„Wir waren Feinde, aber hier in Evin sind wir alle zusammen“ – von Bahman Ahmadi Amouie

Kalemeh, 26. November 2011 – In einem Brief an seine Frau Zhila Bani Yaghoub hat der inhaftierte iranische Journalist Bahman Ahmadi Amouei die Umstände beschrieben, in denen er und andere politische Gefangene in Abteilung 350 des Evin-Gefängnisses leben.

Auch wenn der Brief an seine Ehefrau gerichtet ist, ist er mehr als ein persönlicher Brief. Mit großer Sorgfalt und Genauigkeit schildert Amouie das Leben von Anhängern der Grünen Bewegung im Evin-Gefängnis.

Bahman Amouie wurde vor zweieinhalb Jahren, am 20. Juni 2009, in seiner Wohnung verhaftet und ins Gefängnis gesperrt. Seither ist er in Haft.

Nur ein Mal während seiner Haftzeit wurde ihm ein kurzer Hafturlaub gewährt. In den zurückliegenden eineinhalb Jahren durfte er nur drei Mal persönlichen Besuch von seiner Familie erhalten.

Grundlage für Amouies Verurteilung waren vor allem seine in einer Wirtschaftszeitung erschienenen kritischen Artikel über die Wirtschaftspolitik der Regierung Ahmadinejad, aber auch seine persönliche Webseite und seine Arbeit als Chefredakteur der Webseite Khordade Noh.

Der vollständige Wortlaut des Briefes, wie er der oppositionellen Webseite Kalemeh vorliegt, lautet wie folgt:

Meine liebe Zhila,

ich sitze auf einem Holzstuhl mit kaputten Armlehnen im Hof von Abteilung 350 und starre vor mich hin.  Seit einer Woche regnet es, die Sonne lässt sich nicht blicken. Die Wolken sind so dick und dicht, als wollten sie alles herunterregnen lassen, was sie tragen.

Für mich ist es kalt, der Nordwind bläst und bring kalte Luft heran. Wie immer, wenn der Herbst beginnt, habe ich jeden Tag das Gefühl, eine Erkältung zu bekommen. Gegen Ende des Winters werde ich ein paar heftige Erkältungen haben – du kennst mich ja.

In diesen regnerischen Tagen verbringen wir unsere Tage und Nächte zumeist in unseren Zellen in Abteilung 350, auf unseren Betten, die die privatesten Rückzugsorte sind, die wir haben.

Wir sind 18 in unserer Zelle, und wir können nicht einmal eine Tasse Tee trinken, ohne den anderen zu nahe zu kommen. Das Gefängnis hat offenbar kein Heizöl mehr, denn es ist kalt, und wir haben kein heißes Wasser. Seit Tagen habe ich nicht mehr geduscht.

In diesen Tagen denke ich immer öfter daran, was jenseits dieser hohen Mauern ist, und an unsere gemeinsame Zeit.

Heute habe ich beschlossen, dass es vielleicht keine schlechte Idee wäre, den Brief an dich zum Anlass zu nehmen, um zu Papier zu bringen, wie ich mich hinter diesen hohen, dicken Mauern fühle.

Du siehst, Zhila, wie selbstsüchtig Männer sind. Selbst wenn wir unseren Frauen etwas sagen möchten, stellen wir uns selbst noch in den Mittelpunkt.

Wir sitzen hier manchmal herum und unterhalten uns. Immer, wenn dein Name fällt, erzähle ich allen, dass du meine Ansichten geändert hast, wie viel tiefer ich mich jetzt mit Dingen und Menschen beschäftige, und wie du mir beigebracht hast, den Kleinigkeiten mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Von dir habe ich gelernt, regelmäßig Bücher über spezielle Themen zu lesen. Ich verdanke dir viel, unter anderem, dass ich jetzt hier bin, was eines der wichtigsten und wertvollsten Kapitel meines Lebens ist.

Ohne dich wäre ich jetzt vielleicht ganz woanders in meinem Leben und nicht hier, unter den allerbesten Kindern meines Landes.

Doch ich bin an einen Ort gekommen, auf den ich stolz sein kann, ebenso wie auf den Lebensweg, den ich gewählt habe. Ich kann mit Stolz sprechen. So fühlt man sich, wenn man ein politischer Gefangener ist.

Im Moment sitze ich nur wenige Meter entfernt von der hohen Mauer, die den Hof umgibt. Es ist eine rote Ziegelmauer, die von Stacheldraht gekrönt ist. Morgens scheint das Sonnenlicht durch diesen Stacheldraht, und wenn wir Glück haben, sehen wir Nachts den Mond dahinter scheinen.

Vor einigen Tagen sah ich während des Abendappells um 18 Uhr den Mond im Osten aufgehen. Es war Vollmond. Ich lächelte vor Freude und stellte mich auf die Zehenspitzen, um den Mond hinter der Mauer besser sehen zu können.

