Sattar Beheshtis letzter Blogeintrag (29. Oktober 2012)

Sattar Beheshti

Tavaana, ohne Datum –  In seinem letzten Blogeintrag vor seiner Verhaftung beschreibt der iranische Blogger Sattar Beheshti, wie er von den Sicherheitsbehörden wegen seiner regimekritischen Meinungen bedroht wurde. Gleichzeitig erklärt er seine Entschlossenheit, auch weiterhin über die Repression des Regimes zu schreiben: „Ich werde nicht schweigen, selbst wenn der Tod am Horizont wartet.“

Nachdem er am 30. Oktober 2012 wegen „Gefährdung der nationalen Sicherheit auf sozialen Netzwerkseiten und auf Facebook“ verhaftet worden war, wurde er ins Evin-Gefängnis gebracht. Mitgefangene dort haben erklärt, er sei verhört, gefoltert und getötet worden.

In seinem von Tavaana ins Englische übersetzten letzten Blogeintrag schreibt Beheshti: „Hört auf, uns zu drohen. Angst hat keinen Platz mehr in unseren Herzen. Weder Peitsche noch Folter können uns einschüchtern und uns daran hindern, andere zu informieren.“

Der Wortlaut seines Blogposts:

Schweigt, oder wir werden euch zum Schweigen bringen!

Seit Längerem übt das islamische Regime auf unabhängige Aktivisten und Iraner erhöhten Druck aus. Auch Folter und Hinrichtungsdrohungen gehören dazu. Sie wollen, dass wir aufhören, unsere Meinung zur aktuellen Lage unseres Landes zu sagen. Ein Regime, das unabhängigen Aktivisten täglich alle möglichen Probleme in den Weg stellt. Droh-Mails, Filterung von Online-Medien, Verhaftungen auf den Straßen sind nur das Mindeste von dem, was dieses Regime Tag für Tag tut.

Erst gestern haben Regierungsagenten mir mitgeteilt, dass meine Mutter wohl bald ihre Trauerkleidung anlegen muss. „Du hältst deinen Mund nicht“, sagten sie. „Ich muss meinen Mund nicht halten“, war meine Antwort. „Du redest zu viel“, sagten sie. „Ich schreibe nur auf, was ich sehe und höre“, entgegnete ich. „Wir werden tun, was wir wollen! Wir werden machen, was uns gefällt! Aber du musst aufhören, sonst wirst du ein für allemal zum Schweigen gebracht, namenlos und anonym! Niemand wird erfahren, was dir passiert ist!“

Mir und anderen wie mir sagen sie immer und immer wieder: „Die Menschen in Palästina und Bahrain werden gequält, und niemand verliert auch nur ein Wort darüber. Aber du, du verrätst dein eigenes Land!“

Ich bin kein Verräter. Die anderen, die sind wie ich, sind keine Verräter. Wir verraten unser Land nicht. Wie lieben unser Land und unser Volk, und wenn es irgendwo Verräter gibt, so sind es diejenigen, die unser Land und unser Volk betrügen. Nicht ich. Nicht wir.

Drohanrufe. Tag und Nacht. Man hat wirklich das Gefühl, dass wir keine andere Wahl haben als den Mund zu halten. Ich sage dies nicht als Verräter, sondern als Iraner: „Ich kann angesichts dieser Tragödie nicht schweigen! Ich sage, dass Sie, meine Herren, diejenigen sind, die zu viel reden! Sie mit ihrem täglichen Mist ziehen das Land mit jedem Tag tiefer in die Misere. Ich werde nicht schweigen, selbst wenn der Tod am Horizont lauert. Drohungen und Einschüchterungen, egal woher sie kommen, haben keine Wirkung mehr. Ich werde nicht schweigen, egal wo ich bin oder wo ich sein werde. Sie, meine Herren, werden ihren Mund schließen müssen. Machen Sie Ihrem Unrecht ein Ende, dann werde auch ich aufhören können, es anzuklagen.“

Das islamische Regime lamentiert über die Tragödie der Völker Palästinas, Bahrains und anderer Länder und beschwert sich, dass es so wenig Informationen und Unterstützung über und für sie gibt. Aber es verliert kein einziges Wort über all die Propaganda, die es so professionell in seinen eigenen Medien und Fernsehsendungen verbreitet. Filme, Berichte – alles konzentriert sich auf die sogenannte Tragödie der Völker von Palästina und Bahrain, alles ist für das iranische Volk geschneidert, um unsere Gehirne zu waschen. Das Volk wird den ganzen Tag mit dieser einseitigen Propaganda zwangsernährt, bis ihre islamischen Fernsehsendungen jeden nur noch anwidern.

