Wir haben unser Leben – von Jila Bani Yaghoub

Bahman Ahmadi Amouie

10. Oktober 2011 – Von Jila Baniyaghoob

Seit längerem frage ich mich, warum die iranischen Justiz- und Sicherheitsbehörden meinen Ehemann Bahman und mehrere hundert weitere politische Gefangene eingesperrt haben, und wie viele der Ziele, die sie mit diesen Inhaftierungen verfolgten, sie inzwischen wohl erreicht haben.

Vor einigen Tagen fiel mir eine Erinnerung wieder ein, die mir sagte, dass ich mir über ihre Ziele nicht zu viele Gedanken machen sollte, und dass ich nicht versuchen sollte, sie zu verstehen.

Vor ein paar Jahren, als unser Kollege Akbar Ganji nach fünf Jahren Haft gerade freigekommen war, wurde ich verhaftet, weil ich über eine friedliche Demonstration von Frauen in Teheran berichtet hatte. Ich wurde mehrere Wochen lang verhört.

Bei einem der Verhöre fragte ich den Verhörbeamten – den „Spezialisten“, wie sie sich selbst nennen: „Bitte sagen Sie mir ehrlich, was Ihr Regime mit der fünfjährigen Inhaftierung von Herrn Ganji erreicht hat. Haben Sie mit all den negativen öffentlichen Reaktionen der internationalen Medien und Menschenrechtsorganisationen nicht einen hohen Preis dafür gezahlt? Ist Herr Ganji jetzt nicht berühmter denn je, und wird er seine Ziele nicht noch entschlossener verfolgen als vorher?“

Mein Befrager dachte einen Augenblick nach, bevor er antwortete: „Nun ja, aber wir haben dafür gesorgt, dass Herr Ganji fünf Jahre lang kein Leben hatte.“

Was für ein Argument! Fünf Jahre lang kein Leben!

„Herr Verhörbeamter“, sagte ich, „Ich versuche, die Dinge durch Ihre Augen zu sehen. Interpretieren Sie die nationalen Interessen eines Regimes, das Sie offenbar lieben, wirklich so, dass man jemandem fünf Jahre lang das Leben wegnehmen soll? Ist das wirklich eine Errungenschaft für Sie und Ihr Regime?“

Vielleicht verstehe ich jetzt besser, warum die Befrager und das Sicherheitssystem Bahman Ahmadi-Amouie, Abdollah Momeni, Masoud Bastani, Ahmad Zeidabadi, Mehdi Hosseinzadeh, Nasrin Sotoudeh, Vahid Nosarti, Atefeh Nabavi und die vielen anderen im Gefängnis festhalten. Sie wollen, dass sie kein Leben haben.

Meine Freunde fragen mich manchmal, warum man Bahman und mir nicht erlaubt, uns auch nur 20 Minuten lang von Angesicht zu Angesicht zu sehen, sondern uns nur Besuche in der Kabine gestattet, bei denen wir durch eine Glaswand voneinander getrennt sitzen und uns durchs Telefon unterhalten müssen. Wird ein persönlicher Besuch für einen Gefangenen, der seit Jahren hinter Gittern sitzt, zu einem besonderen Privileg?

Ich kann diese Frage jetzt besser beantworten als früher. Der Grund ist, dass sie nicht wollen, dass Bahman und ich ein Leben haben. Es macht ihnen nichts aus, dass sie und die von ihnen so geliebte Regierung durch das, was sie uns antun, nichts erreichen.

Doch lassen wir sie in dem Glauben, dass wir ihretwegen kein Leben mehr haben. Was wissen sie denn darüber, wie es wirklich ist, wie Bahman und ich durch die hohen Mauern von Evin voneinander getrennt zu sein? Woher können sie wissen, dass dieses Getrenntsein uns einander näher gebracht und unserem Leben einen Sinn gegeben hat, den es vorher nicht hatte? Wie können sie wissen, dass wir jetzt aktiver und zielgerichteter leben als je zuvor?

Lassen wir sie glauben, dass sie uns unser Leben genommen haben. Lassen wir sie glücklich sein in der Vorstellung, dass sie uns nicht leben lassen. Aber wir leben: Bahman und ich, Bahareh und Amin, Nasrin und Reza, und die vielen anderen.

Niemand vermag besser zu wissen als wir, die wir diese Trennungen hinnehmen, dass wir uns nie selbst Leid tun. Hin und wieder allerdings tun sie uns Leid, denn während wir wissen, dass wir ein Leben haben, sind wir nicht sicher, ob das auch für sie zutrifft.

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle: Zhila Bani Yaghoub
Englische Übersetzung: Hossein Shahidi
Persisch: http://zhila.net/spip.php?article367

Advertisements

Eine Antwort zu “Wir haben unser Leben – von Jila Bani Yaghoub

  1. Pingback: News vom 25. Oktober 2011 « Arshama3's Blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s