Ein Jahr nach dem Tod von Arash Arkan bricht der Vater sein Schweigen

Jaras, 15. November 2011 – Interview von Masih Alinejad mit Ardeshir Arkan, dem Vater des bei den Straßenprotesten vom 4. November 2009 verhafteten Arash Arkan.

„Hätten sie meinem Sohn die notwendige ärztliche Behandlung zukommen lassen, wäre er vielleicht nicht gestorben“, so Ardeshir Arkan. Sein Sohn war am 4. November 2009 bei einer Demonstration festgenommen worden, als Arash beobachtete, wie ein Teenager, der Videoaufnahmen machte, von regimetreuen Kräften angegriffen wurde. Er versuchte, dem Opfer zu helfen, was damit endete, dass er in ein Handgemenge mit einem der Sicherheitskräfte verwickelt und verhaftet wurde. Der 26jährige Arash Arkan war einer der Gefangenen [der Ereignisse nach der Wahl], dessen Name auch nach seiner Verhaftung nicht in den Medien auftauchte.

Arash Arkan war nierenkrank. Als sich sein Zustand während seiner Inhaftierung verschlechterte, erhielt er einige Tage Hafturlaub zur medizinischen Behandlung, der aber nach Angaben seiner Familie zu kurz war, um eine effektive Behandlung zu ermöglichen. Er musste ins Gefängnis zurück, bevor die Behandlung abgeschlossen war.

Dieser Umstand sowie die Nachlässigkeit der Gefängnisbehörden bezüglich seines kritischen Gesundheitszustandes führten nach Angaben der Familie nur drei Tage nach seiner Einlieferung in das Bahiyehallah-Krankenhaus zu Arash Arkans Tod. Er verstarb nach eineinhalb Jahren Haft am 29. Februar 2010 im Krankenhaus.

Es gibt viele Berichte über das traurige Schicksal von Gewissensgefangenen in den Gefängnissen der Islamischen Republik. Einige von ihnen starben sogar im Gefängnis. Die Familien und Anwälte der Opfer geben an, dass keiner dieser Fälle abschließend untersucht wurde.

Mitgefangene hatten bezeugt, dass der Journalist Hoda Saber im Juni 2011 nach Schlägen durch das Gefängnispersonal und unterlassener ärztlicher Behandlung in Haft verstarb. Sein Name fand auch im ersten Bericht des UN-Sonderberichterstatters für Menschenrechte in Iran Erwähnung.

Viele weitere Gefangene verloren infolge mangelnder medizinischer Fürsorge im Gefängnis ihr Leben.

Arash Arkans Vater Ardeshir und ein Freund Arashs, der dessen Verhaftung am 4. November 2009 miterlebte, erklären, warum Arashs Name nie öffentlich genannt wurde:
„Wir haben alles getan, was wir konnten, um Arash aus dem Gefängnis zu holen – egal, was es war. Wir haben seinen Fall nicht öffentlich gemacht und haben versucht, ihn mit Hilfe eines Anwalts freizubekommen. Aber es hat nichts gebracht, und Arash starb am 29. Februar 2010 im Gefängnis.“

„Zwei Wochen vor seinem Tod wurde ihm Hafturlaub bewilligt, der aber für eine effektive Behandlung viel zu kurz war. Während dieser Zeit ging es ihm psychisch schlecht, denn er hatte gehofft, bald freigelassen zu werden. Aber während seines kurzen Hafturlaubs wurde er darüber unterrichtet, dass er zu 10 [sic, im Weiteren ist die Rede von 9] Monaten Haft verurteilt wurde. Als er wieder im Gefängnis war, erhielt er nicht die notwendige medizinische Behandlung, und sein Zustand verschlechterte sich. Drei Tage vor seinem Tod kam er wieder in ein Krankenhaus, aber es war zu spät.“

