Zusammenfassung der Proteste zum iranischen Studententag

(Foto eingefügt v. Übers.)

Josh Shahryar/Tehran Bureau, 7. Dezember 2010 – Zum zweiten Mal seit der umstrittenen Präsidentschaftswahl vom Juni 2009 fanden anlässlich des iranischen Studententages mehrere Proteste und Demonstrationen in mehreren Städten des Landes. Obwohl die Regierung in vielen Städten vor allem in der Nähe von Universitäten erhöhte Sicherheitsvorkehrungen getroffen hatte, versammelten sich auch weit über Teheran hinaus Tausende, um ihrer Unzufriedenheit mit dem politischen Establishment Ausdruck zu verleihen und die sofortige Freilassung der illegal inhaftierten politischen Aktivisten zu fordern.

Auch wenn es wegen der Internet- und Mobiltelefonnetzblockade der Regierung heute nur wenige Berichte aus Iran gab, gelang es Aktivisten dennoch, Informationen über Demonstrationen in Teheran, Tabriz, Ghazvin, Gilan, Zahedan und eventuell auch Mashhad zu verbreiten.

Am Morgen hatten Oppositionsführer Mir Hossein Moussavi und Mehdi Karroubi sich mit Worten der Ermutigung an ihre Anhänger gewandt. In einer auf seiner Facebook-Seite veröffentlichten Rede schreibt Moussavi, die Hoffnung sei die lauteste Form des Protests. Karroubi erklärte vor Anhängern bei einem Treffen in seinem Haus, der Sieg der Grünen Bewegung sei trotz einiger zu überwindender Hindernisse nah.

Kurz nach der Veröffentlichung dieser Statements begaben sich Studenten in vielen Städten zu ihren Universitäten, um dort wie geplant zu demonstrieren.

Die größte Demonstration wurde aus der Medizinischen Fakultät der Teheran-Universität berichtet, wo etwa 1000 Studenten und Professoren für politische Rechte und die Freilassung politischer Gefangener eintraten. An der Technischen Amir-Kabir-Universität versammelten sich etwa 1000 Studenten, sangen patriotische Lieder und forderten die Freilassung der politischen Gefangenen.

Kleinere Demonstrationen gab es an der Elm-o Sanat-Universität und der Sharif-Universität in Teheran.

In der nordiranischen Stadt Rasht versammelten sich mehrere hundert Studenten an der Technischen Universität. Wie berichtet wird, sangen sie „Yare Dabestani“, als paramilitärischen Basij-Milizen in die Universität eindrangen und versuchten, die Demonstration aufzulösen. Als dies nicht gelang, nahmen die Basijis drei Studenten als Geiseln und erklärten, sie würden erst wieder freigelassen, wenn die anderen Studenten nach Hause gehen. Dies berichtet die oppositionelle Webseite „Tagheer“. Die Studenten sollen ihren Protest mit Parolen gegen die Regierung fortgesetzt haben.

Auch von den Universitäten in Tabriz und der Freien Universität Ghazvin werden Demonstrationen gemeldet. In Ghazvin skandierten die Demonstranten die Parole „Nieder mit dem Diktator“, bis sie von Sicherheitskräften mit Gewalt vom Campus vertrieben wurden.
Noch tumultartiger war die Situation in Gilan, wo sich an der Universität Hunderte versammelt hatten und mindestens drei Studenten verhaftet worden sein sollen.

Zeugen berichten, dass an der Teheraner Amir-Kabir-Universität vier Studenten und an der Teheran vier weitere Studenten verhaftet wurden. Eine Quelle berichtet von der Verhaftung einer Studentin in Darvazeh Shiraz, Isfahan. Es gab allerdings keine Berichte über Demonstrationen an der Universität Isfahan.

Insgesamt wurden mehr als ein Dutzend Studenten verhaftet, wobei die Zahl mit weiteren eingehenden Berichten von oppositionellen Webseiten und unabhängigen Zeugen noch deutlich steigen könnte.

Seit gestern erleben Teheran und andere Teile des Landes ein vermehrtes Aufkommen von Sicherheitskräften. Basijis, Revolutionsgarden und die städtische Polizei wurden mobilisiert, es gab aber keine Berichte über Zusammenstöße zwischen Studenten und den Garden.

Schon am Tag vor dem 16. Azar [7. Dezember, d. Übers.] hatten Studenten zu demonstrieren begonnen, wenn auch mit wenigen Beteiligten. In den frühen Morgenstunden des 16. Azar waren an den Schultoren Dutzende Sicherheitskräfte stationiert, die angrenzenden  Absperrungen waren mit schwarzen Planen abgedeckt.

Die meisten Studenten wurden beim Betreten ihres Campus nach ihrem Ausweis gefragt, ihre Namen wurden von der Campus-Security registriert, unterstützt von den Sicherheitskräften, die die Eingänge bewachten. Viele der Studenten, die auf das Universitätsgelände kamen, beteiligten sich Berichten zufolge an den Protesten, obwohl ihre Namen erfasst worden waren. Selbst Studenten, die nicht an den Demonstrationen teilnahmen, können verhaftet werden, wenn sie sich an einem Tag auf dem Campus aufhalten, an dem Demonstrationen gegen die Regierung stattfinden.

In Isfahan ging die Regierung kein Risiko ein und schickte Sicherheitskräfte zur größten Universität der Stadt, um die Lage zu kontrollieren und die Studenten daran zu hindern, sich zu versammeln oder an Protesten teilzunehmen.

Berichte über eine Demonstration mit mehreren hundert Teilnehmern in Mashhad konnten nicht verifziert werden.

In Hamedan protestierten Studenten vor den Toren der Bu-Ali Sina-Universität, da Sicherheitskräfte auf den Campus vorgedrungen waren und keine Studenten hineinließen.

Vereinzelt erreichten uns über SMS, Tweets und Meldungen auf oppositionellen Nachrichtenseiten Berichte von Zusammenstößen. Eine Quelle berichtete von Tränengaseinsatz in einer Seitenstraße in der Nähe der Amir-Kabir-Universität. Aus keiner Stadt wurden Verletzte oder Tote  gemeldet.

Die jährlich am 7. Dezember anlässlich des Studententags stattfindenden Versammlungen wurden früher vom Regime unterstützt.  Mit ihnen wurde der brutalen Ermordung dreier Studenten der Teheran-Universität durch die iranische Polizei im Jahre 1953 gedacht, als das Land noch von einer Monarchie regiert wurde.
Seit der umstrittenen Präsidentschaftswahl vom Juni letzten Jahres ist dieser Tag zum zweiten Mal von Oppositionellen genutzt worden, um für ihre Forderungen nach politischen Reformen und der Freilassung von politischen Aktivisten zu demonstrieren.

Video: Studenten demonstrieren in Ghazvin

Autor: Josh Shahryar
Veröffentlicht bei Tehran Bureau am 7. Dezember 2010
Quelle (English): http://www.pbs.org/wgbh/pages/frontline/tehranbureau/2010/12/student-day-protests-hijack-government-sponsored-event-again.html
Originaltitel: Student Day Marked by Nationwide Protests

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