Vergewaltigung und Folter: Vermächtnisse der Repression nach der Präsidentschaftswahl

ICHRI, 10. Juni 2011 – Zum 2. Jahrestag der umstrittenen Präsidentschaftswahl vom Juni 2009 und der danach einsetzenden Repression hat International Campaign for Human Rights in Iran (ICHRI) heute die auf Video aufgenommene Aussage einer jungen Gefangenen veröffentlicht, in der sie die Einzelheiten der von ihr nach ihrer willkürlichen Verhaftung erlittenen schweren Folter und wiederholten Vergewaltigung beschreibt.

Ihre kraftvolle Aussage steht im Widerspruch zur offiziellen Aussage des Regimes, derzufolge es gegen Demonstranten seitens der Sicherheitskräfte keine Folter und Vergewaltigung im großen Stil gegeben haben soll.

„Vergewaltigung ist eine der schlimmsten Formen der Folter, und es kommen immer mehr Aussagen über sadistische Foltermethoden und sexuellen Missbrauch ans Licht“, so ICHRI-Sprecher Hadi Ghaemi.

Verwandter Link: “Iranian Women Prisoners Detail Torture: ‘Death Was Like a Desire’,” PBS NEWSHOUR SEGMENT

„Wie kann die iranische Justiz auch nur einen Funken Legitimität beanspruchen, wenn sie die Täter weiterhin abschirmt? Ihre Glaubwürdigkeit ist dahin, seit sie einem Klima ungezügelter Straflosigkeit Bahn bricht.“

ICHRI ist zutiefst besorgt, dass derselbe Sicherheits- und Geheimdienstapparat, der die in diesem Video bezeugten massiven Gräueltaten beging, auch weiterhin für die willkürliche Verhaftung, Verhöre Inhaftierungen von Gewissensgefangenen und Regimekritikern zuständig sein wird.

In den letzten zwei Jahren ist die Justiz zu einem Werkzeug der Sicherheits- und Geheimdienstagenten geworden, die jede Unabhängigkeit verloren hat.

ICHRI veröffentlicht einen Ausschnitt aus dem im Original 100 Minuten umfassenden Video-Interview mit der jungen Frau, die im Sommer 2009 verhaftet, gefoltert und vergewaltigt wurde.

Das Gespräch mit ihr dauerte über 12 Stunden. Die Überlebende berichtete über viele Aspekte ihrer Erfahrung. Alle Einzelheiten, die das zwölfstündige Interview ergab, wurden ICHRI zur Verfügung gestellt. Alle Informationen, die Rückschlüsse auf die Identität der jungen Frau zulassen, wurden zu ihrem Schutz nicht veröffentlicht.

“Das Rohmaterial dieses Videos liegt dem „Center for Investigative Reporting“ vor.
Kontakt: information@cironline.org.”

Die junge Frau in dem Video beschreibt anschaulich, wie sie von einem jungen Mann im Dienst der Sicherheitskräfte bei ihrer Verhaftung begrapscht wurde und zusammen mit anderen Frauen an einem geheimen Ort, den sie als Lagerhalle beschreibt, festgehalten wurde. Sie verbrachte mehrere Tage in einer engen Zelle, mit verbundenen Augen, ohne Wasser, Essen und ohne Möglichkeit, auf die Toilette zu gehen. Dann wurde sie in eine andere geheime Haftanstalt gebracht, wo sie in Einzelhaft kam.

Die junge Frau, die bei ihrer Verhaftung noch Jungfrau war, wurde dort mit verbundenen Augen und geknebelt festgehalten und von einem Peiniger brutal vergewaltigt, geschlagen und gedemütigt.

„Zuerst leckte er mein Gesicht ab“, erzählt das Opfer. „Ich hatte das Gefühl, dass alles Leben mich verließ. Er begann, mir die Kleider vom Leib zu reißen. Meine Hände waren gefesselt, meine Augen waren verbunden, und ich begann zu weinen. Er brüllte ‚Sei still, Hure!‘ Dann fing er an. Er öffnete meinen BH und zog mich aus. Er schlug und streichelte mich gleichzeitig und sagte dabei ‚Ich werde dir etwas antun, das du nie vergessen wirst. Ich werde dafür sorgen, dass du dein Haus nie wieder verlässt und zitterst, wenn du nur meinen Namen hörst. Ikch werde dich in den Wahnsinn treiben.‘ Und das hat er getan. Er vergewaltigte mich.“

Später, so das Opfer, fügte ein anderer Sicherheitsfunktionär ihr an Händen, Knien und Brüsten mit Zigaraetten Brandmale zu, trat sie in den Magen, bis ihr Mund sich mit Blut füllte.  Die Interviewerin fand diese Aussagen durch Male an ihrem Körper bestätigt, die aller Wahrscheinlichkeit nach durch brennende Zigaretten hervorgerufen wurden.

Die Wochen nach ihrer ersten Vergewaltigung und den sadistischen Quälereien beschreibt das Opfer wie folgt: „Ich roch Blut, ich war immer noch benommen. Es ging mir nicht gut. Sie brachten mich in die Zelle zurück. Ich weiß nicht, wie viel Zeit verging – eine Woche, zwei… Alle paar Tage wiederholte sich das Gleiche. Sie brachten mich in das Zimmer, schlugen mich, vergewaltigten mich…“

Bis zu ihrer Freilassung einige Wochen später wiederholten sich Vergewaltigung und Folter. Nach ihrer Freilassung wurden bei ihr Verletzungen und eine Harnwegsinfektion festgestellt.