„Wir konnten ihn nur an seinem letzten Tag im Krankenhaus sehen. Wir hatten herausgefunden, in welchem Krankenhaus er war, aber sie ließen uns nicht zu ihm. Dank einiger Beziehungen, die wir im Krankenhaus hatten, und mit Hilfe seines Anwalts konnten wir ihn am letzten Tag schließlich sehen.“

„Bis zum Gedenktag zum 7. Tag nach dem Tod meines Sohnes fühlte ich mich, als sei ich nicht mehr auf dieser Welt. Ich konnte nicht glauben, wie einfach, wie leicht ich meinen Sohn verloren hatte. Ich kann es immer noch nicht glauben. Ich glaube und hoffe immer noch, dass unser Sohn eines Tages wiederkommt… aber ist das möglich? Ist es möglich, dass uns so etwas hier zustößt, und sie lassen uns allein? Wenn sie [sich um uns gekümmert] hätten, hätten wir nichts weiter gefordert.“

Arashs Verhaftung
„Ich war bei seiner Verhaftung nicht dabei, aber ich habe später gehört, dass ein Teenager mit seiner Kamera festhielt, wie Leute verhaftet wurden. Als die Sicherheitskräfte ihn dann verfolgten, rannte Arash hinter ihnen her und geriet in ein Handgemenge mit ihnen. Dieses Handgemenge machte den Fall meines Sohnes so kompliziert. Wäre es nicht gewesen, hätte sein Prozess wahrscheinlich viel früher stattgefunden. Der betroffene Sicherheitsbeamte hat nicht mit uns kooperiert und war nicht bereit, die Anklage zurückzunehmen. Ich verstehe diese Feindseligkeit uns gegenüber nicht, aber ich hoffe, er kann mit seinem Gewissen leben.“

Arash war nicht politisch aktiv
Arash sei weder ein politischer Aktivist gewesen, noch habe er sich an der Universität politisch engagiert, so sein Vater.
„Arash und all die anderen, die protestiert haben, haben lediglich ihre Rechte gefordert. Sie fühlten sich gedemütigt. Ich möchte betonen, dass Arash kein politischer Aktivist war.“

„In das iranische Justizsystem habe ich kein Vertrauen, und ich glaube nicht, dass sie für uns irgendetwas tun würden, selbst wenn der Mörder unseres Sohnes identifiziert würde. Selbst wenn sie die Nachlässigkeit berücksichtigen würden, die es in Arashs Fall gegeben hat, glaube ich nicht, dass der Gerechtigkeit Genüge getan würde. Ich wünsche mir nur, dass dieser Mensch darüber nachdenkt, wie es wäre, wenn mit seinem eigenen Kind so etwas passiert wäre. Was er dann zu seinem Sohn und zu sich selbst gesagt hätte. Ich will gar keine Antwort von ihm, ich wünsche mir nur, dass er vor sich selbst Rechenschaft ablegt.“

Auf die Frage, ob es besser gewesen wäre, nach Arashs Verhaftung nicht zu schweigen, sondern öffentlich darüber zu sprechen, antwortet Arashs Vater: „Das ist etwas, was mir für den Rest meines Lebens keine Ruhe lassen wird. Das Leid und die Schuld, die damit verbunden sind, sind vielleicht genau so schmerzhaft wie der Verlust von Arash. Ich bedaure unendlich, dass wir so einen großen Fehler gemacht haben. Leider war unsere Entscheidung unter den gegebenen Umständen falsch. Hätten wir seinen Fall öffentlich gemacht, wäre er vielleicht nach wie vor im Gefängnis, vielleicht würde es ihm schlecht gehen, aber er würde leben, und sein Leben wäre nicht so leicht und sinnlos verloren gewesen.“

„Alles, was wir getan haben, diente dem Ziel, möglichst viel Druck von Arash zu nehmen. Wir wollten zeigen, dass Arash kein politischer Aktivist war, dass er einfach nur versucht hatte, jemandem zur Hilfe zu kommen und keine Absicht hatte, gegen das Regime zu arbeiten. Wir wollten seine Freilassung erreichen, aber wir haben einen Fehler gemacht. Es war falsch von uns, zu denken, dass wir das schaffen würden. Wären wir mit seinem Fall an die Öffentlichkeit gegangen, hätten wir ihn vielleicht nicht verloren.“

