Die Proteste in Syrien aus der Sicht der Islamischen Republik

Regierungstreue Syrer bei einer Kundgebung vor der Umayyad-Moschee in Damaskus, 25. März 2011

RFE/RL, 29. März 2011 – „Begrenzte“ Proteste habe es in wenigen syrischen Städten gegeben, und die Berichte ließen darauf schließen, dass Israel die Syrer mit SMS-Botschaften und via Internet dazu angestachelt habe, auf die Straße zu gehen. So jedenfalls steht es in einem Kurzbericht der offiziellen iranischen Nachrichtenagentur IRNA, der weder die Todesopfer in Syrien, noch die Parolen für Freiheit und gegen Korruption erwähnt. Was in der Tat „begrenzt“ ist, ist die Berichterstattung der iranischen Nachrichtenagenturen über die Unruhen, die Syrien in den letzten Tagen erschütterten. Die meisten ignorierten die Proteste entweder weitestgehend, oder berichteten über eine Beteiligung des Auslands an den Protesten in Syrien, dem wichtigsten Verbündeten Irans in der Region.

Die Proteste in Syrien haben Teheran in eine schwierige Lage gebracht, was einer der Hauptgründe für das Schweigen der Medien sein könnte, die über die Revolten und Proteste in anderen arabischen Staaten ausführlich berichteten. Die iranischen Offiziellen, die diese Aufstände als ein „islamisches Erwachen“ bezeichneten und behaupteten, dass die Proteste durch die iranische Revolution von 1979 inspiriert wurden, müssen sich jetzt etwas Neues ausdenken, um die Ereignisse in Syrien zu erklären.

Bis jetzt schweigen die Offiziellen. Aber wenn sie sich dazu entschließen sollten, die Ereignisse zu kommentieren, werden sie wahrscheinlich behaupten, dass ausländische Elemente und Länder hinter den Unruhen in Syrien stecken. Dies taten sie auch nach den Massenprotesten, die sich nach der umstrittenen Wiederwahl des iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad im eigenen Land ereigneten, und auch die jüngsten Proteste der Oppositions in Teheran und anderen Städten wurden nach diesem Muster kommentiert.

Die oppositionelle Webseite Kalemeh, der die fehlende Berichterstattung iranischer staatlicher Medien über die Proteste gegen die Regierung in Syrien ebenfalls aufgefallen ist, zitiert einen Bericht der regierungstreuen [iranischen] Webseite Mashregh:

„Westliche Kreise hatten kürzlich versucht, in Syrien über Facebook einen ‚Tag des Zorns‘ zu organisieren. Doch die Verschwörung versagte und wurde von den Syrern nicht angenommen, und somit wurde das Unternehmen zu einer weiteren Blamage für die USA und ihre Verbündeten in der Region.“

Auch den [iranischen] Bürgern ist die spärliche Berichterstattung der staatlich kontrollierten Medien über die Ereignisse in Syrien nicht entgangen. Der mit dem konservativen Abgeordneten und Ahmadinejad-Kritiker Ahmad Tavakoli assoziierten Webseite Alef liegen Beschwerden von Lesern über die unzureichende Berichterstattung inländischer Medien vor.

Alef schreibt dazu, die Leser erkundigten sich zu Recht danach, fügt aber hinzu: „Wenn die Proteste in Syrien wirklich vom Volk ausgehen würden und es dabei keine Einwirkung von außen gäbe, dann hätten die iranischen Medien genauso darüber berichtet, wie sie es im Fall der Proteste im Yemen, in Ägypten oder in Bahrain getan haben“. Ein Grund dafür, dass die iranischen Medien die Proteste in Syrien nicht „ernst nehmen“, könne sein, dass die Quellen, die über die Proteste berichten, „zweifelhaft“ sind, so Alef weiter. Westliche Medien, die keine Reporter in Daraa und anderen Protestschauplätzen hätten, bekämen ihre Informationen ausschließlich über die Gegner der syrischen Regierung.

„Die westlichen Medien haben gezeigt, dass sie in der Auswahl ihrer Nachrichten alles andere als objektiv sind. Sie wählen die Nachrichten aus und verstärken sie ihren eigenen Interessen gemäß. Deshalb zensieren sie die Nachrichten in großem Stil oder machen große Fehler in ihrer  Berichterstattung.“

Außerdem wirft Alef westlichen Nachrichtenagenturen vor, vor den Protesten und Unruhen in Bahrain die Augen zu verschließen, gleichzeitig aber übermäßig viel Zeit auf die Ereignisse in Syrien zu verwenden.

„Wir erinnern daran, dass Reuters und Associated Press zwischen dem 14. und dem 20. März mehr als 39 Meldungen über die Unruhen in Syrien brachte, in diesem Zeitraum aber nur 9 Meldungen über die Unruhen im Yemen und in Syrien [sic, wahrsch. gemeint: Bahrain, d. Übers.]! Ist es da nicht gerechtfertigt, die Berichte dieser beiden Nachrichtenagentur mit Vorsicht zu genießen?“ fragt Alef und fügt hinzu, die Proteste in Syrien schienen zwar „ernst“ zu sein, aber nicht so, wie die Berichterstattung „westlicher und wahhabitischer Medien“ nahelege. „Dass viele (Menschen) in Syrien zu Tode gekommen sind, ist dennoch wichtig und bedauerlich.“

Die Ahmadinejad-treue Nachrichtenagentur Fars News erklärt unterdessen, die westlichen Nachrichtenagenturen hätten versucht, die Situation in Syrien als kritisch darzustellen, indem sie die Zahl der Todesopfer übertrieben, und die Syrer angestiftet, auf die Straße zu gehen.

Bei seiner ersten Pressekonferenz im neuen iranischen Jahr, die nächste Woche in Teheran stattfindet, soll Ahmadinejad auch zu den Entwicklungen in der Region Stellung nehmen. Es ist wahrscheinlich, dass auch Syrien zur Sprache kommen wird.

Golnaz Esfandiari

Veröffentlicht bei Radio Free Europe/Radio Liberty am 29. März 2011
Quelle (Englisch): http://www.rferl.org/content/view_syria_protests/3540271.html

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