Inhaftierter Journalist Mohammad Davari beschreibt Hintergründe seiner Verhaftung

Kalemeh, 17. September 2011 (26. Shahrivar 1390) –  Mohammad Davari – Journalist, Chefredakteur der Zeitung Saham News, Aktivist der Präsidentschaftswahlkampagne Mehdi Karroubis und Aktivist der Lehrergewerkschaft – sitzt seit mehr als 2 Jahren ohne Haftunterbrechung im Evin-Gefängnis ein. In einem an die Nachrichtenseite Kalameh übersandten Brief beschreibt Davari Einzelheiten der Umstände, die zu seiner Verhaftung führten, sowie seine Erlebnisse in den letzten zwei Jahren. Er geht auf seine Arbeit für Mehdi Karroubi ein, in deren Rahmen er Opfer von Vergewaltigung und Folter in Kahrizak und anderen Gefängnissen besuchte und interviewte.

Es folgt die Übersetzung der wichtigsten Auszüge aus Davaris Brief.

„Was mich dazu bewog, diesen Brief zu schreiben, ist nicht die Tatsche, dass ich 730 Tage hinter Gefängnismauern und Stacheldraht verbringen musste. Es ist die Verdrehung von Tatsachen durch die Justiz und den Geheimdienst, die mich zu diesem Brief veranlasst.

Es gibt noch immer viele Menschen, die nicht wissen, wer ich bin und wie ich verhaftet wurde. Wenn ich weiter zu den Tatsachenverdrehungen der Offiziellen schweige, begehe ich einen Akt der Tyrannei gegen mich selbst.

Ich habe keine Verbindung zu Gruppen, politischen Parteien, Medien, Organisationen oder Institutionen im Ausland. Ich habe Iran nie verlassen, und ich habe niemals irgendwelche geheimen oder verborgenen Aktivitäten verfolgt, die Zweifel auf meine Tätigkeit für Herrn Karroubis Büro werfen könnten.“

Davari beschreibt, wie sehr die Ergebnisse der Präsidentschaftswahl von 2009 alle schockierten, und wie er gemeinsam mit vielen anderen versuchte, überzeugende Antworten auf die Frage zu finden, wie es zu einem solchen Ergebnis hatte kommen können. Als einzig mögliche Antwort habe sich ergeben, dass die Wahl manipuliert worden sein musste.

„Straßenproteste waren die natürliche Reaktion auf den Betrug. Ich fühlte mich zur Teilnahme an diesen Protesten verpflichtet. Darum nahm ich an der Massendemonstration vom 15. Juni 2009 teil – eine Demonstration, die eine Welle der Zivilität und des Anstands vor Augen führte, an der ich teilgehabt zu haben bis heute stolz bin. Ich habe Mitleid mit dem herrschenden Establishment, das die in diesen Protesten enthaltene Botschaft nicht verstanden hat.“

„Schon in den ersten Tagen nach der Wahl fühlte ich mich dazu verpflichtet und sah es als meine Aufgabe an, die Familien der Getöteten und Verhafteten zu besuchen. Doch nachdem der Brief Karroubis an Hashemi Rafsanjani, in dem er Einzelheiten über die Folter und Vergewaltigung von Gefangenen beschrieb,  veröffentlicht worden war, verfolgte ich diese Fälle auf direkte Bitte Karroubis. Wie gesagt – meine Beteiligung an der Untersuchung dieser Fälle war Zufall, denn die Telefonnummer, die im Telefonverzeichnis 118 für das Büro der Partei Etemaad-e Melli (Karroubis Partei) aufgeführt war, war die Nummer meines Büros.

Nachdem die erste Person mich telefonisch kontaktiert und dann im Büro aufgesucht hatte, informierte ich Herrn Karroubi darüber. Dies war der Beginn meiner Untersuchungen und Nachforschungen zu den Fällen von Verhaftung, Folter, Vergewaltigung und Mord.

Zu Anfang dokumentierte ich lediglich, was Menschen über ihre Folter- und Vergewaltigungserfahrungen berichteten. Veröffentlicht wurde davon nichts.

Unser Vorgehen war wie folgt: Wenn Menschen sich an uns wandten, bestätigten wir zunächst ihre Identität. Anschließend trafen Herr Karroubi und ich uns mit ihnen, um uns ihre Aussagen anzuhören. Wir ließen uns dann von ihnen ihr Einverständnis für die Dokumentation ihrer Aussagen geben und führten ein Interview mit ihnen, das wir mit ihrem Einverständnis auf Video aufnahmen.

Ich habe diese Interviews persönlich durchgeführt. Ziel war es, alle Aspekte des [von den Opfern] Erlebten absolut klar darzustellen.

