Folter in Evin – Brief eines ehemaligen politischen Gefangenen an Ayatollah Khamenei

Kalemeh, 19. Februar 2012 – In Reaktion auf den Aufruf des ehemaligen politischen Gefangenen und Dokumentarfilmers Mohammad Nouri[zad] zu einer Briefkampagne an den obersten Führer Ayatollah Khamenei hat der frühere politische Gefangenen Rouhollah Zam mehrere Briefe an Khamenei gerichtet. In seinem letzten Brief berichtet er von den illegalen und unmenschlichen Verhörmethoden, mit denen Gefangene zu Falschaussagen gezwungen werden. Er erzählt von seiner Zeit im Gefängnis und schildert die von ihm und anderen Gefangenen erlittene Folter.

Einleitend schreibt Zam, er könnte ebenso wie die vielen Menschen in Khameneis Umgebung, die ihm schmeicheln und sich vor ihm verneigen, vom Schatten der Monarchie profitiert haben, der über Iran liege. Da er sich aber eines solchen Verhaltens nicht fähig sehe und die Wahrheit aussprechen müsse, habe er aus dem Land fliehen müssen, um sich vor dem Griff der Mächte um Khamenei in Sicherheit zu bringen.

Die regimegestützten Medien hätten in den letzten zwei Jahren immer wieder behauptet, dass die Grüne Bewegung tot sei; doch sobald diese Bewegung zu einer Demonstration aufrufe, zeige das Regime seine Angst, indem es die Straßen zu militärischen Zonen mache und bis an die Zähne bewaffnete Sicherheitskräfte aufmarschieren lasse, so Zam.

Zam kritisiert in seinem Schreiben das anhaltende Versagen von Khameneis Politik, die anhaltende Unterdrückung der Bevölkerung und die wiederholten Verstöße gegen die Verfassung.

Er spricht von der Folter in Khameneis Gefängnissen und schreibt, er wolle Khamenei über die Foltermethoden berichten, die im Evin-Gefängnis im Trakt der Revolutionsgarden zur Anwendung kämen, um Gefangenen falsche Geständnisse abzupressen.

Er schreibt:

„Wie viele andere auch wurde ich nach Ihrer Freitagspredigt von 2009 verhaftet und nach Evin in die Abteilung 2A der Revolutionsgarden gebracht. Ich wurde in der Piroozi-Straße in Teheran verhaftet, nachdem ich dort zu einem telefonisch vereinbarten Termin erschienen war. Bei meiner Festnahme zogen die Agenten u. a. ihre Waffen gegen mich. Diese Verhaftungsmethode wurde auch bei Behzad Nabavi und vielen anderen angewandt.

Während meines Transportes nach Evin wurde ich – obwohl ich Handschellen und eine Augenbinde trug – geschlagen und aufs Übelste beschimpft.

Ich verbrachte Monate in Einzelhaft und konnte während dieser Zeit unter meiner Augenbinde nur den feuchten Kellerboden sehen. Stundenlang wurde ich in gebeugter Haltung an einen Metallpfosten gekettet, und die Befrager versuchten, mich dazu zu bringen, Mehdi Hashemi Rafsanjani, Gholamhossein Karbashi (Reformer), Seyyed Mohammad Khatami (einen früheren Präsidenten der Islamischen Republik) und (Oppositionsführer) Mehdi Karroubi mit Falschaussagen zu belasten.

Während des Sommers 2009 verbrachte ich viele Tage in der 1,5 Meter großen Einzelzelle Ihrer Revolutionsgarden, während ich fastete. Nachts konnte ich die Gebete der anderen Gefangenen durch die Belüftungsschächte hören.

Mein Chefbefrager hatte einen Isfahaner Akzent. Er hatte fünf weitere Befrager unter sich, die für die Verhöre der politischen Gefangenen verantwortlich sind. Ich werde seinen Namen später nennen.

Diese Person ist für viele der falschen Geständnisse verantwortlich, die die Gefangenen in den „Schauprozessen“ von 2009 ablegten.

