Reaktionen Teheraner Bürger auf die neuen EU-Sanktionen

Inside Iran, 24. Januar 2012 – Der folgende Artikel basiert auf Interviews mit Iranern in Iran. Die Autorin lebt außerhalb des  Landes. Die Namen der Interviewten wurden aus Sicherheitsgründen geändert.

Während das staatliche iranische Fernsehen seine Zuschauer über die neuesten Entwicklungen der „Occupy Wall Street“-Bewegung aufklärte, beschlossen die EU-Staaten ein Ölembargo gegen Iran. Sofort verlor die iranische Währung an Wert. Ein US-Dollar kostet jetzt 21.000 Rial. Jede von der Regierung herausgegebene Goldmünze kostet 10 Millionen Rial. Die Reaktionen der Iraner auf den instabilen, chaotischen Markt variieren zwischen Panik, Depression und Wut.

Reza Javadi, Teppichhändler: „Alles stagniert. Alle haben Angst. Man spürt die Ruhe vor der Katastrophe. Bis gestern habe ich noch mit Leuten gesprochen, die sagten, dass noch alles in Ordnung ist. Aber nach dem Ölembargo der EU haben die Leute wirklich Angst bekommen.“

Negar Rouhi, Autorin und Übersetzerin: „Ich übersetze in meinem Büro jeden Tag viele Dokumente von Studenten, die mitteinander darum wetteifern, das Land zu verlassen. Mehr denn je kann ich dieser Tage die Angst und das Misstrauen in ihren Gesichtern sehen. Sie wollen nicht glauben, dass die Währungskrise ernst wird. Aber mit den EU-Sanktionen kann der Dollarkurs nicht fallen.“

Soheil, 35 Jahre, Supermarktbesitzer im Teheraner Zentrum, befürchtet für die nächsten Monate eine Nahrungsmittelknappheit. „Die Situation ist hoffnungslos. Wir werden in die schlimmsten Tage des Iran-Irak-Krieges zurückkatapultiert. Wegen der Währungssituation ist der Fleischpreis bereits gestiegen. Angesichts der Unverantwortlichkeit der Regierung Ahmadinejad wird die Situation noch gefährlicher werden.“

Zohreh Davari, Arbeiterin in einer Pharmaziefabrik, verdient 400 Dollar monatlich und hat vier Kinder. „Ich spüre den Mangel bereits deutlich. Der Preis für US-Dollars oder Gold ist mir egal, ich habe nie Devisen oder Gold gekauft. Wovor ich Angst habe, ist die Teuerung bei den Lebensmitteln. Schon jetzt reicht mein Gehalt nur noch bis zur Mitte des Monats. Wenn die Preise weiter steigen und die Löhne gleich bleiben, werden wir sterben.“

Wo sind Khamenei und Ahmadinejad?
Mansour, 30 Jahre, aus Teheran, hat nach Bekanntwerden des EU-Ölembargos Angst. „Ich würde gern wissen, warum Ahmadinejad, der sonst immer zu allem und jedem etwas zu sagen hat, jetzt schweigt. Sicher wird er sagen, dass diese Sanktionen keine Auswirkungen auf die iranische Wirtschaft haben werden. Dabei haben wir heute gesehen, dass allein die Nachricht über Anktionen zu einer Teuerung vieler Produkte geführt hat. Die Sanktionen haben noch nicht einmal begonnen! Bis Mitte Juli werden die Sanktionen dazu geführt haben, dass uns die Devisenreserven ausgehen, und dann wird der Druck auf die Bevölkerung noch stärker. Khamenei sollte in den nächsten Tagen aus seinem Haus in der Palästina-Straße kommen und uns unser Schicksal erklären.“

Sajdeh Hosseini, ein Vater aus Teheran, hat eine Tochter, die an Multipler Sklerose erkrankt ist. Er muss etwa 500 Dollar pro Monat für Medikamente ausgeben. Sein gesamtes Kapital beträgt nur 4.000 Dollar. „Meine Frage an Herrn Khamenei lautet: Warum haben Sie zugelassen, dass ein Idiot wie Ahmadinejad den Reichtum eines Landes verprasst? Was, wenn es mit uns endet wie mit Irak und dem Food-for-Oil-Programm? Was, wenn Medikamente sanktioniert werden und wir keine Medikamente für die Kranken produzieren können? Was, wenn es Krieg gibt?“

