„Als ich von der Folter meines Mannes berichtete, lachten sie mich aus“

Siamak Ghaderi

Kalemeh, 11. November 2011 – Seit mehr als eineinhalb Jahren ist der Journalist Siyamak Ghaderi ohne einen einzigen Tag Haftunterbrechung im Evin-Gefängnis inhaftiert.

Ghaderi war im August 2009 verhaftet und von Abteilung 28 des Revolutionsgerichts unter Vorsitz von Richter Moghiseh vor Gericht gestellt worden. Er wurde wegen regimefeindlicher Propaganda, Verbreitung und Veröffentlichung von Lügen und Störung der Öffentlichkeit verurteilt.

Einer der Hauptvorwürfe gegen Ghaderi bezog sich auf seine Veröffentlichungen auf seinem Weblog „Irnaye ma“ („Unser IRNA“), in denen er Kritik an Offiziellen der staatlichen Nachrichtenagentur IRNA geübt hatte. Auch über die Grüne Bewegung und ihre Führer hatte er geschrieben.

Ghaderis Frau Farzaneh Mirvand sprach in einem Interview mit Kalemeh über die aktuelle Situation ihres Mannes, ihre Probleme als Ehefrau eines politischen Gefangenen und ihr einziges gemeinsames Kind. Sie berichtet, dass ihr Mann in Abteilung 209 von Evin gefoltert wurde, die Behörden ihren Beschwerden darüber jedoch keine Beachtung geschenkt hätten.

Wie geht es Ihrem Mann körperlich und mental?
Ihm geht es jetzt gut, Gott sei Dank. Er vermisst allerdings sein Zuhause und seine Familie.

Erzählen Sie uns über seine Zeit in Abteilung 209 – Sie hatten ja offenbar lange Zeit nichts von ihm gehört.
Allein der Gedanke an die Zeit, in der mein Mann in Abteilung 209 war, ist schwer zu ertragen. Er war 34 Tage lang in Einzelhaft, durchlief harte Verhöre, hatte die Augen verbunden, wurde mit einem Schlagstock verprügelt und bedroht, damit er falsche Geständnisse ablegt.
Bei einem der Verhöre schlug ein Vernehmungsbeamter ihn so hart ins Gesicht, dass der Stuhl, auf dem er saß, umfiel. Die Nackenverletzung, die mein Mann sich dabei zuzog, macht ihm noch heute zu schaffen.

Haben Sie darüber bei der Justiz Beschwerde eingereicht?
Ja, ich habe mich über die Druckmittel und die anderen [Rechts]Verletzungen beschwert. Ich bin bei jeder mir möglichen Stelle gewesen und habe den Behörden davon berichtet, aber sie haben mich nur ausgelacht.

Während der Gerichtsverhandlung hat mein Mann sogar dem Richter von seinen Folterungen erzählt, aber der Richter hat sich überhaupt nicht darum gekümmert und sein Urteil auf der Grundlage der von meinem Mann [erzwungenen] falschen Geständnisse gefällt.

Ich habe dem Islamischen Menschenrechtsrat schriftlich über die Folterungen an meinem Mann berichtet, aber die einzige Antwort, die ich bekommen habe, war eine Eingangsbestätigung für mein Schreiben.

Mein Mann war neuen Monate lang in Abteilung 209 von Evin (dem Hochsicherheitstrakt), und die Vernehmungsbeamten haben ihm gesagt, dass sie ihn nicht in die allgemeine Abteilung 350 verlegen, solange er kein (falsches) Geständnis ablegt.

Wie den meisten politischen Gefangenen und inhaftierten Journalisten wird auch Ihrem Mann in erster Linie regimefeindliche Propaganda vorgeworfen. Ist dies auch der Grund dafür, dass er von IRNA gefeuert wurde?
Ja, sie haben ihn nach 18 Jahren hinausgeworfen, obwohl sein Fall noch bei Gericht lag und noch kein Urteil ergangen war. Aber angesichts der Tatsache, dass der Kläger in diesem Fall (IRNA-Chef) Herr Javanfekr ist, der zu den ersten Beratern Ahmadinejads gehört, hat uns dieses Vorgehen nicht sonderlich überrascht.

Ist das Urteil gegen ihren Mann abschließend bestätigt worden? In Ihren früheren Interviews haben sie gesagt, dass Ihr Mann ohne abschließendes Urteil im Gefängnis sitzt.
Ja, vor etwa zwei Wochen hat ein Berufungsgericht seine vierjährige Haftstrafe bestätigt, und mein Mann wurde über das Urteil in Kenntnis gesetzt. Er hat umgehend eine Anhörung beantragt, aber wir wissen ohnehin schon, wie das ausgehen wird.

Herr Ghaderi ist seit eineinhalb Jahren in Haft, ohne dass ihm Haftunterbrechung bewilligt wurde, wie viele andere  politische Gefangene auch. Trifft es auch auf ihn zu, dass ihm dafür kein Grund genannt wurde?
Ich habe leider keine Ahnung, aber nachdem der Staatsanwalt letztes Mal ablehnend beschieden hat, glauben wir, dass all diese Entscheidungen und das ungerechte Urteil – drei Jahre wegen Versammlung und Verschwörung, ein Jahr wegen Veröffentlichung von Lügen und Propaganda – auf die Animositäten und unterschiedlichen Ansichten zurückgehen, die mein Mann und Herr Dowlatabadi (der Staatsanwalt) hatten, als sie zusammen gearbeitet haben.

