Inhaftierter Student an den Teheraner Staatsanwalt: „Geben Sie mir mein Tagebuch zurück!“

Persian2English, 14. Oktober 2010 – Am 15. September hatte die Nachrichtenagentur Mehr News einen Artikel über eine Rede des Teheraner Staatsanwalts Abbas Jafari Dowlatabadi veröffentlicht, die dieser bei einer Pressekonferenz hielt. Dowlatabadi hatte erklärt, dass Iran 20 politischen Gefangenen Hafturlaub gewährt habe. Die Namen der Gefangenen wurden nicht genannt, damit sie während ihres Hafturlaubs keine Probleme bekommen; Bedingung sei, dass „sie sich an die Regeln halten, die im Fall von Hafturlaub gelten.“

Dowlatabadi hatte außerdem erwähnt, dass ein Gefangener (in Abteilung 350) bei einem kürzlich genehmigten Besuch versucht habe, seinem Besucher sein Tagebuch mitzugeben, dass er in einer Milchflasche versteckt hatte. Gefängniswärter hatten dies jedoch mitbekommen. Dowlatabadi hatte gesagt, das Gefängnis sei kein Ort, um Statements abzugeben oder Informationen auszutauschen: „Wir sagen nicht, dass es unzulässig ist, seine Memoiren zu schreiben, aber ist das Gefängnis ein Ort, um Informationen auszutauschen?“

Seit diesem Vorfall wurden die für politische Gefangene geltenden Einschränkungen in Abteilung 350 auf Anordnung des Teheraner Staatsanwalts dramatisch verschärft.

Die Webseite Kalemeh hatte letzte Woche enthüllt, dass das von Dowlatabadi erwähnte Tagebuch dem iranischen „Stern-Studenten“ [wegen unliebsamen Verhaltens mit einem Stern „markierte“ Studenten, d. Übers.] Majid Dorri gehört, der nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl von 2009 verhaftet worden war. Der Artikel enthielt auch einen Brief an den Teheraner Staatsanwalt, in dem Majid Dorri seine Gründe dargelegt hatte, warum er ein Tagebuch geführt und versucht hatte, dieses aus dem Gefängnis zu schmuggeln.

Trotz der neuen Restriktionen für politische Gefangene gelang es, den Brief mit Hilfe anonymer Quellen aus dem Evin-Gefängnis herauszubringen.

Der vollständige Wortlaut des Briefes von Majid Dorri an den Teheraner Staatsanwalt Jafari Dowlatabadi lautet wie folgt:

An den ehrenwerten Generalstaatsanwalt,

Grüße.
Vor zwei Wochen haben Sie bei einer Pressekonferenz gesagt, dass Sie vorhaben, Gefangenen Hafturlaub zu gewähren und das Besuchsrecht für ihre Familien wiederherzustellen, doch dann habe einer der Gefangenen versucht, sein 100 Seiten umfassendes Tagebuch in einer Milchflasche aus dem Gefängnis herauszuschmuggeln. Da das von Ihnen erwähnte Tagebuch mir gehört, würde ich Ihnen gern folgende Punkte zur Kenntnis bringen:

1. Das letzte Mal, das ich meine Familie persönlich sehen durfte, liegt sechs Monate zurück. In den letzten Monaten durfte ich sie nur aus einer Besucherkabine heraus sehen. Interessanterweise haben Sie persönliche Besuche auf jeweils ein Familienmitglied zur Zeit beschränkt. Ist es fair, selbst direkten Verwandten persönliche Besuche bei ihren Angehörigen zu verbieten? Ist es fair, dass ein Vater, eine Mutter, Brüder und Schwestern, Ehepartner oder Kinder ihre inhaftierten Angehörigen nur einmal im Monat einzeln durch eine Glasscheibe sehen können? Ich bin seit 15 Monaten ohne Unterbrechung im Gefängnis, und ich habe ein ungerechtes Urteil zu erwarten.

Setzt man etwa politische Gefangene nicht unter Druck, wenn man sämtliche Telefonkontakte verbietet, sie die Stimmen ihrer Freunde und Angehörigen nicht mehr hören lässt, wenn sie keinen persönlichen Besuch mehr empfangen dürfen und keinen Hafturlaub erhalten?

2. Der einzige Weg, mit dem ständig steigenden Druck und den immer mehr werdenden Einschränkungen im Gefängnis fertig zu werden, war für mich ein Tagebuch. Ich habe meine persönlichen Erlebnisse des Tages aufgeschrieben, und weil ich vermeiden wollte, dass meine Privatsphäre verletzt wird, beschloss ich, das Tagebuch aus dem Gefängnis zu bringen.

Alles, was im Gefängnis für die Außenwelt aufgeschrieben wird, wird überprüft, und da ich sechs Monate lang keinen persönlichen Besuch von meiner Familie bekommen durfte und ihnen mein Tagebuch nicht geben konnte, versteckte ich es, um sicherzustellen, dass meine Gedanken nicht an die Öffentlichkeit gelangen und dass das Tagebuch verschlossen bleibt und von niemandem gelesen wird.

3. Ich klebte das Tagebuch zu und schrieb eine Notiz für die Person darauf, die es aus dem Gefängnis herausbringen sollte. Ich schrieb, dass das Tagebuch nur von mir geöffnet werden darf, wenn ich es wiederbekomme. Es war so persönlich, dass ich nicht wollte, dass irgendjemand anders es liest. Das zeigt deutlich, dass ich niemals die Absicht hatte, irgendetwas von dem zu veröffentlichen, was in dem Tagebuch steht. Das Tagebuch enthält nichts anderes als persönliche Erinnerungen und Erlebnisse aus meiner Zeit im Gefängnis. Der Inhalt geht nur mich etwas an.

Da Sie gesagt haben, dass es kein Verbrechen ist, persönliche  Aufzeichnugnen zu machen, bitte ich Sie, anzuordnen, dass dieses Tagebuch mit meinen persönlichen Erinnerungen an mich zurückgegeben wird. Ich bitte Sie, die Privatsphäre von Menschen zu respektieren und zu würdigen.

Majid Dori
Evin, Abteilung 350
September 2010

Veröffentlicht bei Persian2English am 14. Oktober 2010
Quelle (Englisch): http://persian2english.com/?p=15352

3 Antworten zu “Inhaftierter Student an den Teheraner Staatsanwalt: „Geben Sie mir mein Tagebuch zurück!“

  1. Pingback: Shabnam Madadzadeh im Gefängnis von der Außenwelt isoliert | Julias Blog

  2. Pingback: Student Prisoner to Tehran Prosecutor: “Return my diary!” | Persian2English

  3. Pingback: News vom 14. Oktober « Arshama3's Blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s