Angreifer auf die britische Botschaft: „Wir wurden benutzt“ – „Aktion vom Führer angeordnet“

Rooz, 4. Dezember 2011 – Fünf Tage nach dem Angriff auf die britische Botschaft in Teheran, der bislang weder vom obersten Führer noch vom Präsidenten der Islamischen Republik kommentiert wurde, verurteilte ein führender Geistlicher die Aktion. Unter heftiger Kritik nicht nur der Regierung Großbritanniens kommentieren nun auch iranische Zeitungen, aber auch einige der Beteiligten den Zwischenfall.

Eine der erstaunlichsten Reaktionen kam von dem Geistlichen und Parlamentsabgeordneten Ahmad Khatami, der während einer Freitagspredigt in Teheran Großbritannien zunächst scharf angegriffen und den Übergriff auf die britische Botschaft von letzter Woche als „notwendigen Schlag“ gegen Großbritannien bezeichnet hatte. Später übte er in einem Interview Kritik an den Angreifern und erklärte, er sei von jeher gegen derartige Aktionen gewesen.

Der britische Botschafter in Teheran erklärte bei seiner Rückkehr nach London, der iranische Parlamentspräsident Ali Larijani und [der Abgeordnete] Alaeddin Boroujerdi wollten aus persönlichen Beweggründen Spannungen schaffen. Iran sei kein Land, in dem sich „Menschen zu spontanen Demonstrationen zusammenfinden und dann eine ausländische Botschaft angreifen“. Solche Aktionen seien nur mit Zustimmung und Unterstützung des Staates möglich.

„Wir wurden benutzt“
Ein aussagekräftiger Kommentar mit Aussagen zweier Beteiligter an dem Übergriff auf die britische Botschaft wurde auf dem Weblog der Studentenvereinigung „Iranische Universitätsvereinigung Hizbullah“ veröffentlicht.

Die Angreifer seien „ohne jede Analyse“ in diese Situation gebracht worden, heißt es auf der Seite. Ihr „Eifer“ habe Überhand über ihre Vernunft gewonnen. Studenten und Gruppen, die die Islamische Republik an Universitäten unterstützen, würden „für die Ziele und Interessen politischer Gruppierungen benutzt“. „Studentische Organisationen haben ihren studentischen Charakter weitgehend eingebüßt, und wir sehen, dass das Niveau der Analysen und Ideen in den studentischen Gremien so niedrig ist, dass sie keine Rolle bei den Entscheidungsfindungen spielen. Die Lücke wird stattdessen von politischen Fraktionen und externen Gruppen, ja sogar von persönlichen Ambitionen außerhalb der studentischen Gruppen gefüllt“, so der Artikel weiter.

Zwar begrüßt der Kommentar den Angriff auf die britische Botschaft, das Entfernen der britischen Flagge und die Machtdemonstration gegenüber der britischen Regierung, stellt aber die Sachbeschädigungen in Frage. „Die Gruppe wurde von außerhalb kontrolliert, und die ganze Angelegenheit ist den Sicherheitskräften entglitten. Nachdem die Leute in die Botschaft eingedrungen waren, richteten einige nichts als Zerstörung an, weil es für diesen Teil der Aktion keine Pläne gab.“

Zwei der Beteiligten, die sich bei der Aktion in der Botschaft aufgehalten hatten, beschreiben ihre Beobachtungen wie folgt: „Vor dem Eingang der Botschaft standen 30 bis 40 Soldaten. Aber wir konnten ohne Schwierigkeiten durchkommen, und ich, weil ich ziemlich wenig wiege, konnte ohne Probleme über den Zaun klettern und auf das Botschaftsgelände springen. Auf der anderen Seite des Zauns waren ebenfalls etwa 30 Soldaten, die kein Wort sagten, als sei das, was wir taten, völlig normal und als könne jeder einfach so über den Zaun der Botschaft klettern. Sie standen da wie Standbilder aus dem 2. Weltkrieg und warfen uns hin und wieder einen Blick zu“, schreibt der Eine.

Der Andere wird wie folgt zitiert: „Der Traum der Studentenbewegung, das britische Spionagenest zu übernehmen, ist nach Jahren in Erfüllung gegangen. Aber die Order kam von oben, vom Führer. Wir sollten die Botschaft so schnell wie möglich leerräumen und dann abziehen.“

„Wir fragten uns, wie es sein kann, dass man so leicht in die Botschaft hineinkommt, dort solche Aktionen durchführt und dann wieder verschwindet. Ich würde sagen, dass wir benutzt wurden.“

Ein anderer Beteiligter schreibt: „Ein Mann in Zivilkleidung, höchstwahrscheinlich ein Basiji, half mir über den Botschaftszaun hinüber.“ Auch dieser Zeuge schreibt, dass die Angreifer benutzt wurden und bezeichnet den Angriff auf die Botschaft als ein „schmutziges und dummes Spiel“, dessen einziges Resultat Sachbeschädigungen in Höhe von Milliarden Toman sowie ein Vorwand für ein weiteres Jahr der Zerstörung[sversuche] gegen das Regime seien. An der Aktion seien zudem Elemente aus den mittleren Rängen der Revolutionsgarden beteiligt gewesen.

Die Erklärung der Hizbullah-Studentenvereinigung und die Beschreibungen der beiden Zeugen und Beteiligten der Aktion wurden bezeichnenderweise kurz nach ihrem Erscheinen wieder vom Weblog genommen.

