Journalist Mohamad Nourizad: „Ich soll den Mund halten, oder sie werden sich um mich und meine Familie kümmern“

Mohammad Nourizad

Jaras, 25. November 2011 – In seinem 12. Brief an den iranischen obersten Führer Ayatollah Khamenei hat der iranische Journalist und Dokumentarfilmer Mohammad Nourizad beschrieben, wie Zivilagenten versuchten, ihn mit Drohungen zum Schweigen zu bringen.

Nourizad war am 20. Dezember 2009 verhaftet worden, weil er Briefe geschrieben und veröffentlicht hatte, in denen er Khamenei und das Vorgehen des Regimes gegen die Proteste nach der Präsidentschaftswahl vom Juni 2009 kritisiert hatte. Im Mai 2011 war er aus dem Gefängnis freigekommen.

Es folgen Auszüge aus Nourizads letztem Brief an Khamenei.

„[Herr Khamenei], stellen Sie sich bitte vor, dass Sie in Teheran mit dem Auto unterwegs sind. Sie müssen bremsen und anhalten. Plötzlich setzen sich zwei Männer ohne Ihre Erlaubnis zu Ihnen ins Auto – einer auf den Beifahrersitz, der andere auf den Rücksitz direkt hinter Ihnen.

Der Mann auf dem Beifahrersitz ist etwa 35 Jahre alt, trägt eine Wollmütze und Sonnenbrille, obwohl es an diesem Tag bewölkt ist. Er verstellt sofort den Rückspiegel, damit Sie das Gesicht der hinter Ihnen sitzenden Person nicht sehen können.

Sie drehen sich um und versuchen, herauszufinden, wie Ihre ungebetenen Gäste aussehen und wie alt sie sind.

Der 35jährige neben Ihnen scheint zu wissen, was er zu tun hat. Er schlägt heftig auf das Armaturenbrett und sagt „Schauen Sie nach vorn!“. Der Mann auf dem Rücksitz scheint in dieser „Mission Impossible“ der höherrangige zu sein. Seine Stimme ist tiefer. Er scheint seine Stimme zu verstellen.

Er legt die ultimative Autorität und Bestimmtheit der Soldaten des Imam Mahdi an den Tag, und in höchster Weisheit und dem Bestreben, die Revolution zu verteidigen, spricht er: „Halt den Mund, oder wir werden uns um dich, deine Frau und deine Kinder kümmern.“

Nourizad bittet Khamenei um Verzeihung dafür, dass er ihn bittet, sich an seine Stelle zu versetzen, und schreibt, er (Khamenei) müsse sich glücklicherweise nie mit derartig beängstigenden Schockerlebnissen auseinandersetzen, da niemand es wagen würde, ihn so zu behandeln.

„Mir blieb nichts anderes übrig, als mich dieser aufgezwungenen, ungewollten Situation zu fügen“, fährt Nourizad fort. „Der Mann hinter mir verspürte das Bedürfnis, mich noch einmal mit seinen scharfen Worten zu attackieren. Er wiederholte: ‚Haben Sie gehört, was ich gesagt habe? Entweder halten Sie den Mund, oder wir werden uns um Sie, Ihre Frau und Ihre Kinder kümmern.“

„Was hätte ich ihm erwidern sollen? Sagen Sie es mir! Hätte ich sagen sollen ‚In Ordnung, ich werde den Mund halten, und Sie lassen mich und meine Familie in Ruhe‘? Vielleicht wären sie dann ausgestiegen und hätten mich mit meinem Schock und dem ihnen gegebenen Versprechen zurückgelassen. Aber es kam anders. Ich weiß bis heute nicht, wie es kam, dass folgende Worte aus meinem Mund kamen: Ich habe genug Würde und gesunden Menschenverstand, um nicht um Frau und Kinder anderer Leute zu belästigen. Bisher scheine ich derjenige gewesen zu sein, der sich um euch gekümmert hat.“

„Sie drohten mir weiter. Sie sagten, sie wüssten, wie man mich zu Pulver zermahlt und wie man dafür sorgt, dass meine Frau und meine Kinder um mich trauern. Sie sagten, sie wüssten, wie man mich auf allen möglichen Nachrichtenseiten entehren und diskreditieren kann. Dann stiegen sie aus meinem Auto.“

„Warum sollte ich nicht sagen, dass dies die bittersten Tage Ihres Lebens sind. Warum sollte ich nicht sagen, dass Ihre ruhige und machtvolle Zeit vorbei ist und längst der Vergangenheit angehört“, fragt Nourizad an Khamenei gewandt.

