Inhaftierter Student fordert bessere Haftbedingungen

Zia Nabavi

RFE/RL, 5. Mai 2011 – Ein inhaftierter iranischer Student hat in einem offenen Brief an die Justiz Schritte zur Verbesserung der Haftbedingungen in iranischen Gefängnissen gefordert. Dies berichtet Radio Farda von RFE/RL.
Zia Nabavi, ein Sprecher der Organisation „Rat zum Schutz des Rechts auf Bildung“, war während der Unruhen nach der Präsidentschaftswahl vom Juni 2009 verhaftet und u. a. wegen „Versammlung mit dem Ziel der Verschwörung gegen die nationale Sicherheit“ und Kooperation mit der verbotenen Exilgruppe der Volksmojahedin (MKO) verurteilt worden. Er verbüßt seine 10jährige Haftstrafe im Gefängnis Karou in der südwestiranischen Stadt Ahvaz.

Sein Brief an Mohammad Javad Ardshir Larijani, den Leiter der Menschenrechtsabteilung der iranischen Justiz, wurde am 4. Mai auf den Webseiten Daneshjoo News und Kalemeh veröffentlicht.

Peyman Roshanzamir, ein ehemaliger Zellengenosse Nabavis in Karun, beschrieb in einem Interview mit Radio Farda am 4. Mai die dortigen Haftbedingungen und berichtete von Überfüllung und Schmutz.

„Ich war überrascht festzustellen, dass mehr als 1500 Gefangene mehr als ein Jahr lang im Hof schliefen, egal, welches Wetter herrschte“, sagte er. Wenn es nachts regnet, müssten die Gefangenen sich überdachte Schlafplätze suchen. Bei Regen verwandle sich der Hof in eine riesige Pfütze aus Regen- und Abwasser.

„Wenn die Gefangenen den Dreck in stundenlanger Arbeit beseitigt haben, müssen sie ihre Decken genau dort wieder ausbreiten, um schlafen zu können“, berichtete Roshanzamir.

Nabavi beklagtin seinem Brief die Tatsache, dass politische Gefangene oft mit Drogenkriminellen in einem Block untergebracht werden.

Veröffentlicht bei Radio Free Europe/Radio Liberty am 5. Mai 2011
Quelle (Englisch): http://www.rferl.org/content/jailed_iranian_student_calls_for_improved_conditions/24092676.html

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Tehran Bureau hat Auszüge aus dem Brief veröffentlicht:

In einem bewegenden Brief an Mohammad Javad Larijani hat der inhaftierte studentische Aktivist Zia Nabavi die furchtbaren Zustände im Gefängnis Karun in Ahvaz in der südwestiranischen Provinz Khuzestan beschrieben.
Nabavi schreibt, die dortigen Zustände überstiegen alles, was man mit Stift oder Kamera wiedergeben kann. Menschen würden dort zu Tieren degradiert.

„Was hier vor sich geht, entzieht sich jeder Beschreibung. Ich habe einen solchen Ort noch nie zuvor gesehen oder darüber gelesen. Kein Film, kein Roman vermag es, diesen Ort zu beschreiben, und ich hätte mir nie vorstellen können, dass es einen solchen Ort auf der Welt überhaupt gibt…
Abteilung 6, wo ich einsitze, ist der Anzahl der dort verfügbaren Betten nach für die Unterbringung von 120 Personen ausgelegt. Im Durchschnitt sind hier aber 300 Gefangene untergebracht. Selbst wenn alle stehen, ist es schwierig, für alle Platz zu finden, und Viele müssen auf dem nackten Boden schlafen. Ich habe sechs Monate lang kein Bett gehabt. Manche schlafen in der Küche, manche auf der Toilette, manche im Bad. (Die Zustände sind derart schlimm, dass) für mich – außer, dass ich am Leben bin – der einzige Anlass zur Freude die Tatsache ist, dass ich in einem Bett schlafe.
Nur sechs der Gefangenen in Abteilung 6 sind politische Gefangene. Alle anderen sind wegen Raub oder Drogenstraftaten hier. Sie haben viele medizinische Probleme, und das Zusammenleben mit ihnen ist gesundheitsgefährdend. Der Ausdruck „Gesundheitszustand“ hat hier keinerlei Bedeutung.
Das Kanalisationssystem hier ist eine Katastrophe. Immer gibt es Kakerlaken und Mäuse, ihr Anblick ist an der Tagesordnung. Es [die Kanalisation] läuft hin und wieder über, und abgesehen von allen möglichen damit einhergehenden Problemen herrscht ein Gestank, der einen zum Wahnsinn treibt. Das Atmen wird dann zur Folter. Wenn es regnet, verwandelt sich die Abteilung in einen verseuchten Pfuhl. Wenn das Wasser wieder abläuft, müssen die Gefangenen auf dem verseuchten Boden sitzen.
Was das Essen angeht, gibt es höchstens 1 kg Obst alle 6 Wochen, und wir müssen es im Gefängnisladen kaufen. Es gibt so wenig Obst, dass wir uns darum streiten müssen. Infolgedessen leiden wir an Vitaminmangel und haben alle möglichen Krankheiten. Es gibt keinen Kühlschrank hier, in dem man etwas frisch halten kann. Sie sagen, dass es früher einmal einen Kühlschrank gegeben hätte, aber weil man Drogen darin entdeckte, wurde er weggenommen. Wahrscheinlich sollte man auch alle Autos in Iran abschaffen, weil man manchmal Drogen in einigen Autos findet.
Es gibt keien Zeitungen oder Zeitschriften hier, und auch keine Möglichkeit, sich welche von außerhalb zu beschaffen. Kein einziges Buch, nachdem ich gefragt habe, konnte ich bisher bekommen, und es handelte sich bei allen um Büchern über Philosophie oder Literatur.
Jeder Gefangene darf pro Woche drei Minuten mit seiner Familie telefonieren, aber sie finden immer irgendwelche Entschuldigungen, um uns dieses Recht auch noch zu nehmen.“

Quelle (Englisch): Tehran Bureau, 5. Mai 2011

Update:
Die Webseite Kalemeh berichtet am 5. Mai, dass Zia Nabavi in ein Gefängnis namens „Ordugah Clinic“ verlegt worden sein soll, in dem nur 26 Gefangene untergebracht sind (englische Übersetzung des Artikels bei Banooye Sabz)

3 Antworten zu “Inhaftierter Student fordert bessere Haftbedingungen

  1. Pingback: Zia Nabavi beschreibt in einem Brief an Javad Larijani seine Haft im Gefängnis Karoun | Julias Blog

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