Regime lässt Bürgeraktivistin auspeitschen – Ebadi: „Akt der Schwäche“

Somayeh Tohidlou

Deutsche Welle, 15. September 2011 – Im Teheraner Evin-Gefängnis ist gestern das Urteil gegen die Studentin und Doktorandin der Soziologie Somayeh Tohidlou „symbolisch“ vollstreckt worden. Die Studentin, die sich im Wahlkampf [zur Präsidentschaftswahl 2009] für [den Herausforderer des Amtsinhabers] Mir Hossein Moussavi engagiert hatte, war wegen „Beleidigung des Präsidenten“ zu 50 Peitschenhieben verurteilt worden. Nach Angaben der Webseite Jaras war Somayeh Tohidlou während der Urteilsvollstreckung an Händen und Füßen gefesselt.

Somayeh Tohidlou wurde 1978 geboren. Während der Präsidentschaftswahl von 2009 arbeitete sie für die Wahlkampagne Mir Hossein Moussavis und war eine der Hauptorganisatoren der Grünen Menschenkette vom Rah-Ahan-Platz zum Tajrish-Platz.

Sie ist Mitglied im Zentralrat der Islamischen Studentenvereinigung des Instituts für Ingenieurswissenschaften (an der Teheran-Universität) und Mitglied des Zentralrats der Islamischen Studentenvereinigung der Teheran-Universität.

Sie wurde am 13. Juni 2009 – einen Tag nach der Präsidentschaftswahl – verhaftet und nach 70 Tagen Haft gegen eine Kaution in Höhe von 200.000 Dollar (200 Millionen Toman) freigelassen. Ein Revolutionsgericht verurteilte sie wegen „Beleidigung des Präsidenten“ zu einem Jahr Gefängnis und 50 Peitschenhieben. Jaras zufolge wurde ihr die Ableistung der Haftstrafe erlassen; das Auspeitschungsurteil wurde jedoch aufrechterhalten.

Am Donnerstag schrieb Somayeh Tohidlou auf FriendFeed und Google Reader, die Auspeitschung sei symbolisch vollzogen worden und nicht so verlaufen wie erwartet. Sie schrieb: „Ich muss meinen Freunden, die sich Sorgen um mich machen, mitteilen, dass die Ausführung des Urteils symbolisch *) vonstatten ging und nicht so, wie sie [meine Freunde] es sich vorgestellt haben. Meine Freunde sollen sich nicht darum sorgen, dass mir körperliche Schmerzen zugefügt wurden. Es gibt allerdings unausgesprochene Tatsachen, die, wie ich glaube,  zu einem anderen Zeitpunkt enthüllt werden müssen, wenn meine Emotionen und meine Moral nicht von den Umständen überschattet werden.“

Die iranische Rechtsanwältin und Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi erklärte gegenüber der Deutschen Welle: „Der Grund für diese zunehmende nackte Gewalt des Regimes liegt in der Schwäche seiner Unterstützungsbasis. Das Regime wird umso gewalttätiger, je schwächer es wird, und es versucht, mit dieser nackten Gewalt die Menschen einzuschüchtern. In den Worten des Regimes ausgedrückt: Sie glauben an ‚Sieg durch Einschüchterung‘. Sie können das Volk nur überwinden, wenn das Volk sie fürchtet. Eine Studentin und Doktorandin mit gefesselten Händen und Füßen auszupeitschen ist eine weitere schändliche Tat eines Regimes, das sich den Titel ‚islamisch‘ verliehen hat.“

Shirin Ebadi hält die Anklage der „Präsidentenbeleidigung“ für einen bloßen Vorwand und glaubt, dass der (wahre) Grund für das Urteil die Tatsache ist, dass Somayeh Tohidlou Moussavis Wahlkampf unterstützt hat. „Der wahre Grund für ihre Auspeitschung ist, dass sie sich für Mir Hossein Moussavis Wahlkampagne engagiert hat. Der Vorwurf der Präsidentenbeleidigung ist ein verbreiteter Vorwand. Schauen Sie sich die regierungstreuen Zeitungen an – angefangen bei Keyhan und Resalat, über Jomhouri Eslami bis hin zu den regierungstreuen Webseiten. Sie sind wegen der jüngsten politischen Auseinandersetzungen voll mit Anschuldigungen und Beleidigungen gegen den Präsidenten. Warum werden die (Aussagen) von Keyhan und Resalat nicht als Beleidigung aufgefasst, und eine Wahlkampfhelferin Moussavis wird wegen derselben Äußerungen der Beleidigung angeklagt? Der wahre Grund ist, dass diese Frau für die Wahlkampagne eines Rivalen Ahmadinejads gearbeitet hat.“

Nach der Vollstreckung des Urteils schrieb Somayeh Tohidlou auf ihrem Blog: „Seid froh, denn wenn es in eurer Absicht lag, mich zu demütigen, gestehe ich, dass mein gesamter Körper an der Demütigung leidet.“

Bericht: Mitra Shojaee

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle: Deutsche Welle/Persian2English, 15. September 2011

*) Anm. d. Übers.: Bezüglich der „symbolischen“ Vollstreckung des Urteils habe ich mich bei Bekannten erkundigt. Der Ausdruck könnte auf „Ta’ziri“ hindeuten, ein Verfahren, bei dem die Peitschenhiebe zwar ausgeführt werden, aber nicht mit voller Kraft, sondern „symbolisch“, was aber nicht bedeutet, dass sie für das Opfer nicht spürbar oder schmerzhaft sein können. (Information ohne Gewähr)

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5 Antworten zu “Regime lässt Bürgeraktivistin auspeitschen – Ebadi: „Akt der Schwäche“

  1. ich schähme mich für sie; khk bar sare shoma :-((

  2. Pingback: Wieder ein Student wegen „Beleidigung“ Ahmadinejads ausgepeitscht | Julias Blog

  3. Etwas verstehe ich nicht. Am 15. berichtet die DW davon, dass gestern das Urteil vollstreckt worden ist. Und am Donnerstag davor, also am 8. schreibt sie in ihrem Blog (denn das ist der letzte Eintrag) , dass alles nicht „so schlimm“ war…
    Gibt es vielleicht Angaben, die etwas genauer sind? Erfun Kheirandish hatte es auf G+ am 16. gepostet, wie kann da der Eintrag von Somayeh Tohidlou am 8. erfolgt sein.

    • Hallo Neo, im Artikel der Deutschen Welle steht, dass Somayeh Tohidlou ihren Eintrag bei Google am Donnerstag, dem 24. Shahrivar gepostet hat, das ist der 15. September. [“ سمیه توحیدلو روز پنج‌شنبه ۲۴ شهریور در فرندفید و گوگل]
      Das Urteil wurde laut DW am Mittwoch, dem 14. September (23. Shahrivar) vollstreckt. Das ist für mich in sich logisch. Den Blogeintrag von Somayeh Tohidlou mit den darin stehenden Daten kenne ich allerdings nicht.

  4. Liebe Julia,

    zu der Anmerkung:
    es gibt die Behauptung, dass das Auspeitschen islam-rechtlich allgemein nur symbolisch ausgeführt werden soll, so dass das Opfer keine Schmerzen spüren soll. Ich weiß also nur, dass es gibt Islamwissenschaftler, die dieser Meinung sind. In diesem Fall hatte sie keine Schmerzen gespürt (siehe mein Blog: http://dustandtrash.blogspot.com/2011/09/wir-erniedrigte-blogger.html )

    Grüße

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