Auszüge aus Mir Hossein Moussavis Statement anlässlich des Studententages 2010

GVF, 20. November 2010 – Mir Hossein Moussavi, einer der Führer der iranischen Grünen Bewegung, hat sich mit einem Statement an alle Studenten des Landes gewandt und die iranischen Studenten als „mutige Weggefährten“ der Bewegung bezeichnet, die „von Liebe erfüllt“ seien. Den [iranischen Kalendermonat] Azar (22. November – 21. Dezember) bezeichnet er als „den Monat der Studenten“.

Das Statement, das auf Moussavis offizieller Webseite Kalemeh veröffentlicht wurde, erschien im Vorfeld des iranischen Studententages (7. Dezember). Moussavi spricht darin eine Reihe von Schlüsselfragen an, die von iranischen Studenten bezüglich der Grünen Bewegung und der allgemeinen Situation im Land gestellt worden waren. Moussavi zufolge sind die iranischen Studenten die „wachsamen Aufseher“ über die Belange der iranischen Gesellschaft.

Er erinnert in seinem Statement an die tragische Ermordung dreier Studenten am 7. Dezember 1953 durch iranische Polizisten an der Teheran-Universität nach den studentischen Protesten gegen den Besuch von US-Präsident Richard Nixon in Iran, der kurz nach dem von der CIA inszenierten Putsch von 1953 stattfand. „An diesem Tag glaubten die Despoten und Tyrannen, dass die Stimmen der Kritik und des Protests nach der Unterdrückung und den Morden für immer erstickt seien – ein Fehler, denn alle machen, die mit Mitteln des Terrors zum Sieg gelangen wollen.“

„Tyrannen wissen nicht, dass sie mit Geld, Gewalt und Betrug nur erreichen, dass die Menschen sich noch weiter von ihnen distanzieren. Sie gaukeln sich damit eine imaginäre und scheinbar sichere Zuflucht vor, entworfen und geschaffen von den nutznießenden Lobrednern und Volksfeinden, (in der Hoffnung)  dass sie [dadurch] (vielleicht) vergessen können, wie schmerzhaft der Verlust der Unterstützung durch das Volk ist“, so Moussavi.

„Die Isolation der Autokraten wächst mit jedem Tag, sie verdächtigen alles und jeden, sie vergraulen ihre Freunde von gestern und verstehen jede Kritik und jeden Ratschlag als eine Verschwörung, mit der sie zerstört werden sollen. Und schlimmer noch – sie setzen ihre eigenen Interessen gleich mit den Interessen der Nation, und unter solchen Umständen haben sie keine andere  Wahl, als sich auf die Bewaffneten zu verlassen, die ihren Befehlen blind folgen und ihre Gedanken und Handlungen nicht einmal für die Dauer einer Sekunde in Zweifel ziehen.“

Der ehemalige Ministerpräsident warnt, die Herrscher Irans hätten „einen engen Kreis um sich herum geschaffen“, und „das Geraune über den Zusammenbruch der Bastion der Autokratie und Despotie“ würde von ihnen ferngehalten. „Sie werden erst erwachen, wenn es für eine Rückkehr zum Volk zu spät sein wird.“

„Es ist ihnen nicht bewusst, dass wenn Mund, Ohren und Augen des Volkes nicht mehr sprechen, hören und sehen dürfen, die Gedanken dennoch ein Geschenk Gottes sind“, so Moussavi  weiter. Es gebe nichts, was die Unterdrücker tun könnten, um die Gedanken der Menschen zu kontrollieren.

„All diese empfundene Gefahr, die ihrer Meinung nach von Wissen, Studenten und Wissenschaftlern ausgeht, all diese Panik vor frei kursierenden Informationen, all diese Angst vor freien Medien, vor Versammlungen, und seien sie noch so ruhig und friedlich, all diese Versuche, die Freunde des Imam (Khomeini) und der (Islamischen) Revolution als Verfemte darzustellen, die immerwährenden und endlosen Kampagnen, mit denen Irans Kinder als „Außenseiter“ betitelt werden, all diese Phobie gegenüber Allem, was mit kollektiver Weisheit zu tun hat, und die (Versuche), alles zu vermeiden, was mit Planung und wissensbasiertem Management zusammenhängt  – ist all dies nicht in dieser Tatsache verwurzelt?“

Ähnlich wie die Pharaonen bedienten sich die Unterdrücker der Angst, um ihre Ziele zu erreichen, so Moussavi. „Sie unterteilen die Menschen in „Insider“ [Dazugehörige] und „Outsider“ [Außenseiter], stellen sie gegeneinander, erniedrigen sie mit Bezeichnungen wie „Kühe“, „Ziegen“, „Schmutz und Staub“, um sie so zur Folgsamkeit zu zwingen. Schließlich erklären sie die Macht für unantastbar, darum auch (der Koranvers) „Ich bin dein höchster Gott“ [1]“. Die Missachtung der Verfassung durch die Behörden, ihr Desinteresse am Willen des Volkes, die Schließung von Zeitungen könnten nur bedeuten, dass „einige wenige sich selbst oberhalb des Gesetzes ansiedeln und glauben, nicht auf die Stimmen und Meinungen des Volkes angewiesen zu sein“, so Moussavi.