Doch über die katastrophale Lage unseres eigenen Volkes, über die ständigen Menschenrechtsverletzungen in unserem Land Iran – kein Wort! Nichts über die täglichen Festnahmen, Inhaftierungen, Folterungen und Massenhinrichtungen. Unsere politischen Gefangenen werden unter schlimmsten Bedingungen gehalten, um ihren Willen zu brechen. Nicht nur, dass sie kein einziges Wort mit ihren Anwälten wechseln dürfen: Sie dürfen sich nicht einmal einen Anwalt nehmen!

Nicht nur, dass sie die Familien der politischen Gefangenen absolut im Dunkeln lassen über deren Aufenthaltsort – nein, sie drohen ihnen auch noch. Ständig sagen sie ihnen, dass sie kein Recht haben, über ihre inhaftierten Angehörigen zu sprechen. Aber es reicht ihnen nicht, dass die Familien der Gefangenen sich selbst und andere nicht informieren dürfen. Ständig erleben diese Familien Drohungen und Schikanen. Wenn die Familie eines politischen Gefangenen sich dem Willen der Obrigkeit nicht unterwirft und nicht schweigt, heißt es „man wird eure Töchter verhaften“. „Halt den Mund! Kein Wort!“ brüllen sie dann.

Meine Herren! Könnten Sie mir bitte sagen, was für eine Art Recht hier herrscht? Oder wo so eine Art Recht etabliert wurde? Sagen Sie mir, wo Sie ein solches Rechtssystem gefunden haben, bevor sie es dem iranischen Volk zum Geschenk machten! Ist es möglich, so ein Rechtssystem irgendwoanders zu finden als in einer Diktatur? Glauben Sie mir, nicht einmal in den schlimmsten Diktaturen der Welt findet man so ein Rechtsverständnis. Und selbst in diesen Ländern wäre ein solches Recht nicht im Namen Gottes oder der Religion Gottes eingeführt worden, sondern im Namen der Regierung.

Warum sollten Sie Menschen verhaften, foltern und hinrichten können, während die Familien dazu schweigen? Warum treten Sie nicht ab und unterstellen sich einer Regierung wie der Ihrigen, um einmal zu schmecken, wie es ist, auf der anderen Seite zu stehen? Gesetze wie die Ihres Regimes gibt es nicht mal im Dschungel.

Und wenn Sie sich Ihrer Sache so sicher sind: Warum verstecken Sie sich dann, anstatt stolz auf das zu sein, was Sie tun? Warum lassen Sie nicht zu, dass Informationen über Ihre Taten frei zirkulieren, damit andere Länder der Welt von Ihnen und Ihrer Sorte Demokratie lernen können? Und wenn Sie selbst wissen, wie entsetzlich durchschnittlich Sie sind und wie laut die Welt über Sie lacht, warum machen Sie dann so weiter?

Warum können Ihre Reporter und Journalisten überall auf der Welt alles berichten, was sie wollen, während ausländische Journalisten nicht nach Iran kommen und berichten dürfen, was sie dort sehen? Sind ein paar Tage mehr an der Macht wirklich Grund genug für die Fortsetzung von so viel Unrecht? Hat Ihr eigenes Recht in Ihrem Gewissen irgendeinen Wert?

Lassen Sie mich Ihnen etwas sagen. Wenn Sie so viel Angst vor Informationen haben, treten Sie entweder zurück oder hören Sie auf, Unrecht zu begehen. Hören Sie auf, Leute zu verhaften, zu foltern, abzuschlachten – dann werden sie Sie nicht anklagen müssen. Ansonsten werden die Menschen nicht nur weitermachen mit der Informationsverbreitung und Sie weiter anklagen, sondern Ihr eigenes Unrecht wird zerfallen und Ihre eigenen Köpfe treffen.

Es ist die Verantwortung eines jeden Einzelnen von uns, andere über das Elend Anderer zu informieren. Tut man das nicht, begeht man Verrat an seinem eigenen Gewissen. Jeder, der andere nicht informiert, gräbt sich selbst ein Loch.

Und Sie, meine Herren, wollen alle zum Schweigen bringen, einen nach dem anderen, selbst im Privaten, jeden, der seine Stimme erheben will.

Hört auf, uns zu drohen. Angst hat keinen Platz mehr in unseren Herzen. Weder Peitsche noch Folter können uns einschüchtern und uns daran hindern, andere zu informieren.

„Wir werden dich verhaften! Wir werden dich foltern! Hör auf, Informationen zu verbreiten!“ Wenn das eure Parole ist, so ist unsere Parole diese: „Wir haben diese Arena betreten, und wir werden nicht weichen, bis wir unsere Existenz von diesen Ketten des Unrechts befreit haben!“

Lang lebe Iran und das iranische Volk! Mein Leben für Iran!

Sattar Beheshti
Montag, 29. Oktober 2012

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle: Tavaana

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2 Antworten zu “Sattar Beheshtis letzter Blogeintrag (29. Oktober 2012)

  1. Pingback: News vom 2. Januar 2013 « Arshama3's Blog

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