Alireza Beheshti Shirazi fragte mich mit seinem vertrauten Lächeln, warum ich lächele, und ich zeigte ihm den Mond und sagte, dass es lange her sei, dass ich den Mond zuletzt gesehen hätte. Es war, als sei der Mond hinter demselben Stacheldraht gefangen wie wir.

Mauern, Mauern, Mauern – wo ich auch hinsehe, überall sind Mauern. Eine 50 Zentimeter dicke rote Mauer, gleichsam als ob jeder Dezimeter die Geschichte eines Jahrzehnts unseres Leben erzählen würde.

Was ist in den letzten fünfzig Jahren mit diesem Land geschehen? Dieses Gefängnis wurde anscheinend ja in den 1950er Jahren gebaut.

Es ist, als teilten wir alle und alle Gefangenen vor uns dieselben Erinnerungen. Jede Ecke dieses Ortes muss wohl Erinnerungen bergen. Ich streiche mit der Hand über die Mauer und versuche, einige dieser Erinnerungen zu spüren.

Erinnerst du dich an Mohammad Mehdi Frouzandehpour, den Büromanager Mir Hossein Moussavis in der Kunstakademie? Wir unterhalten uns jetzt oft.

Gestern sagte er, dass man unser Denken all die Jahre hinweg so sehr beeinflusst hat, dass es sich wie Mauern zwischen uns und die anderen Menschen gestellt hat. Sie haben uns unsere Gesellschaft und unser Volk nicht so sehen lassen, wie sie wirklich sind.

Sie haben die Menschen mit verschiedenen Überzeugungen und Ideologien versehen, die nicht unbedingt wahr sind, und all diese Überzeugungen und Ideologien wurden in unseren Köpfen zu Tabus, denen wir uns auf keinen Fall nähern sollten.

Frouzandehpour sagte mit Bedauern: „In den Monaten, die ich im Gefängnis verbracht habe, ist mir klar geworden, wie sehr wir uns selbst isoliert haben und wie wenig wir andere gesehen haben.“

Er sprach von den nationalreligiösen Aktivsten, mit denen er sich eine Zelle teilt. „Es sind sehr freundliche und aufrichtige Menschen, ebenso wie die linken Studenten. Warum hat man uns das nicht wissen lassen und uns nicht erlaubt, diese Leute als die Menschen zu sehen, die sie sind?“

Was Frouzandehpour da sagte, war sehr interessant. Ich hatte kürzlich genau über dasselbe nachgedacht. Wände, Mauern, noch mehr Mauern.

Gestern ging das Gerücht, dass es heißes Wasser gibt. Wir alle stellten uns in die Schlange, um zu duschen. Der Anblick dieser Szene ließ mich plötzlich denken: Jede Facette der iranischen Gesellschaft ist hier repräsentiert, das gesamte politische Spektrum.

Mohsen Mirdamadi, der frühere Gouverneur und Parlamentsabgeordnete, unterhielt sich mit linken Studenten. Javad Lari, ein Mitglied der Volksmojahedin (MKO), spülte Geschirr. Fayzollah Arabsorkhi duschte gerade. Der nationalreligiöse Aktivist Alireza Rejaei tippte mir auf die Schulter und sagte, ich würde wohl der letzte sein, der unter die Dusche geht.

Zhila, wie weit wir all diese Jahre voneinander entfernt waren, und wie nah wir einander jetzt sind. Ich weiß nicht, aber ich glaube, dass wir nach dreißig Jahren gegenseitiger Feindschaft jetzt unsere Differenzen beiseite gelegt haben. Wir sind alle zusammen, wenn auch im Gefängnis. Ist es nicht genau das, was die Grüne Bewegung will?
Wir hatten Gelegenheit, miteinander zu reden – etwas, das wir alle vorher nur zögernd getan hätten. Wir waren zu Feinden geworden. Wir nannten einander Ungläubige, Ketzer und Gegner der Revolution des Volkes.

Vor einigen Tagen holten sie Amin Niyaeifar zum Auspeitschen. Er ist 21 Jahre alt und wiegt nicht mal 50 Kilo. Er ist sehr dünn. Als sie diesen Studenten, der an der Teheran-Universität Maschinenbau studiert, in unsere Abteilung brachten, haben alle mit ihm gescherzt und gesagt, dass er jetzt, wo er hier ist, mehr essen kann und nicht mehr so unterernährt sein wird.

Als er von der Auspeitschung zurückkam, konnten wir die blutunterlaufenen blauen Striemen auf seinem Rücken sehen. Wir wussten nicht, was wir tun sollten. Viele andere Gefangene aus den umliegenden Zellen kamen zu uns in die Zelle. Wir scherzten und lachten, um die schwere, traurige Stimmung aufzuhellen.

Zhila, lass mich dir etwas interessantes erzählen. Wir machen hier etwas, was mir einen Anlass gibt, an dich zu denken. In diesen Situationen stelle ich mir immer vor, wie du vor mir stehst.