Arash hat es nicht bereut
„Mein Sohn hat nicht bereut, dass er versucht hat, dem Jungen zu helfen. Im Gegenteil – er war froh, dass er es getan hatte, und ich glaube, er ist immer noch froh darüber. Als er Hafturlaub hatte, haben ich und seine Freunde ihn gefragt, ob er dasselbe noch einmal tun würde, und Arash sagte sofort, er würde es ganz genauso machen. Ich bin froh und stolz, einen solchen Sohn zu haben.“ Alle, die bei den Ereignissen nach der Wahl gestorben sind, seien wie seine eigenen Kinder, so Arashs Vater. Sie alle seien voller Würde und Anstand gewesen, und sein Sohn war einer von ihnen – eine edle und sanfte Seele.

Ein Augenzeuge beschreibt die Verhaftung
Am 4. November 2009 beteiligten sich der 26jährige Arash Arkan, ein Student mit einem Master-Abschluss in Industriemanagement von der Freien Universität, und einige seiner Freunde an einem Straßenprotest. Ein enger Freund, der die Verhaftung miterlebte, berichtet:

„Die Demonstration am 4. November war einer der Straßenproteste, an denen wir teilgenommen haben. Als wir in der Villa-Straße eintrafen, sahen wir, dass sie ein Gebäude für die Verwahrung von Verhafteten hergerichtet hatten. Man konnte von außen hineinsehen. Dann fiel uns ein etwa 16- oder 17jähriger Junge auf, der Fotos machte. Bald darauf hörten wir Stimmen, die riefen ‚Verhaften, verhaften!‘ Die Leute begannen zu laufen, Arash und ich ebenfalls. Drei Uniformierte rannten hinter dem Jungen her, und Arash rannte hinter ihnen her. Arash stellte einem der Uniformierten ein Bein, um ihn zu stoppen, beide fielen zu Boden. Den Jungen ließen sie vermutlich laufen, weil sie jetzt ein anderes Opfer direkt vor sich hatten. Drei Sicherheitsagenten schlugen auf Arash ein. Sie schlugen heftig zu, als hätten sie einen Mörder vor sich. Voller Wut. Einer der Agenten riss Arash die Halskette ab und begann, auf seinen Kopf und sein Gesicht einzuschlagen. Dabei schrie er.“

„Arash wurde noch am selben Tag ins Gefängnis gebracht. Anfangs durfte er keinen Besuch bekommen. Nach mehreren Monaten durfte er ein paar Mal seine Familie kontaktieren. Es bringt nichts, zu sagen, dass Arash kein politischer Aktivist war – keiner von uns war politisch aktiv. Allerdings ist die Politik Teil unseres Lebens geworden.“

„Vor Gericht wurde ihm vorgeworfen, sich in die Arbeit der Polizei eingemischt und einen Sicherheitsagenten geschlagen zu haben. Die Leute, die den Jungen mit der Kamera verhaften wollten, seien Sicherheits-Vollzugsbeamte gewesen, weil sie entsprechende Uniformen trugen. Während der ganzen Zeit, die Arash unschuldig im Gefängnis saß, haben wir und sein Anwalt alles unternommen, um zu beweisen, dass Arash kein politischer Aktivist war. Erst später realisierten wir, was für einen Fehler wir gemacht hatten. Sie verurteilten Arash zu 9 Monaten Gefängnis, nachdem er bereits ein Jahr inhaftiert gewesen war.“

