Selbstzensur in Iran ist „wie ein Gang durch ein Minenfeld“

Ein Mann in Teheran liest eine Titelstory über Oppositionsführer Mir Hossein Moussavi (Archivfoto)

RFE/RL, 24. September 2011– Der bekannte iranische Journalist Vahid Pourostad hatte vor seiner erzwungenen Flucht aus Iran vor etwa einem Jahr für die Redaktionen mehrerer reformorientierter Zeitungen gearbeitet. Eine seiner Aufgaben bestand darin, sicherzustellen, dass die Inhalte der Zeitungen keine der vom iranischen Establishment vorgegebenen „roten Linien“ überschritten.

Reformorientierte Zeitungen müssten sich Selbstzensur auferlegen, um in der Islamischen Republik, wo in den letzten Jahren unzählige reformorientierte Publikationen geschlossen wurden, zu überleben, so Pourostad, der während der Niederschlagung der Proteste gegen die Wahl von 2009 verhaftet wurde und jetzt für Radio Farda von RFE/RL arbeitet. Die Rubrik „Persische Briefe“ sprach mit ihm über seine Arbeit.

Vahid Pourostad: In der Ära Khatami war ich Redaktionsmtiglied bei Reformzeitungen wie „Nowrouz“, „Yas-e No“, „Eghbal“, „Etemad Melli“ und anderen.  Eine meiner Aufgaben bestand in der Endkontrolle der Seiten. Ohne meine Unterschrift gab der Chefredakteur die Zeitung nicht zur Veröffentlichung frei. Die repressive Atmosphäre und der Druck, der auf die Presse ausgeübt wurde, machten dies erforderlich.

Eines der Dinge, die kontrolliert werden mussten, waren zum Beispiel Äußerungen des obersten iranischen Führers Ali Khamenei. Wir mussten sicherstellen, dass wir nur direkte Zitate von ihm veröffentlichten. Wenn wir ihn indirekt zitierten, konnten wir Probleme bekommen. Außderdem mussten wir sicherstellen, dass sein Foto und seine Äußerungen nicht auf derselben Seite veröffentlicht wurden wie andere, die sich später als problematisch erweisen könnten.
Mir waren die neuralgischen Punkte bewusst, und ich hatte über die rechtlichen Aspekte von Problemen im Umgang mit der Presse Erfahrungen gesammelt und Bücher veröffentlicht. Darum war die Endkontrolle auch meine Aufgabe.

Journalismus in Iran wird als Gang durch ein Minenfeld beschrieben, bei dem man keine Karte mit Markierungen der Minen bei sich hat. Man muss wissen, wie man sich durch die Minen bewegt, ohne dass man in die Luft fliegt.

Persian Letters: Sie haben eine der sogenannten roten Linien oder Minen erwähnt, die mit dem obersten iranischen Führer Khamenei zu tun hat. Sie sagten, dass sein Foto nicht auf derselben Seite veröffentlicht werden durfte wie Fotos von Gegnern oder Menschen mit geringfügig abweichenden Meinungen. Diese roten Linien haben sich in der Islamischen Republik immer wieder verändert. Können Sie uns weitere Beispiele nennen?

Pourostad: Ja, es kommt wirklich auf die Zeiten an. Wenn Sie heute z. B. Khameneis Foto neben dem Foto (des früheren Ministerpräsidenten und Oppositionsführers) Mir Hossein Moussavi veröffentlichen würden, würde Ihre Zeitung innerhalb einer Minute geschlossen. Aber heutzutage wird auf Anordnung des Obersten Nationalen Sicherheitsrates den Zeitungen sogar verboten, Fotos (des ehemaligen reformorientierten Präsidenen) Khatami zu veröffentlichen. Es gibt viele weitere Probleme und rote Linien – viele sind nicht definiert – und man muss ganz einfach wissen, wie das Spiel gespielt wird.

Vor einiger Zeit noch war es nicht möglich, Ahmadinejad so zu kritisieren, wie es heute geschieht. Jede Ära hat ihre Besonderheiten. Unter Khatami beispielsweise konnten Zeitungen ihn ohne weiteres kritisieren, gleichzeitig bekamen sie aber Probleme, wenn sie einen Geistlichen kritisierte, der Khamenei nahestand.

Persian Letters: Wie haben Sie diesen Job dann bekommen? Sie haben ja eine Form der Zensur praktiziert, die gegen die Arbeit von Journalisten gerichtet war, also auch gegen Sie selbst.

Pourostad: Das stimmt, es war Selbstzensur. Tatsache ist, dass alle reformorientierten Zeitungen Selbstzensur anwenden. Selbstzensur ist Teil des Wesesn der reformorientierten Publikationen (in Iran). Wir wussten, dass jede reformorientierte Zeitung, die wir gründen, irgendwann geschlossen werden würde. Wir haben trotzdem unser Bestes getan, um der Regierung keine Vorwände zu liefern. Wir haben sichergestellt, dass wir keine Gesetze verletzen oder Fragen direkt kritisieren, auf die das Establishment empfindlich reagiert.

Lassen Sie mich Ihnen noch ein Beispiel geben. Der Chefredakteur von „Jamee“ stand wegen mehrerer Karrikaturen vor Gericht. Eine von stellte den Engel der Gerechtigkeit mit einem verbundenen Auge dar, der von einem Arzt untersucht wurden. Nach Meinung des Gerichts beleidigte diese Karikatur die Justiz. An diesem Beispiel erkennt man die Reichweite der Tragödie und sieht, wie vorsichtig die Zeitungen agieren müssen. Es war natürlich Zensor, aber wir mussten das tun, um das Leben unserer Zeitung zu verlängern. Es gab viele Dinge, die wir nicht sagen konnten, die unsere Leser aber weitgehend verstanden.

Persian Letters: Haben Sie jemals einen Fehler gemacht, in dem Sinne, dass Sie einen Artikel oder einen Inhalt, der veröffentlicht werden sollte, übersehen und damit das Verbot der Zeitung, für die Sie arbeiteten, herbeigeführt haben?

Pourostad: Ja, die Schließung der Zeitung „Eghbal“ bei der Präsidentschaftswahl von 2005. Die Zeitung, die den reformorientierten Kandidaten Mostafa Moein unterstützte, erhielt einen offenen Brief des (erfolglosen Präsidentschaftskandidaten Mehdi Karroubi) an den obersten Führer. Karroubi beschuldigte darin Khameneis Sohn Mojtaba (der illegalen Einmischung in die Wahlen). Wir berichteten über den Brief. Einige Mitglieder der Redaktion waren dagegen, aber ich sagte, es seien Wahlen, und bei Wahlen gebe es in der Regel (mehr Freiheiten), außerdem sei es ein Brief von Karroubi. Karroubi war damals ein „Insider“, er war Teil des Establishments. Damals war er nicht der Oppositionelle, der er heute ist. Ich erwartete damals nicht, dass die Veröffentlichung des Briefes dazu führen könnte, dass die Zeitung verboten wird. Am Tag nach der Veröffentlichung erhielt ich um 7 Uhr morgens einen Anruf von Richter Mortazavi (der in Iran auch „Schlächter der Presse“ genannt wurde) auf meinem Mobiltelefon. Er teilte mir mit, dass meine Zeitung verboten wurde. Er bestellte mich und den Chefredakteur ein. (Die Schließung der Zeitung) ging eindeutig auf einen Fehler von mir zurück.

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle: Radio Free Europe/Radio Liberty

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