Interview mit Sattar Beheshtis Mutter (Deutsche Welle, 30. November 2012)

Deutsche Welle, 30. November 2012 – Der 35jährige Blogger Sattar Beheshti war am 30. Oktober 2012 in seiner Wohnung in Rabat Karim verhaftet worden. Am 6. November 2012 informierten Beamte seine Familie darüber, dass er in der Haft verstorben sei. Einzelheiten zu seinem Tod nannten sie nicht.

Sattar Beheshtis Mutter Gohar Eshghi sprach mit der Deutschen Welle über die Vorgänge nach dem Tod ihres Sohnes. DW: Vor einigen Tagen gab es Berichte darüber, dass Ihre Familie unter Druck gesetzt wurde, damit sie in einer Einverständniserklärung die für Sattar Beheshtis Tod verantwortlichen Personen von ihrer Verantwortung freispricht. Was genau ist da passiert?
Drei Tage nach dem 7. Tag nach seinem Tod (der 7. Tag wird traditionell mit einer Gedenkfeier begangen) brachten sie mich zu seinen Mördern. Dort zeigten sie mir dann einen Haftbefehl für meine Tochter und drohten mir. Ich musste (die Einverständniserklärung) unterschreiben. Ich wollte nicht noch ein Kind verlieren.

Sie haben die Mörder Ihres Sohnes gesehen?
Ja. Die drei Personen, die (bei Sattars Verhaftung) in unserem Haus waren. Ich habe sie gesehen, ich habe sie erkannt.

Sie meinen also, man hat Ihnen dort gedroht, man würde ihre anderen Kinder verhaften, wenn Sie die Einverständniserklärung nicht unterschreiben?
Nur meine Tochter. Sie hatten einen Haftbefehl für meine Tochter. Sie haben gesagt, entweder unterschreibe ich die Einverständniserklärung, oder sie nehmen sie fest. Ich wurde dazu gezwungen. Ich wollte nicht noch einmal trauern müssen. Ich wollte nicht, dass sie meine Tochter verhaften und mitnehmen. Ich habe unterschrieben, weil man mir gedroht hat. Sie haben mir mehrmals gedroht, und ich war gezwungen zu unterschreiben.

Wann genau und wer hat Ihnen gedroht, Ihre Tochter zu verhaften, wenn Sie nicht unterschreiben?
Es waren Sicherheitskräfte. Sie haben gesagt: „Für den Fall, dass Sie nicht unterschreiben, haben wir hier einen Haftbefehl für Ihre Tochter.“ Sie haben mir gedroht, und ich musste (die Einverständniserklärung) unterschreiben.

Wird die Familie noch immer unter Druck gesetzt, damit sie keine Informationen über Sattars Tod an die Presse gibt?
Ja, sie haben Kontakt zu meinem Schwiegersohn aufgenommen und ihm verboten, der Presse Interviews zu geben. Sie waren sogar hier und haben uns gesagt, dass wir mit niemandem reden und keine Interviews geben sollen.

Was ist mit der Beerdigung? Sie haben davon gesprochen, dass die Agenten nicht zugelassen haben, dass die Familie die rituelle Waschung der Leiche vornimmt, und Sie haben erzählt, dass sein Leichentuch blutig war. Womit haben sie das Verbot begründet?
Die Sicherheitskräfte haben uns gesagt, dass wir zu unserer eigenen Sicherheit nicht am Begräbnis teilnehmen sollen.

Es heißt, dass die Anwältin Giti Pourfazel den Fall des Todes von Sattar Beheshti übernommen hat. Wie und warum ist es dazu gekommen?
Einen Monat vor seiner Verhaftung gab Sattar mir die Telefonnummer von Frau Pourfazel und sagte, ich solle diese Anwältin anrufen, wenn er verhaftet wird. Sie würde sich darum kümmern, dass wir ihn im Gefängnis besuchen können.

Frau Eshghi, erzählen Sie uns bitte von den Aktivitäten und dem Blog Ihres Sohnes.
Sattar Beheshti war unabhängig und gehörte keiner Gruppe an. Er schrieb für Iran, für die Arbeiter in Iran und für das iranische Volk. Er gehörte keiner Gruppe an. Er schrieb nur über die Nöte der Arbeiterschaft in Iran, und für Iran.

Er war Iraner und Patriot. Er schrieb nur über die iranischen Arbeiter und über Iran. Mein Sohn gehörte zu keiner Gruppe. Ich werde mich jedem entgegenstellen, der den Namen meines Sohnes ausbeuten will.

Die Polizei und die Gerichtsmedizin haben widersprüchliche Berichte und Erklärungen für den Tod Sattar Beheshtis herausgegeben. Dem Polizeikommandanten zufolge trat der Tod nicht infolge von „Schlägen und daraus folgenden Verletzungen oder Vergiftung“ ein, die Haupttodesursache sei ein „psychologischer Schock“. Die Gerichtsmedizin ist der Meinung, dass ein Trauma durch Schläge den Tod herbeigeführt hat. Haben Sie diese Erklärungen gehört?
Ich akzeptiere diese Erklärungen nicht. Sind die Wände oder das Dach des Gefängnisses eingestürzt und haben meinen Sohn erschlagen? Oder haben die Läuse im Gefängnis meinen Sohn zu Tode gefoltert? Die Agenten der Cyber-Polizei haben mein Kind, meinen Sattar, getötet.

Gibt es noch etwas, was Sie über den Tod Ihres Sohnes sagen möchten?
Mein lieber Sohn. Ihr alle seid meine Söhne. Ich bitte euch, meine Stimme zum Roten Kreuz, zu den Vereinten Nationen und zu den Menschenrechtsorganisationen zu tragen. Bittet sie, den Tod meines Sohnes zu untersuchen und seinen Tod nicht umsonst gewesen sein zu lassen. Lasst seinen Namen nicht in Vergessenheit geraten und fordert Gerechtigkeit für sein vergossenes Blut.

Ich lebe in einer 40 m²-Wohnung mit seinen Bildern. Alle Wände sind voll mit seinen Bildern. Ich wünschte, es wäre ein Fotograf hier, um das zu zeigen. Ich werde meinen Sohn nie vergessen.

Sattar war Iraner und starb als Iraner. Er gehörte keiner Gruppe an. Er war unabhängig, und ihm ging es nur um Iran. Wenn jemand den Namen meines Sohnes [für seine politischen Zwecke] ausnutzen will, werde ich nicht schweigen und dafür sorgen, dass er das nicht tut.

Mein Sattar gehörte zu keiner Gruppe. Er war Patriot und liebte Iran, und er hat sein Leben für Iran verloren. Ich bitte, dass seine Erinnerung immer in Ehren gehalten wird. Sagen Sie bitte den Medien, dass er zu keiner Gruppe gehörte, damit jeder das weiß und versteht, dass er unabhängig von irgendwelchen Gruppen war. Er gab sein Leben für Iran, das ist alles.

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle/Englische Übersetzung: Persian Banoo
Persisch: Deutsche Welle

3 Antworten zu “Interview mit Sattar Beheshtis Mutter (Deutsche Welle, 30. November 2012)

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