Irans Krieg gegen das Vergnügen

Die iranische Polizei präsentiert nach Verhaftungen und Razzien bei Parties im Oktober 2010 alkoholische Getränke

RFE/RL, 2. Oktober 2011 – Eine Frau in der iranischen Stadt Mashhad ist zum jüngsten Opfer von Irans längstem und unkonventionellstem Krieg geworden – dem Krieg gegen das Vergnügen.

Die junge Frau, deren Name und Alter nicht bekannt gegeben wurden, sprang am Wochenende des 24./25. September aus dem 6. Stockwerk eines Gebäudes in den Tod.  Offenkundiger Grund: Wie floh vor einer Razzia von Sicherheitskräften bei einer gemischten Party, bei der sie anwesend gewesen war. Vergnügen, durchmischt mit Angst vor Verhaftung und Anklage – ein tödlicher Cocktail.
Hadi Ghaemi von der Menschenrechtsorganisation „International Campaign for Human Rights in Iran“ (ICHRI) ist der Meinung, dass die iranischen Behörden für den Tod der jungen Frau verantwortlich sind: „Diese Razzien der Sicherheitskräfte und der Polizei in Privatwohnungen stellen einen klaren Verstoß gegen die Menschenrechte und Angriffe auf das Privatleben der Menschen dar.“
Leider ist das Schicksal der jungen Frau aus Mashhad kein Einzelfall. Zwar liegen keine genauen Zahlen vor, aber Ghaemi zufolge gibt es eine Vielzahl von Fällen, in denen junge Leute bei Party-Razzien auf der Flucht vor der Polizei starben.
Peitschenhiebe für Kontakt mit dem anderen Geschlecht
Zudem sind unzählige Iraner schon wegen ihres Erscheinungsbildes, wegen Teilnahme an Parties, Alkoholkonsums, Teilnahme an Wasserschlachten, Kontakten zum anderen Geschlecht oder anderen Aktivitäten, die in anderen Ländern als selbstverständlich gelten, verhaftet, mit Geldstrafen belegt oder ausgepeitscht worden.
All dies it Teil des Krieges gegen das Vergnügen, den die Behörden seit der Gründung der Islamischen Republik vor 32 Jahren führen. Oft wird als Hauptgrund für die repressiven Maßnahmen die Religion bemüht. Nach Meinung vieler Beobachter haben sie allerdings mehr mit dem autoritären Wesen des geistlichen Establishments zu tun.
„Sie spüren, dass Freude und Vergnügen die Disziplin des Menschen und seine Verpflichtung gegenüber dem höheren Anliegen mindern können – dem Anliegen, das im Großen Ganzen vom Regime definiert wird“, so Bayat.
Ayatollah Ruhollah Khomeini, Gründer der Islamischen Republik, hat klargestellt, dass Spaß und Vergnügen in seinen Augen mit dem Islam nicht vereinbar sind. „Es gibt keine Scherze im Islam. Es gibt keinen Humor im Islam. Es gibt keinen Spaß im Islam“, wurde Khomeini, der in der Öffentlichkeit nie lachte oder lächelte, einmal zitiert. „In ernsten Dingen kann es keinen Spaß und keine Freude geben.“
Seither haben die Behörden mit aller Kraft daran gearbeitet, Lachen, Spielfreude und ähnliche Verhaltensweisen aus dem öffentlichen Leben zu verbannen – mit Warnungen, aber auch mit Strafen. Lachen gilt als Zeichen mangelnden Respekts vor den Werten der Revolution und dem Blut der Märtyrer. An Stelle des Lachens sind bei öffentlichen Auftritten und offiziellen Ereignissen düstere Stimmungen, Trauer und Traurigkeit getreten.
Staatliche Indoktrination gegen die Freude beginnt in Iran schon früh, sagt der iranische Journalist  Hossein Kermani. „Seit unserer Kindheit, seit der Schule hören wir, dass Lachen schlecht ist. Es sei gewöhnlich und frivol. Man müsse ernst sein. Man erzählt uns, dass das mit Religion zu tun hat“, so Kermani.
Als sich junge Menschen in Teheran und anderen Städten im September öffentliche Wasserschlachten lieferten, warf man ihnen vor, islamische Prinzipien verletzt zu haben. Die Teilnehmer, die sich in sozialen Netzwerken dazu äußerten, erklärten, sie hätten sich lediglich „ein wenig amüsieren“ wollen.
Ein 18jähriger Iraner, der letztes Jahr inhaftiert und zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, weil er an einer Party teilgenommen hatte, bei der junge Männer und Frauen gemeinsam feierten und tanzten, erzählte RFE/RL, in Iran seien Vergnügen und Freude oft von einem Gefühl der Angst begleitet. „Ich habe eine Nacht im Gefängnis verbracht, weil ich versucht habe, mich zu amüsieren“, so der junge Mann, der anonym bleiben will. „Ich habe niemanden umgebracht und nichts gestohlen. Ich hatte nur ein paar Freunde eingeladen.“
In den ersten Jahren nach der Revolution konnte, wer beim Trinken oder bei einer Party erwischt wurde, mit Peitschenhieben rechnen. Heute lässt sich das Problem oft mit Geld lösen. Man zahlt entweder Strafe, oder man besticht die Beamten.

