Kurzmeldungen aus der iranischen Zivilgesellschaft – 28. Mai 2012

Arseh Sevom, 28. Mai 2012 – Themen dieser Ausgabe: Weniger Geistliche im Parlament | „Haus des Kinos“ neu eröffnet, neu geschlossen | Amnesty International: Repression in Iran geht weiter | Drei von vier Gefangenen in Rajai Shahr nehmen Antidepressiva | Universitäten: Aus „Frauenstudien“ wird  „Frauenrechte im Islam“ | Luftqualität in Teheran weiterhin gesundheitsschädlich | Mazandaran: Tod eines Studenten löst Unruhen aus | Kampagne gegen „Hijab-Verstöße“ weitet sich auf Parks und Berge aus | Fotografie: Die verbotene Stadt.Weniger Geistliche im Parlament
Am 27. Mai hat das neue Parlament in Teheran offiziell seine Arbeit aufgenommen.

Nach Angaben der Webseite 24onlinenews ist der Anteil der Geistlichen unter den Abgeordneten „derart gesunken, dass 32 Jahre nach dem Sieg der Islamischen Republik eine umfassende Untersuchung zu allen Aspekten dieser Veränderung erfolgen muss“. „Im 1. Parlament waren 153 Sitze von Geistlichen besetzt. Im 8. Parlament waren nur noch 44 Abgeordnete Angehörige der Geistlichkeit, und im 9. Parlament sind es nur noch 27“, so der Bericht. (Mehr Informationen über das Wahlsystem in Iran: „Duality by Design“ (pdf) der International Foundation for Electoral Systems – IFES).

„Haus des Kinos“ neu eröffnet, neu geschlossen

Protest gegen die Wiedereröffnung des Hauses des Kinos

Hoffnungen keimten auf, als Ende der Woche berichtet wurde, dass die Iranische Allianz der Filmschaffenden (Haus des Kinos), deren Schließung im letzten Jahr  angeordnet worden war, wieder eröffnen darf. Farhad Todhidi, der Vorstandsvorsitzende der Organisation, gab bekannt, dass das Haus des Kinos „ab heute, dem 7. Khordad (27. Mai) seine Arbeit wieder aufnehmen wird“. Tohidi erklärte: „Nach fünf Monaten fand erstmals wieder ein Vorstandstreffen statt. Das Verwaltungsgericht [“administrative justice bureau“] hat das Dekret des Ministeriums für Kultur und Islamische Führung (über die Schließung der Organisation) für nichtig erklärt.“

Nicht bei allen traf diese Neuigkeit auf Zustimmung.  Vor dem Haus des Kinos versammelte sich eine kleine Gruppe, um ihr Missfallen kundzutun. Auf ihren Plakaten war u. a. zu lesen „Nieder mit den Dokumentarfilmproduzenten der BBC“ und „Wenn der Feind dich preist, sei misstrauisch“. Anschließend sprühten die Demonstranten Farbe auf das Türschild der Organisation.

Am späten Sonntag Abend schließlich verkündete das Verwaltungsgericht, dass das Urteil über die Schließung der Organisation „weiterhin gültig und rechtskräftig“ sei.

Die mit den Revolutionsgarden verbundene Nachrichtenagentur Fars News zitierte das von der „Kommission für kulturelle Angelegenheiten“ im Ministerium für Kultur und Islamische Führung, in dem jede Möglichkeit für eine Wiedereröffnung des Hauses des Kinos ausgeschlossen wird. In diesem Urteil heißt es: „Die Aktivitäten dieser sogenannten Vereinigung ‚Haus des Kinos‘ entbehrt jeglicher rechtlicher Legitimation. Sollte sie irgendeine Art von ungesetzlicher Aktivität beginnen, wird sie mit juristischen Gegenmaßnahmen zur Verantwortung gezogen“.

Somit bleibt das Iranische Haus des Kinos vorest geschlossen, das goldene Eingangsschild an der Tür von schwarzer Farbe bedeckt.

Amnesty International: Repression in Iran geht weiter
Amnesty International hat den Bericht über die Situation der Menschenrechte in der Welt im Jahr 2012 veröffentlicht.

