Wie werden die Proteste in Ägypten/die Revolution in Tunesien in Iran wahrgenommen?

Suez: Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Polizei am 27. Januar 2011

RFE/RL, 28. Januar 2011 – „“Die islamische Welt ist reif für neue Entwicklungen, und Khomeinis Islam ist der Motor dieser Ereignisse“, schrieb die erzkonservative Tageszeitung Kayhan am 27. Januar 2011 in einem Kommentar zur jüngsten Protestwelle in der arabischen Welt. Die Tageszeitung, in der sich häufig die Ansichten des iranischen Establishments – genauer gesagt des obersten Führers Ayatollah Ali Khamenei – wiederfinden, schreibt, das dritte Jahrtausend erlebe „die machtvolle (Präsenz) des Islam unter iranischer Führung“.

Irans staatliche Medien stellen die jüngsten Erhebungen in arabischen Ländern als Kampf gegen westliche Marionetten dar und behaupten, die Bürger, die in Tunesien, Ägypten und anderswo auf die Straßen gehen, seien von der Islamischen Revolution in Iran inspiriert.

„Kayhan“  meint, die Teilnehmer am Aufstand in Tunesien, aber auch die Demonstranten in Jordanien, Algerien, dem Jemen und Ägypten, hätten sich von der iranischen Revolution 1979 inspirieren lassen, die zum Fall des US-gestützten Schah-Regimes führte. „Tod den USA, Tod Israel. Islam ist meine Religion. Wir wollen keine amerikanischen Herrscher. Wir fürchten uns nicht vor dem Märtyrertod“. Kommen diese Parolen den Augen und Ohren der Welt nicht bekannt vor? Sind es nicht dieselben, die das iranische Volk während der Islamischen Revolution rief?“ fragt Kayhan.

Was der Kommentar nicht erwähnt, sind die Forderungen nach wirtschaftlichen Reformen und politischer Freiheit, die in den Protesten [dieser Tage] laut wurden. Ebenfalls nicht erwähnt werden die Vergleiche zwischen dem Aufstand in Tunesien und den massiven Protesten gegen die Regierung, die das iranische Establishment im Jahre 2009 erschütterten.

„Im Namen des Islam“

Die iranischen Rundfunkmedien sind der Linie der Printmedien gefolgt, sagt der Journalist Roozbeh Mirebrahimi, der das iranische Staatsfernsehen beobachtet.

„Nachdem der tunesischen Präsident (Zine el-Abidine Ben Ali) aus dem Land geflohen war, berichteten [die staatlichen iranischen Medien], dass die Proteste im Namen des Islam stattgefunden und sich gegen die antiislamische Regierung in Tunesien  gerichtet hätten“, sagt Mirebrahimi. „Dasselbe trifft nun auch auf andere Proteste wie die in Ägypten zu.“

Unmittelbar nach dem Aufstand in Tunesien schwiegen die staatlichen iranischen Medien sich über die Proteste aus, die zum Zusammenbruch der 23jährigen Herrschaft Ben Alis geführt hatten. „Im staatlichen Fernsehen gibt es keine Berichte über die Unruhen in Tunesien“, sagte ein Mann aus Teheran, der anonym bleiben will, kurz vor Ben Alis Flucht.  „Hätten die Tunesier gegen die USA protestiert, wäre das eine Top-Story gewesen.“ Er verlasse sich auf die im Ausland ansässigen persischsprachigen Medien, darunter auch Radio Farda von RFE/RL, um sich über die Entwicklungen in Tunesien und anderen Ländern auf dem Laufenden zu halten.

Am 19. Januar hatte Irans Präsident Mahmoud Ahmadinejad in einer Rede vor „Einmischung des Westens“ in Tunesien gewarnt und gesagt, die tunesischen Politiker müssten die Bedürfnisse und Entscheidungen des Volkes respektieren. Die Tunesier wollten eine islamische Regierung, so Ahmadinejad

Meinungsmache

Der Washingtoner Analyst Rasoul Nafisi meint, Teheran versuche, die Unruhen in der Region als religiöse Auseinandersetzung hinzustellen, um den Eindruck zu erwecken, dass Irans eigene Ideologie sich verbreitet. „Zuerst wurden sie überrumpelt, weil die (Ereignisse in Tunesien) gewisse Ähnlichkeiten mit den Unruhen in Iran 2009 hatten“, so Nafisi. „Als Ben Ali geflohen war, drehten sie das Ganze dann um und stellten es als eine Art zweite Islamische Revolution von 1979 dar, also als einen Aufstand von Muslimen gegen einen weltlichen, vom Westen gestützten Tyrannen.“

Aus den Sendungen der staatlichen Medien sprächen auch die Sorgen der iranischen Führung angesichts der beispiellosen Unruhen in den arabischen Ländern, denen es an wirtschaftlichen Möglichkeiten und politischer Freiheit mangelt, so Nafisi weiter. „Sie (ignorieren) die Tatsachen, z. B. die Parolen, die in Tunesien, Ägypten oder anderswo benutzt werden und die zeigen, dass die Menschen sich hauptsächlich gegen die Tyrannei wenden, die ja exakt dieselbe ist wie die, die wir in Iran haben. Es wird ignoriert, dass die Menschen Demokratie fordern.“

Bei vielen Iranern haben die Demonstrationen in Tunesien und Ägypten Erinnerungen an den Sommer 2009 wachgerufen, als Zehntausende auf die Straßen gingen, um gegen das zu protestieren, was sie als „gestohlene Präsidentschaftswahl“ bezeichnen. Viele blicken neidvoll auf die tunesische „Jasmin-Revolution“ und die Proteste gegen den ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak, wie man an den Fotos und Videos der Proteste sehen kann, die Iraner auf Blogs und sozialen Netzwerken verbreiten.