„Ich war moralisch gebrochen“, so die junge Frau. Sie drängte andere Vergewaltigungs- und Folteropfer dazu, über das Erlebte zu sprechen und bat die internationale Gemeinschaft, die Torturen der vielen anderen Überlebenden von Vergewaltigung und Folter nicht zu vergessen, die in stiller Verzweiflung weiter leben.

ICHRI begann schon am 25. Juli 2009, glaubwürdige und verlässliche Berichte über Vergewaltigungen von Gefangenen der Proteste nach der Wahl zu sammeln. Offenbar wurden gewöhnliche Menschen, Demonstranten ohne besonderes Profil, Opfer von Vergewaltigung und brutalsten Misshandlungen. Die Behörden wollten sie anscheinend emotional zerstören und damit den Iranern signalisieren, dass sie leiden werden, wenn sie es wagen sollten, auf die Straße zu gehen oder ihre Regierung zu kritisieren.

Am 29. Juli 2009 schrieb Oppositionsführer Mehdi Karroubi in einem Brief an Ayatollah Hashemi Rafsanjani: „Einige der Verhafteten haben berichtet, dass weibliche Gefangene brutal vergewaltigt wurden, wodurch sie ernste Verletzungen an den Sexualorganen erlitten. Auch einige der jungen männlichen Gefangenen wurden brutal vergewaltigt, was zu ernsten psychischen und körperlichen Komplikationen und schlimmen Depressionen führte.“
Karroubi machte diesen Brief am 9. August 2009 öffentlich und forderte eine parlamentarische Untersuchung.

Am 12. August 2009 gab Parlamentsprecher Ali Larijani bekannt, dass eine [für die Untersuchung dieser Vorfälle eingerichtete] parlamentarische Sonderkommission die von Karroubi vorgelegten Beweise nicht anerkannt habe. Das Tempo, in dem diese Reaktion erfolgte, deutete stark darauf hin, dass Larijanis Kommission keinerlei ernsthafte oder gründliche Untersuchung durchgeführt hatte. Karroubi veröffentlichte einen detaillierten Bericht über seine eigenen Nachforschungen und traf gleichzeitig mit einer parlamentarischen Sonderkommission zusammen.

Am 7. und 8. September 2009 gingen Sicherheitskräfte gegen drei Gruppen vor, die Zeugenaussagen von Vergewaltigungs- und Folteropfern gesammelt hatten. Die Gruppen wurden angegriffen und geschlossen. Bei diesen drei Gruppen handelte es sich um die Association to Defend Prisoners Rights, das Committee for Following the Situation of Detainees, das ein Teil der Wahlkampagne des reformorientierten Präsidentschaftskandidaten Mir Hossein Moussavi war, und das Committee for Following Detainees and Injured, Teil der Wahlkampagne Mehdi Karroubis. Die Sicherheitskräfte beschlagnahmten sämtliche Dokumente und Beweismaterialien.

Kurz nach diesem Versuch der offiziellen Stellen, Beweise für Vergewaltigung und Folter zu vertuschen, flohen die beiden männliche Opfer Ebrahim Mehtari und Ebrahim Sharifi aus Iran und stellten ICHRI und anderen Menschenrechtsorganisationen ihre Zeugenaussagen zur Verfügung.

„Egal wie sehr die iranischen Offiziellen versuchen, die Wahrheit zu vertuschen – sie werden damit keinen Erfolg haben“, so ICHRI-Sprecher Ghaemi. „All diese jungen Opfer sind ein Teil der iranischen Gesellschaft, und die an ihnen begangenen Gräueltaten können aus dem kollektiven Gedächtnis der Nation nicht mehr augelöscht werden. Die Forderungen nach Gerechtigkeit und Verantwortung werden das iranische Regime verfolgen.“

„Der herzzerreißende Fall dieser jungen Frau, die fehlende Verantwortlichkeit und die absolute Außerachtlassung der erforderlichen Prozesse sind ein tiefgehendes Zeugnis des zerfallenden Justizsystems in Iran“, so Ghaemi.

ICHRI fordert den künftigen UN-Sonderberichterstatter für Iran auf, allen Berichten über Vergewaltigung durch Verhörbeamte nachzugehen. Außerdem weist ICHRI nachdrücklich auf die Notwendigkeit eines vollständigen Untersuchung und strafrechtlichen Verfolgung der Täter hin, damit alle künftigen [Zeugen] keine Rache mehr befürchten müssen.

Veröffentlicht bei International Campaign for Human Rights in Iran am 10. Juni 2011
Quelle (Englisch): http://www.iranhumanrights.org/2011/06/rape-and-torture-video-testimony/

Die deutsche Übersetzung des Videos befindet sich hier

Anmerkung: Es entwickelt sich gerade eine Diskussion um die Glaubwürdigkeit des Videos.  In der Tat ist es schwierig, die Glaubwürdigkeit einzuschätzen. Die Leser mögen sich ihre eigenen Meinung dazu bilden und im Hinterkopf behalten, dass bei allen als Erlebnis- oder Augenzeugenberichten deklarierten Nachrichten immer eine gewisse Portion Vorsicht angebracht ist.

Eine Antwort zu “Vergewaltigung und Folter: Vermächtnisse der Repression nach der Präsidentschaftswahl

  1. Pingback: Iranian Woman’s Testimony of Rape & Torture | Persian2English

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