Majid Tavakolis Brief an Irans Studenten: „Der Palast der Despoten ist in seinen Grundfesten erschüttert“

Die englische Übersetzung eines Briefes des seit Dezember inhaftierten und zu 8,5 Jahren Gefängnis verurteilten Aktivisten Majid Tavakoli an die Studenten stammt von Ramin Parham und wurde bei Tavaana veröffentlicht.

Wieder wird es Herbst. Die Schule fängt wieder an. Doch am herbstlichen Horizont gibt es kein Zeichen von Güte. Wieder einmal ist der Frühling des Wissens mit dem Herbst der Natur zusammengefallen. Und dennoch bleiben wir in unserer Erwartung auf die Früchte unserer Arbeit inmitten der Geschichten von Traurigkeit und Wahnsinn hoffnungsvoll. Ohne Hoffnung, Hoffnung auf Veränderungen, wäre es schwierig gewesen, nochmals zu schreiben und das Risiko einzugehen, sich zu wiederholen über das kriminelle Wesen, die Mittelmäßigkeit und den Verrat dieser Despotenbande, die die Macht in unserem Lande an sich gerissen haben. Ohne die Hoffnung auf Veränderungen wäre es schwierig, über den Mut und den Widerstand unseres Volkes zu schreiben….

Die Universitäten und der kritische Geist der Studentenschaft waren und bleiben der dynamische Motor von Volksbewegungen. Die Studentenbewegung ist und bleibt lebendig und kreativ… Es ist ein Privileg, in einer außergewöhnlichen Zeit Teil dieser verdienstvollen Generation zu sein… Die Studentenbewegung hat aus ihren Erfahrungen der Vergangenheit gelernt und ist zu einem Baum mit starken Wurzeln geworden.

Mehr als 100 Jahre des Kampfes gegen despotische Regimes haben uns endlich gelehrt, inmitten der in der Islamischen Republik herrschenden Menschlichkeits- und Wissensdürre dieser langen und traurigen Geschichte der Sterilität ein Ende zu bereiten – mit Widerstand und mit der Fähigkeit, lebendig, dynamisch und kreativ zu bleiben. Die hundert Jahre währende Geschichte hat uns gelehrt, dass Freiheit einen Preis hat und dass man für sie Risiken eingehen muss. Indem wir diesen langen Weg weiter gehen, sind wir froh, diese studentische Gemeinschaft zu haben, und bereit, uns den Gefahren  zu stellen, um ihre Hoffnungen auf Freiheit zu erfüllen.

Universitäten sind, um die Wahrheit zu sagen, ganz sicher die Heimat von Aufklärung und kritischem Denken. Demokratie und Menschenrechte sind dieser Tage zu dem Licht geworden, das uns führt, uns im Kampf für Freiheit, Frieden und Sicherheit weltweit stärkt. Unsere gesamte Hoffnung ruht auf den Schultern dieser neuen Generation, die immer etwas erreicht hat und deren unzählige Mitglieder von dem Sieg künden, den wir schließlich erreichen werden.

Unser Volk hat mit unseren Studenten und mit der Universität einen Pakt geschlossen – einen Pakt für Ausdrucksfreiheit, für Freude und Glück in jedem Haus, dafür, dass Gewalt so entschieden abgelehnt wird, dass sie nie wieder eine Möglichkeit finden wird, auszubrechen, dafür, dass die Ketten, mit denen Meinungen und Gedanken gefesselt sind, für immer zerbrochen werden… für Freiheit, Demokratie, Menschenrechte und Wohlstand. Unser Volk hat einen schweren Pakt geschlossen, und ihr, die Studenten, habt eine schwere Aufgabe vor euch. Aber ich weiß, dass eure Entschlossenheit siegen wird und dass die Diktatur, selbst wenn sie ihre gesamte Macht noch einmal in Gewalt umsetzen sollte, am Ende unterliegen wird.

Was die Generation von 2010 und meine Generation betrifft, so werden unsere Universitäten für uns die Arena sein, in der wir zusammenkommen… Sie (das iranische Regime) wollen eine Universität, die ihrem Willen unterworfen ist… Im Namen des Islam haben sie die Wissenschaften in die Mittelmäßigkeit abgleiten lassen und Wissen durch Unterwerfung und Resignation ersetzt… Aber ihr müsst wach bleiben… Denn ihr habt mit der Bezeichnung „Student“ auch die Verantwortung auf euch genommen, die damit verbundenen hohen moralischen Ansprüche hochzuhalten. Ihr seid die Erben einer hohen Tradition, die den unzähligen Jahren der Repression zum Trotz lebendig und dynamisch geblieben ist. Ihr seid das Modell für Veränderungen, ausgestattet mit einem kritischen Geist und dem Mut, Kritik zu verteidigen und zu akzeptieren, und eure Hochburg der Aufklärung zu bewahren.