„Warum haben wir es nicht geschafft?“

Die Demonstrationen haben unter Iranern Diskussionen darüber ausgelöst, warum die iranische Grüne Bewegung keinen Wechsel durchsetzen konnte, und wie sie seit 2009 zum Schweigen gebracht wurde. Die bekannte Frauenrechtlerin Parvin Ardalan sagte am 26. Januar in einem Interview mit der „Irish Times“, die tunesische Revolution habe wieder Hoffnung gemacht, wa für die iranischen Aktivisten, die seit der umstrittenen Präsidentschaftswahl im Juni 2009 vom Staat unterdrückt werden, sehr wichtig sei: „Manch einer blickt nach Tunesien und sagt sich: Wir hätten das auch in Iran schaffen können, aber warum haben wir es noch nicht geschafft?“

„Ben Ali ist weg. Wann wird Seyed Ali gehen?“ schreibt ein Blogger unter offensichtlicher Anspielung auf Khamenei. In ähnlichen Wortspielen heißt es: „Tunis tunest, Iran natunest“ („Tunesien hat es getan, Iran hat es nicht geschafft“).

Ein Unterstützer der Grünen Bewegung hinterließ am 27. Januar in seinem Facebook-Status eine Botschaft für die Ägypter, die für den 28. Januar Demonstrationen planten: „Lasst uns für die Ägypter beten, die in wenigen Stunden auf die Straße gehen werden, dass sie nicht geschlagen werden, nicht verhaftet werden und nicht sterben. Lasst uns hoffen, dass Hosni Mubarak wie Ben Ali enden wird, und dass die Zeit der anderen Diktatoren in der Region, auch in unserem Land Iran, ebenfalls abläuft. Lang lebe die Freiheit.“

Ein anderer Aktivist veröffentlichte bei Facebook ein Foto von Ben Ali, Mubarak und Khamenei. Darunter stand: „Die Diktatoren müssen weg“.

Golnaz Esfandiari

Veröffentlicht bei Radio Free Europe/Radio Liberty am 28. Januar 2011
Quelle (Englisch): http://www.rferl.org/content/egypt_unrest_view_from_iran/2290385.html

Über die heutigen Demonstrationen in Ägypten berichtet u. a. Enduring America in einem detaillierten Live Blog

Spiegel Online berichtet live auf Deutsch

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7 Antworten zu “Wie werden die Proteste in Ägypten/die Revolution in Tunesien in Iran wahrgenommen?

  1. Pingback: warnung vor den konterrevolutionen in arab- und persien! « bluthilde

  2. Pingback: Mehmanparast ruft Ägypten zu Respektierung der Rechte des Volkes auf | Julias Blog

  3. Pingback: Mir Hossein Moussavi über die Ereignisse im Nahen Osten | Julias Blog

  4. Jetzt geht es los. Die Unruhen greifen auch auf Ägypten und den Jemen über. In der Hauptstadt Sanaa haben Tausende Menschen gegen die Regierung und soziale Ungerechtigkeit demonstriert. Bislang verlaufen die Kundgebungen friedlich. In Ägypten gbit es allerdings Gewaltausbrüche. Erst Tunesien, dann Ägypten und jetzt der Jemen. Die Ursachen sind hier wohl auch haptsächlich in der Armut der Menschen zu suchen. Die Hälfte der Menschen im Jemen muss mit 2 Dollar am Tag auskommen. Ein Drittel der Menschen hat Hunger. Wenn die Menschheit erkennt, dass die Armut ein großer Motivatior für die Terroristen ist und dann etwas dagegen macht, dann wird auch der Terror zurückgehen.

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  7. man kann fast Gift darauf nehmen, dass der Iran seine islamische Herrschaft nicht nur mit Worten ankündigt sondern dem auch durch Aktion nachhilft.
    Sind gestern nicht 20 Mitglieder der Muslimbruderschaft in Ägypten verhaftet worden? Wer will in den Unruhen noch den Überblick behalten? Im Jemen läuft das bereits so und Jordaniens Islamisten stehen auch schon auf der Matte. In Tunesien scheint es weniger zu geben – noch.
    Dabei sind sie selber innerlich rott und stehen nur noch durch diese (Kampf-)aktionen. Ein Hauch könnte sie umblasen.
    Und wird es auch – eines Tages.

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