Nachrichten aus der iranischen Zivilgesellschaft – 6. November 2012

CSW

Arseh Sevom, 6. November 2012 – Themen dieser Ausgabe:  Wo Gewinner bestraft werden | Frauen im Hungerstreik | Arbeiter in Iran: Mit jedem Tag steigen die Schulden | Keine Versammlungsfreiheit für Arbeiter | Unerzählte „Stories“

Wo Gewinner bestraft werden
In Reaktion auf die anhaltenden Schikanen der Gefängnisbehörden – wie z. B. ein kürzlich nochmals verschärftes Besuchsverbot – ist die inhaftierte Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotoudeh Mitte Oktober in einen Hungersterik getreten. Aus Sorge um ihre Gesundheit haben Aktivisten sie aufgerufen, ihren Hungerstreik zu beenden.
Amnesty International, Human Rights Watch, International Campaign for Human Rights in Iran, Reporter Ohne Grenzen (RSF), die Internationale Föderation für Menschenrechte (FIDH), die Iranische Liga für den Schutz der Menschenrechte (LDDHI) und Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi haben erneut an die Behörden appelliert, das Urteil gegen die Sacharow-Preisträgerin aufzuheben und sie und andere Gewissensgefangene ohne Bedingungen freizulassen. (Mehr dazu unter Where the Winner Gets Punished).

Frauen im Hungerstreik

Aus Protest gegen eine Aktion von Gefängniswärterinnen im Frauentrakt von Evin sind 9 weibliche politische Gefangene in einen Hungerstreik getreten. Die Seite Justice For Iran schreibt von aggressiven Leibesvisitationen, die auch Körperöffnungen einschlossen. In einem Interview mit Rooz online (englisch) beschreibt Bahareh Hedayats Ehemann  Amin Ahmadian:

Am Dienstag Nachmittag brachten sie die weiblichen politischen Gefangenen in den Gefängnishof und durchsuchten ihre Zellen. Einige persönliche Gegenstände wurden beschlagnahmt. Warum sie das taten, ist noch nicht klar, aber sie suchten offenbar nach einem Mobiltelefon oder einem Kommunikationsgerät. Die Gefangenen wurden auf schikanöse Weise am ganzen Körper durchsucht. Mit ihrem Hungerstreik protestieren sie gegen dieses Vorgehen.

Im Hungerstreik befinden sich Bahareh Hedayat, Zhila Baniyaghoub, Mahsa Amrabadi, Hakimeh Shokri, Shiva Nazarahari, Zhila Karamzadeh Makvandi, Nazanin Deyhami, Raheleh Zokaei und Nasim Soltan-Beigi. Zusammen mit der seit mehr als 3 Wochen im Hungerstreik befindlichen Anwältin Nasrin Sotoudeh befinden sich jetzt 10 weibliche Gewissensgefangene im Hungerstreik. Der Blog Women Behind Bars (persisch) hält uns über die Situation der Frauen auf dem Laufenden.

Arbeiter in Iran: Mit jedem Tag steigen die Schulden
Die ersten Opfer der Misswirtschaft und der gegen Iran verhängten Sanktionen sind die Arbeiter. Immer mehr Fabriken schließen, und unzählige Arbeiter haben ihre Jobs verloren. Oft werden Löhne über Monate [oder sogar Jahre] nicht gezahlt. Immer wieder haben Arbeiteraktivisten angesichts der Situation und der hohen Arbeitslosigkeit Alarm geschlagen.
Den Organisatoren einer Petition mit 20.000 Unterschriften ist es nun gelungen, auf der Internationalen Presse- und Nachrichtenmesse in Teheran mehr mediale Aufmerksamkeit für die Arbeits- und Lebenssituation der Arbeiter zu fordern. Die Petition ist an den iranischen Arbeitsminister adressiert und fordert eine Überprüfung der Lohntarife und eine Untersuchung der Auswirkungen der Inflation auf das Leben der Arbeiter.

Keine Versammlungsfreiheit für Arbeiter
Im vergangenen Monat wurde der Arbeiteraktivist Pedram Nasrollahi wegen „regimefeindlicher Propaganda“ und „Mitgliedschaft im Komitee zur Unterstützung der Bildung von Arbeiterorganisationen“ zu 19 Monaten Haft verurteilt.
Die Unabhängige Iranische Arbeitergewerkschaft erklärte diese Woche: „Die Unabhängige Iranische Arbeitergewerkschaft unterstreicht das natürliche Recht der Arbeiter, ihre Existenz zu schützen und erklärt, dass kein Arbeiter auf Grund lächerlicher Anschuldigungen wie Teilnahme an Protesten, Versammlungen, Bildung von Organisationen oder Kampf um seine/ihre Menschenrechte inhaftiert oder verfolgt werden darf.“

Unerzählte „Stories
Für die Großbank HSBC mag es überraschend sein, wie viele Frauen in Iran Filme machen. Uns überrascht es nicht. Der neueste Film der preisgekrönten Regisseurin Rakhshan Bani-Etemad „Stories“ sollte am vergangenen Freitag in einer Exklusivvorstellung gezeigt werden. Aus unbekannten Gründen wurde die Veranstaltung in letzter Minute abgesagt. Radio Zamaneh (persisch) berichtet, dass Bani-Etemad ihrem Film eine kurze Lebensdauer prophezeit hatte: „Es könnte sein, dass Stories nur dieses eine Mal gezeigt wird“.
Sie reagierte auf die Absage der Vorstellung mit einem Zitat aus dem Drehbuch: „Kein Film ist jemals in irgendeinem Archiv dem Vergessen anheim gefallen. Er wird gesehen – an irgendeinem Tag, an irgendeinem Ort, ob sein Regisseur nun noch am Leben ist oder nicht…“

[Ein interessanter Artikel über die Bank HSBC: http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-07/hsbc-bank-regeln, d. Übers.]

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle: Arseh Sevom

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