Interview mit Behnoud Ramezanis Mutter: „Sie haben ihn zu Tode geprügelt“

Rooz Online, 4 September 2011 – Es folgt die Übersetzung eines Interviews, das Fereshteh Ghazi von Rooz Online mit der Mutter des im vergangenen März beim Feuerfest in Teheran getöteten Studenten Behnoud Ramezani geführt hat.

Ramezanis Mutter erklärte gegenüber Rooz, sie wünsche sich, dass die Mörder ihres Sohnes bestraft werden: „Ich werde das Blut meines Sohnes nicht vergessen. Ich werde die Angelegenheit so lange verfolgen, bis seine Mörder gefunden sind, damit andere Eltern nicht dasselbe durchmachen müssen wie wir.“

Im vergangenen März hatte der „Koordinationsrat des Grünen Pfades der Hoffnung“ im Rahmen der sogenannten Dienstags-Proteste dazu aufgerufen, in der Nacht des Feuerfestes auf die Straßen zu gehen und gegen die illegale Inhaftierung der „Grünen Führer“ (Moussavi und Karroubi) zu protestieren.

Der 19jährige Behnoud Ramezani, Student des Maschinenwesens an der Technischen Universität Babol, starb in der Nacht des letzten Dienstags des alten iranischen Kalenderjahres auf dem Platz Narmak 22.

Sein Vater teilte damals in einem Interview mit Rooz mit, dass sein Sohn von Zivilagenten so brutal geprügelt worden sei, dass sein Genick und seine Beine gebrochen und seine Hoden zerquetscht waren.

Der Teheraner Polizeibefehlshaber Ahmad Reza Radan gab damals an, dass während des Feuerfestes drei Menschen durch Handgranatenexplosionen ums Leben gekommen seien.

Auch einige regimetreue Medien führten Behnouds Tod auf die Explosion einer Handgranate in seiner Tasche zurück. Augenzeugen, Behnouds Angehörige und der gerichtsmedizinische Bericht stellen den Vorfall allerdings anders dar.

Mehr als 5 Monate nach Behnouds Tod sagt seine Mutter Houri Golestani-Ramezani, die Justiz weigere sich, den Fall zu untersuchen. „Trotz aller Beweise und Dokumente, die existieren, behaupten sie weiterhin, dass nicht bewiesen werden könne, dass mein Sohn von Basijis oder Kräften der Regierung getötet wurde.“

Das Interview mit Behnouds Mutter
Frau Ramezani, wie ist der Status im Fall Ihres Sohnes fünf Monate nach seinem Tod?

Sie geben uns keine Antwort. Sie sagen nur, dass es keine Beweise dafür gibt, dass die Mörder meines Sohnes Basijis oder Angehörige der Regierungskräfte waren. Egal, wo wir nach Antworten suchen – sie schicken uns immer nur von Instanz zu Instanz.

Sagen sie nicht, wer es gewesen ist, wenn es sich nicht um regierungseigene Kräfte gehandelt hat?

Nein. Sie geben uns keine Antworten. Sie verhalten sich so, als ob niemand getötet worden wäre und als ob sie keine Verantwortung hätten, die Mörder zu finden.

Die Mörder meines Sohnes flohen in einem weißen Samand. Diejenigen, die meinen Sohn angriffen, waren welche von denen mit den Motorrädern. Sie haben meinen Sohn brutal verprügelt. Als einige Umstehende eingriffen, flohen die Angreifer. Sie ließen eines der Motorräder zurück, das kein Nummernschild hatte. Sie flohen in einem weißen Samand, aber die Zeugen haben die Nummer auf dem Nummernschild aufgeschrieben. Wir haben diese Nummer der Polizei gegeben, aber die haben nichts unternommen und auch nicht den Inhaber des Autos identifiziert, der den Mördern meines Sohnes zur Flucht verhalf. Allein das zeigt schon, dass sie nicht die Absicht haben, die Mörder zu verhaften.

Wir wissen nicht mehr, an wen wir uns noch wenden sollen. Wenn Herr Larijani (der Justizchef) sagt, dass bei den Unruhen nur ein Mensch ums Leben kam, was ist dann mit unserem Behnoud? Wer hat unseren Behnoud umgebracht?

