Tod eines iranischen Bloggers verstärkt Sorge um Gefangene

Sattar Beheshti

RFE/RL, 8. November 2012 – „Sie haben mir gestern gedroht. Sie sagten: ‚Deine Mutter wird bald Schwarz tragen, weil du dein großes Maul nicht hältst'“. Diesen Blogeintrag veröffentlichte der 35jährige iranische Blogger Sattar Beheshti vor seiner Verhaftung im vergangenen Monat. Er sei davor gewarnt worden, seine regimekritischen Ansichten auszusprechen.

Nach vorliegenden Informationen wurde Beheshti am 28. Oktober von der seit rund einem Jahr speziell gegen Internetkriminalität eingesetzten iranischen Cyber-Polizei in seiner Wohnung in der südöstlich von Teheran gelegenen Stadt Rabat Karim verhaftet.

Am 6. November informierte die Polizei die Familie über seinen Tod. Die Familie solle seine Leiche in der Haftanstalt Kahrizak abholen – demselben Ort also, an dem nach der umstrittenen Wiederwahl Mahmoud Ahmadinejads 2009 mindestens drei inhaftierte Protestteilnehmer zu Tode gefoltert wurden.

Screenshot vom Blog des 35jährigen Sattar Beheshti, der im Polizeigewahrsam starb.

Beheshti, nach Beschreibungen ein einfacher Arbeiter und alleiniger Ernährer seiner Familie, wurde offenbar wegen der Inhalte seines Blogs verhaftet. In der Blogosphäre scheint er jedoch eine untergeordnete Rolle gespielt zu haben – viele bekannte Blogger, die RFE/RL befragte, gaben an, ihn nicht zu kennen.

Beheshtis Schwester berichtete gegenüber der oppositionellen Webseite Kalemeh: „Sie bestellten meinen Ehemann ein und wiesen ihn an, meine Mutter auf die Nachricht vorzubereiten. ‚Kauf ein Grab und komm morgen die Leiche abholen‘. Das ist alles.“

Die Beamten hätten ihrem Mann erzählt, dass Beheshti krank gewesen sei, so die Schwester weiter. Ihr Bruder sei jedoch gesund gewesen und habe keinerlei Erkrankungen gehabt. Die Behörden hätten die Familie davor gewarnt, mit den Medien über den Vorfall zu sprechen.

Dennoch haben sich drei Nachrichtenseiten mit dem Fall befasst.

Die mit Oppositionsführer Mir Hossein Moussavi assoziierte Webseite Kalemeh berichtet unter Berufung auf Mitgefangene Beheshtis, er sei in den Verhören körprelich gefoltert worden: „Politische Gefangene in Trakt 350 von Evin, wo Beheshti eine Nacht verbrachte, sagen aus, dass sein Körper von Folter gezeichnet war und dass kein Fleck seines Körpers unversehrt war“, heißt es bei Kalemeh.

Die oppositionelle Webseite Saham News, die dem reformorientierten Geistlichen Mehdi Karroubi nahesteht, berichtet ebenfalls, dass Beheshti unter der Folter der Sicherheitsbeamten starb. Die Seite berichtet auch, dass Beheshti schon in der Vergangenheit wegen seiner Kritik am iranischen Establishment im Gefängnis saß.

Auch die Webseite Baztab Emrooz aus dem Umfeld des Politikers und Ex-IRGC-Kommandanten Mohsen Rezai berichtet, dass Beheshti beim Verhör starb. „Der bedauernswerte Tod dieses jungen Mannes ist wahrscheinlich Ergebnis von Nachlässigkeiten oder Verfehlungen seitens der an dem Fall Beteiligten“, so der Bericht.

Die Verhaftung Beheshtis – der nicht zu den bekannten Bloggern in Iran gehörte – könnte ein Zeichen für eine Verschärfung des Vorgehens der iranischen Cyber-Polizei gegen die Online-Aktivitäten der Bevölkerung sein.

