Diverse Berichte über heimliche Gruppenhinrichtungen im Gefängnis Vakilabad

ICHRI, 25. Oktober 2010Mashhad: Hunderte sind in der Todeszelle
Die iranische Justiz muss umgehend sämtliche Hinrichtungen im Gefängnis Vakilabad in Mashhad aussetzen und transparente Antworten auf die Vermutungen über exzessive Hinrichtungen in dem Gefängnis liefern. Dies teilte ICHRI heute mit.ICHRI erhält auch weiterhin glaubhafte Berichte von ehemaligen Insassen des Gefängnisses Vakilabad, in denen die Rede von wiederholten unangekündigten Gruppenhinrichtungen von Gefangenen ist. Verlässliche Quellen sagen, dass es im Verlauf des letzten Jahres unzählige Hinrichtungen im Gefängnis Vakilabad gegeben habe und dass sich mehr als 600 Gefangene noch im Todestrakt befinden.

Erst am 12. Oktober sollen Behörden zehn Gefangene in Vakilabad hingerichtet haben. Die von den Behörden öffentlich bekanntgegebenen Hinrichtungszahlen liegen deutlich unter den tatsächlichen Zahlen. Amnesty International berichtet von mindestens 388 Hinrichtungen in Iran im Jahre 2009.

„Diese Berichte über Hinrichtungen in Mashhad machen deutlich, dass Iran sogar noch mehr Menschen hinrichtet – dramatisch viel mehr Menschen – als zum jetzigen Zeitpunkt geschätzt“, so ICHRI-Sprecher Aaron Rhodes. „Vor allem wegen der fehlenden Transparenz seitens der iranischen Regierung muss die Justiz einen vollständigen Bericht über die Ereignisse im Todestrakt von Vakilabad liefern.“

Offizielle Zahlen über die Vollstreckung von Todesurteilen werden nicht veröffentlicht, ebensowenig wie die Namen der hunderten von Angeklagten, die jedes Jahr hingerichtet werden, oder die Verbrechen, deren sie für schuldig befunden wurden. Mehrere ehemalige Insassen des Gefängnisses berichten, dass die Beamten versuchen, möglichst wenig Informationen über Gruppenhinrichtungen aus dem Gefängnis an die Außenwelt dringen zu lassen.

„Familien, Anwälte und sogar die Gefangenen selbst erhalten bezüglich der Hinrichtung keinerlei schriftliche Urteile , sie wissen nicht, wann die Hinrichtung erfolgen wird, und die Familien sind bei der Hinrichtung nicht anwesend“, berichtet ein ehemaliger Gefangener aus Vakilabad gegenüber ICHRI. „Die Leichen werden am folgenden Tag übergeben, nachdem die Familien das (für die Hinrichtung benutzte) Seil bezahlt haben.“

„Wenn eine Hinrichtung bevorsteht, werden die Telefonleitungen im Gefängnis gegen 16 Uhr unterbrochen, damit nichts an die Außenwelt dringen kann. Die Höfe werden evakuiert, und (fast) alle Gefangenen werden in die Gebäude gebracht. Zu diesem Zeitpunkt wissen dann alle, dass es eine Hinrichtung geben wird. Niemand weiß, wer an die Reihe kommt, bis die Namen (von Gefängnis- und Justizbeamten) über Lautsprecher ausgerufen werden und die Beamten die Gefangenen aus den Zellen bringen.“

„Wenn es in Mashhad tatsächlich solche Hinrichtungen gibt, fragen wir uns, ob es nicht auch in anderen Gefängnissen heimliche Hinrichtungen geben könnte“, so Rhodes.

