„Erst töten sie anderer Leute Kinder, dann beten sie“

RFE/RL, 18. Februar 2011 – Oppositionelle Webseiten veröffentlichen Aufrufe zu landesweiten Protesten am 20. Februar, um der beiden Studenten zu gedenken, die bei den Protesten vom 14. Februar in Teheran getötet wurden. Die oppositionelle Gruppe „Grüner Pfad der Hoffnung“ erklärte, die Demonstrationen sollten zudem die „entschiedene Unterstützung“ für die Positionen der Oppositionsführer Mir Hossein Moussavi und Mehdi Karroubi zum Ausdruck bringen.

Von den Protesten am 14. Februar in Teheran liegt unterdessen der Bericht einer jungen Frau vor, die nach eigenen Angaben an der Demonstration teilgenommen hat, bei der Berichten zufolge zehntausende Menschen auf die Straße gegangen sein sollen. Hier sind Auszüge aus ihrem Bericht:

Auseinandersetzung zwischen Demonstranten und Spezialeinheiten der Polizei bei einer Demonstration in Teheran am 14. Februar 2011

Gegen 14 Uhr ging ich mit zwei Freunden zum Enghelab-Platz. Es waren viele Leute unterwegs. Mehr als wir erwartet hatten. Wir hätten nie gedacht, dass so viele Menschen kommen würden. Mit jedem Blick auf die anderen Menschen schien unsere Zuversicht zu wachsen. Hier und da sah ich Leute, die ich kannte, und wir begrüßten uns und winkten einander zu. Die Sicherheitskräfte standen um den ganzen Platz herum. Mit jeder Minute kamen mehr Menschen. An der Bushaltestelle war alles voll mit Menschen. Sie starrten uns an und sahen überrascht aus. Die Mobiltelefone funktionierten noch. Ich hatte meines nicht mitgenommen. Ich hatte von Leuten gehört, die (bei den Demonstrationen von 2009) verhaftet wurden, bei denen die Behörden dann über ihre Mobiltelefone genau herausfinden konnten, wo sie zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Tag gewesen waren. Sie wurden zu langen Haftstrafen verurteilt, wenn sie bestritten, bei den Demonstrationen dabeigewesen zu sein.

Es ging das Gerücht um, dass wegen des Besuchs des türkischen Ministerpräsidenten Abdullah Gül in Teheran eine Genehmigung für die Demonstration erteilt wurde. Das machte uns ein bisschen Mut. Die Revolutionsgarden waren nirgends zu sehen, und wir dachten, wir würden zum Azadi-Platz gehen, wo sich der Protest dann formieren würde. Als ich und meine beiden Freunde gerade darüber nachdachten, griffen uns (die Sicherheitskräfte) an. Es kam sehr überraschend und ging sehr schnell. Die Sicherheitskräfte fuchtelten mit ihren Schlagstöcken herum, brüllten und griffen die Leute an. Die Leute ergriffen die Flucht.

Ich und meine beiden Freund suchten Zuflucht in einem Buchladen. Der Besitzer schloss schnell das Eisengitter vor der Tür. Etwa 20 Leute hatten dort Schutz gesucht. Wir standen schweigend da. Das Geräusch der Schlagstöcke, die mit aller Macht auf die Straßenbegrenzungen oder auf die Körper unserer Freunde niedergingen, versetzte auch meinen Nerven Schläge. Etwa 10 oder 20 Minuten standen wir da, bis es etwas ruhiger wurde. Dann öffnete der Ladenbesitzer die Tür und ließ uns hinaus. Der Anblick war derselbe wie vorher: Eine Menschenmenge, die sich vorwärtsbewegte, und die Spezialeinheiten, die in der Mitte des Platzes standen.

Als wir weitergingen, attackierten sie uns wieder. Sie waren sehr nah, und es gab keinen Fluchtweg. Eine Frau im Tschador nahm mich in ihre Arme. Sie war in den Sechzigern. Ich legte meinen Kopf auf ihre Arme und beobachtete die Sicherheitskräfte, die mit ihren Schlagstöcken näher kamen. Die Frau sagte zu mir: „Keine Angst, meine Tochter. Wir sind hergekommen, um einen Spaziergang zu machen.“

Ich weiß nicht warum, aber ich begann zu weinen. Ich schämte mich. Ich konnte nicht aufhören zu weinen. Das war noch nie passiert. Als die Situation sich beruhigte, fragte die Frau mich, ob ich mit ihr zusammen gehen wolle. Ich dankte ihr und sagte, ich hätte meine Freunde verloren und würde allein weitergehen.