Behnoud war zu den Neujahrsferien nach Teheran gekommen, er war Student. Er wollte das alte Feuerfest draußen begehen. Er hatte das Fest im Jahr davor wegen der Aufnahmeprüfungen zur Universität verpasst. Er sagte, er wolle dieses Jahr feiern. Er ging und kam nicht zurück.

Was hat er getan? Selbst wenn er ein Verbrechen begangen hätte, hätten sie ihn verhaften und vor Gericht stellen müssen. Sie hätten ihn nicht an Ort und Stelle schuldig sprechen, verurteilen und das Urteil vollstrecken müssen. Gibt es in unserem Land denn keine Gesetze?

In welcher Abteilung liegt der Fall Ihres Sohnes jetzt?

In Abteilung 4 der Mordkommission in der Azari-Straße.

Frau Ramezani, die Behörden sagen, dass Ihr Sohn an den Folgen einer Explosion einer Handgranate starb. Sowohl Augenzeugenberichte als auch der Bericht der Gerichtsmedizin widersprechen dieser Behauptung. Haben Sie den Leichnam Ihres Sohnes mit eigenen Augen gesehen?

Sein gesamter Körper war zerschlagen, die Nieren lagen frei, seine Hoden waren zerquetscht. Es gab keinen unversehrten Flecken mehr an seinem Körper. Ich konnte seinen Anblick nicht ertragen. Zuerst waren mein Mann, Behnouds Tante und mein zweiter Sohn ins Krankenhaus gefahren und mit seiner Leiche konfrontiert worden. Ich fuhr später hin, aber sie haben uns allen gesagt, dass wir später wiederkommen sollen.

Später kamen ein paar maskierte Agenten ins Krankenhaus, um seine Leiche wegzubringen, aber das Krankenhaus gab die Leiche nicht heraus.

Sie lügen. Es hat nichts mit Explosionen zu tun, er hatte keine Verbrennungen am Körper. Meine Frage ist folgende: Wenn er an den Folgen einer Explosion gestorben ist, warum sind sie dann zu unserem Haus gekommen und haben alle außen hängenden schwarzen Trauerfahnen beseitigt? Warum haben sie unseren Nachbarn gedroht, dass sie ihre Kinder verhaften und ihre Häuser in die Luft jagen werden, wenn sie die Gedenktafeln nicht abnehmen?“

Was waren das für Leute, die zu Ihrem Haus gekommen sind?

Das waren Kräfte in Zivil, sie haben sich uns gegenüber nicht ausgewiesen. Wir wissen also nicht, zu wem sie gehörten. Aber ist es nicht der Gipfel der Schande, sich vor schwarzen Trauerfahnen zu fürchten? Haben Sie Angst vor Trauerfeiern, die das Recht jeder Familie sind? Sie haben uns dieses Recht genommen.

Wir mussten Behnouds Leiche in eine andere Stadt bringen, wo unsere Verwandten wohnen, und ich danke Gott dafür, dass viele Menschen zu seiner Beerdigung gekommen sind. Mein Behnoud hat bewirkt, dass so viele Menschen von den Gräueltaten des Regimes erfuhren. Viele haben uns gefragt, wie es möglich ist, dass ein so entsetzliches Verbrechen in Teheran geschehen kann. Die Menschen waren informiert und haben Bewusstsein entwickelt.

Haben Sie abgesehen von ihrer Anzeige auch andere Behörden kontaktiert, und was wurde ihnen dort gesagt?

Ich habe einen Brief an Justizchef Larijani geschrieben und auch versucht, ihn zu treffen, aber man hat mir das nicht erlaubt, weil er dafür nicht zuständig sei. Sie haben mich an die Staatsanwaltschaft, den stellvertretenden Staatsanwalt und an die Kriminalpolizei [„detectives“] verwiesen. Jedes Mal, wenn ich dorthin gehe und Antworten will, fragen sie, was mein Problem sei. Diese ganze Gesetzlosigkeit und Gleichgültigkeit ist unglaublich.

Ich habe noch nie in meinem ganzen Leben jemanden verflucht, aber ich bete zu Gott, dass sie denselben Schmerz erleiden wie wir, damit sie selbst spüren, was wir durchgemacht haben.