Wir haben ihre persönlichen Daten und ihre Adressen aufgenommen, um für weitere Dokumentationen ihrer Fälle mit ihnen in Kontakt bleiben zu können.

Die Interviews und Videodokumentationen begannen am 11. August 2009. Wir haben im Verlauf unserer Arbeit Interviews mit vier Vergewaltigungsopfern auf Video aufgenommen; ein Opfer übermittelte uns eine schriftliche Darstellung.

Wir wurden zudem von vielen Menschen kontaktiert, die aus Angst um ihre Reputation nicht mit einem Interview vor laufender Kamera einverstanden waren. Viele Menschen riefen uns zwar an, erschienen aber nie bei uns im Büro. Ich habe immer noch Angst um sie, weil unsere Telefone vom Geheimdienst abgehört wurden.

In dieser Zeit dokumentierten wir die Zeugenaussagen von 10 Personen, die am 9. Juli 2009 verhaftet und ins Gefängnis Kahrizak gebracht worden waren. Nachdem diese 10 Personen sich mit Herrn Karroubi getroffen hatten, begannen wir, ihre Aussagen zu dokumentieren.

Ich war bei dem sechstündigen Treffen mit jedem einzelnen von ihnen dabei und habe ihre Schilderungen der Ereignisse von ihrer Verhaftung bis zu ihrer Freilassung aus dem Gefängnis gehört. Sie berichteten von der Folter in Kahrizak und vom Tod [der bei den Demonstrationen verhafteten Gefangenen] [Mohsen] Rouholamini, [Amir] Javadifar und [Mohammad] Kamrani, die an den Folgen der von ihnen erlebten Folter starben.

In einem der Fälle, die wir untersuchten, ging es um Saeedeh Pouraghaei. Wir dokumentierten die Aussage ihrer Schwester Sepideh und des Ehemannes der Schwester im Büro Karroubis. Leider brachten später ermittelte Tatsachen und Informationen ans Licht, dass dies lediglich ein erfundenes Szenario war, mit dem Herr Moussavi und Herr Karroubi mit hineingezogen werden sollten.
[vgl. https://englishtogerman.wordpress.com/2009/09/01/die-geschichten-von-mohsen-und-saeedeh/, und http://www.qlineorientalist.com/IranRises/saideh1/, d. Übers.]

Am 8. September 2009, während eines Treffens mit Sepideh Pouraghaei, wurde ich verhaftet, Karroubis Büro wurde durchsucht, und all seine Büros wurden versiegelt.

Zum Zeitpunkt meiner Verhaftung hatten wir die Fälle von Getöteten verfolgt (einer davon wurde damals auf der Seite von SahamNews veröffentlicht). Außerdem hatten wir mit der Familie Mohammad Kamranis ein Treffen vereinbart.

Wir haben all diese Fälle verfolgt und untersucht, um die Justiz und das Parlament zu informieren und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Wir hatten unsere Bereitschaft erklärt, ihnen alle Dokumente zur Verfügung zu stellen.

Einige der Dokumente haben wir sogar an die parlamentarische Sonderkommission  [zur Untersuchung der Vorfälle nach der Wahl, d.Übers.] übergeben, als wir uns mit ihnen in Karroubis Büro getroffen haben. Ein Vertreter der Staatsanwaltschaft hat sich außerdem mit einem der Vergewaltigungsopfer persönlich getroffen.

Wir hatten gedacht, dass Justiz und Parlament den Fällen der Opfer nachgehen und die Verantwortlichen für diese Verbrechen mit Hilfe all der von uns zur Verfügung gestellten Dokumentationen verhaften würden. Doch ich wurde verhaftet, und die Büros von Herrn Karroubi wurden geschlossen und versiegelt.“

In der zweiten Nacht nach seiner Verhaftung sei er in Abteilung 240 des Evin-Gefängnisses in Einzelhaft verlegt worden, so Davari weiter.

„Von Anfang an hat sich mein Sonderverhörbeamter mir gegenüber unangemessen und demütigend verhalten und sich einer vulgären und beleidigenden Sprache bedient.

Ich wurde über meine Mitarbeit und meine Aktivitäten für Herrn Karroubis Präsidentschaftskampagne, meine Interaktion mit den Wahlkampfaktivisten, meine Tätigkeiten für Karroubis Partei Etemaad-e Melli, meine Arbeit für Saham News und meine Beziehungen zu den dortigen Mitarbeitern befragt. Ich habe alle Fragen beantwortet.