Nourizad kritisiert Khamenei in seinem Brief auch für die internationale Isolation [Irans] und stellt ihn dem Herrscher von Qatar gegenüber. Der Emir von Qatar, so Nourizad, regiere zwar ein sehr kleines Land, könne aber überall hinreisen und sei an jedem Ort der Welt willkommen. „Ich verstehe nicht, warum Sie Ihr Land nicht verlassen. Warum können Sie nicht nach Saudi Arabien reisen, um die Pilgerfahrt nach Mekka (Hajj) zu absolvieren?“ fragt Nourizad.

„Es gab einmal eine Zeit, in der wir uns den Vereinigten Staaten entgegengestellt haben. Wir riefen Parolen wie ‚Ihr seid stolz auf eure Atombomben – hier ist jeder Iraner eine Atombombe‘. Wir deklamierten: ‚Eine Regierung, die sich auf die Herzen ihres Volkes gründet, ist unzerstörbar‘. – Diese leeren Deklamationen waren nicht damit begründet, dass wir unseren Gegner nicht kannten oder dass wir nicht über die nötige militärische Macht verfügten, um [sie] zu stützen, sondern damit, dass wir Jahr um Jahr einen Dolch in die Herzen der Menschen trieben und sie uns deshalb immer mehr hassten.“

„Seit Beginn der Revolution, vor allem seit Beginn Ihrer Amtszeit als oberster Führer, haben Sie unseren Ruhm auf die Feindschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika gegründet. Sie haben dieser Feindschaft so viel Bedeutung beigemessen, als hätte unsere Existenz nur dann einen Sinn, wenn wir diese Feindschaft am Leben erhalten, und als bedeute Freundschaft mit den USA unseren Tod.“

„Ich wünschte, wir wären mit unseren antiamerikanischen Behauptungen so  ehrlich gewesen, wie wir es mit den Jahren waren, in denen wir die Wahrheit über uns selbst abstritten. Ich wünschte, wir hätten unserem Volk nicht nur den Slogan ‚Tod Amerika‘ aufgezwungen, als sei es Sauerstoff für ihre Lungen, sondern parallel dazu auch die wackligen Fundamente unserer Wirtschaft gestärkt. Die Zeit vergeht, und noch immer rufen wir von unserem hohen Turm unsere Parolen, in Gewändern, die längst zerfetzt sind.“

Sie müssen akzeptieren, dass Sie und wir alle geirrt haben. Der einzige Nutzen, den das Hochhalten der Flagge der Feindschaft gegen die USA für uns gebracht hat, war, dass wir unsere Gegner und Kritiker unterdrücken konnten. Wir konnten ihnen sagen: Seid still, wir befinden uns im Krieg mit den Vereinigten Staaten von Amerika.“

Am Schluss seines Briefes gibt Nourizad Khamenei Ratschläge für die Erlangung von Frieden und Stabilität im Land. Er rät ihm, Irans Positionierung in der internationalen Gemeinschaft anzuerkennen und die internationalen Erklärungen zu befolgen, die Iran unterschrieben hat. Iran müsse die Geschichte des iranischen Strebens nach nuklearer Macht auf international akzeptable Weise beenden. Die wirtschaftliche und politische Einflussnahme und Beteiligung der Sepah [Revolutionsgarden] müsse beendet werden.

Der Bevölkerung müsse erlaubt werden, ihre Meinung zu sagen, selbst wenn diese nicht linienkonform ist, und es müsse Redefreiheit zugelassen werden.

Khamenei müsse sich um Gespräche mit der internationalen Gemeinschaft bemühen, Irans verlorene Ehre und Würde wiederherstellen und gegen Iran verhängten Sanktionen der internationalen Gemeinschaft beenden.

Schließlich rät Nourizad, alle politischen Gefangenen bedingungslos freizulassen und führt einige Beispiele für die vielen unschuldig inhaftierten Menschen in den Gefängnissen der Islamischen Republik Iran an.

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle/Übersetzung ins Englische: Persian Banoo
Persisch: Jaras

Advertisements

2 Antworten zu “Journalist Mohamad Nourizad: „Ich soll den Mund halten, oder sie werden sich um mich und meine Familie kümmern“

  1. Pingback: Mehdi Khazali: Ich werde meinen Hungerstreik bis zum Tod fortsetzen | Julias Blog

  2. Pingback: News vom 28. November 2011 « Arshama3's Blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s