„Grüne Märtyrer wurden vom iranischen Regime gekidnappt“

RFE/RL, 17. Februar 2011 – Sane Zhaleh (Jaleh) und Mohammad Mokhtari, die beiden jungen Iraner, die bei den Protesten am 14. Februar erschossen wurden, werden jetzt wie etwa 70 andere, die bei den Demonstrationen von 2009 gegen die umstrittene Wiederwahl Mahmoud Ahmadinejads ihr Leben verloren, als „Grüne Märtyrer“ bezeichnet.

Mitglieder der Grünen Bewegung werfen dem iranischen Establishment vor, die Leichname der beiden jungen Männer gestohlen zu haben, um sie als von der Opposition getötete Anhänger der Regierung darzustellen.

Regierungsanhänger am 16. Februar beim Begräbnis des bei den Demonstrationen der Opposition vom 14. Februar erschossenen Studenten Sane Jaleh

„Die Mörder haben die Leichen der Ermordeten gestohlen“, sagte ein Oppositioneller der Rubrik „Persische Briefe“ von RFE/RL.

Diese Karrikatur zeigt, wie das Begräbnis der beiden von vielen Iranern wahrgenommen wird.

In einer weiteren Karrikatur mit dem Titel „Märtyrer stehlen“ von dem bekannten Karrikaturisten ManaNeyestani sagt der Sicherheitsbeamte: „Unser geliebter Märtyrer…. Was?“

Darstellung von Oppositionsführer Mehdi Karroubi als "Uncle Sam" bei Jalehs Begräbnis.

Die Manöver der Regierung um die beiden Todesopfer haben unter Oppositionellen Empörung ausgelöst. Sie glauben, dass die Regierung nach den Demonstrationen vom 14. Februar, bei denen zehntausende Iraner gegen die Regierung protestierten, unter Schock steht und Angst hat.

Die Demonstrationen fanden statt, obwohl das Regime die Protestbewegung mehr als ein Jahr lang unterdrückt und mit Repressionen niedergeschlagen hatte, und obwohl die Behörden die Demonstration verboten und die Opposition vor einer Teilnahme gewarnt hatten.

Nicht Basij – Moussavi
Die erzkonservative iranische Nachrichtenagentur Fars News (wegen ihrer Falschmeldungen und Regierungspropaganda oft „Farce News“ genannt) hatte behauptet, dass eines der Todesopfer, der Kunststudent Sane Zhaleh, Mitglied der Basij-Milizen gewesen sei, die aktiv an der brutalen Niederschlagung der oppositionellen Grünen Bewegung beteiligt war.

Verwandte und Freunde des 26jährigen widersprachen dieser Behauptung.

Aktivisten veröffentlichten ein Foto, auf dem Zhaleh gemeinsam mit Großayatollah Hossein Ali Montazeri zu sehen ist, der als spiritueller Vater der Grünen Bewegung gilt.

Ein Freund und Kommilitone Sane Zhalehs sagte gegenüber Radio Farda von RFE/RL, Zhaleh sei Mitglied der Grünen Bwegung und Anhänger von Oppositionsführer Mir Hossein Moussavi gewesen. Er habe während des Wahlkampfes für die Präsidentschaftswahl von 2009 sogar für Moussavis Wahlzentrale gearbeitet.

Einige meinen, dass Sane Jaleh als sunnitischer Kurde nicht in die Basij-Milizen passt.

Sanes Bruder Ghane Zhaleh sagte in einem Interview, dass der Basiji-Ausweis, den Fars News veröffentlicht hatte, gefälscht sei. Er habe seinem Cousin am Tag nach den Protesten vom 14. Februar, bei denen Sane getötet wurde, ein Foto von Sane gegeben. Er habe zu diesem Zeitpunkt nicht gewusst, dass sein Bruder ums Leben gekommen ist. Offenbar wurde dieses Foto für die Fälschung des Ausweises verwendet.

Zhaleh zufolge wird die Familie unter Druck gesetzt, damit sie nicht mit den Medien spricht. „Sie haben uns nicht einmal seine Leiche herausgegeben“, sagte er in einem Interview mit dem persischsprachigen Dienst von Voice of America (VoA)

In diesem Amateurvideo ist auch Sane Zhaleh zu sehen.

Sane Zhaleh wurde am 16. Februar von Regierungsanhängern begraben, die seine Freunde und Kommilitonen geschlagen und ihnen verboten haben sollen, an dem Begräbnis teilzunehmen.

Unbestätigten Berichten zufolge wurde Zhalehs Bruder nach seinem Interview mit VoA verhaftet.

Mohammad Mokhtaris Vater beim Begräbnis seines Sohnes, das unter hohen Sicherheitsvorkehrungen in Teheran stattfand.