Ihre Suche nach irgendwelchen von mir begangenen illegalen Handlungen brachte keine Ergebnisse, denn alles, was ich getan hatte, war legal. Der schwierigste Teil meiner Verhöre bezog sich auf die CDs und die Dokumentationen der Aussagen der gefolterten und vergewaltigten Gefangenen, zu denen ich die Aussage verweigerte. Nachdem ich mich geweigert hatte, den Befragern Informationen über die Opfer zu geben, begannen sie mit ihren unethischen und illegalen Methoden.

Sie drohten mir mit Hinrichtung, Erhebung falscher Anklagen wegen unmoralischer Handlungen und Auspeitschung, sie verprügelten mich mit ihren Fäusten, traten und stießen mich herum, unterzogen mich langanhaltenden Verhören etc., um Informationen von mir zu erhalten.

Tagelang behandelten sie mich so und überließen mich meiner Angst, dass sie am nächsten Tag noch härter mit mir verfahren könnten.

Siebzehn Tage lang durfte ich keinen Kontakt zu meiner Familie aufnehmen, die infolgedessen unter hohem Druck stand und sich große Sorgen machte. Vor allem meine Mutter war davon betroffen, denn es gab anhaltende Gerüchte darüber, dass ich getötet worden sei, was zu jener Zeit ganz und gar nicht unwahrscheinlich schien.

Nachdem die Verhöre beendet waren, kam die nächste Phase, in der ich unter Druck gesetzt wurde, damit ich eingestehe, einen Fehler gemacht zu haben.

Indem sie Herrn Moussavi, Herrn Karroubi und die Grüne Bewegung beleidigten und beschuldigten und darauf bestanden, dass die Bewegung und das Vorgehen der Aktivisten versagt hätten und illegal gewesen seien, versuchten sie, mich dazu zu zwingen, dass ich gestehe, Fehler gemacht zu haben und dass all die Menschen, die sich hilfesuchend an uns gewandt haben, dafür bezahlt wurden.

Ich beharrte darauf, dass alles, was ich getan hatte, legal gewesen ist. Ich forderte sie auf, Beweise dafür vorzulegen, dass die Aussagen der Opfer falsch waren, wenn sie solche Beweise haben. Zwei Jahre sind vergangen, und sie haben bis heute keine Beweise dafür erbringen können, dass die von uns dokumentierten Folterungen und Vergewaltigungen nicht passiert sind.“

Davari beschreibt im Weiteren seinen Prozess, den er als „Scheinprozess“ bezeichnet. Er sei wegen Gefährdung der nationalen Sicherheit und systemfeindlicher Propaganda angeklagt und für schuldig befunden worden. Er wurde zu 5 Jahren Haft verurteilt.

„Obwohl ich vor meiner Inhaftierung weder körperliche noch psychische gesundheitliche Probleme hatte, leide ich jetzt an Rücken- und Knieschmerzen, habe beunruhigende Herzschmerzen, und trotz all meiner Bemühungen um ärztliche Behandlung habe ich keine solche erhalten. Ich habe zudem Schmerzen im Mund und in den Zähnen, die sofort behandelt werden müssen, aber auch das ist bis heute nicht geschehen. Hinzu kommt, dass ich in den zwei Jahren meiner Haft nicht einmal ein paar Stunden Hafturlaub bewilligt bekommen habe.“

Zum Schluss seines Briefes fasst Davari noch einmal seine Angaben und Schlussfolgerungen zusammen und erklärt noch einmal, dass er und andere politische Gefangene unschuldig seien. Weiterhin kritisiert er den Umgang des Regimes mit der Grünen Volksbewegung.

„Meine Inhaftierung ist ein politischer Akt und spiegelt die Schwäche und das Versagen in der Reaktion des Systems auf unsere Dokumentation der kriminellen Handlungen dieser Institutionen und Ämter wider. Mord, Folter und Vergewaltigung sind keine Dinge, die mit dem Fortschreiten der Zeit in Vergessenheit geraten. Egal, wie viel Zeit vergeht – diese Gräueltaten werden ans Licht kommen.

Abschließend möchte ich betonen, dass politische Gefangene in diesen Zeiten vorgeladen, unter Druck gesetzt und gedemütigt werden, damit sie sich schuldig bekennen und um Begnadigung bitten. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich kein Gefangener bin, der um Gnade bittet. Ich bin eine Geisel, und ich fordere meine Freiheit.

Es sind sie – die vielen Offiziellen, die unschuldige Menschen wie uns ins Gefängnis geworfen haben – die uns um Vergebung und Gnade bitten müssen. Nicht der Unterdrückte muss um Vergebung bitten. Es ist der Unterdrücker, der dies tun muss.“

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle/Übersetzung Persisch-Englisch: Persian Banoo
Persisch: Kalemeh

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