Interview mit Fatemeh Karroubi: „Ein Zustand unberechenbarer Belagerung“

Rooz, 25. November 2010 – In einem Exklusivinterwiev mit Rooz Online hat die Ehefrau des zweimaligen früheren Parlamentssprechers Mehdi Karroubi die sporadischen Blockademaßnahmen der Sicherheitskräfte gegen ihren Mann als „unberechenbare Belagerung“ bezeichnet.

Fatemeh Karroubi, selbst ehemalige Parlamentsabgeordnete, sagte: „Sogar an manchen normalen Tagen wird unser Haus abgeriegelt, so dass niemand zu uns kommen kann. Das passiert nicht nur an besonderen Tagen oder bei religiösen Anlässen.“

Außerdem stellte sie richtig: „Entgegen den Angaben der Polizei, denen zufolge die Verantwortlichen für die Angriffe auf Karroubis Haus in den Nächten der religiösen Feiertage Ghadar und Fitr zur Verantwortung gezogen habe, ist in der Praxis überhaupt nichts dergleichen passiert.“

Saham News, die Webseite der von Karroubi angeführten National Trust Party, schrieb vor zwei Tagen, dass Sicherheitskräfte auch am Dienstag dieser Woche wieder Karroubis Haus von Besuchern abgeschirmt und die Umgebung abgesperrt hätten.

Die um Karroubis Haus herum stationierten Sicherheitskräfte hindern Besucher und Gäste, wie beispielsweise die Familien der ehemaligen Befehlshaber Bakeri und Hemmat oder sogar religiöse Persönlichkeiten wie Ayatollah Bayat Zanjani, am Betreten des Hauses.

Belagerung durch Geheimdienstbeamte
Auf die Frage von Rooz, ob diese Blockaden an Feiertagen und religiösen Tagen stattfänden, um Karroubi davon abzuhalten, an Demonstrationen teilzunehmen, sagte Fatemeh Karroubi: „Seit letzter Woche, zwei Tage vor Eid Ghorban, haben sich Agenten um das Haus postiert, und vier Tage lang ließen sie niemanden außer unseren Kindern ins Haus. Dann waren sie zwei Tage lang verschwunden, dann kamen sie wieder zurück und machten weiter. Allerdings hat sich ihr Verhalten gebessert. Manchmal kommen sie auch an ganz normalen Tagen.“

„Neulich hielten sie sogar den langjährigen Büroleiter Karroubis, Herrn Tahmasebi, vom Haus fern. Niemand außer unserem Sohn durfte hinein.“

Die Frage, ob man all diese Verbote und Behinderungen als „Blockade“ bezeichnen könne, bejahte Frau Karroubi: „Ich denke auch, dass dies eine Art Teilblockade ist, denn sie tun das nicht nur an besonderen Tagen. Sie kommen, blockieren das Haus, kommen wieder und machen weiter.“

Mrs. Karoubi, die leitende Redakteurin des Magazins Iran Dokht („Tochter Irans“) war, hält die Beamten, die sich um ihr Haus positionieren, für Mitarbeiter des Geheimdienstapparats.

Frau Karroubi hatte Rooz gegenüber schon früher erklärt, dass diese Vorgehensweise des Staates, die Beleidigungen und Drohungen gegen Karroubi, keine Auswirkungen auf seine Entschlossenheit haben würden, sich weiterhin für die Rechte des iranischen Volkes einzusetzen. „Sein Verbrechen besteht darin, dass er sagt, dass man etwas dagegen tun muss, wenn es in den Gefängnissen zu Verbrechen, Vergewaltigungen und Folter kommt“, hatte sie damals gesagt. „Sie haben verstanden, dass sie aufhören mussten, und wir erlebten, dass sie irgendwann einsahen, dass sie zu den Verbrechen im Gefängnis Kahrizak stehen müssen. Wir stehen an Herrn Karroubis Seite, und diese Aktionen [des Regimes] tun unserer Entschlossenheit keinen Abbruch.“

Im März hatten sich etwa 50 Männer und Frauen in Zivil vor Karroubis Haus versammelt und Parolen gegen ihn, Mir Hossein Moussavi und Seyed Mohammad Khatami gerufen – alle drei Führer der Oppositionsbewegung in Iran – und ein Vorgehen des Staates gegen sie gefordert. Videos von dem Vorfall zeigen, wie einige von ihnen die Wände des Gebäudes mit roter Farbe beschmieren. Frau Karroubi hatte berichtet, dass einige der Eindringlinge Eigentum zerstört und Diebstahl begangen hätten.

