„Sie haben beschlossen, den Urmia-See zu töten“

Rooz, 30. August 2011 – Angehörige der am 24. August während eines Fastenbrechens verhafteten Aktivisten sprachen mit Rooz Online über ihre inhaftierten Familienmitglieder. Sie haben weiterhin keine Informationen über den Status der Verhafteten.

Wie von Zeugen berichtet und auf veröffentlichten Videos zu sehen war, herrschte bei den gestrigen Versammlungen eine von intensiven Sicherheitsmaßnahmen geprägte Atmosphäre. Sicherheitskräfte in Tabriz versuchten, die Versammlungen zu verhindern. In der Stadt Oroumiyeh wurden Menschenansammlungen mit Tränengas und Schüssen in die Luft auseinandergetrieben. Obwohl die Parolen und Forderungen der Demonstranten sich zumeist auf Umweltprobleme und den Zustand des Urmia-Sees bezogen, reagierten die Behörden mit Gewalt.

Es wurden Parolen gerufen wie „Der Urmia-See bringt Leben, aber das Parlament will seinen Tod“, „Weint und füllt den See mit unseren Tränen“ und „Aserbaidschan muss weiterleben, wer das nicht akzeptiert, ist blind.“

Die Webseite Aftab News, die sich vornehmlich mit Geschäfts- und Wirtschaftsnachrichten befasst,  warnte die Regierung: „Wenn die Offiziellen den sterbenden Urmia-See nicht retten wollen, sollten sie zumindest wissen, dass es im Nordwesten des Landes zu ernsten Sicherheitsproblemen kommen kann, wenn nicht ernsthafte Maßnahmen gegen das Problem ergriffen werden.“

Gleichzeitig erinnerten etwa 700 Bürgerrechtsaktivisten aus der Stadt Mianeh in der Provinz Ost-Aserbaidschan die Behörden daran, wie destruktiv und irreparabel die Austrocknung des Urmia-Sees ist. Sie riefen die Behörden auf, sich „nochmals und ernsthaft“ mit dem Problem zu befassen. Auch der Sprecher des „Koordinationsrats des Grünen Pfades der Hoffnung“ (Rah-e Sabz Omid) erklärte seine Unterstützung für die Forderungen der Gruppe.

Kurze Kontakte mit Inhaftierten
Nach Angaben von Menschenrechtaktivisten aus Aserbaidschan und auf sozialen Netzwerken veröffentlichten Videoclips versammelten sich die Menschen am Samstag in Oroumiyeh und Tabriz, um gegen die Austrockung des Sees zu protestieren. Es kam zu Verhaftungen durch Sicherheitskräfte. Jüngste Berichte sprechen von anhaltenden Verhaftungen in der Region. Mindestens eine verhaftete Person ist namentlich bekannt – es handelt sich um Vahid Faezpour aus Oroumiyeh. Eine Liste der Verhafteten wird zur Zeit zusammengestellt. In Ardebil wurden drei Aktivisten von Sicherheitskräften verhaftet: Mohammad Badali, Rahim Gholami sowie eine noch unbekannte dritte Person.

Ausgelöst wurden die Proteste dadurch, dass das Parlament einen Gesetzesentwurf ablehnte, der vorsah, die Austrocknung des Sees durch Einleitung von Wasser aus den Flüssen Aras und Siloueh zu verhindern. Das Parlament stimmte dafür, diesen Punkt als normalen Tagesordnungspunkt ohne besondere Priorität zu behandeln.

Am Mittwoch vergangener Woche hatten Sicherheitskräfte bereits mehrere Demonstranten während des Fastenbrechens in der Stadt Ghomtapeh festgenommen

Namentlich identifiziert wurden bisher die Verhafteten Morteza Avazpour, Mostafa Avazpour, Mahmoud Fazli, Jalil Alamdar Milani, Taghi Salahshoor, Yusef Salahshoor, Abdollah Sadooghi, Mehdi Hamid Shafigh, Jamshid Zarei, Hassan Ark, Mehdi Mohajer, Aziz Poorvali, Ahmad Alizadeh, Yaser Salmani Rezai, Ilghar Karimi, Mehdi Noori, Ahmad Riazi Mobaraki, Farzad Mahdavi, Moosa Barzin Khalifeloo, Yaghoob Ramezani, Vahid SheikhBegloo, Mohammad Ali Moradi, Ali Shirnak, Mohammad Amiri und Taghi Soofiani.

