Mohammad Mostafaei enthüllt Einzelheiten aus dem Fall Hengameh Shahidi: Schläge, Folter, Scheinhinrichtung

Persian2English, 22. September 2010 –  Der Menschenrechtsanwalt Mohammad Mostafaei enthüllt auf seinem Blog verstörende Fakten über die Misshandlung seiner Klientin Hengameh Shahidi im Gefängnis.

Persian2English empfiehlt, den Text dieser Übersetzung an die Vereinten Nationen zu schicken, damit die UN-Mitglieder ihre Einladung an Mahmoud Ahmadinejad zur UN-Generalversammlung als Repräsentanten Irans überdenken. Iran wird von einem Regierungssystem beherrscht, das mittels gewaltsamer physischer und psychischer Unterdrückung seiner Bevölkerung überlebt.

UN-Kontakte:

Navi Pillay, UN High Commissioner for the Office of Human Rights
Email: npillay@ohchr.org
Fax: +41-22-917-9008 (Geneva)
+1-212-963-4097 (NY)

His Excellency Ban Ki-moon, Secretary General of the United Nations
Tel: 1-212-963-7160, 61, 62
Fax: 212-963-7055

ONLINE-PETITION FÜR HENGAMEH SHAHIDI

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Übersetzung des Blogeintrags von Mohammad Mostafaei:

Neue Einzelheiten im Fall HEngameh Shahidi

Ich schlage vor, dass (Mitglieder) der UN-Sondergesandten für Menschenrechtsfragen sich zu einer mutigen Reise nach Iran aufmachen, um einen Bericht über Fälle von Menschenrechtsverletzungen zu erstellen.

Doch ihnen fehlt der Mut; wäre das nicht so, hätten sie diese Reise schon in den letzten fünf Jahren gemacht. Ich schlage vor, dass sie nach Iran fahren. Sie müssen sich lediglich ins Hauptgeschoss von Abteilung 6 des Revolutionsgerichts in der Shariati-Straße (Ecke Moalemstraße) begeben, nach der Akte von Frau Hengameh Shahidi fragen und ihren Fall studieren. Natürlich können sie auch ein Stockwerk höher gehen und Richter Moghiseh in Abteilung 28 einen Besuch abstatten. Richter Moghiseh ist ein Beispiel für einen Richter, der seine Aufgabe nicht in einer fairen Rechtssprechung sieht, sondern dessen Arbeit vielmehr darin besteht, Eltern im fortgeschrittenen Alter, Kinder, Ehemänner und -frauen, deren (Angehörige) von der juristischen Supermacht ins Gefängnis gebracht wurden, zu schikanieren und zum Weinen zu bringen. Die Besucher könnten dort aus erster Hand erleben, wie ein Richter gegen tausende Menschen erbärmliche und schwere Strafen verhängt, darunter auch Todesurteile.

Sollten die Gesandten die Adresse nicht finden können, bin ich bereit, sie zu begleiten, damit ich auf die Sicherheits- und Justizbeamten hinweisen kann, deren Arbeit und Freudenquell in Justizmorden und Verstößen gegen die fundamentalen Rechte von Angeklagten bestehen.

Ich bin bereit, ihnen die verschiedenen Gerichte zu zeigen, angefangen von dem Gericht am Flughafen bis hin zum Gericht […. ? „at the court of guidance“] oder dem im Revolutionsgericht.

(Ich kann ihnen) die furchtbaren Gefängnisse und Einzelzellen zeigen, die unterschiedlichen Foltermethoden, die Schreie und die Tränen der Opfer, die (der Kontrolle) der Behörden in Teheran oder anderen iranischen Städten (unterstehen).

Im Interesse einer größeren Genauigkeit und Gewissheit schlage ich vor, dass die Gesandten sich nicht der vom Geheimdienst- oder Innenministerium zur Verfügung gestellten Dolmetscher bedienen, sondern sich einen verlässlichen und vertrauenswürdigen Dolmetscher nehmen, denn die Experten vom Geheimdienstministerium könnten Dinge verschweigen oder die Wahrheit verdrehen.

Im Fall von Hengameh Shahidi ist es eindeutig zu unzähligen Menschenrechtsverletzungen gekommen. Diese Menschenrechtsverletzungen gehen täglich weiter.

Detaillierte Informationen über den Fall Hengameh Shahidi

1) Hengameh Shahidi ist Journalistin und war Beraterin für Frauenfragen für Mehdi Karroubi, einen der Präsidentschaftskandidaten der Wahl im Juni 2009. Nach der Wahl und der unerwarteten Rückkehr Ahmadinejads auf den Präsidententhron, inmitten der massiven und von Millionen Iranern getragenen Proteste gab Hengameh dem Fernsehsender BBC Persian ein Interview.

Die Tageszeitung Kayhan, die Herrn Shariatmadari gehört, benutzte dieses Interview als Vorwand für die Verhaftung und Inhaftierung von Frau Hengameh Shahidi durch Geheimdienstagenten unter seinem Kommando.