„Mit Sanktionen, Armut und einer Regierung, die außer Gewalt nichts kennt, wird der Zustand unserer Gesellschaft sich nur weiter verschlechtern. Wir werden mehr Drogenabhängige, mehr Diebstahl und mehr Depressionen haben. Ich mache mir große Sorgen und sehe eine dunkle Zukunft für das iranische Volk. Ich weiß, dass das Regime seinen eigenen politischen Tod mit Hilfe seiner Freunde China und Russland zu verhindern versuchen wird. Aber das Volk und die Struktur der Gesellschaft werden sich von innen zersetzen. Am Ende wird niemand die Verantwortung übernehmen, genau wie damals zu Zeiten des achtjährigen Krieges und danach.“

Facebook-Nutzer in Iran beschäftigen sich fast nur noch mit den EU-Sanktionen. Maryam, Studentin an der Teheran-Universität, schreibt: „Ich habe Angst, dass wir bald unsere Grundbedürfnisse nach Nahrungsmitteln und Kleidung nicht mehr decken können. Die Taxis haben ihre Preise bereits erhöht.“

Mona, die im Shahid-Beheshti-Krankenhaus arbeitet, schreibt auf ihrer Facebook-Seite: „Ich weiß jetzt, wie die Sieben Schläfer von Ephesus sich fühlten, als sie aufwachten und feststellten, dass ihr Geld wertlos ist. Der einzige Unterschied ist, dass sie 300 Jahre geschlafen haben, während wir jeden Morgen mit diesem Gefühl aufwachen.“

Parvaneh Vahidmanesh

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle: Inside Iran

Siehe dazu auch bei „Dustandtrash“:
Iranische Währung verliert an Wert, Menschen reagieren panisch (Video)

4 Antworten zu “Reaktionen Teheraner Bürger auf die neuen EU-Sanktionen

  1. Liebe Julia, ich bin verwundert nichts zu finden, wenn ich auf dieser Seite „Angelsächsische Mission“ eingebe. Es wird Krieg im Iran geben, die Gründe sind herbeigekramt. Es ist seit langem geplant. Wer so gutgläubig ist und glaubt Bin Laden sei Schuld an 9/11, dem ist nicht zu helfen. Macht Euch schlau Leute!!!

  2. spielt keine Rolle

    Ein geschönter Artikel – die Realität sieht so aus:
    -der gebildete iraner bereitet sich auf einen Krieg vor
    -reiche Iraner versuchen ihre Kinder ins Ausland zu schicken
    -Indische Universitäten verzeichnen ein Wachstum von iranischen Studenten von 200%
    -Hamsterkäufe von von Importwaren aller Art
    -Hamsterkäufe von lagerfähigen Grundnahrungsmitteln
    -„Gebrauchtgold“ wird fast garnicht mehr von den Goldhändlern angeboten
    -Importwaren werden nicht mehr vom Zoll ausgelöst, da den Bestellern, die nötigen Devisen inzwischen fehlen
    -Geldwechseln ist 2 Wochen verboten unter sofortiger Gefängnisandrohung
    -Brot, Eier und Sabsi, die geliebten irnaischen Kräuter haben sich preislich verdoppelt
    -Benzin ist noch teurer geworden und noch schlechter regelmässig verfügbar
    -Einbruchs- und Raubüberfälle haben stark zu genommen, inzwischen werden primär Lbensmittel gestohlen
    -Telefon- und Internetverbindungen werden wöchentlich schlechter/langsamer
    – rasant steigende Inflation ->Januar 2012 1€ = 2500Toman im Oktober 2011 1€ = 1850Toman
    -Sparzinssatz offiziell bei 21%, inoffiziell zahlen Banken bei 12 monatiger Anlage einen Zinssatz von 27%
    -Schuldzins liegt durchschnittlich bei 22% bei langfristigen Krediten

  3. Günter Haberland

    Das ist genau das, wovor ich immer gewarnt habe: Bei generellen Wirtschaftssanktionen leidet immer zuerst die Bevölkerung, nicht das Regime. Daß es der Bevölkerung dann gelingt, wegen ihrer schlechten wirtschaftlichen Situation das Regime zu stürzen, kann man zwar hoffen, sicher ist das aber nicht. Sicher ist zunächst einmal nur das Leid von Menschen wie Sajdeh Hosseiny und seiner kranken Tochter.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s