Darin verweist die Organisation auf die immer schlechter werdende Menschenrechtssituation in Iran und nennt folgende Beispiele:

  • Religiöse und ethnische Minderheiten werden per Gesetz und im Falle der Baha’i auch per Verfolgung diskriminiert
  • Die Medien werden durch die Regierung kontrolliert
  • Proteste gegen die Regierung werden unterdrückt
  • Die Ausdrucksfreiheit im Internet ist bedroht
  • Ausufernde Anwendung der Todesstrafe

Drei von vier Gefangenen in Rajai Shahr nehmen Antidepressiva
Nach einem auf Informationen von Angehörigen von Gewissensgefangenen im Gefängnis Rajai Shahr beruhenden Bericht der oppositionellen Webseite Kalemeh nehmen „drei von vier Gefangenen in Rajai Shahr starke Beruhigungsmittel und Antidepressiva“ [Anm. d. Übers.: Im Gefängnis Rajai Shahr sitzen nicht nur Gewissensgefangene, sondern vor allem Straftäter]

Die Gefängniswärter setzten zunehmend körperliche Gewalt gegen Gefangene ein, so der Bericht weiter. Erst vergangene Woche seien „sieben Gefangene gestorben, darunter ein Gewissensgefangener“. Den Angehörigen zufolge führten „geschlossene Türen, Räume von 2 x 2 Metern Größe und sehr kurze Aufenthaltszeiten im Freien zu Depressionen und Sucht. Einige Gefangene nehmen gleichzeitig Antidepressiva und Drogen“.

Universitäten: Aus „Frauenstudien“ wird „Frauenrechte im Islam“
Der Aufbaustudiengang „Frauenstudien“ wird einem Bericht der Teheraner Zeitung Shargh in „Frauenrechte im Islam“ umbenannt. „Die Umbenennung gilt als erster Schritt zu einer Islamisierung der Geistes- und Sozialwissenschaften in Iran“, heißt es in dem Bericht. „Die Entscheidung, die sofort in Kraft treten soll, wurde vom Sonderkonzil für Entwicklung und Fortschritt der Geistes- und Sozialwissenschaften des Hohen Kulturrevolutionären Rates der Islamischen Republik getroffen.“

Der Vorsitzende des Rates, Gholam Ali Hadad Adel, erklärte, der vorherrschende globale Trend der Frauenstudien stehe in direktem Konflikt mit dem Islam. „Das Fach wurde leider in der Vergangenheit von unseren Universitäten ohne Prüfung und Kritik kopiert“, so Hadad Adel.

Luftqualität in Teheran weiterhin gesundheitsschädlich

Staub und Luftverschmutzung sorgen in Teilen Irans weiterhin für gefährliche Bedingungen.

Der Zeitung Hamshahri zufolge ist die Luftqualität in Teheran nach wie vor gesundheitsschädlich. Die Verschmutzungswelle hat sich offenbar auch auf andere Provinzen des Landes ausgebreitet. Die Luftqualität in Lorestan ist mittlerweile so schlecht, dass „die Luftverschmutzung jetzt das 18fache der erlaubten Werte erreicht hat“.

Mazandaran: Tod eines Studenten löst Unruhen aus
Der Webseite Saham News zufolge hat es nach dem Tod eines Master-Studenten der Universität Mazandaran Proteste von Mitstudenten gegeben. Der Student hatte offenbar nicht genügend Geld für eine Notoperation gehabt, und die Universität hatte nichts unternommen, um sein Leben zu retten. Dem Bericht zufolge wurden nach den Protesten vier studentische Aktivisten verhaftet, fünf weiteren wurde Campusverbot erteilt. Weitere Studenten wurden von Sicherheitskräften zu Befragungen vorgeladen.

In einem aktualisierten Bericht der Seite Daneshjoo News heißt es, dass 20 Studenten am 24. Mai wegen der Proteste auf eine schwarze Liste gesetzt wurden.

„Kampagne gegen Hijab-Verstöße“ weitet sich auf Parks und Berge aus

Eine junge Frau wird von der Moralpolizei abgeführt

Vergangene Woche berichteten wir über die landesweite Wiederaufnahme des sogenannten „Projekts für moralische Sicherheit“. Jetzt hat sich die Kampagne von den Straßen auf Berge und Parks ausgeweitet (beide Links enthalten Fotoberichte über das, was nach Ansicht der iranischen Moralpolizei als unanständig gilt).

Die verbotene Stadt
Während das Moralische Sicherheitsprojekt mit aller Kraft durchgesetzt wird, setzt sich die iranisch-schwedische Künstlerin Hoda Rostami mit fotografischen Mitteln kritisch mit der Behandlung ihrer Altersgenossinen auseinander.

Foto: Hoda Rostami

Rostamis Sammlung von Fotografien ausTeheran zeigt vom obligatorischen Schleier befreite iranische Frauen in alltäglichen Situationen. In einem auf Tehran Review veröffentlichten Artikel beschreibt die Künstlerin ihre Motivation:

„Meine Straßenfotogafie wurde in einer Stadt und in einem Land, das ich liebte, schnell zu einem wichtigen Anliegen für mich selbst und meine Umgebung. (Darum) stellte ich die Dinge anders dar, nämlich so, wie ich sie gern hätte. Diese Sammlung ist eher ein Manifest, ein Ausdruck von Worten, die in dieser Stadt seit Jahren verboten zu sein scheinen.“

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle: Arseh Sevom

3 Antworten zu “Kurzmeldungen aus der iranischen Zivilgesellschaft – 28. Mai 2012

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