Damals schrieben offizielle Nachrichtenmedien und Ahmadinejad-nahe Webseiten, diese Leute, die Parolen für Ahmadinejad und Khamenei gerufen hätten, seien Angehörige von Kriegsveteranen gewesen, deren Aktionen nicht im Voraus geplant gewesen seien, sondern sich gegen die „Führer des Aufruhrs“ gerichtet hätten – ein Ausdruck, mit dem das Regime die Führer der Grünen Bewegung bezeichnet, die die Massendemonstrationen  nach den Präsidentschaftswahlen von 2009 unterstützt hatten.

Saham News bezeichnete dieselben Personen als „Schurken“, deren Aktionen vom Staat organisiert wurden.

Die gewalttätigsten Übergriffe auf Karroubis Haus ereigneten sich in den Nächten der Feiertage Ghadar und Eid Fitr. Männer in Zivil umstellten das Haus an fünf aufeinanderfolgenden Tagen. Karroubis Chefleibwächter musste ins Krankenhaus eingeliefert werden, das Haus wurde beschädigt. Frau Karroubi sagte Rooz, dass die in Zivil gekleideten Männer mit Tränengas, Stöcken und anderen Waffen ausgerüstet und von anderen organisiert und dorthin gebracht worden waren, während die Polizei danebenstand und den gewaltsamen Ausschreitungen tatenlos zusah.

Wenig später gab der Befehlshaber der Teheraner Polizei Sajedinia bekannt, dass im Zusammenhang mit den Angriffen auf Karroubis Haus 100 Personen identifiziert worden seien. Er warte auf Anweisungen der entsprechenden Justizbehörden, um die Personen zu verhaften.

Einige Medien hatten sogar berichtet, dass zwei Personen in diesem Zusammenhang verhaftet worden seien. Frau Karroubi erklärte Rooz gegenüber jedoch, sie warte noch immer darauf, zu erfahren, wohin dieses Gerede führt, bisher sei nichts gegen die Täter unternommen worden. „Manchmal sagen sie, dass sie 100 Leute verhaften wollen, dann wieder sagen sie etwas anderes, aber wir haben von den Behörden noch keine Taten gesehen. Unsere Wohnung wird immer wieder blockiert, und dieses Mal sind es Geheimdienstler, sie reagieren anders als die, die an Eid Fitr hier waren.“

„Ein solches Verhalten ist wirklich ohne Beispiel – da kommen Leute, schreien Beleidigungen und beschädigen das Haus.“

Auf die Frage von Rooz, ob Frau Karroubi in dem Fall rechtliche Schritte unternehmen wolle, fragte sie zurück: „Wie können wir juristisch dagegen vorgehen? Bei welcher Behörde sollen wir uns beschweren? Die Polizei war bei den Ausschreitungen dabei und hat nichts getan, um sie zu stoppen. Wir vertrauen auf Gott als den einzigen Richter.“

Frau Karroubi zufolge feuerten die Eindringlinge Tränengas und Schüsse ab, zerstörten Wasserleitungen und zündeten die Haustür an, während die Polizei tatenlos zuschaute.

Der deutschsprachige Radiosender Deutsche Welle hatte berichtet, dass die Angreifer zu den Basijis aus Jamaran – einen im Norden Teherans gelegenen Stadteil, wo Ayatollah Khomeini lebte – und zur Station Shahid Mahalati gehörten, während einige der maskierten Männer von der ebenfalls in Nord-Teheran gelegenen Polizeistation Farmanieh gewesen seien.

Auch Mir Hossein Moussavi wurde in den letzten 18 Monaten immer wieder mit ähnlichen Angriffen und Restriktionen konfrontiert. Verschiedene Offizielle unterschiedlicher Hierarchieebenen hatten bei mehreren Anlässen eine Verhaftung des ehemaligen Ministerpräsidenten und Parlamentssprechers angedroht.

So hatte Justizsprecher Mohseni Ejei zuletzt in Reaktion auf ein von Moussavi veröffentlichtes Statement damit gedroht, „gegen diesen Mann noch in diesem Jahr vorzugehen“, wenn er so weiter mache.

Fereshteh Ghazi

Veröffentlicht bei Rooz Online am 25. November 2010
Quelle (Englisch): http://www.roozonline.com/english/news3/newsitem/archive/2010/november/25/article/karoubi-under-an-erratic-siege.html

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