In seinem Statement verweist Moussavi außerdem darauf, dass die Strategie der Behörden, „kurzfristige Gelegenheiten zu kaufen“, indem sie „eine Krise nach der anderen“ verursachen, das iranische Volk teuer zu stehen gekommen sei. Er verwies nochmals auf die Folgen von wirtschaftlichem Missmanagement und Korruption für die ärmeren und verwundbareren Bereiche der iranischen Gesellschaft, insbesondere vor dem Hintergrund der umstrittenen Pläne der Regierung, Subventionen auf Waren des Grundbedarfs zu kürzen.

„In den Reihen des Militärs und der Polizei wird offen darüber gesprochen, dass man Angst vor Spannungen in der Bevölkerung hat und befürchtet, dass Feinde im In- und Ausland die Situation ausnutzen könnten“, warnt Moussavi.

„Die große Frage, die unser Volk den Führern stellt, lautet: ‚Wenn ihr euch der Realitäten bewusst seid, wenn ihr die Meinungen der Experten hört, die allesamt darin übereinstimmen, dass die Umsetzung dieser [Subventionsreform-]Pläne in der von euch geplanten Form nur zu materiellen und menschlichen Verlusten und zu weiteren Ungerechtigkeiten führen wird – warum dann besteht ihr immerzu darauf, die Meinungen bekannter Wirtschaftsexperten des Landes und der Parlamentarier zu ignorieren?“

„Was ist aus den Versprechungen für freie Bildung, Schaffung von Arbeitsplätzen und (der Anwendung) von Artikel 42 der Verfassung [2] geworden? Warum sagen Sie den Menschen nicht, was Sie mit dem Geld anfangen wollen, das Sie ihnen durch die Preisanstiege aus den Taschen nehmen, während die Organisation für Haushaltsplanung unbeteiligt bleibt, das Parlament geschwächt ist und die Räte und Aufsichtsgremien nutzlos geworden sind? Ist es wirklich möglich, die bevorstehenden Krisen zu lösen, indem man die Bedürfnisse und die Armut der Menschen ausbeutet, indem man einen Großteil des Reichtums verteilt, den man ihnen vorher geraubt hat?“

„Was ist aus dem Versprechen geworden, die Öl-Einnahmen auf die Tische der Bevölkerung zu bringen und die Korruption zu bekämpfen? Wie kommt es, dass Sie (jetzt) nur noch im Flüsterton über das Schicksal der Wirtschaftlichen Prognose  für die nächsten 20 Jahre [3] sprechen?“

„Ist Ihnen nicht klar, dass selbst wenn sämtliche Moscheen, religiösen und traditionellen Zentren des Landes systematisch gegen die Grüne Bewegung in Stellung gebracht werden, immer noch drei Millionen wachsame, intellektuelle Studenten existieren, die Fragen stellen und Kritik üben werden und so zu Brücken der Kommunikation für alle unterdrückten Schichten (der Gesellschaft) werden, die ihnen die Wurzeln der Rückständigkeit, der Armut und dem Produktionsrückgang im Land erklären?“

Moussavi warnt davor, dass die Behörden entsprechend ihrer „Strategie der Verbreitung von Angst“ versuchen könnten, „alle Möglichkeiten zu vernichten“, bis hin zu dem Punkt, an dem diese Vernichtung schließlich zur Zerstörung des Regimes führen und „neue Krisen im Land“ hervorrufen wird. Moussavi zufolge ist es für die derzeitigen Herrscher in Iran im Vorfeld des nationalen Studententages am 7. Dezember nicht schwer, „Aufstände zu inszenieren“ und diese dafür zu nutzen, um „die öffentliche Meinung zu täuschen, die Aufsichtsgremien abzulenken und [unterdessen eigene] politische Ziele unter Dach und Fach zu bringen.“

Moussavi argumentiert, es gebe auf Seiten der iranischen Behörden trotz der Niederschlagung der Massendemonstrationen nach der gefälschten Präsidentschaftswahl von 2009, den Verhaftungen und den nach den Wahlen an die Öffentlichkeit gedrungenen Skandalen um die Misshandlung von Gefangenen keinerlei Bestreben, wieder zum Volk zurückzukehren.