Es ist uns sehr wohl bekannt, dass es sich bei der Tageszeitung Kayhan um eine einflussreiche Kraft der Geheimdienst- und Sicherheitssysteme handelt. (Es ist bekannt, dass) kurz nach Erscheinen eines gegen jemanden gerichteten Berichts oder Artikels (der/die Verfasser/in oder Herausgeber/in) inhaftiert und willkürlich vor Gericht gestellt wird.

2) Die Verhaftung Hengameh Shahidis erfolgte ohne juristische Anordnung und Haftbefehl. Sie wurde ohne juristische Genehmigung an einem unbekannten Ort festgehalten und verhört.

Von Anfang an beinhalteteten die Verhöre Schläge und Tätlichkeiten gegen sie sowie Beleidigungen und Schmähungen gegen sie und ihre Familie. Hengameh Shahidi, die sich keines Verbrechens schuldig gemacht hatte, wurde unter Druck gesetzt, damit sie (falsche) Geständnisse gegen Herrn Karroubi und seine Freunde ablegt, um diese zu demütigen. Diese mutige und standhafte Frau erduldete jede Folter, ohne diese Geständnisse abzulegen. Ihr Widerstand führte dazu, dass der Druck auf sie erhöht wurde. Sie wurde wochen- und monatelang in Einzelhaft gesperrt. Noch immer leidet diese Frau unter ihrer Krankheit und dem emotionalen und psychologischen Druck.

3) Hengameh Shahidi wurde täglich mehrere Stunden lang von männlichen Agenten des Geheimdienstministeriums verhört. Während der intensiven Verhöre blieben ihre Augen verbunden. Die Befrager scheuten sich nicht, sie zu schlagen. Um die Zeichen der Folter auf ihrem Körper und das ihr zugemutete Unrecht und die Unterdrückung geheim zu halten, wurden Familienbesuche untersagt. Als ihr Anwalt war ich mehrfach mit einer juristischen Anordnung im Evin-Gefängnis, um sie zu besuchen, aber man ließ mich nicht einmal ins Gefängnis hinein.

Eine der Foltermethoden, mit denen man Hengameh Shahidi Geständnisse abzunötigen versuchte, war ein nachgestellter Gerichtsprozess (den sie damals für echt hielt). In diesem Spottprozess wurde sie zum Tode verurteilt, und Hengameh wurde zu einer Scheinhinrichtung zum Galgen geführt.

Wie kann man diesen Pseudo-Prozess, die Scheinhinrichtung und die anderen grausamen Folterungen ignorieren, mit denen sie dazu gezwungen werden sollte, im Fernsehen falsche Geständnisse abzulegen und in Schauprozessen aufzutreten?

Ein weiterer Punkt, der die Menschenrechtsgesandten interessieren dürfte, ist, dass Hengameh Beruhigungs- und Schmerzmittel verabreicht bekam, um sie in einen Zustand zu versetzen, der das Ablegen von Geständnissen begünstigt. Die Befrager des Geheimdienstministeriums drangen in private und persönliche Bereiche ihres Lebens ein, um Geständnisse über ungesetzliche Beziehungen zu verschiedenen Männern zu erhalten. Ihr Ziel war es, Verbündete von Moussavi und Karroubi in die Knie zu zwingen. Selbst den Namen des ehemaligen iranischen Präsidenten Mohammad Khatami brachten sie ins Spiel und forderten von ihr, eine Beziehung zu ihm zu gestehen.

Das Ausmaß an Vulgarität und Verwerflichkeit der Befrager machte Hengameh oft fassungs- und buchstäblich sprachlos. Diese reine Frau war der Gnade unbarmherziger Befrager ausgeliefert, die bereit waren, jedes Verbrechen zu begehen, um der Wahl von 2009 und der Präsidentschaft Mahmoud Ahmadinejads zur Legitimität zu verhelfen.

4) Es verging kein Tag, an dem Hengameh Shahidis Mutter sich nicht im Büro der Staatsanwaltschaft und dem Revolutionsgericht einfand. Stundenlang wartete sie vor den Toren von Evin, um ihre Tochter besuchen zu können. Zum ersten Mal traf ich sie im Büro der Teheraner Staatsanwaltschaft.  Sie weinte und schluchzte. Hilflos wartete sie darauf, zum Teheraner Generalstaatsanwalt vorgelassen zu werden, um ihn anzuflehen, dass er ihr ein Telefonat mit ihrer Tochter gestattet. Nachdem ich diese niedergeschlagene und traurige Mutter gesehen hatte, beschloss ich, die Verteidigung Hengameh Shahidis zu übernehmen.

5) Es vergingen Monate, bevor ich Hengameh Shahidi besuchen und ihr die Dokumente zur Unterschrift vorlegen konnte, die mich offiziell zu ihrem Anwalt machten. Ich konnte nach langer Zeit ihre Akte einsehen. Von der ersten Seite an wurde das Unrecht und die Repression deutlich, der sie ausgesetzt war. Ich bekam eine Gänsehaut, als ich ihre Akte las, manchmal brach ich in Tränen aus. Ich fragte mich, wie jemand so abscheulich und verdorben sein kann, einen anderen Menschen zu schikanieren, misshandeln und ihm zu schaden. Die Fragen, die die Verhörbeamten gestellt hatten, waren absolut persönlich und hatten mit Hengameh Shahidis Anklagepunkten nichts zu tun. Mit diesen Fragen sollte die Persönlichkeit dieser selbstlosen und loyalen Frau zerstört werden. In dem, was sie geschrieben hatte, konnte ich das Zittern ihrer Hände erkennen, und auf manchen Seiten waren noch die Spuren ihrer getrockneten Tränen sichtbar.