Ich war allein. Ich wusste nicht, in welche Richtung ich gehen sollte. Ich konnte meine Freunde nicht finden. Ich fragte einen Mann, ob ich sein Mobiltelefon benutzen dürfe. aber er sagte, dass die Mobiltelefone nicht funktionieren. Ich stand nur da. Mehrere Basijis kamen und nahmen einen jungen Mann mit. Niemand sagte etwas, vielleicht merkte es auch keiner. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Schließlich sah ich Bahman, einen Freund meines Freundes, den ich schon ein paar Mal gesehen hatte. Ich erzählte ihm, dass ich meine Freunde verloren hatte. Er war allein und schlug vor, zusammen weiter zu gehen.

Wir überquerten die Straße und bewegten uns in einer riesigen Menschenmenge in Richtung Azadi-Platz. Wir schwiegen, aber wir waren viele. Bahman sagte leise, dass wir vielleicht heute Abend frei sein würden. Er war sehr glücklich darüber, dass so viele Menschen gekommen waren. Er sagte, vielleicht würde heute etwas geschehen.
Die kleineren Straßen waren ein Problem, weil die Sicherheitskräfte und die Basijis dort standen. Nach jeder Straße, die wir hinter uns ließen, atmeten wir erleichtert auf.

Immer wieder blickte ich mich um und sagte leise, dass wir viele sind, dass wir vielleicht auf dem Weg in die Freiheit sind. Auf der anderen Seite fingen etwa 20 Basijis an, Parolen zu rufen. „All diese Truppen sind wegen der Liebe (zu Irans oberstem Führer Ayatollah Khamenei) gekommen“, riefen sie laut. Einer von uns sagte sarkastisch: „Ja, ihr seid wirklich eine Armee.“ Wir sagten ihm, er solle still sein. Irgendwann ließen sie uns nicht mehr weitergehen. Es waren Polizisten. Sie sagten, wir könnten nicht weiter gehen. Bahman sagte „Danke schön.“ Wir dankten ihnen, und sie schauten uns nur an.

In einer anderen Straße griffen sie uns an. Wir begannen zu laufen, und irgendeiner rief „Allah-o Akbar“. Jemand anders wiederholte es. Plötzlich riefen wir alle, als käme es direkt aus unseren Herzen – „Allah-o Akbar“. Wir kamen an eine andere Straße und beschlossen, uns nicht auseinandertreiben zu lassen und zusammen zu bleiben. Wir riefen „Tod dem Diktator!“

Innerhalb weniger Minuten wurden Feuer angezündet. Ich sah mich selbst auf den Autos unter den Bäumen stehen und mit aller Kraft Zweige abreißen. Bahman machte damit Feuer. Die Wachen standen auf der anderen Seite und trauten sich nicht näher heran. Sie beschossen uns mit Tränengas. Die Leute zündeten Zigaretten an und bliesen sich gegenseitig den Rauch ins Gesicht. Die Menschen in den Häusern sahen uns zu. Wir riefen, dass wir Zeitungspapier bräuchten, und sie warfen uns welches herunter. Wir machten Feuer. Wir rannten und riefen „Ich töte den, der meinen Bruder getötet hat“.

Wir bewarfen (die Sicherheitskräfte) mit Steinen. Es regnete Steine, der Himmel war voller Rauch, es war der Rauch unseres Zorns.  … In der Menge sah ich einen meiner Freunde, der aus dem Gefängnis freigelassen worden war. Ich küsste ihn und sagte: „Siehst du, die Grüne Bewegung lebt! Bravo, dass du gekommen bist.“

Wir hatten keine Zigaretten mehr (um uns gegen das Tränengas zu schützen). Wir fanden einen Laden und kauften Zigaretten und Essig. Jedes Mal, wenn sie Tränengas feuerten, begossen wir die Kleider der Leute mit Essig. Eine Frau im Tschador sammelte hastig Steine. Bahman dankte ihr. Sie sagte: „Lasst uns auf Freiheit hoffen!“

Wir gingen in die Mitte der Straße, und ich rief „Tod Khamenei!“ Die Leute beobachteten uns aus ihren Autos heraus und hupten, um uns zu ermutigen.

Ein mit zwei Männern besetztes Motorrad kam heran, jemand sagte, dass es Basijis seien. Wir stoppten sie, und die Leute fingen an, sie zu schlagen. Es war nicht wie an Ashura letztes Jahr [2009], als alle sagten, dass es keine Gewalt geben dürfe. Alle schlugen die beiden und riefen, dass man sie umbringen müsse. Ich selbst rief „Tötet den Dreck!“

Wieder wurden wir angegriffen. Wir flüchteten in eine Eisdiele. Der Besitzer erzählte uns Geschichten aus dem letzten Jahr. Irgendwann sprachen wir alle über unsere Erinnerungen aus dieser Zeit. Irgendwann sprachen wir dann über Armut, Elend und steigende Lebensmittelpreise.