„Lasst mich stehend sterben“
Später am 16. Februar berichtete die Moussavi nahestehende Webseite Kalemeh, dass „der Leichnam des zweiten Märtyrers der Proteste vom 14. Februar ebenfalls gestohlen wurde.“

Dem Bericht zufolge wurde der 22jährige Mohammad Mokhtari von Regierungsanhängern beerdigt, die „Tod Moussavi, Tod Karroubi“ skandierten. Seine Familie soll ebenfalls anwesend gewesen sein.

Mokhtaris Freunde und Angehörige haben sich zu seinem Tod bei den Protesten vom 14. Februar in Teheran bislang nicht geäußert. Oppositionelle Aktivisten haben auf Facebook und Blogs Fotos von ihm und einige seiner letzten Mitteilungen auf Facebook veröffentlicht, um der Propaganda der Regierung entgegenzuwirken.

Mokhtaris Profilbild bei Facebook zeigt das Datum des 25. Bahman (14. Februar) auf grünem Hintergrund – grün ist die Farbe der iranischen Opposition – und mit der Aufschrift „Alle zusammen“.

Der letzte Link, den er auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht hat, ist ein Statement eines engen Beraters von Oppositionsführer Mehdi Karroubi, der gesagt hatte, eine Genehmigung für die von den Behörden verbotene Demonstration am 14. Februar sei nicht erforderlich.

Mohammad Mokhtari

Auch die Mehrheit seiner anderen Postings beziehen sich auf die Oppositionsbewegung. So finden sich Unterstützungsbekundungen für den bekannten Filmregisseur Jafar Panahi, der zu sechs Jahren Gefängnis und einem 20jährigen Ausreise- und Berufsverbot verurteilt wurde.

Am 13. Februar, einen Tag bevor er ermordet wurde, wünschte Mokhtari seinen Freunden einen „Glücklichen Valentinstag“.

Eine seiner letzten Statusmeldungen lautet: „Gott, lass es mein Schicksal sein, stehend zu sterben – ich bin es leid, im Sitzen und in Erbärmlichkeit zu leben.“

Golnaz Esfandiari

Veröffentlicht bei Radio Free Europe/Radio Liberty am 17. Februar 2011
Quelle (Englisch): http://www.rferl.org/content/persian_letters_two_green_martyrs_hijacked/2312032.html

4 Antworten zu “„Grüne Märtyrer wurden vom iranischen Regime gekidnappt“

  1. Pingback: Interview mit einem Basiji: „Ich habe die Hure Hashemi beschimpft…“ | Julias Blog

  2. Es läuft noch eine andere miese Masche, die viel gefährlicher ist.
    Der Guardskommandant Jafari soll am Vorabend des 25. Bahman angedeutet haben, dass seine Untergebenen sich weigern könnten, auf die Demonstranten zu schießen. Nun ist anscheinend ein Brief von hohen Offizieren veröffentlicht worden, in denen sie offen versprechen, keine Gewalt anzuwenden.
    Es gibt einen Artikel auf tehranbureau, der weiterverlinkt zum telegraph.
    http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/middleeast/iran/8331625/Irans-Revolutionary-Guard-pledges-to-hold-fire.html#disqus_thread
    In diesem Artikel wird ein Ausschnitt übersetzt:
    „We promise our people that we will not shoot nor beat our brothers who are seeking to express legitimate protest against the policies and conduct of their leader.“

    Das ist eine Formulierung, die sie niemals gebrauchen würden, wäre es nicht von ganz oben genehmigt, schon gar nicht in diesem Stadium der Unruhen. Auffällig ist auch, wie ungehindert diese Vergewisserungen öffentlich wurden. Ebenso misstrauisch macht mich die Tatsache, dass das Regime, das vorher mit enormer Schnelligkeit und Härte reagiert hat, hier keine Reaktion zeigt. Es wird als großer Riss im Regime interpretiert, aber mir haben sich sofort alle Nackenhaare gesträubt.

    Damit wird der Weg für 2 Dinge geebnet:
    – jeder Schuss kann auf die Demonstranten oder die Regierung abgeschoben werden
    – eine Parallele zum Militär in Ägypten wird gezogen, die nach den Unruhen die Macht übernommen haben.
    Die Parsdaran jedoch ist kein Militär, sie sind die Wächter der islamischen Revolution, des Imams und des Obersten Religionsführers. Eine Machtübernahme würde mit Sicherheit nicht in einer Demokratie enden.

  3. Zeremonie des „zweiten Märtyrers“:
    http://www.mehrnews.com/fa/newsdetail.aspx?NewsID=1256223
    Ich kann den Namen im Text nicht finden.
    In einem Schrein in Ray city, ca. 6 km südwestlich von Tehran.
    2700 Teilnehmer, ein Commander der Guards hält eine Rede.

  4. Pingback: „Grüne Märtyrer wurden vom iranischen Regime gekidnappt“ | Julias Blog | INFOS FINDEN BEI MY-TAG.DE Game, Browsergame, Rollenspiel

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