Iran erlebt Büchersterben

Der in Deutschland lebende Schriftsteller Asad Seyf über den Niedergang des Verlagswesens in Iran, wo der Buchbestand in öffentlichen Bibliotheken auf ein Buch pro Leser gesunken ist.

Shahrzadnews, 8. November 2010 – Wenn in Iran das Verhältnis zwischen der Anzahl der in einem Land veröffentlichten Bücher zu der Zahl seiner des Lesens kundigen Bürger mit internationalen Standards übereinstimmen würde, müssten die 54 Millionen gebildeten Iraner in örtlichen und öffentlichen Bibliotheken  Zugang zu 80 Millionen Büchern haben. Tatsächlich sind in den 1700 vom National Libraries Institute gelisteten Bibliotheken nur 16 Millionen Bücher vorhanden.Die meisten Titel sind solche, die vom Hohen Kulturrevolutionären Rat als „zum Lesen geeignet“ befunden wurden und einen Stempel des Ministeriums für Islamische Führung tragen, der sie als „sicher und authorisiert“ ausweist. In der Mehrzahl handelt es sich um Lehrbücher.

Das Ministerium gibt zu, dass es kein Interesse daran hat, Bibliotheken mit Romanen auszustatten; Bibliotheken werden aufgefordert, Werke von „schädlichen Schriftstellern“ aus ihrem Bestand zu nehmen, die durch das Netz [der Zensur] gelangen konnten.

Der Chefbibliothekar der Parlamentsbibliothek erklärte gegenüber der [staatlichen] Nachrichtenagentur Mehr News: „95% der Iraner lesen keine Bücher. Halboffizielle Medien sehen darin ein Zeichen für das Aussterben des Lesens in unserem Land.“

Die Nachrichtenagentur Jahan News merkt an: „Der iranische Durchschnittsbürger verwendet täglich nur acht Minuten auf die Lektüre von Büchern.“ Wenn das stimmt, heißt das, dass jeder gebildete Iraner sechs Jahre benötigt, um ein Buch – wahrscheinlich ein Lehrbuch – zu lesen.

Die meisten heute in Iran erscheinenden Romane haben eine Auflage von 700 bis 1300 Exemplaren. Zum Vergleich: In den letzten beiden Jahrzehnten lag die Auflage bei 2000 bis 3000 Exemplaren. Der starke Rückgang bei den Auflagen zeigt, dass den Angriffen des Regimes vor allem die Kultur zum Opfer gefallen ist. Stattdessen hat die Islamische Republik sich für verbale Kommunikation stark gemacht und sich so mit traditionellen, rückständigen Gesellschaften identifiziert.

Veröffentlicht bei Shahrzad News am 8. November 2010
Quelle (Englisch): http://www.1oo1nights.org/index.php?page=2&articleId=2501
Anmerkungen in eckigen Klammern stammen von der Übersetzerin

Eine Antwort zu “Iran erlebt Büchersterben

  1. „Fahrenheit 451“ !!!!!!!!!!

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