Prinziplisten protestieren gegen Zerstörung der Botschaft
Der regimetreue führende Geistliche Naser Makarem Shirazi kritisierte in einer Erklärung den Angriff auf die britische Botschaft. Die Angreifer bezeichnet er in seiner Erklärung als „liebe junge Enthusiasten“, deren Aktionen „jenseits der Legalität“ den Feinden eine Möglichkeit zu Abenteurertum gegeben hätten, für das „wir jetzt einen hohen Preis werden zahlen müssen.“

Für die Sachbeschädigungen in der Botschaft macht Ayatollah Shirazi „Infiltratoren“ verantwortlich. Er schreibt: „In derartigen Situationen darf man nicht zu Aktionen jenseits der Legalität greifen und keine Maßnahmen ohne Erlaubnis des Großen Führers der Revolution und der verantwortlichen Behörden ergreifen.“

Ahmad Khatami, Freitagsprediger und Mitglied des Expertenrats, erklärte nach seinen Äußerungen vom Freitag gegenüber der Nachrichtenagentur IRNA: „Wir sind für das Gesetz und legale Aktionen, darin sehen wir die Interessen des Landes. Ich habe schon früher gesagt, dass Angriffe auf und Invasionen von ausländischen Botschaften einer Invasion in ein anderes Land gleichkommen. Das ist ungesetzlich. Es ist kein revolutionärer Eifer, wenn ausländische Botschaften sich nicht sicher fühlen. Das liegt nicht im Interesse Irans. Ich sage kategorisch, dass ich gegen Angriffe auf und Invasionen von Botschaften in der Islamischen Republik bin.“

Zuvor hatte der frühere Justizsprecher Hossein Mir Mohammad Sadeghi einen Kommentar veröffentlicht, in dem er schreibt, dass Angriffe auf ausländische Botschaften die Interessen des Auslandes bedienen. Er kritisierte sogar den Parlamentsbeschluss der vergangenen Woche, der eine Einschränkung der diplomatischen Beziehungen zwischen Iran und Großbritannien gefordert hatte. Dies sei eine Einmischung in die Angelegenheiten der Exekutive. Es sei nicht klar, ob der Abbruch oder die Reduzierung diplomatischer Beziehungen mit einem anderen Staat im Interesse des Landes oder der Nation sei. Sadeghi kritisierte sogar die Wortwahl der Parlamentarier, wie Rufe nach dem „Tod“ eines Landes oder einer Person.

Gleichzeitig publizierte ein Medienaktivist der Prinziplisten (Anhänger der ursprünglichen Prinzipien der Revolution von 1979 und des Gründers der Islamischen Republik Ayatollah Khomeini) einen Kommentar, in dem er alle kritisierte, die diesen Akt der Bedrohung der nationalen Sicherheit Irans befürwortet oder unterstützt haben. Auch die Prinziplisten-Webseite Asre Iran kritisierte den Angriff auf die britische Botschaft. Wenn Angriffe auf diplomatische Vertretungen und die britische Botschaft eine gute Sache wären, würde das Außenministerium sie nicht bedauern (das iranische Außenministerium hatte sein Bedauern über den Angriff auf die britische Botschaft bekundet). Wären derartige Aktionen in Ordnung, hätte die Polizei nicht interveniert und Beteiligte verhaftet, heißt es.

Regierungsanhänger: „Mit dem Angriff auf die Botschaft sollte Ahmadinejad beschädigt werden“
Wenige Tage nach dem Angriff auf die britische Botschaft in Teheran sprechen die Anhänger Mahmoud Ahmadinejads von einem „verdächtigen“ Vorfall, mit dem die Regierung Ahmadinejad unter Druck gesetzt werden solle. Die kurz vor dem Angriff im Parlament verabschiedete Resolution über die Einschränkung der diplomatischen Beziehungen mit Großbritannien sei in Wirklichkeit aus wahltaktischen Erwägungen heraus entstanden und solle von den Korruptionsvorwürfen ablenken, mit denen einige bekannte Offizielle zur  Zeit konfrontiert seien. – Die nächsten iranischen Parlamentswahlen sollen im März 2012 stattfinden.

Ein Ahmadinejad-Anhänger weist darauf hin, dass es sich bei dem Initiator der Resolution über die diplomatischen Beziehungen zu Großbritannien um Alaeddin Boroujerdi handle, gegen den schwerwiegende Veruntreuungsvorwürfe im Raum stehen. Der Angriff auf die Botschaft sei auf Betreiben bestimmter Regime-Mitglieder erfolgt. – Boroujerdi leitet die parlamentarische Kommission für nationale Sicherheit.

Wenige Tage nach dem Angriff auf die britische Botschaft in Teheran, die einige Prinziplisten ursprünglich als die „Dritte Revolution“ gefeiert hatten (die Besetzung der amerikanischen Botschaft und Geiselnahme amerikanischer Botschaftsmitarbeiter 1979 war von Ayatollah Khomeini als zweite Revolution bezeichnet worden), wird die Aktion nunmehr in Frage gestellt und von den verschiedenen Machtgruppen innerhalb des Regimes für gegenseitige Angriffe genutzt – während weder der oberste Führer Ayatollah Khamenei, noch Präsident Mahmoud Ahmadinejad sich bisher ausdrücklich öffentlich zu dem Vorfall geäußert haben. Sind die jetzigen Distanzierungen möglicherweise eine Folge internationalen Drucks?

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle: Rooz Online

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Eine Antwort zu “Angreifer auf die britische Botschaft: „Wir wurden benutzt“ – „Aktion vom Führer angeordnet“

  1. Sie wurden immer benutzt. Sie wurden genauso benutzt, als sie Kinos und Büchereien verbrannten, das Volk niederschlugen und die Häuser der kritischen Ajatollahs stürmten. Nur dieses Mal haben sie es gemerkt.

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