Was haben Sie vor, als nächstes zu tun?

Wir haben uns einen Anwalt genommen, damit er den Fall weiter verfolgt. Wir sind zerstört worden, und wenn wir selbst zu [den Behörden] gehen, schicken sie uns nur von einem zum anderen. Aber ich werde nicht klein beigeben, ich werde das Blut meines Sohnes nicht vergessen. Sie müssen seine Mörder identifizieren, und ich bin sicher, dass das eines Tages passieren wird.

Mein Behnoud war ein Genie. Er liebte Musik und Sport, er war sehr talentiert. Aber sie haben ihn so einfach umgebracht. Ich weiß nicht, wie sie für all das Blut, das sie vergossen haben, jemals werden sühnen können. Sie reden von islamischen Werten und töten so leicht. Wie können sie mit reinem Gewissen ihre Gebete verrichten?

Sie machen sich keine Vorstellung davon, was wir durchmachen. In diesem Moment, wo ich mit Ihnen spreche, weint mein Mann. Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr wir unseren Sohn vermissen.

An Eid Fitr (Ende des Ramadan) habe ich dafür gebetet, dass unser Land von den Tyrannen befreit wird und dass unser Volk Frieden, Sicherheit und Freiheit erlangt. Wir können auch überleben, wenn wir nur Brot haben, aber wir brauchen wieder Sicherheit. Wir müssen sicher sein können, dass unsere Kinder wieder nach Hause kommen.

Sie können sich nicht vorstellen, was für ein Schmerz das ist. Ich konnte mich nicht einmal von meinem Sohn verabschieden. Sie haben meinen hübschen Sohn einfach so unter die Erde gebracht. Was hat er verbrochen?

Sein Vater und ich haben einfach dagesessen und in seinem Tagebuch gelesen, gelesen, was er geschrieben hat, und wir haben geweint. Das ist alles, was wir noch von unserem Behnoud haben, wir haben nur seine Fotos. Aber warum? Wenn ihre eigenen Kinder auf diese Weise gestorben wären, wären sie dann ruhig geblieben? Was hätten sie getan?

Wenn die Mörder Ihres Sohnes gefunden würden – was würden Sie tun?

Einer unserer Verwandten hat von Behnoud geträumt. In dem Traum hat Behnoud mir gesagt, ich solle nicht so viel weinen, wir würden warten, bis der Gerechtigkeit Genüge getan wird. Mein Sohn hat mir eine Botschaft geschickt, aber ich will Gerechtigkeit, hier und jetzt.

Glauben Sie mir – wenn sie seine Mörder finden würden, würde ich nicht wollen, dass sie hingerichtet werden. Ich will nicht, dass irgendjemand sein Leben verliert. Gott gib Leben, und nur er darf es nehmen.

Ich will nur, dass sie identifiziert werden. Ich will sie fragen ‚Warum?‘ Was hat mein Sohn sich zuschulden kommen lassen, dass sie ihn getötet haben? Wer hat ihnen befohlen, meinen Sohn zu töten? Sie müssen entlarvt werden.

Gott weiß, dass ich nur will, dass sie identifiziert werden. Ich will Frieden, Sicherheit und Freiheit für unser Volk. Ich will nur, dass die Verantwortlichen und die Mörder identifiziert und gerecht bestraft werden, damit andere Eltern nicht das durchmachen müssen, was wir durchgemacht haben.

Ich möchte, dass Kinder, die das Haus verlassen, sicher wieder nach Hause kommen. Ich will nicht, dass irgendjemand den Tod seiner Kinder erleben muss. Das ist der Grund, warum ich den Fall weiter verfolge. Ich weiß, dass mein Behnoud nicht zurückkommt, aber ich werde meinen Beitrag dazu leisten, dass andere Eltern nicht den Schmerz erleben müssen, den wir erleben.

Fereshteh Ghazi

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle/Übersetzung ins Englische: Persian Banoo
Persisch: Rooz Online

Eine Antwort zu “Interview mit Behnoud Ramezanis Mutter: „Sie haben ihn zu Tode geprügelt“

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