Mohammad Mostafaeis Rede beim Times-Seminar in London

Mohammad Mostafaei

19. September 2011 – Nach all den Härten und widrigen Umständen, die Sakineh Mohammadi
Ashtiani in ihrem bisherigen Leben, bei ihrem Gang durch die juristischen Institutionen und im Gefängnis verkraften musste, scheint sie heute vor der Steinigung bewahrt zu sein. Sie ist immer noch im Gefängnis, bekommt aber nun regelmäßig Hafturlaub.

Dass sie vor dem Tod durch Steinigung gerettet wurde, ist vor allem der Aufmerksamkeit zu verdanken, die ihr auf der ganzen Welt zu Teil wurde, gefolgt von den Bemühungen der Menschenrechtsgruppen, Organisationen und Aktivisten, und letzten Endes dem Druck, den sowohl mit dem Iran verbündete und befreundete Regierungen wie die der Türkei und Brasiliens, als auch Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Norwegen und andere Länder ausgeübt haben. Der Steinigungsfall von Sakineh Mohammadi ist bisher der einzige seiner Art, der so viel öffentliche Aufmerksamkeit erzeugt hat und zu einer vereinten Front gegen die Bestrafung durch Steinigung geführt hat. Alle haben zusammen gefunden, um NEIN zur Steinigung zu sagen und fast niemand, weder im Iran noch außerhalb, spricht sich mehr öffentlich und explizit für die Steinigung als eine akzeptable Form der Bestrafung aus. Die überwältigende Mehrheit derer, die NEIN zur Steinigung Sakinehs gesagt haben, fordert auch, dass diese Strafe
gänzlich abgeschafft wird. Einige der Mächtigen im Iran haben faktisch dieser Form der Bestrafung den Rücken gekehrt, indem sie Stillschweigen darüber wahren.

Für mich sind all diese bisher erzielten Ergebnisse Meilensteine. Zu allererst – wir konnten die Welt darauf aufmerksam machen, was meiner Mandantin zustieß, und darüber informieren, dass es im dritten Jahrtausend, das ein Jahrtausend des Friedens, der Sicherheit und der Solidarität sein sollte, Menschen gibt, die auf brutale und unmenschliche Weise getötet werden, indem man wiederholt Steine auf ihren Kopf, ihr Gesicht und ihren Körper wirft, bis sie langsam und
unter Schmerzen einen qualvollen Tod erleiden. Dass es Menschen gibt, die als Folge von Vorurteilen religiöser Richter ohne ein faires Gerichtsverfahren zu dieser Form der Hinrichtung verurteilt werden.

Zweitens ist es uns gelungen, das Leben meiner Mandantin zu retten. Meine Mandanten, besonders diejenigen, die zum Tode verurteilt wurden, sind für mich wie Familienmitglieder geworden. Ich werde nie vergessen, wie einige meiner Mandanten hingerichtet wurden, wie die siebzehnjährige Delara Darabi, eine talentierte Malerin, oder Behnood Shojaei, dessen Exekution ich mit eigenen Augen ansehen musste, oder Behnam Zare und andere.

Sie waren für mich wie eigene Brüder und Schwestern, die trotz aller Bemühungen, sie zu retten, ungerechterweise aufgrund eines unfairen Gerichtsverfahrens hingerichtet wurden. Ich kann bezeugen, dass die überwältigende Mehrheit der gerichtlichen Fälle im Iran durch einen ungerechten und unfairen Prozess gehen, der den grundlegendsten internationalen und sogar nationalen Standards widerspricht.

Über den Fall Sakinehs gäbe es noch viele Dinge zu sagen, die beweisen würden, dass es Frauen gibt, die nichts als Sklaven sind, dass es Länder gibt, in denen Frauen von Männern als Sklaven ausgebeutet werden, und dass viele Frauen im Iran bis heute mit dieser Realität zu kämpfen haben. Iranische Frauen unterliegen zu Hause, bei der Arbeit und in ihren Grundrechten vielerlei Diskriminierungen.

Zur Zeit meiner Tätigkeit als Rechtsanwalt war ich stolz auf das Privileg, viele zu Unrecht inhaftierte [Mandanten] befreien zu können, und Männern, Frauen und Kindern, die entgegen allen gesetzlichen und rechtlichen Standards zum Tode verurteilt worden waren, das Leben retten zu können. Ihre Verurteilung beruhte nur auf den Launen der Richter.

Die Medien waren und sind eine notwendige Plattform, um den Stimmen meiner Mandanten Gehör zu verschaffen, unschuldige Opfer, die nach Gerechtigkeit streben. Die Reaktion der Iranischen Botschaft in London auf den Zeitungsartikel in der „Times“, gefolgt von der widersprüchlichen Reaktion des Justizchefs von Tabriz, zog eine Lawine weiterer Berichte nach sich, die weltweit das Augenmerk auf das Steinigungsurteil gegen meine Mandantin lenkten; andere Zeitungen berichteten daraufhin ebenfalls über ihr Schicksal.