„Die Dinge haben sich geändert“, so ein Mann, der in den 1980er Jahren bei einer Party erwischt und ausgepeitscht wurde. „Wenn man beispielsweise Alkohol trinkt, bezahlt man, und alles ist in Ordnung.“

Spaß wird zur Geheimsache
Infolge des seit drei Jahrzehnten währenden Krieges ist der Spaß in den Untergrund abgewandert und wird nur noch im Geheimen betrieben. Parties finden in schallisolierten Wohnungen statt, oder man besticht vorher die Polizei. Wer dem offiziellen Alkoholverbot trotzen will, trinkt zu Hause. Dort kann man auch verbotene Musik hören und verbotene Filme schauen. Und es gibt Anzeichen dafür, dass viele junge Iraner sich allen Hindernissen zum Trotz mehr für ihre äußere Erscheinung, Mode und die neuesten Hits interessieren als für die Werte, die das Establishment predigt.
Das Vergnügen hat eine Lücke geschaffen zwischen dem Establishment und den Menschen, die durch den Akt des Vergnügens willentlich oder unwillentlich zu Dissidenten werden.
„Weil in Iran alles, was Spaß macht, verboten und negativ besetzt ist, wird den jungen Leuten schnell klar, dass was immer sie tun, um sich zu vergnügen, ein Akt gegen die offizielle Sichtweise ist.“
Ob Vergnügen ein Akt des Widerstandes ist oder nicht, spielt Professor Bayat zufolge nicht wirklich eine Rolle, denn beides steht im Widerspruch zur Ethik von Regimes wie dem in Iran. „Tatsächlich sehen diese Regimes das Vergnügen oft als Konkurrenz an, die ihre Unterstützungsbasis schwächen kann“, so Bayat. „Insofern mindert Spaß tatsächlich ihre Macht.“

Roya Boroumand, Geschäftsführerin der Abdorrahman Boroumand Stiftung zur Dokumentation von Menschenrechtsverstößen in Iran, ist der Ansicht, dass Iran diesen Krieg nicht gewinnen kann. Anstatt sich zu folgsamen Bürgern zu entwickeln, die den vom Establishment diktierten Grundsätzen folgen, entwickle die iranische Jugend immer größeren Ehrgeiz, um die Regeln zu brechen.
„Alles, was verboten war und nie passieren durfte, passiert. Es zeigt, dass die iranische Politik (versagt) hat“, so Boroumand.

In einer der jüngsten Warnungen gegen potenziellen Spaß hatte der erzkonservative Ayatollah Mesbah Yazdi vergangene Woche befunden, dass Studenten weniger Zeit im Internet verbringen sollten.“Wenn ein junger Student bis spät in die Nacht im Internet surft und nicht nach wissenschaftlichen Themen sucht, oder wenn er Filme schaut und sein Morgengebet vergisst, kann er kein frommer Man werden“, soll Mesbah Yadzi gesagt haben.

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle: Radio Free Europe/Radio Liberty

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Eine Antwort zu “Irans Krieg gegen das Vergnügen

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