Ein Student greift das iranische Regime an – und muss fliehen

RFE/RL, 19. Februar 2012 – „Unter der Asche glimmt Feuer“, sagt der studentische Aktivist Payam Olad Azimi über die Situation an iranischen Universitäten, wo es der staatlichen Repression der letzten zwei Jahre seiner Ansicht nicht gelungen ist, kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen.

Der 22jährige Student (Bild links) ist eine jener kritischen Stimmen, die das iranische Regime so stark unter Druck setzte, dass er schließlich gezwungen war, das Land zu verlassen.

Mit der Rubrik „Persian Letters“ sprach er am 19. Februar – an dem Tag, an dem auf YouTube ein Video erschien, in dem er das iranische Establishment kritisierte. Er hatte das Video sofort nach seiner Flucht aus Iran veröffentlicht.

Das mit einem Mobiltelefon aufgenommene Amateurvideo hat sich in den sozialen Medien schon weit verbreitet. Es wurde im Oktober bei einer Veranstaltung an der iranischen Oroumiyeh-Universität aufgenommen, bei der auch ein Offizieller des Innenministeriums zugegen war.

Azimi kritisiert den Ministerialbeamten, den er als den politischen Direktor des Ministeriums Mahmoud Abbaszadeh Meshkini identifiziert, öffentlich und stellt eine Reihe kritischer Fragen.

Er fragt, warum der frühere Ministerpräsident der Islamischen Republik Mir Hossein Moussavi und der ehemalige Parlamentsprecher Mehdi Karroubi zu Kritikern des Establishments und Führern einer Oppositionsbewegung wurden. Beide stehen seit über einem Jahr unter Hausarrest.

„Wie kommt es, dass jemand, der acht Jahre lang Ministerpräsident war, oder jemand, der acht Jahre lang dem Parlament vorstand, sich jetzt gegen das Establishment stellt? Warum sind die, die ins Gefängnis gingen und gefoltert wurden (um dem jetzigen Regime zur Macht zu verhelfen), jetzt gegen dieses Regime?“fragt Azimi.

Er verweist auf den schrumpfenden Kreis der „Insider“ der Islamischen Republik. „Ehemalige Präsidenten müssen sich jetzt vorwerfen lassen, pro-westlich eingestellt und Aufrührer und Mitglieder einer ‚Abweichlerbewegung‘ zu sein. Wäre es [dann] nicht besser gewesen, die Revolution  (von 1979) hätte nicht stattgefunden?“, fragt Azimi.

Der studentische Aktivist, der [vor seiner Flucht] eine Studentenzeitung herausgab, geht auch auf den vermuteten Wahlbetrug bei den umstrittenen Präsidentschaftswahlen von 2009 ein und stellt die offiziellen Ergebnisse, die Moussavi 13 Millionen und Ahmadinejad 24 Millionen Stimmen zusprachen, in Frage.

Im Video ist zu hören, wie Azimis Rede immer wieder vom lauten Applaus anwesender Studenten unterbrochen wird.

Gegenüber „Persian Letters“ sagte Azimi, der Mitarbeiter des Innenministeriums habe ihm nach der Veranstaltung seine Telefonnummer gegeben und gesagt, er könne ihn anrufen, falls er Probleme bekommen sollte.

Azimi, der schon vorher wegen seiner Aktivitäten schikaniert worden war, geriet nach diesem öffentlichen Auftritt noch mehr unter Druck. Er sei vor das Disziplinarkomitee der Universität zitiert und für die Dauer von 2 Semestern vom Studium suspendiert worden. Außerdem habe er erfahren, dass der Mitarbeiter des Innenministeriums allen Unterstützungszusagen zum Trotz hinter den Repressalien stecke.

Auch das Geheimdienstministerium verhörte Azimi und forderte ihn auf, für das Ministerium andere Studenten auszuspionieren, was er nach eigenem Bekunden verweigerte.

Schließlich floh er aus Iran. Zur Zeit hält er sich als Asylbewerber in der Türkei auf.

Er mache sich Sorgen um viele seiner Freunde, die bei der Veranstaltung „Freie Tribüne“ im letzten Jahr ebenfalls das iranische Regime kritisiert hatten, sagt Azimi.

Im Verlauf der letzten zwei Jahre sind viele studentische Aktivisten, die es wagten, sich gegen die staatlichen Repressionen aufzulehnen, ins Gefängnis gekommen. Bahareh Hedayat und Majid Tavakoli sind nur einige von ihnen. Andere waren gezwungen, ins Exil zu gehen.

Es gebe in Iran noch immer Menschen, die bereit seien, sich offen zu äußern und den Preis dafür zu zahlen. „Ich habe all diese Dinge gesagt, ohne an die Konsequenzen zu denken. Das ist jetzt das Ergebnis“, sagt Azimi. „Den Mund zu halten ist glaube ich keine gute Sache.“

Es ist unwahrscheinlich, dass Azimi in naher Zukunft in sein Heimatland wird zurückkehren können.

Golnaz Esfandiari

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle: Radio Free Europe/Radio Liberty

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