Wie sonst lässt sich erklären, dass Herr Dowlatabadi, als ich ihm, ohne den Namen meines Mannes zu nennen, über unsere Situation berichtete, sagte, dass mein Mann das Recht auf Hafturlaub habe, und mir ein Antragsformular geben ließ, und als er beim Ausfüllen des Formluars den Namen meines Mannes erfuhr, wütend wurde und rief: „Nein, nicht schreiben, eine Freilassung wäre für ihn zu früh“.

Wenn ich daran denke, dass der Staatsanwalt zwanzig Jahre Journalismusverbot, zwanzig Jahre Ausreiseverbot und Haft im Exil in Iranshahr beantragt hat, bestärkt mich das in dem Glauben, dass der Staatsanwalt von persönlichem Groll gegen meinen angetrieben wird.

Stimmt es, dass Herr Ghaderi als Teil seiner Verurteilung Berufsverbot erhalten hat und seine Gefängnisstrafe im Exil absitzen muss?
Nein, zum Glück wurden diese Punkte trotz eines entsprechenden Antrags der Staatsanwaltschaft nicht ins Urteil aufgenommen.

Wie geht es Ihnen als Ehefrau eines politischen Gefangenen? Welche Probleme müssen sie bewältigen?
Ich kann Ihnen nur sagen, dass es sehr schwer ist. Eines der geringsten und unwichtigsten Probleme sind die finanziellen Schwierigkeiten. Ich damit zu kämpfen, und manchmal ist es so schwierig, dass ich nur noch zu Gott beten kann, dass er mir die Kraft gibt, durchzuhalten. Vor allem mein Sohn vermisst seinen Vater sehr.

Wie geht es Ihrem Sohn?
Mein Sohn Ali ist sehr geduldig, und er ist introvertiert. Aber seit die Schule im September wieder angefangen hat, verhält er sich manchmal merkwürdig.

Ein Mal sagte er etwas, das mich wirklich schmerzte. Er sagte: „Ich beginnge zu vergessen, wie mein Vater aussieht. Wenn ich von ihm träume, sehe ich sein Gesicht nicht mehr.“ Daraufhin habe ich ein Bild von seinem Vater auf den Kühlschrank gestellt, damit er ihn immer sehen kann.

Als Ali hörte, dass sein Vater Hafturlaub beantragt hat, betete er jeden Abend dafür, dass der Antrag bewilligt wird. Er war sehr zuversichtlich. Er sagte, dass er viele Pläne für diese Zeit habe, selbst wenn sein Vater nur einen Tag Hafturlaub bekäme.

Ich habe ihm tagelang nichts davon gesagt, dass der Antrag abgelehnt wurde. Als er davon erfuhr, schloss er sich stundenlang in seinem Zimmer ein.

Insgesamt ist die Situation nicht gut. Er ist ein Teenager und hat seinem Alter entsprechende besondere Bedürfnisse. Ich bin vielleicht eine gute Mutter, aber seinen Vater kann ich ihm nicht ersetzen.

Wir haben gehört, dass die Behörden von Herrn Ghaderi verlangt haben, dass er ein schriftliches Gnadengesuch verfasst, damit er vor Ableistung seiner Haftstrafe freigelassen werden kann. Er soll dies aber abgelehnt haben. Stimmt das?
Ja. Als sie meinem Mann das Urteil mitteilten, haben sie ihn aufgefordert, schriftlich um Begnadigung zu bitten. Mein Mann hat jedoch abgelehnt und gesagt, er habe nichts verbrochen, weswegen er um Gnade bitten müsse.

Abgesehen davon ist Vergebung in unserer Religion eine bewundernswerte und schöne Sache. Aber in welchem islamischen Text steht, dass man schriftlich um Gnade bitten muss? Das kann doch heißen, dass der Akt der Vergebung für Propagandazwecke benutzt werden soll und nicht, um Gott zu gefallen.

Als Frau eines politischen Gefangenen haben Sie sicherlich viele Schwierigkeiten erlebt. Aber auch in schweren Zeiten kann es gute Momente geben. Was ist ihre beste Erinnerung?
Ich kann mich an nichts bestimmtes erinnern, aber ich denke wie Sie, dass in schweren Zeiten auch ein Segen verborgen liegen kann. Ich kann sagen, dass all dies vielleicht eine intellektuelle Entwicklung und eine Veränderung meiner Standpunkte ausgelöst hat, und das ist vielleicht das Beste, was mir in dieser Zeit widerfahren ist.

Worum möchten Sie persönlich die Justizbehörden bitten?
Um nichts. Unser Leben wird von einer viel höheren Macht gelenkt.

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle/Übersetzung ins Englische: Persian Banoo
Persisch: Kalameh

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2 Antworten zu “„Als ich von der Folter meines Mannes berichtete, lachten sie mich aus“

  1. Pingback: Wife of political prisoner: When I told authorities about the tortures, they laughed at me. | Persian2English

  2. Pingback: News vom 15. November 2011 « Arshama3's Blog

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