Moussavi ruft zu einer Fortsetzung des moralischen und gewaltlosen Weges der Grünen Bewegung und zur Anwendung der Verfassung auf und erklärt: „Liebe Freunde, Ihr habt gefragt, was Mitglieder der Grünen Bewegung heute noch tun können, wo es wegen der strengen Repression und der Sicherheitsvorkehrungen nicht mehr möglich ist, Opposition und Kritik zu äußern. Die Antwort auf diese Frage muss sich aus der kollektiven Weisheit ergeben, und es wäre gut, wenn Weggefährten und Befürworter des Grünen Pfades der Hoffnung sich bei der Präsentation geeigneter Lösungen einbringen würden.“

Moussavi betont nochmals, wie wichtig es ist, auch unter den Iranern Bewusstsein zu schaffen, die keinen Zugang zum Internet haben. Es sei wichtig, dass die Studenten die sozialen Netzwerke im Land auch über persönliche Kontakte weiter ausweiten.

„Lasst uns nicht vergessen, dass das Ziel nicht die Mittel rechtfertigt. Lasst uns bedenken, dass man keine Gesellschaft erwarten kann, deren moralisches Fundament ein größtmögliches Aufblühen der Menschen ermöglicht, solange nicht jeder einzelne von uns von charakterlichen Schwächen und Unreinheiten [„impurities“] geläutert ist. Wir müssen immer daran denken, dass es auf diesem Weg keine Niederlage gibt, sondern nur große Geduld und Ausdauer, und dass wir keine Angst haben dürfen, dass [juristische] Fälle gegen uns konstruiert werden könnten, oder dass wir anderen Repressionen ausgesetzt werden. Lasst uns nicht vergessen, welche Parole wir einst gemeinsam riefen: ‚Habt keine Angst, wir sind alle zusammen‘ [4]“

Zum Schluss rief Moussavi nochmals dazu auf, sich mit den Bedürfnissen und Nöten der Märtyrer und der Gefangenen der Grünen Bewegung und deren Angehörigen zu befassen.  Dies sei eine „Verantwortung und Pflicht“. Moussavi lobte die Rolle der Studenten, ihres Mutes und ihres Widerstands für die Bewegung.

„Und schließlich: Wer weiß nicht, dass drei Millionen kluge Studenten das größte Kapital der Grünen Bewegung sind? Einer Bewegung, die unzählige Mitglieder hat und in der jede und jeder auf irgendeine Art und Weise ein Führer bzw. eine Führerin für diese großartige Volksbewegung ist.“

______________________
Fußnoten:
[1] Referenz auf die Koransure 79 „Al Nazi’at“,  Vers 24
[2] Artikel 43 der iranischen Verfassung über Wirtschaft und Finanzen besagt, dass die iranische Wirtschaft zum Ziel hat, „im Verlauf der Entwicklung und unter Wahrung der menschlichen Freiheit die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Gesellschaft, Bekämpfung von Mangel und Armut und die Erfüllung menschlicher Bedürfnisse zu erreichen.“
[3] Bei dieser Prognose handelt es sich um einen Fahrplan für die wirtschaftliche, politische, soziale und kulturelle Entwicklung Irans im Zeitraum von 20 Jahren.
[4] Diese Parole war während der Unruhen nach der Wahl sehr beliebt, um die Abschreckungstaktiken des iranischen Sicherheitsapparates zu kontern, mit denen die Bevölkerung eingeschüchtert werden sollte.

Veröffentlicht bei Green Voice of Freedom am 20. November 2010
Quelle (Englisch): http://en.irangreenvoice.com/article/2010/nov/20/2471
Anmerkungen in eckigen Klammern stammen von der Übersetzerin
Das Original-Statement in persischer Sprache wurde bei Kalemeh veröffentlicht.

Anm. d. Übers.:
Wie schon öfter auf diesem Blog angemerkt, auch hier wieder der Hinweis, dass es sich um die Übersetzung einer Übersetzung handelt, was per se schon zu Abweichungen vom Original führt. Hinzu kommt, dass die rhetorisch ausgefeilte Ausdrucksweise Moussavis sich in Übersetzungen schwer übertragen lässt und die Übertragung der stellenweise sperrigen englischen Vorlage deshalb an vielen Stellen viel „freie Interpretation“ erforderte. Ich habe mich bemüht, nah am Text zu bleiben, bitte aber die Leser, Moussavis Aussagen nicht an dieser Übersetzung zu messen.

3 Antworten zu “Auszüge aus Mir Hossein Moussavis Statement anlässlich des Studententages 2010

  1. Pingback: Sicherheitskräfte verwehren Moussavi Teilnahme an Beerdigung eines nahen Verwandten | Julias Blog

  2. Pingback: News vom 23. November « Arshama3's Blog

  3. Pingback: Pressekonferenz des Justizsprechers: 60 Verhaftungen wegen „Betreibens obszöner Webseiten“ | Julias Blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s