Ich wurde von ihm stark unter Druck gesetzt, damit ich gegen zwei bekannte Politiker falsche Geständnisse ablege.

Die Verhöre in diesen Räumen waren immer begleitet von großer Angst, Anspannung und hohem Stress, weshalb sie ewig zu dauern schienen.

An vielen Tagen wurde ich von 12 Uhr Mittags bis 12 Uhr Nachts verhört, aber mir erschienen die Verhöre viel länger.

Jeder Befrager hatte eine bestimmte Aufgabe. Einer schlug mich regelmäßig mit großer Härte. Ich saß auf einem Stuhl mit dem Gesicht zur Wand, meine Augen waren verbunden. Er schlug und trat dann von hinten so heftig auf mich ein, dass ich zuweilen vom Stuhl kippte und gegen die Wand fiel.

Wenn ich nicht sagte, was sie hören wollten, traten sie mich von hinten, warfen mich auf den Boden und schlugen und traten weiter. Dies wiederholte sich täglich viele Male.

Der andere Befrager war dunkelhäutig. Seine Aufgabe bestand darin, mich mit üblen Schimpfwörtern zu beleidigen.

Ein weiterer Befrager hatte die Aufgabe, mir die Verhörformulare zum Ausfüllen zu geben. Wenn ich nicht schrieb was sie verlangten, kamen die anderen beiden und erledigten ihre Aufgaben.

Ein anderer Befrager – ein kräftig gebauter Mann – hatte die Aufgabe, mit meinen Gefühlen zu spielen. Immer wieder erzählte er mir, wie sehr meine Tochter mich vermisse. Auf einem Abhörprotokoll habe er sie sagen hören, dass sie die ganze Zeit weine und ihren Vater so sehr vermisse. Dann sagte er: „Sag uns einfach, was du sagen musst, damit du das hier zu Ende bringen und wieder zu deiner Tochter zurückkehren kannst.“

Als ich verhaftet wurde, war meine Tochter erst sieben Jahre alt gewesen, und wenn ihre Mutter nicht da war, war ich die einzige Betreuungsperson für sie.

Der andere Befrager war der, den ich schon erwähnte. Der, der immer bei der Reinheit der Tochter des Propheten schwor. Derselbe, der viele Male zugesehen hatte, wie ich verprügelt wurde, während ich fastete. Derselbe, der viele Male dabei gewesen war, wenn der dünne, dunkelhäutige auf seinen Befehl den Koran nach mir warf.

Dieser Chef-Befrager verhörte und beschimpfte viele politische Gefangene. Viele politische Gefangene kennen ihn, aber sie wissen seinen Namen nicht. Ich habe ihn gesehen.

Am letzten Tag meiner Haft brachten sie mich in sein Büro, setzten mich auf einen Stuhl und nahmen mir die Augenbinde ab. Ich sah seinen kahlen Schädel, den Abdruck des Gebetssteins auf seiner Stirn und seine blauen Augen. Er war niemand anderes als der Bruder Ihres Geheimdienstministers Heydar Moslehi.

Er forderte mich auf, mich nach meiner Freilassung mit Mehdi Hashemi Rafsanjani anzufreunden und nicht von seiner Seite zu weichen bis zu dem Tag, an dem er verhaftet wird. Mit anderen Worten: Er wollte, dass ich Mehdi Hashemi für ihn ausspioniere.

Immer und immer wieder hatten sie von mir verlangt, Mehdi Hashemi mit Falschaussagen zu belasten. Dasselbe falsche Geständnis, das Hamzeh Karami bei den Schauprozessen ablegte.

Nach meiner Freilassung bestellten sie mich drei Mal nach Evin und forderten, dass ich gestehe, Gholamhossein Karbashi (ein ehemaliger politischer Gefangener, früherer Bürgermeister von Teheran und Verbündeter des Ex-Präsidenten Mohammad Khatami) mehrfach und an diversen Orten bewaffnet gesehen zu haben. Dieses falsche Geständnis wollten sie dazu verwenden, um Herrn Karbashi zu verhaften.