Mit eurer Suche nach Wissen und eurer selbstgestellten Aufgabe, andere zu informieren und ihr Bewusstsein zu schärfen, habt ihr die Aufmerksamkeit des Volkes gewonnen. Möge dieser Zusammenhalt, den ihr heute habt, ein weiteres Privileg für euch sein, das ihr gut nutzen könnt.

Auch wenn die Unterdrückung dieser Jahre manchmal unsere Entschlossenheit beeinträchtigt hat, hat uns das Vertrauen in unsere bleibende Gemeinschaft als Studentenschaft geholfen, unsere Ängste zu überwinden und innerhalb dieser Gemeinschaft große Schritte nach vorn zu machen. Es ist unsere Rolle gewesen, diese Schritte so gut wie möglich zu erreichen. Unsere Größe liegt nicht darin, dass wir großartig sind und uns große Ziele auf unsere Schultern laden. Unsere Größe ist es, dass wir in kleinen Schritten große Ziele erreichen… Die Erfahrungen vergangener Generationen haben unsere Wahrheit immer mehr ermutigt und unserer Identität Glanz verliehen.

Ihr müsst wissen, dass ihr eure Zukunft selbst bestimmen werdet und dass eure Werte und euer Verhalten die Werte und das Verhalten der Gesellschaft als Ganzes formen werden. Ihr lebt im Herzen der sich entfaltenden Entwicklungen, mitten in den Erhebungen [des Volkes], und wenn ihr keine Angst habt, wird der Sieg euch gewiss sein.  Euer Widerstand wird den Despotismus zermürben… Lasst eure Grünen Führer nicht im Stich, vergesst eure politischen Gefangenen und ihre Familien nicht. Wenn ihr alle zusammen bleibt, wird der Sieg euch gehören.

Lasst euch in eurer Sehnsucht nach Freiheit nicht aus Ungeduld zu falschen Schritten hinreißen… Nehmt euch in Acht davor, euch in einem auf Verwirrung, Desorganisation und Abnormität aufgebauten System mit kleinen Fortschritten zufrieden zu geben, denn wir werden morgen mit Schwierigkeiten konfrontiert werden… Hütet euch davor, es mit dem Heldentum zu übertreiben… Tragt nicht zur Gewalt bei, während ihr versucht, Gewalt zu verurteilen… Lasst uns zunächst die Ziele von gestern konsolidieren, bevor wir uns neue Ziele setzen, denn die bloße Formulierung neuer Ziele wird uns nicht weiterbringen. Es besteht keine Notwendigkeit, jeden Tag neue Ziele zu setzen.

Nach all dieser Gewalt, all diesem Verrat, all dieser Mittelmäßigkeit, nach all den erzwungenen Geständnissen, Schauprozessen, gefälschten Interviews, Folterungen, Einzelhaft, Vergewaltigungen, Schnelljustiz und Hinrichtungen, nach all den Verleumdungen und all dem Zynismus lebt die Hoffnung weiter, und unser Volk wartet immer noch voller Hoffnung und Erwartung auf den Tag, an dem ihre Feinde, die Feinde von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten, verurteilt und entlarvt werden, an dem ihre Gesichter für alle sichtbar werden. Währenddessen sind die Feinde des Volkes nervös, sie haben Angst davor, das Versagen ihrer repressiven Politik miterleben zu müssen. Es kann sein, dass das Regime darüber nachdenkt, den Terror wieder zu etablieren. Es ist möglich, dass unser Volk wieder einmal mit Terror fertig werden muss. Wenn das so ist, wird das Regime seine Truppenbewegungen beschleunigen müssen. Es wird seine verbliebenden Truppen jeden Tag von einer Ecke des Landes in die andere schieben müssen. Es wird der Welt seine Muskeln zeigen müssen, seine Bomben und seine Raketen. Es wird seine Verbrechen der Vergangenheit um neue Verbrechen ergänzen müssen. Mit Terror und Kriegstreiberei versucht das Regime, im eigenen Land das Volk zu terrorisieren und die internationale Gemeinschaft abzuschrecken…

Meine Freunde!