ICHRIs Quellen berichten, dass es im Gefängnis „Zellen-Vertreter“ gibt – Gefangene, denen offiziell erlaubt ist, an den Vorkehrungen vor einer Hinrichtung teilzunehmen. „So werden die Hinrichtungen durchgeführt. Namen und Nummern von Gefangenen werden bekanntgegeben, und die meisten Gefangenen wissen, um wen es geht [„and most prisoners find out about them.”].“

Ein ehemaliger Gefangener beschreibt eine Gruppenhinrichtung, die Ende Oktober 2009 stattfand. „Ich war in Abteilung 6-1, also konnte ich mit eigenen Augen sehen, wie viele Gefangene hingerichtet wurden (46). Ich beobachtete ihre rituelle Waschung und sah, wie sie ihren letzten Willen aufschrieben.  Danach wurden sie zum Ort ihrer Hinrichtung gebracht.“

Viele Berichte sprechen davon, dass die Mehrheit der Todeskandidaten von Vakilabad wegen Drogendelikten verurteilt wurde. Einige berichten, dass Gefangene gefoltert und zu Geständnissen gezwungen wurden und dass die Richter ihre Aussagen über körperlichen Zwang ignorierten.

Der Religionsgelehrte und Regierungskritiker Ahmad Ghabel war im Gefängnis Vakilabad inhaftiert. „Die Statistik, die ich für mich selbst während dieser drei Monate führte, weist mehr als 50 Hinrichtungen auf“, so Ghabel gegenüber ICHRI. „Wenn ich sage ‚mehr als 50‘, tue ich das, weil ich bei der Anzahl nicht auch nur einen einzigen [hingerichteten] Menschen unterschlagen will. Wenn ich berücksichtige, was andere Gefangene berichtet haben, würde ich vielleicht auf noch höhere Zahlen kommen.“

„Ich habe den Eindruck, dass (die Beamten von Vakilabad) das alles geheim halten und über die Hinrichtungen nichts bekannt geben, um einen gewaltigen internationalen Aufschrei der Empörung zu vermeiden“, so Ghabel weiter.

Nach seiner Verhaftung im Juni sprach Ghabel öffentlich über diese geheimen Hinrichtungen. Am 8. September 2010 wurde Ghabel vom Revolutionsgericht Fariman vorgeladen und festgenommen. Seine Frau sagte gegenüber ICHRI, sie glaubten, dass die Verhaftung eine Reaktion auf seine Äußerungen über die Hinrichtungen in Vakilabad sei.

Im Februar 2010, während des Universal Periodic Review des Menschenrechtsrates der Vereinten Nationen zu Iran hatten mehrere UN-Mitgliedstaaten, darunter Brasilien, Deutschland und die Slowakei, Iran eine generelle Aussetzung der Todesstrafe empfohlen.  Im Dezember 2009 war in der Resolution 64/176 der UN-Generalversammlung Besorgnis angesichts „der weiterhin hohen Häufigkeit und der steigenden Zahlen von Hinrichtungen ohne international anerkannte Absicherungen“ [„internationally recognized safeguards“] formuliert worden, Iran wurde zudem aufgefordert, öffentliche Hinrichtungen, die Hinrichtung Minderjähriger und die Hinrichtung durch Steinigung abzuschaffen.

Von allen Ländern richtet Iran hinter China jährlich die zweithöchste Anzahl von Menschen hin und weist die höchste pro-Kopf-Hinrichtungsrate auf. Die Anzahl der Hinrichtungen ist unter der Regierung Ahmadinejad dramatisch angestiegen. Im Jahre seines Amtsantritts (2005) wurden in Iran 86 Gefangene hingerichtet. In 2009 waren es mindestens 388.

Veröffentlicht bei International Campaign for Human Rights in Iran am 25. Oktober 2010
Quelle (Englisch): http://www.iranhumanrights.org/2010/10/executions-vakilabad/

2 Antworten zu “Diverse Berichte über heimliche Gruppenhinrichtungen im Gefängnis Vakilabad

  1. Pingback: Ahmad Ghabel wegen Enthüllungen der Hinrichtungen in Vakilabad vor Gericht | Julias Blog

  2. Pingback: News vom 26. Oktober « Arshama3's Blog

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