Familienangehörige dieser Inhaftierten haben eigenen Angaben zufolge auch Tage nach den Verhaftungen noch keine Nachricht darüber erhalten, wo ihre Angehörigen festgehalten werden. Sadegh Avazpour, der Vater von Morteza Avazpour, bei dem das Fastenbrechen des Tages (Iftar) stattgefunden hatte, sagte gegenüber Rooz: „Es ist noch immer nicht geklärt, wo mein Sohn ist. In diesen Tagen haben wir einen kurzen Anruf erhalten, bei dem uns ohne weitere Erklärung mitgeteilt wurde, dass unser Sohn verhaftet wurde. Unsere Bemühungen, mehr über ihn in Erfahrung zu bringen, blieben ergebnislos.“

Auch Ahmad Alizadehs Vater weiß nichts vom Verbleib und der Situation seines Sohnen. „Bei der Staatsanwaltschaft sagten sie uns, dass Ahmad am Dienstag freigelassen werden soll. Mehr Informationen über ihn gibt es nicht.“
Die Familien von Abdollah Sadooghi und Mahmoud Fazli gaben am Samstag gegenüber Rooz ebenfalls an, dass sie nichts über die Situation ihrer verhafteten Angehörigen wüssten.

Nach Ansicht von Experten spielt neben natürlichen Umweltfaktoren auch der Bau unzähliger Dämme an Zuflüssen des Sees eine Rolle bei der rapiden Austrocknung des Sees. Berichten zufolge sind bereits 35 Dämme fertiggestellt worden, weitere 10 sollen sich noch im Bau befinden. Beim Bau der Dämme würden weder Pläne noch Bau- und Fertigungsstandards beachtet, so die Experten.

Am 28. August veröffentlichten etwa 700 politische und bürgerliche Aktivisten aus der Stadt Mianeh einen offenen Brief, in dem sie vor dem kritischen Zustand des Sees warnten. In ihrer Petition fordern sie offizielle Stellen auf, sich mit den „katastrophalen“ Konsequenzen einer Austrocknung des Sees zu befassen. Diese drohe die Lebensgrundlage von 15 Millionen Menschen in der Region zu gefährden.

Aserbaidschanische Unterstützer des „Grünen Pfades der Hoffnung“ veröffentlichten auf ihrer Webseite einen Brief, in dem sie die Forderungen der Demonstranten an die Regierung unterstützen und die bisherigen Aktionen der offiziellen Stellen und die Verhaftungen als „illegal und unklug“ bezeichnen. Der Sprecher des „Koordinationsrates“ Ardeshir Amir Arjomand erklärte gegenüber der Webseite Kalameh: „Die Regierung befand sich in einer Legitimitätskrise und hat deshalb vor allem Angst – vor der Freude der Jugend, vor dem Fastenbrechen in Parks und sogar vor dem Wasser im Urmia-See.“

Arjomand war während der Präsidentschaftswahl von 2009 Chefberater Mir Hossein Moussavis. In einem seiner Interviews hatte er gesagt:  „Statt Einheit und Übereinstimmung durch Dialog zu födern, … schafft die Regierung Krisen, Konfrontationen und dergleichen mehr.“

Kaveh Ghoreishi

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle: Rooz Online, 30. August 2011

Folgendes Video soll bei einem Protest am 27. August in Oroumiyeh entstanden sein:

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Der Urmia-See

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Online- Petition für die Rettung des Urmia-Sees:
http://www.ipetitions.com/petition/urmugulu/
Petitionstext auf Deutsch:
„Unterschriftsgskampagne zur Rettung des Urmu-Sees
Rettung des Urmu-Sees ist Rettung der Menschheitserbe auf unserem Planet. Unser Planet braucht die Hilfe und Solidarität aller Menschen zur Rettung und Erhaltung des Urmu-Sees.