Die Glocke läutet, und es ist Zeit, wieder in die Klasse zu gehen. Viele Stühle bleiben dieses Jahr leer, während die Gefängnisse voll sind. Lasst uns unsere Kommilitonen im Gefängnis nicht vergessen… Wir haben immer gesagt, dass die Universitäten wie Fässer mit Sprengstoff sind, die durch Unrecht zur Explosion gebracht werden können. Lasst uns also unsere verarmten ethnischen Brüder nicht vergessen, unsere unterdrückten Minderheiten, unsere inhaftierten Journalisten, unsere Denker und Gelehrten im Exil, unsere unterdrückten Intellektuellen, unsere benachteiligten Schwestern, unsere versklavten Arbeiter. Lasst uns sie nicht vergessen…

Seit Jahren haben diese Wenigen, die unser Land als Despoten regieren, Krise um Krise herbeigeführt, um den benötigten Vorwand für die Schließung der Universitäten zu haben. Doch unsere Achtsamkeit wird verhindern, dass sie ihr kriminelles und schändliches, in der Kulturrevolution verkörpertes Programm noch einmal inszenieren können. Nachdem sie immer wieder ihr höchstes Ziel verfehlt haben, haben sie alles daran gesetzt, die Universitäten der Mittelmäßigkeit anheim fallen zu lassen. Während sie eine unabhängig gesinnte Studentenorganisation oder – publikation nach der anderen schlossen, haben sie nach und nach ihre eigenen GONGOS („government-operated NGOs“) aufgebaut…

Der Palast der Despoten ist in seinen Grundfesten erschüttert. Der Faschismus nutzt sich ab, die religiöse Diktatur nähert sich ihrem Ende. Der Beginn dieses Jahrtausends ist der Fall der Despotie. Gefallene Diktatoren liegen im Schlamm der Schande. Der Prozess der erodierenden Repression hat begonnen. Erschöpft von dem Gewicht ihrer eigenen Waffen, zersetzt von ihren eigenen Lügen, ausgelaugt von ihrer eigenen Gewalt, im Angesicht der freien Welt verurteilt, wird ihr Rückgrat unter den beständigen Schritten der freiheitsliebenden Menschen brechen. Heute sind die Diktatoren allein. Heute wissen die Diktatoren, dass sie gehen müssen.

Meine Freunde,

Lasst uns unsere letzten Schritte mit mehr Entschlossenheit gehen. Eure Stimme wird sogar hinter den Gefängnismauern vernommen. Die Entschlossenheit eurer Schritte wird der Geschichte Bedeutung verleihen. Mit eurem Willen werdet ihr euer Schicksal bestimmen, mit eurem Willen wird Geschichte geschrieben, mit eurem Willen wird euch die Zukunft gehören, und ihr werdet die Ewigkeit umfangen.

Ohne die Zustimmung des Volkes, ohne das Volk an eurer Seite, wird euer Epilog derselbe sein wie der der Despoten – reduziert auf den Machterhalt mit Hilfe von Söldnern, Lügen, Massenvernichtungswaffen und Raketen.

Ohne Aufrichtigkeit werdet ihr allein gelassen werden, denn Täuschung und Falschheit führen zu nichts als Hilflosigkeit. Ohne Mut werdet ihr unterjocht werden… eine Gesellschaft ohne Mut und Aufrichtigkeit ist eine dekadente Gesellschaft, die zum Untergang verurteilt ist.

Die Schule beginnt wieder, und das Jahr, das vor uns liegt, verspricht hart zu werden. Wenn ihr weiterhin einig seid und an der Seite des Volkes bleibt, werdet ihr einen Pakt schließen, der die Solidarität stärkt, dem Widerstand für Freiheit eine Bedeutung gibt und uns eine helle Zukunft bringen wird. Ich weiß, dass die Hoffnung der Menschen sich erfüllen wird. Ich weiß, dass wir zusammen sein werden, um freudig die Freiheit zu begrüßen.

Majid Tavakoli
Gefängnis Rajaï-Shahr, Abteilung 3, 15. September 2010

Veröffentlicht bei Tavaana und bei Enduring America am 7. Oktober 2010
Quelle (Englisch): http://www.enduringamerica.com/home/2010/10/7/a-letter-from-detained-activist-tavakoli-to-students-despoti.html

Anm. d. Übers.:
Hier wird der Ort beschrieben, an dem Majid Tavakoli wahrscheinlich die nächsten 8,5 Jahre seines Lebens verbringen wird und an dem er diese hoffnungsvollen und visionären Gedanken aufgeschrieben hat:

Brief aus Rajai Shahr
und
Neue Dimensionen der Grausamkeit in Rajai Shahr

2 Antworten zu “Majid Tavakolis Brief an Irans Studenten: „Der Palast der Despoten ist in seinen Grundfesten erschüttert“

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