Teheraner Meinungen über Demonstrationen und die oppositionelle Bewegung

Regierungsgegner demonstrieren am 14. Februar in Teheran (Foto: Payvand)

LA Times/Babylon & Beyond, 7. März 2011 – Wie denken Iraner über die Konfrontation zwischen Regimeanhängern und -gegnern, die den politischen Diskurs im Land weiterhin beherrscht?

Babylon & Beyond hat mit Menschen auf den Straßen und in den Moscheen Teherans gesprochen, um ein Bild von den Meinungen über die jüngsten Proteste in der iranischen Hauptstadt, die Oppositionsbewegung und ihre Führer zu erhalten. Außerdem wurde die Frage gestellt, ob die Proteste eskalieren oder an Kraft verlieren werden.

Amir, 50, Geschäftsmann:
„Die Demonstration am 1. März in Enghelab und Azadi [zwei zentrale Plätze in Teheran, d. Übers.] waren größer als ich erwartet hatte. Was anders war, waren die Zivilpolizisten, die sich unter die Demonstranten gemischt hatten… sobald (die Demonstranten) es wagten, Parolen zu rufen, wurden sie verhaftet und in die wartenden Busse verfrachtet. Ich habe Videos … über die Demonstrationen in Shiraz und Isfahan und anderen Städten gesehen. Wenn die Unterdrückung durch die Milizen nur etwas nachlässt, werden die Demonstrationen eskalieren.“

Mohammad, 46, Koranlehrer:
„Ich glaube nicht, dass dieser Aufruhr in Zukunft eskalieren wird. Natürlich ist ein Aufruhr eine Mischung aus richtig und falsch, und es ist schwierig, richtig und falsch voneinander zu unterscheiden. Ich denke, dass diejenigen, die für Moussavi und Karroubi gestimmt haben, sich jetzt von ihnen distanzieren – vor allem die, die gläubige Muslime sind und einen religiösen Staat wollen. Moussavi und Karroubi haben ihre Anhänger als eine Brücke zu ihren Zielen genutzt. Jetzt wird den Leuten klar, wie die Realität aussieht.“

Hamid, 54, Buchhändler:
„Ich bin pessimistisch. Die Demonstrationen scheinen immer kleiner zu werden. Wie man sehen konnte, hatte die Anzahl der Demonstranten bei den Protesten am 14. Februar, 20. Februar und 1. März abgenommen. Menschen wie ich finden, dass es sich nicht lohnt, wegen Mehdi Karroubi, Mir Hossei Moussavi oder Ex-Präsident Mohammad Khatami auf die Straße zu gehen und sich verprügeln, verhaften oder töten zu lassen. Wir brauchen neue Ziele, für die wir kämpfen können. Anderenfalls müssen wir unsere Methoden des Protests verändern, und ich glaube, dass wir parallel zu unseren friedlichen Demonstrationen militante Gruppen brauchen werden, um das Regime unter Druck zu setzen.“

Emad, 27, Inginieur und Geschäftsmann:
Die Demonstrationen werden immer kleiner, aber ich glaube, dass sich wieder mehr Leute mobilisieren lassen werden, wenn die wirtschaftliche Unzufriedenheit zu einem stärkeren Faktor wird. Aber nächstes Mal wird die Führung für Mehdi Karroubi und Mir Hossein Moussavi außer Reichweite sein.

Javad, 43, Geschäftsmann im Großen Basar in Teheran:
England, die USA und Israel stecken hinter dem Aufruhr. Die Unruhen vom 14. Februar haben besonders deutlich gezeigt, dass die Anführer des Aufruhrs unter dem Einfluss Großbritanniens stehen. Von den 13 Millionen, die für Moussavi gestimmt haben, sind viele jetzt desillusioniert und realisieren die üblen Absichten der Anführer des Aufruhrs. Der Aufruhr wird mit Sicherheit abnehmen.

Shahram 24, Student der Pharmakologie:
An unserer Fakultät sind 60% für Moussavi und Karroubi, aber nur sehr wenige von uns sind bereit, auf die Straße zu gehen und zu protestieren. Eins ist sicher: Ich war bei den Demonstrationen, aber nicht wegen Moussavi oder Karroubi. Überhaupt nicht. Wir sind subversiv. Wir sind gegen das gesamte System.

Naser, 48, Lehrer:
Einer meiner Schüler wurde am 1. März verhaftet, aber wenige Stunden später von der Polizei wieder freigelassen. Ich denke, die Basijis und die Polizei waren nachlässiger und sind gespaltener als früher. Darum hoffe ich, dass die Proteste wieder an Kraft gewinnen werden.

Mehdi, 27, Doktorand der Philosophie:
Einige Freunde, die Moussavi und Karroubi unterstützt und gewählt haben, beginnen jetzt, sich von ihnen zu distanzieren… Kurz gesagt, die Mehrheit der iranischen Gesellschaft ist religiös, und diejenigen, die das Banner des Säkularismus hissen und den Staat von der Moschee trennen wollen, liegen falsch. Darum glaube ich, dass der Aufruhr oder die Grüne Bewegung oder wie immer man es nennen will, abnimmt. Aber ich glaube auch, dass der Aufruhr auch in Zukunft problematisch bleiben wird.

Mostafa, 40, arbeitslos:
Vor dem 14. Februar versuchten die Webseiten der Grünen Bewegung das Regime so darzustellen, als hätte es keine Macht mehr, um [Proteste] zu unterdrücken und niederzuschlagen. Sie umwarben die Menschen, damit sie auf die Straße gehen. Aber am 20. Februar und 1. März kamen sie mit dieser Taktik nicht weit. Ich persönlich will nicht im Gefängnis landen, ich will ein besseres Leben und einen Job, mit dem ich meinen Lebensunterhalt verdienen kann. Ich stehe auf der Seite der Proteste, so lange sie einfach sind und [Erfolg] versprechen.

Los Angeles Times

Veröffentlicht bei Los Angeles Times Blogs am 7. März 2011
Quelle (Englisch): http://latimesblogs.latimes.com/babylonbeyond/2011/03/iran-tehran-vox-pop-on-recent-protests-and-where-things-might-be-heading.html

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