Der Urmu-See im Provinz Aserbaidschan im Nordwesten Irans: Mit einer Fläche von knapp 5.470 Quadratkilometern ist er rund zehnmal größer als der Bodensee und zwanzigstgrößte Binnensee der Erde.
Sowjetische Planwirtschaft verursachte einer der größten Umweltkatastrophe der zwanzigsten Jahrhundert im Mittelasien. Der Aral-See mit ursprünglich rund 68.000 km² der viertgrößte Binnensee der Erde. 1990 wies der Aralsee nur noch eine Fläche von etwa 36.000 km² auf.

Das gleiche Schicksal erwartet der Urmu-See. Der See ist 140 Kilometer lang, 55 Kilometer breit bei einer durchschnittlichen Tiefe von nur rund sieben Metern. Der tiefste Punkt ist 16 m Sein Wasserspiegel liegt auf 1280 Metern über NN. Der Salzgehalt des Sees beträgt bis zu 30 Prozent, was etwa dem Niveau des Toten Meer entspricht. Dem hohen Salzgehalt trotzen allerdings Salinenkrebse. An seinen Ufern finden sich häufig Salzablagerungen
Es gibt im Iran praktisch kein Umweltbewusstsein, die wenigen Umweltschutzgruppen werden vom Staat genau überwacht. Mehr als kleine Protestaktionen und Aufklärungskampagnen sind praktisch unmöglich.
Mit dem Sinken des Wasserstands und die zunehmende Versalzung wird ein Leben für Mensch und Tier unmöglich. Nur Algen und kleine krebsartige Würmer leben noch in diesem Schlamm. Hier an diesem See machten die Flamingos für Monate Rast, auf ihrem Weg nach Sibirien Hier legten sie ihre Eier. Der See bot ihnen genügend Nahrung, auch ihre Hauptnahrung: Artemia, ein kleiner Wurm, der voll von Protein ist. Die Zeit, in der hier Hirsche und Widder und Flamigos, Pelikane und andere Vögel zu Hunderttausenden lebten, scheint endgültig vorbei zu sein. Dazu taucht seit einiger Zeit ein neues Phänomen auf. Der See verfärbt sich rot und keiner weiß warum. Einige vermuten, es liege an einer Algenart, andere sagen es seien Magnesiumverbindungen, denn die Konzentration der magnesiumhaltigen Salze hat sich dramatisch erhöht. Die Salzbrisen vom See und das Salz, das in das Grundwasser eindringt, lassen die Pflanzen vertrocknen und damit schadet Versalzung der Landwirtschaft in der Region.

Experten warnen seit langem davor, dass es neben natürlichen Faktoren, wie zu wenig Regen und globaler Erwärmung, vor allem menschliche Faktoren sind, die dem See das Leben rauben. Ein von Menschen gemachtes Problem ist die Straße quer über den See. Ein großer Teil wurde aufgeschüttet, quasi als Damm, und ein kleiner Teil sollte als Brücke den Wasseraustausch zwischen beiden Seeteilen ermöglichen. Doch dann wurde – gegen alle Absprachen und gegen jede Logik – auch unter der Brücke ein Damm aufgeschüttet. Wasseraustausch – Fehlanzeige. Sieben Staudämme rund um den Urmu-See verhindern, dass Frischwasser nach fließt.

Die Situation verschlechtert sich von Tag zu Tag und die Regierung in Tehran ignoriert das Problem, schaut tatenlos zu und unternimmt nicht. Das Trocknen und Versalzung des Urmu-Sees wird über 10 Miliarden Tonen Salz hinter lassen. Es wird zu einer Umweltkatastrophe in großes Ausmaß nicht nur an Menschen, Natur, Fauna und Flora in Region sondern in ganzen Nachbarländern führen.

Wir appellieren an alle Menschen, Umweltschutzorganisationen: Uns helfen und iranische Regierung darauf dringen etwas gegen bevorstehende Umweltkatastrophe zu unternehmen und das Leben der Aserbaidschaner im Region zu schützen, bevor es spät ist.“

Online-Petition unterschreiben

2 Antworten zu “„Sie haben beschlossen, den Urmia-See zu töten“

  1. Ich bin aus Urumia und bedanke mich bereits rechts herzlich für Ihre Unterstützung bezüglich Rettungsaktion der Urmumiasee.

  2. Pingback: News vom 31. August 2011 « Arshama3's Blog

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