Die fortwährende Berichterstattung über die Geschehnisse um Sakineh brachte die Islamische Republik schließlich davon ab, diese hilflose Frau für ihre eigenen Ziele zu benutzen – zuvor hatte man sie vor eine Kamera gestellt und sie und ihren Sohn dazu gezwungen, falsche Geständnisse abzugeben, um die Handlungen der Justiz zu rechtfertigen. Stattdessen wurde nun beschlossen, das Steinigungsurteil nicht zu vollstrecken.

Ich bin gegen die Todesstrafe und Körperstrafen in jeder Form, und seit ich begriffen habe, dass viele Menschen wegen unbegründeter Anschuldigungen und ohne ordentliches Gerichtsverfahren hingerichtet werden, habe ich mir selbst geschworen, gegen diese Art der Bestrafung zu kämpfen. Mein Kampf gegen Unterechtigkeit und gegen die Todesstrafe, besonders die Hinrichtung von Minderjährigen unter 17 Jahren, bewirkte, dass die Sicherheitskräfte nicht mit der Art meiner Kampagnen zurecht kamen, und sie begannen, mich in vielfältiger Weise unter Druck zu setzen. Verhöre, Vorladungen, Abhörmaßnahmen, Drohungen, mich festzunehmen, mir das Reisen zu verbieten und mir meine bürgerlichen Rechte zu entziehen, wie z.B. das Recht, für die
Parlamentswahlen zu kandidieren, waren noch das Geringste, was ich zu ertragen hatte. Mein Leben änderte sich für immer, als sie meine Frau als Geisel nahmen und ich gezwungen war, Iran zu verlassen, damit sie sie frei ließen.

Wegen meiner Lebensziele habe ich meinen Beruf, meinen Besitz und meine entferntere Familie verloren, aber ich bin froh, dass ich vielen meiner Mandanten das Leben retten konnte.

Und doch mache ich mir Sorgen um einen anderen gewissenhaften Menschen, den Anwalt, der Sakinehs Fall nach meiner Ausreise übernommen hat. Dieser unschuldige Mann sitzt seit einem Jahr im Gefängnis, und es ist nicht bekannt, in welchem Zustand er sich befindet – noch nicht einmal, ob er tot ist oder noch lebt. Es gibt keine Nachricht von ihm.

Houtan Kian übernahm die Verteidigung von Sakineh, nachdem ich den Iran verlassen hatte. Er wurde jedoch [am 10. Oktober 2010] gemeinsam mit Sakinehs Sohn Saeed verhaftet, weil er einige Interviews gegeben und sich mit zwei deutschen Journalisten getroffen hatte. Houtan Kian wurde daraufhin gezwungen, vor den Kameras des Staatsfernsehens ein Geständnis abzulegen.

Während die beiden deutschen Journalisten [am 19. Februar 2011] und Sakinehs Sohn entlassen wurden, hörte man von ihm nichts mehr. Sogar Sakineh wurde Hafturlaub gewährt, die Nachricht darüber wurde sogar durch den Staat verbreitet, aber über ihren Anwalt, Houtan Kian, gibt es keinerlei Informationen.

„Die letzte Steinigung“ lautet der Titel eines Buches, das ich gerade schreibe. Es erzählt die bittere Wahrheit über das Leben von Kindern, Frauen und dem iranischen Volk in seiner Gesamtheit. Ich hoffe, dass sich die Veröffentlichung dieses Buches positiv auf den Gesetzgebungsprozess auswirkt und dabei hilft, dass sich die Menschen ihrer Rechte mehr bewusst werden. Das Buch ist die Lebensgeschichte eines Strafverteidigers – eines Strafverteidigers, der es liebte,
Recht und Wahrheit zu verteidigen, eines Strafverteidigers, der selbst zum Opfer der Gesellschaft wurde und der jetzt meilenweit von seiner Heimat entfernt die Menschen seines Landes verteidigt. Eines Strafverteidigers, der mit fünfzehn Jahren zum ersten Mal bei einer öffentlichen Hinrichtung zusah, der Hinrichtung eines siebzehnjährigen Jungen, und der schließlich einen globalen Aufschrei gegen die Steinigung mitverursachte und dessen letzte Mandantin zum Symbol des Kampfes iranischer Frauen gegen Gewalt geworden ist.

Mohammad Mostafaei

Übersetzung aus dem Englischen: Elli Mee
Quelle: Mohammad Mostafaei

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