„Er hatte Blutergüsse und Zeichen von Schlägen auf seinem Rücken und seinen Beinen, aber er war psychisch so fertig, dass er nicht darüber sprechen wollte. Meiner Meinung nach muss der psychische Druck, den sie auf ihn ausgeübt haben, sehr groß gewesen sein – viel schlimmer als die körperliche Folter. Er war sehr still geworden. Nachdem er ein ganzes Jahr im Gefängnis gesessen hatte, machten sie ihm den Prozess und fällten sofort ein Urteil.“

„Arash hatte in seiner Kindheit nach einer Infektion eine Niere verloren. Deshalb hätte er im Gefängnis natürlich eine besondere Behandlung benötigt. Die Gefängnisärzte sagten, dass sie ihn wegen seines Zustands und mit nur einer Niere im Gefängnis nicht richtig behandeln könnten. Wenn Arash im Gefängnis die richtige Behandlung bekommen hätte, wäre diese Tragödie mit Sicherheit nicht passiert. Arash litt nicht an einer unheilbaren Krankheit, sondern er brauchte lediglich die richtige Behandlung, um mit seinem Zustand umgehen zu können. Aber diese Behandlung wurde ihm nicht gewährt.“

„Vielleicht hätten wir mehr tun müssen, aber wir haben es nicht getan. Wir haben geschwiegen, damit er nicht noch mehr Probleme bekommt. Wir hatten gehofft, dass der Richter ihn zu weniger als 9 Monaten verurteilt, damit die Haftstrafe durch eine Geldstrafe ersetzt werden kann. Der Richter hätte berücksichtigen müssen, dass Arash schon ein Jahr im Gefängnis verbracht hatte, selbst wenn er ihn für schuldig hielt.“

„Ungefähr zwei oder drei Wochen [sic] nach seiner Rückkehr ins Gefängnis verschlechterte sich sein Zustand. Sie gaben ihm ein paar Tage Hafturlaub, aber diese Zeit reichte für seine Behandlung nicht aus, und als sie ihn ins Gefängnis zurückbrachten, ging es ihm gesundheitlich immer noch schlecht. Etwa 10 Tage nach seiner Rückkehr ins Gefängnis fand ich über seinen Anwalt heraus, dass er ins Baghiyeh-Allah-Krankenhaus gebracht worden war.“

Niemand weiß, dass Arash starb, weil er jemandem zu helfen versuchte
„Arash hat über seine Verhöre und die Folter nie gesprochen. Alles, was ich weiß, ist dass er nie bedauert hat, einem Mitbürger geholfen zu haben. Niemand hat je erfahren, wie er im Gefängnis gelitten hat. Die besten Jahre seines Lebens hat er im Gefängnis verbracht, schwer krank, bis er schließlich starb. Von ihm war nichts mehr übrig. Als ich ihn im Gefängnis besucht habe, habe ich ihn nur einige Minuten gesehen. Er war nur noch Haut und Knochen, sein Zustand war unglaublich. Uns wurde klar, was dieses eine Jahr im Gefängnis mit ihm gemacht hatte. Die letzten 10 Tage seines Lebens waren wirklich unglaublich. Es war wirklich nichts mehr übrig von Arash.“

„Als wir das Krankenhaus verlassen hatten und gerade am Vanak-Platz waren, erhielt ich einen Anruf. Arash war gestorben. So schnell und einfach haben wir ihn verloren.“

„Es gibt noch viele Dinge, über die noch nicht gesprochen wurde. Der Schmerz, den wir durchlitten haben und noch immer durchleiden und mit uns tragen. Die Momente, in denen wir uns wünschen, dass [unsere Kinder] zu uns zurückkommen. Die Hoffnungen und Erwartungen, die mit Arash zusammen begraben wurden. Die Hoffnungen, die uns so grausam genommen wurden, ohne dass wir irgendetwas dagegen tun konnten. Meine Fragen bleiben unbeantwortet. Wir alle möchten wissen, was der Sicherheitsagent gedacht hat, als er von Arashs Tod erfuhr.“

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle/Englische Übersetzung: Persian Banoo
Persisch: Rahe Sabz

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