Nasrin Sotoudehs jüngster Brief an ihre beiden Kinder

Sotoudehs Ehemann Reza Khandan mit der 12jährigen Mehraveh

Meine lieben Kinder Mehraveh und Nima,

letzten Montag habe ich von den Gefängnisbeamten zwei widersprüchliche Informationen erhalten. Um 14 Uhr, dem Zeitpunkt für die wöchentlichen Besuche, wurde mir mitgeteilt, dass die Justizbehörden erlaubt haben, dass ich zusätzlich zu den Kabinenbesuchen an den Montagnachmittagen Donnerstags auch persönliche Besuche empfangen darf. Um 17 Uhr am selben Tag wurden mir die Montagsbesuche für die Dauer von 3 Wochen wieder verboten, weil ich mich geweigert habe, bei Besuchen den Tschador zu tragen.

Man kann daran deutlich erkennen, dass es in den Behörden zugeht wie in einer unharmonischen Familie. Sie behandeln einander ohne Freundlichkeit und Respekt, und ihre Entscheidungen sind vom Chaos gesteuert.

Denkt immer daran, eure Feinde so zu behandeln wie eure Freunde. Die Feindseligkeit eines Menschen kann niemals die Gewalt rechtfertigen, die ein Mensch gegen seinen Feind anwendet, geschweige denn gegen einen Freund. Ich gehe so weit, euch zu versichern, dass ich gegen die, die mich als ihren Feind ansehen, keinen Groll und keine Feindseligkeit hegen werde, und dass ich mich vom Strudel des von ihnen geschaffenen Zorns und Hasses nicht ergreifen lassen werde.

Meine lieben Kinder,

ich liebe euch beide sehr. Ich wünsche euch Glück und Wohlstand, wie alle Eltern es ihren Kindern wünschen. Bei jeder Entscheidung, die ich treffe, denke ich zuerst an euch. Man muss bei jeder Entscheidung das Wohlergehen der Kinder bedenken. Es bedeutet mir sehr viel, Besuch von euch zu bekommen. Ich leide darunter, dass ich euch seit Monaten nicht umarmt habe. Es schmerzt, dass ich eure Stimmen nicht hören kann.

Reza Khandan mit dem 4jährigen Sohn Nima

Meine geliebten Kinder, ihr werdet über alles, was ich jetzt tue, später ein Urteil fällen, ob es mir gefällt oder nicht. Darum möchte ich, dass ihr wisst, dass ich nicht zulassen werde, dass sie mich in einer Kleidung in den Besucherraum bringen, die sie mir aufgezwungen haben. Lieber nehme ich in Kauf, euch während meiner gesamten Haft nicht sehen zu dürfen, als dass ich ihnen erlaube, mit mir umzuspringen, wie sie wollen. (Ich werde nicht zulassen), dass sie mir noch mehr Verschleierung aufzwingen und mir noch mehr Macht und Zwang auferlegen.

Meine Lieben, vor vielen Jahren wurde ein Gesetz erlassen, mit dem alle iranischen Frauen dazu verpflichtet wurden, sich aus religiösen Gründen zu verschleiern. Alle Frauen hielten sich an dieses Gesetz, egal, ob sie an die religiöse Verhüllung glaubten oder nicht. Hätten sie sich nicht daran gehalten, wären sie bestraft worden. Nun argumentieren die Gefängnisbeamten damit, dass wir uns noch mehr verhüllen (den Tschador tragen) müssen, weil wir ihre Gefangenen sind. Dabei ist Derartiges vom Gesetz nicht vorgesehen. Tatsächlich sind politische Gefangene vom Tragen einer Gefängnisuniform befreit.

Ich habe mich nicht aus Gründen des „Widerstandes“ geweigert, sondern weil ich das Gesetz in seiner Gesamtheit hochhalten will. Darum habe ich mich geweigert, den Tschador anzulegen. Ich will nicht, dass meine Familie, insbesondere meine kleinen Kinder, durch den Anblick ihrer zwangsverhüllten Mutter – die normalerweise keinen Tschador trägt – den Druck und die Demütigungen (im Gefängnis) mitbekommen.

Wenn ich während der Besuche im Gefängnis ruhig erscheine, dient dies natürlich den Interessen der Gefängnisbeamten, denn ich verberge ja die Auswirkungen der täglichen psychischen Belastungen vor meiner Familie. Doch auch wenn ich damit den Gefängnisbeamten in die Hände spiele, verfolge ich dabei kein anderes Ziel, als das Gesetz in seiner „Gesamtheit“ hochzuhalten und zu beachten.

Meine geliebten Kinder Mehraveh und Nima,

neben allen sozialen und beruflichen Identitäten, die ich habe, bin ich stolz, eine Mutter zu sein – Eure Mutter zu sein. In jedem Augenblick bin ich Mutter. Ich erkläre laut und deutlich: „Ich bin eine Mutter“, und ich will nicht, dass meine Kinder mich gedemütigt und unter Zwang sehen. Ich will nicht, dass meine Kinder denken, dass Andere sie durch Machtmissbrauch zu illegalen Aktionen zwingen können.

Ich weiß, dass ihr Wasser, Nahrung, ein Dach über dem Kopf, eine Familie, Eltern und Besuche bei eurer Mutter braucht. Ebensosehr braucht ihr jedoch auch Freiheit, soziale Sicherheit, Rechtsstaatlichkeit und Gerechtigkeit. Es muss euch bewusst sein, dass diese Werte niemals und nirgends auf der Welt leicht zu erringen waren und sind. Nirgends auf der Welt wird das Recht dadurch eingehalten, dass es auf Papierfetzen geschrieben wurde. Es ist unser Beharren auf Rechtsstaatlichkeit, durch das das Gesetz existiert. Darum müsst ihr wissen, dass „ihr“ und „ich“ das Gesetz gemeinsam formen und bilden.

Ich küsse euch tausend Mal. Ich leide, weil ich euch monatelang nicht umarmt habe, und ich hoffe, dass das Leiden nicht vergeblich sein wird.

Ich liebe euch beide,

Nasrin
7. Aban 1390/29. Oktober 2011

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle/Übersetzung ins Englische: Persian2English
Persisch: http://we-change.org/spip.php?article8781

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Eine Antwort zu “Nasrin Sotoudehs jüngster Brief an ihre beiden Kinder

  1. Pingback: Letter from Prison: Nasrin Sotoudeh explains to her children why she can’t see them | Persian2English

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