Jeden Freitag Nachmittag versammeln wir uns im 200 m großen Hof von Evin. Der Student Ali Malihi veranstaltet dort ein Programm mit dem Namen „Kultur und Natur“. Wir sitzen im Hof und stellen uns vor, mitten in der saftig grünen Natur zu sein. Einige rezitieren Gedichte, andere singen Lieder. Wir applaudieren den Vortragenden. Wir versuchen, dabei möglichst laut zu sein. Weißt du, warum? Du hast ja wahrscheinlich gehört, dass die weiblichen politischen Gefangenen jetzt unsere Nachbarn sind – sie befinden sich gleich hinter der Mauer.

Wir klatschen also heftig und versuchen, sehr laut und fröhlich zu sein, um den Frauen auf der anderen Seite der Mauer etwas von unserer Fröhlichkeit zu geben. Wir tun das, damit wir sagen können: Wir sind hier, und wir sind unzählig viele.

Der Arbeiteraktivist Ebrahim Madadi ruft ganz laut „Hallo“ und hofft, dass die Frauen auf der anderen Seite der Mauer es hören. Obwohl wir nicht wissen, ob sie uns hören können oder nicht.

Manchmal stelle ich mir vor, dass du auch dabei bist, neben Bahareh Hedayat, Nasrin Sotoudeh, Mahdiyeh Golrou, Atefeh Nabavi und den anderen.

Noch interessanter ist, dass wir sie manchmal lachen hören – so als wollten sie ihre Fröhlichkeit auch mit uns teilen.

Wenn Asghar Mahmoudian, der Vater und der Sohn Daneshvar, Vahid Laaleipour und Hamed Yazerloo das Lachen der Frauen hören, steigen ihnen Tränen der Freude in die Augen. Ihre Frauen und Mütter sind unter den Gefangenen. Ihre Liebsten befinden sich nur wenige Meter entfernt, jenseits der hohen Mauern. Es ist so schwer, geliebte Menschen so nah bei sich zu haben und sie trotzdem nur alle paar Wochen 20 Minuten lang sehen zu können.

Meine liebe Zhila, ich vermisse dich so sehr. Manchmal denke ich, es wäre gar nicht so schlimm, wenn sie deine Haftstrafe vollstrecken würden, denn dann könntest du auf der anderen Seite der Mauer sein. Und ich würde dein Lachen hören, so wie Vahid seine Frau Mahdiyeh lachen hört.

Zudem könnten wir uns immer wieder von Angesicht zu Angesicht sehen, und wenn wir Glück haben, würden wir uns sogar in der Krankenstation begegnen.

Manchmal denke ich sogar, dass das Gefängnis heutzutage für Menschen wie dich der sicherste Ort ist. Hier gibt es wenigstens zwei Mal am Tag einen Appell. Wenn draußen mehrere Menschen am Tag vermisst werden, macht das einige Leute vielleicht sogar glücklich. Darum glaube ich, dass du im Gefängnis jetzt sicherer wärst.

Zhila, du glaubst nicht, was für Leute sie in den letzten Wochen verhaftet und hierher gebracht haben – zum Beispiel einen Lastwagenfahrer und einen 75 Jahre alten Mann. Beide sagen, dass sie zu Hause saßen und eine Sendung des Fernsehens der Islamischen Republik angeschaut haben, in der berichtet wurde, dass die Arbeitslosigkeit zurückgegangen ist und die Wirtschaftslage sich verbessert hat. Sie sagen, dass sie über diese Lügen im staatlichen Fernsehen so wütend wurden, dass sie auf die Straße gingen und mit Graffiti gegen diese Lügen protestierten. Sie wurden verhaftet.

Heute brachten sie einen Universitätsprofessor aus Isfahan, den sie seinem Hörsaal abgehört hatten. Das, was er in seiner Vorlesung gesagt hatte, habe wie regimefeindliche Propaganda geklungen, sagen sie. Nach 35 Tagen Einzelhaft im Gefängnis von Isfahan haben sie ihn hierher gebracht.

Tja, Zhila – was kann ich dir noch erzählen. Du weißt, dass es für einen Mann wie mich, der mit der Bakhtiyari-Kultur großgeworden ist, sehr schwer ist, seine Gefühle auszudrücken. Vielleicht habe ich deshalb versucht, mich mit diesen Worten auszudrücken. Ich habe all diese anderen Dinge geschrieben, um dir zu sagen, dass du immer gütig zu mir warst und mir immer verziehen hast. Du bist das Beste, was mir in meinem ganzen Leben passiert ist.

Bahman Ahmadi Amouei
Donnerstag, 3. November 2011
3 Uhr Morgens, Evin, Abteilung 350, Zelle 9

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle (Übersetzung ins Englische): Persian Banoo (Titel: Letter From Evin: They Took A 22 Year Old Student, Barely Weighing 100 LBS to be flogged)
Persisch: Kalemeh

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