Dann kam der Schlussangriff. Die Leute ermutigten einander, keine Anst zu haben: „Wir sind alle zusammen“. Bahman und ich begannen zu laufen, die Basijis kamen mit ihren Motorrädern und schlugen die Leute zusammen. Ich fiel hin, Bahman half mir. Dann fiel er hin. Sie hatten so viel Tränengas und Pfeffergas in die Luft geblasen, dass wir kaum noch atmen konnten. Wir schafften es in eines der Wohnhäuser. Wir husteten. Es waren etwa 100 von uns dort, es war so eng, dass wir uns nicht bewegen konnten. Irgendjemand sagte: „Dieser junge Mann hier ist angeschossen worden“. Ein Mann, der, wie ich später erfuhr, der Besitzer der Wohnung war, sagte uns, wir sollten still sein. Er sagte, (die Sicherheitskräfte) könnten hereinkommen. Er sagte, dass ein Krankenwagen unterwegs sei, um den jungen Mann zu holen, der angeschossen war und blutete. Ich schaute den Jungen an. Seine Augen waren geschlossen, und ich war wuterfüllt.

Ich sagte Bahman, dass ich mich am Bein verletzt hätte. Er war auch am Bein verletzt. Er fragte, ob ich warm angezogen sei, ich bejahte. Er sagte, er hätte unter seiner Hose ein zweites Paar warmer Hosen an, für den Fall, dass wir die Nacht auf dem Azadi-Platz verbringen.

Der Besitzer der Wohnung sagte, es sei ruhig draußen. „Ihr könnt gehen“. Wir bedankten uns bei ihm und seiner Frau und verließen die Wohnung. Wir hielten ein Auto an, und sie ließen uns einsteigen. Die Fahrerin, die ihre Tochter dabei hatte, sagte, es habe viele Verhaftungen gegeben. Wir hatten nicht genug Kraft, um uns zu unterhalten. Mitten auf dem Enghelab-Platz sahen wir sieben oder acht Basijis, die beteten. Die Frau sagte: „Erst töten sie anderer Leute Kinder, dann beten sie.“

Ich nahm ein Taxi. Der Taxifahrer fragte, ob ich von der Demonstration käme. Ich bejahte. Er fragte: „Was wollt ihr Grünen?“ Ich wollte ihn anschreien. Ich sagte, dass wir Freiheit wollen, ob er das etwa nicht wolle? Ich stieg aus.

Ich ging nach Hause. Ich beruhigte mich erst, nachdem ich meine Freunde angerufen hatte und wusste, dass es ihnen gut geht. Ich sah mir auf Al Jazeera einige der Videos von den Demonstrationen an.
Bisher war ich nach den Demonstrationen immer glücklich. Aber dieses Mal war ich so traurig, dass ich sterben wollte.

Wie lange wird dieses Spiel noch weitergehen? Wie lange wollen wir noch gegen Leute kämpfen, die bis an die Zähne bewaffnet sind und keine Gefühle haben?

Veröffentlicht bei Radio Free Europe/Radio Liberty am 18. Februar 2011
Quelle (Englisch): http://www.rferl.org/content/iran_february_14_account_of_protests/2313265.html

2 Antworten zu “„Erst töten sie anderer Leute Kinder, dann beten sie“

  1. Jedem normalen Menschen muß auffallen, daß die Regierungen der freien Welt (USA, Frankreich, England, Deutschland) zu dem Freiheitskampf der Unterdrückten nichts oder fast nichts zu sagen haben. Ich folgere daraus, daß ihnen die Freiheit etwas anderes bedeutet, als sie es vorgeben. Daraus wieder läßt sich schließen, daß (die westlichen Demokratien, bzw. ihre Regierungen) ihre eigene Freiheit mißbrauchen oder zumindest nicht verantwortungsvoll mit ihr umgehen. Denn zu der eigenen Freiheit, in einem demokratischen Land leben zu dürfen, gehört auch die Verantwortung, diese zu verteidigen. Nun sagt die Bundeskanzlerin zwar, dass die Freiheit der Republik am Hindukusch verteidigt wird, aber dies scheint nur eine Ausrede zu sein, weil sie sonst auch eine Meinung zu den Unterdrückern dieser Freiheit in dieser Region hätte, nämlich den Mullahs und Ahmadinedschad, die mit ihren Schergen der Hölle den Terrorismus lokal und weltweit fördern. Die Frage also, ob unsere westlichen Regierungen den Terrrorismus und die Diktaturen im Mittleren Osten nicht durch ihr Schweigen unterstützen, ja ermutigen, ist also begründet und zulässig.

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