Am Rande eines Abgrunds – Irans nukleare Ambitionen

Ali Mohtadi

Rooz, 30. Mai 2011– Die Geschichte lehrt uns Dinge, vor denen sich niemand verschließen sollte. Anscheinend glaubt kein Regime oder Herrscher, dass es bzw. er seinen historischen Vorgängern ähnelt und von ihnen lernen kann. Wo diese Sichtweise dominiert, müssen die Völker den Preis für den Größenwahn ihrer Herrscher bezahlen. Ist dieser Punkt erst einmal erreicht, bleibt niemand mehr verschont. Vielleicht kann man noch schweigen, wenn der Reichtum einer Nation gestohlen und vernichtet wird, aber wenn Menschenleben nichts mehr Wert sind und nicht berücksichtigt werden, wird die Stille unerträglich.

Bis zur iranischen Revolution von 1979 ging der Schah seinem unersättlichen Bedürfnis nach, Iran zu einem mächtigen Land mit dem fünftgrößten Militär der Welt zu machen. Von einem großen Teil der damals historisch hohen Staatseinnahmen aus der Ölförderung kaufte er Waffen, mit deren Gebrauch sich kein iranischer Experte auskannte. Das Regime des Schahs verfügte über so viel Geld, und er selbst war dermaßen egomanisch, dass er keinen Rat annahm und dem Land damit unermesslichen Schaden zufügte. Seine Missachtung der offensichtlichen Bedürfnisse der iranischen Gesellschaft und seine Besessenheit mit dem Waffenkauf waren die Hauptgründe für den Sturz des Schahs.

Heute wiederholt sich die Geschichte in anderer Form. Auch die Islamische Republik, die dem Schahregime nachgefolgt ist, versucht wie besessen und mit allen Mitteln, Waffen zu entwickeln und zu kaufen. Aber es sind der Reichtum und die Ressourcen Irans, die für die Entwicklung der Shahab-Raketen und vor allem für das Kernkraftwerk Buschehr und andere gigantische Nuklearprojekte verwendet werden.

Um zur Atommacht und zur führenden militärischen Macht in der Region zu werden, hat sich Iran zu Recht einen Namen als „politische Hure“ unter den Staaten gemacht. Betrachtet man das Verhalten Russlands bei der Durchführung des Atomprojekts in Buschehr, so fällt selbst einem Teenager auf, dass dieses Projekt für Moskau in erster Linie eine Einnahmequelle und ein Werkzeug für politische Spiele und Intrigen gegen den Westen ist. Sobald Moskau Probleme mit dem Westen bekommt, wird über den Äther verbreitet, dass das Kernkraftwerk Buschehr in wenigen Monaten in Betrieb genommen werden kann. Wenn zwischen den beiden Seiten wieder Ruhe herrscht, gerät die Anlage in Vergessenheit.

Ähnlich wie das Schahregime erachtet sich die Islamische Republik nicht als beratungsbedürftig in Atom- und Waffenangelegenheiten. Aber während die meisten Länder den Schah noch beraten und allerlei Abkommen mit ihm schließen wollten, genießt die Islamische Republik dieses Privileg nicht. Der wenige Expertenrat, der ihr beschert wird, bleibt unbeachtet.

Die Britische Tageszeitung Daily Telegraph hat kürzlich erstmals einen geheimen Bericht veröffentlicht, der zeigt, dass Iran von den Gefahren des Kernkraftwerks Buschehr überhaupt nichts wissen will. Dieser Bericht, den die Zeitung angeblich von iranischen Atomwissenschaftlern vertraulich erhalten hat, besagt, dass die Islamische Republik die Warnungen internationaler Experten vor den großen Risiken um die Anlage in Buschehr nicht ernst nimmt. Ein Absatz des Berichts, der nach der Katastrophe in dem japanischen Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi vom März 2011 erstellt wurde, lautet: „Auf Grundlage naturwissenschaftlicher und historischer Daten sind Experten zu dem Schluss gekommen, dass der Großraum, in dem das Kernkraftwerk Buschehr im Iran liegt, besonders die Provinz Kerman, von Erdbeben katastrophalen Ausmaßes bedroht ist. Ein solches Ereignis kann jederzeit eintreten und würde im Kraftwerk Buschehr irreparable, katastrophale Schäden verursachen, denn die Sicherheitsstandards sind sehr niedrig, und große Teile der Anlage basieren auf veralteten Technologien.“

Gemäß dem Daily Telegraph haben Experten der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) die iranische Regierung gewarnt, dass die Weiterführung des Projekts katastrophale Folgen haben könnte. Jedoch nimmt die Islamische Republik die Warnung nicht ernst, sondern sieht diese als Teil einer internationalen Kampagne, die Iran am Erwerb von Nukleartechnologie hindern soll.

Zusätzlich zu diesem Bericht hat die IAEO ein weiteres Dokument veröffentlich, aus dem hervorgeht, dass Iran auf den Erwerb von Atomtechnologie für militärische Zwecke hingearbeitet hat und dies weiterhin tut. Die IAEO hat betont, sie verfüge über Berichte, wonach Iran an der Entwicklung eines Nuklearsprengkopfs arbeitet, der anstelle des konventionellen Sprengkopfs in den Schahab-3-Raketen eingesetzt werden kann.

Abgesehen von den Bedenken und Drohungen der internationalen Gemeinschaft in Bezug auf Irans Atomprogramm, das die Welt mit allen verfügbaren Mitteln verhindern möchte, zeigt ein Rückblick auf die Ereignisse der letzten 30 Jahre, dass die Islamische Republik dogmatisch alles versuchen wird, um die fortschrittlichsten Waffen zu erwerben. Sie führt mit der ganzen Welt einen Kampf gegen Windmühlen und wird keine Kosten scheuen, um ihn fortzusetzen, auch wenn es sich dabei um Menschenleben handelt.

Die Millionen Dollar, die der Schah für Waffen und eine moderne Armee ausgegeben hat, konnten seinen Thron am Ende nicht retten. Wohin bewegt sich also die Islamische Republik angesichts der internationalen Isolierung? Wenn hinter den Warnungen der Weltgemeinschaft mehr steht als die Absicht, diplomatischen Druck auf die Islamische Republik auszuüben, wie kann man dann den Verlust von Menschenleben verhindern?

Ahmadinejad hat eine provokante und doch gefährliche Antwort auf diese Frage gegeben: „Die iranischen Kernkraftwerke sind nicht mit der Anlage von Fukushima vergleichbar, denn Japan benutzt alte Technologien, während Iran für Buschehr nur die fortschrittlichste und modernste Ausrüstung verwendet.“

Ali Mohtadi

Veröffentlicht bei http://www.roozonline.com/english/ am 30. Mai 2011
Quelle (Englisch): http://www.roozonline.com/english/news3/newsitem/archive/2011/may/30/article/on-the-edge-of-a-precipice.html
Übersetzung aus dem Englischen: Elli Mee
Originaltitel: On the Edge of a Precipice

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