Obwohl sie mir drohten, mich erneut einzusperren, wenn ich dieses Geständnis nicht ablege, hat mein Gewissen es mir nicht erlaubt, derartige falsche Anschuldigungen auszusprechen, und ich weigerte mich.“

Zam schreibt weiter:

„Herr Khamenei, während meiner vielen Verhöre hörte ich immerzu die Schreie, das Stöhnen und Ächzen anderer Gefangener, die geschlagen und angegriffen wurden. Ein Mal hörte ich aus dem Nebenraum, wie ein Gefangener von fünf Personen geschlagen wurde, damit er den Besitz von Schusswaffen gesteht.

Die meisten falschen Geständnisse sollten beweisen, dass die Personen aus dem Umfeld Hashemi Rafsanjanis, Mir Hossein Moussavis und Mehdi Karroubis bewaffnet waren und einen Putsch gegen Khamenei geplant hatten.

Hauptziel dieser Agenda war, dass die Gefangenen gestehen sollten, mit den Mojahedin, den Monarchisten und Hashemi Rafsanjani, Mir Hossein Moussavi und Mehdi Karroubi verbandelt zu sein. Leider haben sich einige darauf eingelassen.

Ich kenne eine Person, deren Namen ich nicht nennen möchte, weil er noch im Gefängnis ist. Vor seiner Inhaftierung wog er etwa 145 Kilo. Nach meiner Freilassung musste ich einmal ins Revolutionsgericht, um mich um meinen Fall zu kümmern. Dort sah ich diesen Mann wieder. Er war sehr dünn und schwach.

Ich fragte ihn nach seinem Befinden und erkundigte mich, warum er so stark abgenommen hat. Ich fragte: Was haben sie mit dir gemacht?

Er sagte: „Rouhollah, wenn man dir jeden Tag einen Elektroschok ins Rektum verpassen würde, wäre von dir bald auch nichts mehr übrig als Haut und Knochen.“

Dieser Mann war zu Zeiten Shahid Rejaeis und Mir Hossein Moussavis [vermutlich während Moussavis Zeit als Ministerpräsident, d. Übers.] eine bekannte und respektierte Persönlichkeit. Jeder wusste, dass dieser Mann – ein religiöser Mensch – Khamenei als seinen spirituellen Führer anerkannte. Er reagierte höchst empfindlich, wenn jemand etwas Negatives über Khamenei sagte.

Derselbe Mann wurde in Ihrem korrupten IRGC-Gefängnis gefoltert. Er nahm 80 Kilo ab, weil man ihm jeden Tag Elektroschocks ins Rektum gab.

Schande über mich, Schande über Sie, Schande über uns alle.“

Abschließend schreibt Zam, Khamenei herrsche über eine korrupte, blutrünstige und kriminelle Regierung und ein ebensolches Regime.

Er schreibt, er habe Weiteres zu sagen über die Verbrechen Saeed Mortazavis (2009 noch Teheraner Staatsanwalt), über den Fall Hengameh Shahidi, Mostafa Tajzadeh und andere. Er werde dies später tun.

Zam beendet seinen Brief mit einem Zitat aus „Nahjul Balagheh“ von Imam Ali:

„Ich sehne mich danach, in Gottes Reich einzutreten, und ich hoffe und bete inbrünstig für seinen Segen. Doch es betrübt mich zu sehen, dass dieses Land von unklugen und grausamen Herrschern regiert wird. Sie greifen nach dem Reichtum des Landes und treiben das Volk in die Sklaverei. Sie führen Krieg gegen die Aufrichtigkeit und sammeln die Verderbten um sich.“ (Nahjul Balagheh, Brief Nr. 62)

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle/Englische Übersetzung: Persian Banoo
Persisch: Kalameh

2 Antworten zu “Folter in Evin – Brief eines ehemaligen politischen Gefangenen an Ayatollah Khamenei

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