Die Berichte über seinen Tod unter Folter – die nicht unabhängig bestätigt werden können – haben der Sorge die Behandlung von Gefangenen in der Islamischen Republik neue Nahrung gegeben.

In den letzten Jahren starben mehrere iranische Gewissensgefangene – unter anderem die kanadisch-iranische Fotojournalistin Zahra Kazemi, die an den Folgen von Schlägen während der Verhöre im Evin-Gefängnis starb.

Drewery Dyke, Iran-Beauftragter bei Amnesty International, erklärte gegenüber RFE/RL, es müsse eine offene und transparente Untersuchung der Umstände von Beheshtis Tod im Gefängnis geben: „Es kommt in vielen, vielen verschiedenen Ländern aus vielen, vielen verschiedenen Gründen vor, dass Menschen in Gewahrsam sterben, und nicht immer sind verdächtige Umstände im Spiel. Doch im Kontext Irans – sei es der Fall Zahra Kazemi, seien es die in den letzten Jahren inhaftierten Frauen – und in Anbetracht des jüngsten Hungerstreiks weiblicher Gefangener aus Protest gegen Misshandlung – sexuelle Misshandlung, die sie erlebten – stellt sich wirklich die Frage, was in iranischen Gefängnissen eigentlich vor sich geht.“

Der britische Außenminister Alistair Burt hat die iranischen Behörden zu einer Stellungnahme aufgefordert.

Iran hat Forderungen nach unabhängigen Untersuchungen von Todesfällen iranischer Gefangener bislang ignoriert. Baztab Emrooz berichtet jedoch, dass eine Gruppe iranischer Abgeordneter plane, Polizeibeamte zu einer Befragung über den Fall vor das Parlament zu laden.

Beheshtis Leiche ist seiner Familie noch nicht übergeben worden. *)

Golnaz Esfandiari

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle: Radio Free Europe/Radio Liberty

*) Radio Zamaaneh berichtete gestern, dass der Leichnam Sattar Beheshtis der Familie übergeben wurde.

Mehr zu dem Fall: s. englische Übersetzungen von Kalemeh-Artikeln bei Banooye Sabz

2 Antworten zu “Tod eines iranischen Bloggers verstärkt Sorge um Gefangene

  1. Internationales Komitee gegen Steinigung
    International Committee against Stoning – ICAS
    08.11.2012

    Offener Brief an Martin Schulz

    (…) Letzte Woche erreichte uns die Nachricht, dass vier Frauen gesteinigt wurden, deren Leichen inzwischen der Gerichtsmedizin übergeben wurden. Den Frauen waren Drogenkonsum und illegale geschlechtliche Beziehungen zur Last gelegt worden, wobei die Steinigung nur für letzteren Vorwurf verhängt werden kann. Ob ihre Angehörigen von der staatlich angeordneten Ermordung benachrichtigt wurden, ist nicht bekannt. Beobachter teilten jedenfalls mit, dass die Leichen nicht nur Spuren der Steinwürfe aufwiesen, sondern auch Spuren zuvor erlittener Folter.

    In der vergangenen Woche wurden im Iran mehr als 24 Personen hingerichtet. Allein am Mittwoch, den 7. November waren es im berüchtigten Teheraner Evin-Gefängnis zehn Personen, in Schiras drei und in Kerman eine Person, die hingerichtet wurden.

    Der Iran hat einen Blogger im Gefängnis ermordet. Satar Beheshti wurde am Montag, den 29. Oktober festgenommen und neun Tage später hat seine Familie diese Nachricht bekommen: Ihr könnt jetzt ein Grab kaufen, Satar ist tot. Heute, am 7. November wurde Satar begraben, aber seine Familie hatte noch nicht einmal Möglichkeit, seine Leiche zu sehen. (…)

    http://zottelhexe.wordpress.com/2012/11/08/offener-brief-an-martin-schulz/

  2. Pingback: Tod eines iranischen Bloggers verstärkt Sorge um Gefangene « free Saeed Malekpour

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