Die Verhördokumente enthalten noch ihr Flehen und ihre Appelle. Sie bettelte: „Lassen Sie mich bitte in Ruhe, ich habe keine Kraft für die Verhöre. Ich habe eine Tochter, haben Sie Erbarmen mit ihr. Bitte, lassen Sie mich frei.“ Die unwürdigen und verderbten Personen, die sie verhörten, schenkten ihrem inständigen Bitten kein Gehör.

6) Zum ersten Mal traf ich Hengameh Shahidi am ersten Tag ihres Prozesses. Sie konnte nicht gehen, war sehr blass und nicht in der Lage zu sprechen. Dem Richter blieb nichts anderes übrig, als die Ambulanz zu rufen. Ein paar Ärzte und Schwestern kamen zum Gericht und brachten sie wieder etwas auf die Beine. Der Richter wollte, dass Hengameh Shahidis körperlicher Zustand – ein Ergebnis des Essens- und Wasserentzuges, mit dem die Befrager sie folterten – sich bessert.

Nach langer Haft wurde Hengameh Shahidi gegen eine Kaution von 100.000 Dollar freigelassen. Ihre Mutter hinterlegte die Urkunde ihrer einzigen Wohnung als Sicherheit, und der Richter akzeptierte sie. Kurze Zeit später fand ihr Schauprozess statt, und sie wurde zu sechs Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt.

7) Nachdem Berufung eingelegt worden war, ging der Fall an Abteilung 54 des Berufungsgerichts. Eines Tages wurde Hengameh von einem Befrager des Geheimdienstministeriums kontaktiert, der von ihr verlangte, dass sie ein schriftliches Statement zugunsten Herrn Ahmadinejads abgibt. Hengameh verweigerte dies, woraufhin der Befrager drohte, am nächsten Tag wiederzukommen. Sie wurde vom Geheimdienstministerium vorgeladen, um Erklärungen abzugeben. Beim Eintreffen im Ministerium wurde Hengameh verhaftet. Seitdem ist sie in Haft. Am selben Tag erging das Urteil des Berufungsgerichts – etwas, das in Standardgerichtsverfahren nicht vorkommt, es sei denn, der Richter wurde bestochen oder die Anklage ist politischer Natur.

Jetzt soll Hengameh Shahidi für eine vorübergehende Freilassung eine Kaution in Höhe von 600.000 Dollar hinterlegen. Wenn jemand 12 Menschen tötet oder einen Menschen um 600.000 Dollar betrügt, wäre eine Kaution in dieser Höhe nachvollziehbar, nicht aber, wenn ein Urteil gefällt wurde und die Kaution einer vorübergehenden Freilassung dient.

In der Vergangenheit kam es oft vor, dass Menschen zu zehn oder zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt und dann gegen 100.000 Dollar vorübergehend freigelassen wurden.

Die Verhörbeamten, Experten, Amtsrichter, Staatsanwälte, Richter, der Justizchef und andere Machthaber müssen wissen, dass das Rad des Schicksals sich nicht immer zu ihren Gunsten drehen wird. So wie Richter wie Mortazavi, Haddad und Heydari oder Regierungsbeamte wie Kordan in Ungnade fielen, werden auch sie in naher Zukunft in Ungnade fallen, wenn sie mit ihren Verbrechen und illegalen Aktionen nicht aufhören.

Was ich hier geschrieben habe, ist nichts als die Wahrheit. Menschenrechtsreporter können die Vorgehensweisen und das Verhalten der Behörden der Islamischen Republik ohne weiteres in Erfahrung bringen, wenn sie die Fälle und die Verteidigungen durchgehen, die ich den Gerichten vorgelegt habe.

Mohammad Mostafaei
Anwalt von Hengameh Shahidi

Übersetzung aus dem Englischen
Originalartikel (Persisch) veröffentlicht

auf Mohammad Mostafeis Blog am 27. Shahrivar 1389 (18. September 2010)
Englische Übersetzung veröffentlicht bei Persian2English am 22. September 2010

4 Antworten zu “Mohammad Mostafaei enthüllt Einzelheiten aus dem Fall Hengameh Shahidi: Schläge, Folter, Scheinhinrichtung

  1. Pingback: Hengameh Shahidi – هنگامه شهیدی | ulimuc

  2. Ich hoffe, dass diese armen Menschen die Kautionen auch wieder zurückbekommen !

  3. Pingback: Mohammad Mostafaei enthüllt Einzelheiten aus dem Fall Hengameh … - my-tag.de

  4. Pingback: Untold Details about Hengameh Shahidi’s Case: Beatings, Torture, Mock Execution | Persian2English

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