio Liberty am 11. September 2010
Quelle (Englisch): http://www.rferl.org/content/Exiled_Ally_Talks_About_Jailed_Iranian_Activists_Torture_Allegations/2155029.html
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Eine Antwort zu “Im Exil lebender Mitstreiter Abdollah Momenis über dessen Folterschilderungen

  1. Pingback: Brief des bekannten Gewissensgefangenen Abdollah Momeni an Ayatollah Khamenei | Julias Blog

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