Geistlicher von „schlecht verschleierter Frau“ verprügelt

Der Schleier wird offiziell als Schutz für Frauen beworben

RFE/RL, 18. September 2012 – „Ich habe sie höflich angewiesen, sich zu bedecken“, so Hojatoleslam Ali Beheshti, Geistlicher in der iranischen Stadt Shamirzad in der Provinz Semnan, zu seiner jüngsten Begegnung mit einer Frau, die seiner Ansicht nach unzureichend verschleiert war. „Sie antwortete, dass ich meine Augen zumachen soll.“

Er habe die Frau wiederholt gewarnt, so der Geistliche im Gespräch mit der halbamtlichen Nachrichtenagentur Mehr News.

Seit der Revolution von 1979 ist die islamische Kleiderordnung („hijab“) in Iran Pflicht.

„Nicht genug, dass sie sich nicht ordentlich verhüllt hat – sie hat mich auch noch beleidigt. Ich forderte sie auf, mich nicht weiter zu beleidigen, aber sie begann zu schreien und mich zu bedrohen“, so Beheshti. „Sie schubste mich, und ich fiel auf den Rücken. Was danach passierte, weiß ich nicht. Ich spürte nur noch die Tritte der Frau, die mich verprügelte und beleidigte.“

Eigenen Angaben zufolge lag er nach dem Angriff der Frau drei Tage lang im Krankenhaus.

Ich [die Autorin des Artikels, d. Übers.] bin keine Befürworterin der Gewalt, aber als Frau, die in Iran aufgewachsen ist und viele Male wegen meines als unislamisch wahrgenommenen Erscheinungsbildes in der Öffentlichkeit schikaniert wurde, kann ich die Frustration nachvollziehen, die diese Frau in Semnan empfunden haben muss. Ich kann verstehen, warum sie gegenüber dem Geistlichen ausfallend wurde.

Seit 30 Jahren werden Frauen in Iran von der Moralpolizei, den Sicherheitskräften und Eiferern wegen ihrer Erscheinung schikaniert, verhaftet, mit Geldstrafen belegt und und bedroht. Sie haben sich auf unterschiedliche Weise zur Wehr gesetzt, die Grenzen des Erlaubten immer weiter ausgeschöpft und ausgedehnt und die nur für Frauen geltenden Kleidervorschriften kritisiert.

Offiziell wird der Schleier als „Schutz“ gegen das Böse in der Gesellschaft beworben. Viele Frauen empfinden den Hijab allerdings als Last, Beleidigung, Einschränkung ihrer Freiheit und Versuch, sie zu kontrollieren.

Junge Frauen nennen den Schleierzwang oft als einen der wichtigsten Gründe dafür, dass sie das Land verlassen und im Ausland leben wollen. Szenen, in denen Frauen von der Polizei ihres Schleiers wegen misshandelt werden, sind in den Straßen der iranischer Städte mittlerweile alltäglich geworden, vor allem in den heißen Sommermonaten, wenn die Obrigkeit besonders streng gegen Verstöße vorgeht.

Es gab sogar schon Zusammenstöße zwischen Frauen und der Moralpolizeit, wie mehrere von Bürgerjournalisten dokumentierte und auf YouTube veröffentlichte Fälle zeigen.

Es sind Konflikte entstanden zwischen Frauen und religiösen Eiferern wie Beheshti, die glauben, dass der islamische Grundsatz „befiehl das Richtige, verbiete das Falsche“ es zu ihrer Pflicht macht, Frauen über ihre Erscheinung und ihre Kleiderwahl zu belehren.

Mehr News zufolge sind Fälle, in denen Geistliche wie in Beheshtis Fall attackiert werden, gar nicht so selten. Die Nachrichtenagentur nennt Namen von drei weiteren Geistlichen, unter ihnen auch ein Repräsentant des obersten iranischen Führers Ayatollah Khamenei, die ebenfalls angegriffen wurden:

„…Hojatoleslam Seyed Mahmud Mostafavi Montazeri in einer Straße in Teheran; Hojatoleslam Farzad Farouzesh, Leiter der Freitagsgebete an der Teheraner Medizinischen Universität, in der Shariat-Straße in Teheran; ein Geistlicher in der Region Tehranpars; sowie Kheirandish, Repräsentant des obersten Führers an der Landwirtschaftlichen Universität Shiraz, … sie alle wurden verprügelt, weil sie ihrer religiösen Pflicht nachkammen (das Richtige zu befehlen und das Falsche zu verbieten). Einige trugen bleibende Schäden davon.“

Beheshti hat eigenen Angaben zufolge keine Anzeige gegen seine Angreiferin erstattet, obgleich er [ihretwegen] den „schlimmsten Tag meines Lebens“ erlebt habe.

Laut Mehr News befasst sich jetzt die Justiz mit dem Fall. Die regionale Staatsanwaltschaft ließ gegenüber der Nachrichtenagentur verlautbaren, dass der Fall untersucht werde, nannte jedoch keine Einzelheiten. Der Staatsanwalt bezeichnete den Vorfall als „öffentliche Schlägerei“.

Wenn im umgekehrten Fall eine „schlecht verschleierte Frau“ in der Öffentlichkeit von der Polizei geschlagen wird, handelt es sich selbstverständlich um eine notwendige Durchsetzung der Kleidervorschrift.

Golnaz Esfandiari

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle: Radio Free Europe/Radio Liberty

2 Antworten zu “Geistlicher von „schlecht verschleierter Frau“ verprügelt

  1. Da hält sich mein Mitleid auch sehr in Grenzen…

  2. Pingback: News vom 18. September 2012 « Arshama3's Blog

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